3 Stunden, 25 Minuten (Teil 5)

Horst Krause, Jahrgang 1936, ist ein gewissenhafter Mann. Er weiß vielleicht nicht genau, wie viele Quadratmeter ihm da seit nunmehr knapp drei Jahrzehnten anvertraut sind. Aber er weiß sehr genau, wie lange er braucht, um sie alle mit dem Aufsitzmäher auf akkurate Halmlänge zu bringen. 3 Stunden, 25 Minuten.

Die Zahl kommt präzise und sekundenschnell. Aber, man müsse dies wissen, auch nur mit Kopfhörer auf und mit ohne Pause Durchfahren. Horst Krause weiß genau, wie dick, oder besser dünn die Abwasserrohre sind, die aus seinem Haus unter der Wiese bis zur Kanalisation führen. Armdick. Und er weiß, wie wenig Boden über ihnen liegt. Er weiß, woher der Bauschutt stammt, mit dem der NJK einst das Gelände rund um das Gebäude auffüllen ließ, um aus einem nassen Ton-Morast eine für Bogen-Schützen taugliche Sportfläche zu machen: es ist der Bauschutt der abgerissenen Justizvollzugsanstalt, die einst in Hannover an der Ecke Celler Straße/Weißekreuzplatz stand. Er weiß, dass die Fläche nach langem Regen trotzdem absäuft. Ist ja alles Tonboden drunter. Wo soll denn das Wasser hin?! Und deshalb macht sich Horst Krause Sorgen.

Das Teich-Idyll vor Horst Krauses Haus sieht aus wie gemalt. Doch unecht ist nur der Storch.

Der Flughafen hat ihm einen Brief geschrieben. Im Februar 2012. Den Brief könnte man als eine ganz eigene Art von Arbeitszeugnis sehen. Denn Horst Krause ist der einzige Mensch in Schulenburg-Nord, den die Flughafen-Gesellschaft explizit bittet zu bleiben. Damit er weiterhin das tut, was er seit Jahrzehnten tut: aufpassen auf sein Paradies, es instand-, Fremde fern- und das Tor verschlossen halten. Fünf Jahre, so lauten Anfang 2012 die Schätzungen des Flughafens, werde es dauern, bis die riesige Tonkuhle zu Füßen von Horst Krauses Schaukel verschwunden sein wird. Niemand nennt dieses Gewässer Tonkuhle. DIE Tonkuhle war einst dort, wo heute die Nordbahn liegt. Doch auch wenn dieses zweite große Erdloch in Schulenburg-Nord eindeutig durch den Tonabbau entstanden ist, spricht heute jeder – sogar die Region Hannover als Genehmigungsbehörde für die Umwandlung in Feuchtbiotope – vom NJK-Teich. Auch wenn der NJK dort schon lange nicht mehr das Sagen hat.

Seit fünf Jahren nun ist Krause dort nicht mehr Mieter des NJK als Pächter des Geländes. Seit fünf Jahren vermietet der Flughafen das idyllische Areal. Erworben hatte er dies nach der Verlängerung der Nordbahn. Der damalige Bewohner wollte eine Lärmschutzwand – oder verkaufen.

Alle miteinander wissen, sagt Krause, welch magnetische Wirkung dieses Fleckchen Erde hat. Wann immer jemand vergaß, das Tor zu schließen, hatte es unschöne Konsequenzen. Immer wieder fand illegal abgeladener Müll seinen verschlungenen Weg auf das eigentlich von der Straße kaum zu erahnende Refugium. Ein anderes Mal kam Krause nach Hause und musste eine ganze Zigeuner-Familie wieder auf die Reise schicken, die binnen weniger Stunden von Krauses Abwesenheit dort ihr Zuhause auf Zeit aufgeschlagen hatten. Horst Krause will die Bitte des Flughafens erfüllen. Mit einer Bedingung: Das Leben an seinem Teich in seinem grünen Häuschen muss für ihn und seine Frau erträglich bleiben. Und weil Krause ein gewissenhafter Mann ist, kämpft er zur Not auch darum, dass es erträglich bleibt.

Als der erste Lastkraftwagen probehalber noch lang vor der Genehmigung zur Umwandlung ins Feuchtbiotop dem NJK-Teich einen Besuch abstattet, muss der Fahrer einen ersten Geschmack gewonnen haben davon, wie es ist, gegen Krauses Prinzipien zu verstoßen. Seither weiß neben dem Kraftfahrer auch das vom Flughafen beauftragte Planungsbüro ein paar Details mehr über armdicke recht flach unter der Wiese verlaufende Abflussrohre, die sich unter rangierenden Mehrtonnern verschieben oder gar brechen könnten. Dünne Baumstämme wurden feinsäuberlich in Reihe gelegt, um sichtund spürbar zu machen, wo Lastwagen zu fahren haben und wo eben nicht, weil es der Grasnarbe bei zuviel Regen schaden könnte.

Wahrscheinlich kann heute kaum ein Mensch dieses Areal genauer beschreiben als er. Bewohner des Hauses ist er seit 1981. Die Grünflächen pflegte er aber schon Jahre zuvor im Auftrag des NJK, dessen Vize-Präsident er 23 Jahre lang war. Zum Bewohner des Hauses wurde der Vize-Präsident mehr zufällig während einer Jahreshauptversammlung. Streit hatte es gegeben mit dem bisherigen Mieter des Hauses. Es ging um zu erneuernde Fenster, um nicht akzeptierte Mieterhöhungen. Und wenn es im Streit um die Frage geht, wer am längeren Hebel sitzt, und wenn während der Sitzung der Präsident quer über den Tisch seinen Vize fragt, ob dann nicht eben der dort einziehen will anstelle des nörgelnden Mieters, dann lässt sich ein gewissenhafter Mensch wie Horst Krause nicht lumpen. Ein paar Stunden, vielleicht ein Wochenende Bedenk- und Überzeugungszeit bat er sich aus. Immerhin ist das Leben mitten im Wald nicht jeder Ehefraus Sache. Einmal Probeliegen müsse schon sein. Nachts im Wald ist nichts für jeden. Nachts im Wald und Nachbar des Flughafens schon gar nicht. Geräusche seien dies, die niemand zuordnen kann. Als ob 80 Lastwagen gleichzeitig unterwegs seien. Krause tippt auf die Flughafenfeuerwehr, die ihren Fuhrpark Probe fährt. Verbürgt ist das nicht. Wohl aber die Halle, in der die Triebwerke am Ende der Nordbahn zur Schallmessung hochgefahren werden. Ohne sei die auch nicht.

Doch Horst und Inge Krause ließen ihre Wohnung am Berliner Platz in Langenhagen hinter sich, zogen in den Wald – und wurden zum Nabel der Welt. Zumindest für jene, die an den Feiern des NJK teilnehmen durften. Oder ihr Wochenende an der Tonkuhle verbrachten. In den Nebengebäuden hatte der NJK kleine Ferienappartements eingerichtet. Wenn die Vorräte dieser Gäste zur Neige gingen, machte Inge eben Pommes für alle. Oder Kaffee. Oder Kuchen. Inge lebt nicht mehr. Horst Krause hat zwar ein neues Glück gefunden und ist im Wald geblieben. Aber er ist ein Grübler geworden. Nicht nur über Abflussrohre oder zerfurchte Grasnarben. Was denn ist, wenn da drüben im eigentlichen Dorf niemand mehr wohnt?

Naja, eigentlich sei dann nicht vieles anders als jetzt. Durch den Wald ist Schulenburg-Nord nicht zu sehen. Manchmal zu hören vielleicht, wenn Musik herüber schallt. Die Vorstellung schreckt ihn aber doch, medizinische Hilfe zu benötigen, und niemand bekommt es mit. Vor zehn Jahren noch, da habe er sich kaputt gelacht über derlei Skrupel.

Und heute?
Ist die Sache komplizierter.

Jetzt bleiben zu dürfen, geradezu dazu aufgefordert zu sein, ist letztlich eine Erleichterung. Und wenn er dort, in seinem Paradies, umfalle, dann habe es eben so sein sollen. Solange er gesund bleibe, wolle er bleiben. Am liebsten sei ihm schon immer die Vorstellung gewesen, nur noch herausgetragen werden zu müssen. Andernfalls bleiben drei Monate Kündigungsfrist zum Ersten. Und die Zwei-Zimmer-Wohnung seiner neuen Frau in Garbsen. Wie es sich anfühlen wird, wenn er das Wasser nicht mehr sehen kann, vermag er noch nicht zu sagen. Das sagt er im Februar 2012.

Im August 2012, nach den ersten 200 Lastwagenfahrten, nach den ersten drei Metern, die der Wasserspiegel gesunken ist, nach der ersten Erleichterung, dass ein trockenfallender See nicht stinken muss, scheint ein Abschied paradoxerweise immer unmöglicher. Das sagt Gisela Schengber, seine Frau. Wir sitzen im Garten. Im jenem Gartenteil, über den die Lastwagen nicht fahren. Zwischen Terrasse mit (Noch-)Seeblick und einem kleinen Teich, den Horst Krause einst eingelegt hat. An der Hauswand hängt ein knappes Dutzend Nistkästen. Bewohnte Nistkästen. Krause kennt die gefiederten Bewohner alle persönlich. Und hätten sie sich alle bei ihm namentlich vorgestellt, keines der Tiere bliebe unbegrüßt, wenn sich Krause morgens in aller Herrgottsfrühe vor die Tür setzt. Der Malermeister, der im Auftrag des Vermieters unlängst eigentlich anrücken sollte, um etwas auszubessern, wurde vertröstet. Solange die Vögel ihre Brut versorgen, ist an Werkeleien direkt daneben ja wohl kaum zu denken. Gewissenhaftigkeit gilt am NJK-Teich nicht nur für Zweibeiner. Und die Wohnung in Garbsen? Unmöglich! Das sagt seine Frau auch. Die Zeit im Wald habe sie schon völlig versaut.

Horst Krause gibt sein Paradies geordnet auf, er schenkt es nicht her. Vielleicht die einzig erträgliche Art des Abschieds. Immerhin: Der Flughafen will ihn dort wohnen lassen, so lange er und seine Frau dies möchten. Nur einen Nachfolger in dem grünen Haus am – hm, ja dann wohl: Feuchtbiotop – wird es nicht geben.

Den letzten Abschied hatte Horst Krause nicht in der Hand. Es war seine Entscheidung, den NJK zu verlassen, aber die Beweggründe hatte nicht er angestoßen. So wie jetzt die Tauchpumpe das Wasser aus der Tonkuhle stetig, aber langsam verschwinden lässt, so sind auch seine Freunde aus den NJK verschwunden. Weggezogen. Gestorben. Mit den Jüngeren hat er sich nichts mehr zu sagen abseits des Schießens. Olympia-Sieger, Weltmeister, Sportschützen. Das ist nicht Krauses Szene. Und so hat er seinen Abschied genommen. Was solle er noch dort, fragt er, und ringt seine Hände in seinem Schoß. Gewissenhaft und sich seiner Gefühle nicht schämend. Er habe die Abschiedsversammlung hinter sich gebracht.

Und dann geheult wie ein Schlosshund. Draußen im Auto. Im Wald. Seinem Wald.

4 Kommentare

  1. kosake sagt:

    Schade um dieses grüne Paradies !!

  2. Geli sagt:

    Es geht ans Herz, wenn ich diese wunderschöne Geschichte lese.

  3. Lurch sagt:

    Tolle Geschichte, sehr einfühlsam und detailliert geschrieben.

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