Schall draußen, rödelnde Gedanken drinnen (Teil 9)

Im März 2012 weiß das Ehepaar Hermann, dass es im September losgehen wird. Spätestens. Dass es nach 39 Jahren nicht mehr dort wohnen wird, wo es noch sehr viel älter werden wollte. Erika und Dieter Hermann wissen nicht, wo es hin gehen wird. Und diese Ungewissheit zermürbt sie. In den Nächten rödelt es im Kopf.

Erika und Dieter Hermanns, Jahrgang 40 und 41, sind einfache Leute. Einfach wunderbar. Bergarbeiter mit einem Herz fürs Land und seine Leute. Sie wollen nicht viel, aber sie haben viel zu verlieren. Die Freiheiten in Schulenburg-Nord, die erlangen sie nirgends wieder. Darüber machen sie sich keine Illusionen. Hier stört einen niemanden. Hier stört man niemanden.

2010 hat der Flughafen das Haus der Kreissiedlungsgesellschaft abgekauft und kümmert sich seither gut um seine Mieter. Wenn etwas kaputt ist, kommt jemand und repariert es. Es kann im Grunde keinen besseren Vermieter geben. Der braucht keinen Handwerker zu bestellen mit mühsamer Terminabsprache. Der hat alle Spezialisten bereits an Bord. Schallschutzfenster für die Schlafräume haben Hermanns ebenfalls bereits bekommen. Schallschutzfenster halten den Schall draußen. Nicht aber die Gedanken aus dem Kopf.

Der Lärm bleibt dank der neuen Fenster draußen vor der Tür. Die Sorgen aus dem Kopf hält jedoch nichts ab.

Erika und Dieter Hermann traten schnell der Interessengemeinschaft Schulenburg-Nord bei, die ihr direkter Nachbar Karl-Heinz Dahlke 1995 gründete. Anfangs seien darin zwei-, dreimal so viele drin gewesen wie jetzt. Abgesprungen, so formulieren es Hermanns, seien jene, die merkten, dass Dahlke und seinen Mitstreitern es nicht um einen wilden Protest gegen den Flughafen ging. Nicht um ein illusorisches Preisgeschacher, sondern schlicht darum, das Dorf beisammen zu halten. Es wurde ein bunte Truppe.

Manchmal träumt Dieter Hermann davon, einmal noch, ein einziges Mal noch alle Dörfler so zusammenzubekommen wie damals. Sagst’s und träumt’s und weiß doch, dass es wohl so nie kommen wird. Das sagt er nicht. Aber dass er’s denkt, sieht man ihm an.

Kurz vor Weihnachten 2011 kam die Kündigung für die Wohnung. Natürlich hätte man sich nach 39 Jahren in dem Haus angesichts der Frist bis gerade einmal September juristisch quer stellen können. Aber wozu denn? Was hätte das denn gebracht? Jedenfalls nichts von dem zurück, was sowieso schon weg ist. In den Gesprächen habe der Flughafen öfter schon gedroht mit hohen Hallen, die das Licht nähmen, mit Lärm und hohen Wänden.

Übel nehmen Hermanns das den Menschen im Dienste ihres Arbeitgebers Flughafen nicht. Und doch war die Kündigung ein Schlag ins Kontor. Die zwei fühlten sich auf ihrer östlichen Straßenseite eigentlich immer recht sicher. Aber sie sehen ein, dass man neben einem Industriegebiet nicht leben kann.

Als Ende der 80-er Jahre die ersten Gerüchte vernehmbar wurden, der Flughafen wolle Schulenburg-Nord kaufen, stellte die Kreissiedlungsgesellschaft als Eigentümerin des Gebäudes alle Arbeiten daran ein. Wozu denn auch investieren in eine Masse, bestimmt für den Presslufthammer. Als sich dann aber zwischen Wiedervereinigung und Expo herausstellte, dass es so recht nicht weitergeht mit dem Aufkauf, wurde der Eingangsbereich neu gepflastert. Die Hauswände wurden gegen Lärm isoliert, die Eternitplatten dabei entfernt.

Die Wiedervereinigung und die Weltausstellung haben Schulenburg-Nord unverhofft Luft verschafft. Das Ende der DDR und die folgende Privatisierung der Boelcke-Kaserne direkt am Flughafen lieferte dem Unternehmen das erste Ventil, um flug- und frachtaffine Firmen direkt vor der Haustür ansiedeln zu können. Die Weltausstellung mit dem Bau des Terminal C und der Erweiterung des Vorfeldes wiederum strapazierte die, wenn man es so nennen will, Kriegskasse derart, dass erst einmal für weitere Flächenkäufe Luft zu holen war. Erst 2008 war man dann offenbar wieder bei Puste für den Gang gen Westen.

Für Erika und Dieter Hermann war der erste Schritt in Richtung Ende jedoch bereits vor gut 15 Jahren der erste Haus-Abriss gleich gegenüber. Damals fiel das Haus der Familie Wilke mit der Nummer 38. Dann schloss der Flughafenblick. Dann brannte das Haus Nummer 7 gleich neben dem Ruhrgas-Gelände, die Tochter des Hauses starb dabei auf dem Heuboden. Riedels gegenüber, Haus Nummer 34, holten einen Schätzer. Was für eine Enttäuschung! Das Spill-Haus, ehemals Münkel mit der Nummer 36. Die Älteren sterben, die Kinder verkaufen und ziehen weg. Der Flughafen vermietet an seine Mitarbeiter. All das Vertraute wandert ab.

Erika graut vor dem Umzug. Auch wenn der Flughafen alles organisieren und bezahlen wird. Wer am nördlichen Ende der Dorfstraße das Licht ausmachen wird? Im März 2012 tippen Hermanns auf Dahlke. Auch wenn er inzwischen ja wohl verkauft hat. Aber bis sein neues Haus fertig ist, das er sich vom Flughaben bauen lässt nur ein wenig weiter südwestlich jenseits des Krähenbergs am Rande Engelbostels, vergeht ja wohl noch ein wenig Zeit.

Als die Bagger das erste Mal kamen, da sind die zwei noch rausgegangen zum Gucken und Staunen. Jetzt nicht mehr. Sie können es nicht mehr sehen.

Und es soll in diesem Sommer doch noch so viel passieren! Dahlke will mit der AWO noch das Sommercamp im Garten von Hermanns veranstalten. Am NJK-Teich geht das ja nun nicht mehr, wo die die Kuhle nun verfüllen wollen. Aber was, wenn Hermanns vorher etwas finden und ausziehen? Dann wird ihr Haus doch abgerissen! Wo sollen die Kinder denn dann auf Toilette gehen? Fast fühlen sie sich als Verräter, dass sie sich ein neues Domizil suchen müssen. Und dass sie sich danach sehnen, dieses Zwischen-Baum-und-Borke-sein endlich hinter sicher lassen können.

Mit dem NJK habe man immer ein gutes Nebeneinander gehabt. Vor allem, solange Horst Krause dort zweiter Vorsitzender war. Seit Krause dort nicht mehr ist, gibt es mit dem NJK keinen Kontakt mehr. Früher, ja früher, da war man abends bei Krause oder in der Wirtschaft. Oder es gab Straßenfeste. Oder Abschiedspartys für die abzureißenden Häuser. Steffi Stünkel, bis vor fünf Jahren Nachbarin schräg gegenüber im Haus 32, nennt es anders: Wir haben die Räume für Partys genutzt. Für Hermanns waren es witzige, kuriose Feste in den Häusern. Jeder brachte etwas mit. Gefeiert wurde im Garten oder gleich auf der ganzen Straße. Das letzte Fest für ein fallendes Haus fand im Pferdekopfhaus statt. Beim Haus Nummer 30, dem einstigen Wohnhaus ihrer Mutter, waren sie schlicht zu langsam für die Bagger. Und außerdem war es so kalt.

Früher aber wurde gegrillt. Es gab Kaffee und Kuchen. Und Kartoffelpuffer. Und Eier. Es gab einen Wagen mit Getränken. Und Musik bei Damaske auf dem Hof mit der Nummer 22. Es gab Verkaufsstände für Schmuck und anderes Gedöns. Richtig große Straßenfeste. Man störte ja niemanden. Es ist der Satz dieses Dorfes. Unendlich viel Wert. Unwiederbringbar.

Wenn einer am Zaun stand, fanden sich bald noch mehr, die sich dazu stellten. Oma Fiene, Steffi Stünkels Schwiegeroma im Haus Nummer 32, fand dann immer noch eine Flasche Spuckeschnaps griffbereit. Selbstaufgesetzter mit Kirschkernen. Wozu sich zuviel Mühe machen. Man kann die Steine doch ausspucken. Auch das Osterfeuer war bei Oma Fiene im Garten oder bei Dörges in Nummer 30. Gartenpforten erlaubten einen schnellen Querverkehr von Grundstück zu Grundstück.

In Dahlkes Garten in Nummer 39 gab es einen Kaffee-Garten mit selbst gemachten Torten. Dann stellte Dahlke ein Schild auf die Straße. Im Garten gab es Stühle und Bänke wie in einer Besenwirtschaft. Sie hatten sogar Stammkunden. Es wurden Puffer gebraten und Bratkartoffeln.

Bis zu dem Feuer, bei dem die Tochter des Nachbarn starb. Kein Thema, das vertieft werden will.

Hermanns lieben den Zusammenhalt der Nordler. Alle duzen sich, man kennt vor allem die Vornamen. Auch die von den heutigen Mietern. Deren Nachnamen sind längst vergessen. Waren sie jemals bekannt?

Für ihre Feiern konnten alle Nordler auch die Gebäude nutzen, die Dietmar Grundey auf dem Grund baute nördlich von Dahlkes Grundstück. Auf den Karten des Katasteramtes haben diese Bauten – es sind tatsächlich kleine landwirtschaftliche Hallen – keine Hausnummer. Für die Dörfler war es immer die Nummer 41. Ist doch logisch neben Dahlkes 39. Landwirt Grundey, im Frühjahr 2012 Schulenburgs Ortsbürgermeister, hat diese Räume gerne für Feierlichkeiten zur Verfügung gestellt. Für die Nordler immer umsonst. Konfirmationen wurden dort begossen, Geburtstage. Die AWO radelte regelmäßig dorthin. Was muss das für eine Zeit gewesen sein?!
Und heute? Für Hermanns tote Hose.

Im Oktober 2012 werden Grundeys Gebäude abgerissen. Hermanns werden das nicht mehr mitansehen müssen. Sie sind längst weg.

Ein Kommentar

  1. Mara sagt:

    Gänsehaut und Tränen in den Augen, das ist das offensichtliche Resultat, nachdem ich Ihren Artikel hier zu ende gelesen hab und er hallt nach – wahrscheinlich noch ganz lange. Aber da ist nicht nur Traurigkeit, sondern auch jede Menge Wut. Wut darüber, wie schutzlos man doch in manchen Situationen dennoch ausgeliefert ist. Wut darüber, wie man mit Menschen umgeht, die nahezu ihr ganzes Leben an einem Ort verbracht haben, und wie rücksichtslos damit umgegangen wird. Umso besser (wenn man diesen Begriff in diesem Zusammenhang überhaupt benutzen sollte) finde ich es, dass Sie mit Ihrem Blog auf die Schicksale und auch auf die Leben der Menschen in Schulenburg-Nord aufmerksam machen.

Kommentar hinterlassen