Wer? Wo? Wieviel? (Teil 11)

Karl-Heinz Dahlke wollte Klarheit, besser: Er wollte keine offenen Fragen mehr, damit sich das Dorf beruhigen könnte. Denn rein rechtlich gibt es bis heute keine Zweifel: Eigentlich kann niemand Schulenburg-Nord zwingen zu verschwinden. Und so regte Dahlke 2008 ein zweites Treffen mit den Oberen des Flughafens an.

Dahlke hatte nach den Jahren der Gerüchte und Spekulationen mit vielen gerechnet. Aber nicht damit: Dass Menschen in Schulenburg-Nord auf die Idee kommen könnten, über das Kauf-Angebot des Flughafens ernsthaft nachzudenken. Denn, was hätte denn dem Dorf passieren können, wenn niemand verkauft hätte? Eigentlich nichts. Dies sagte er damals schon. Und er sagt es immer noch, auch wenn die vielen öden Grundstücke um ihn herum ihn vielleicht eines Besseren belehren könnten. Ein übergeordnetes Interesse mit möglicher Enteignung schied aus. Es ging und geht nach wie vor um das Entwickeln von Gewerbefläche. Um keine neue Landebahn, um keine Gleisstrecke, um keinen Hafen, von dem viele, viele Menschen profitieren könnten.

Obwohl Karl-Heinz Dahlke nie verkaufen wollte, ließ auch er ein Wertgutachten für sein Haus vom Flughafen erstellen. Immerhin kennt er jetzt die Quadratmeterzahl. Die fehlte ihm immer.

Es geht bis heute um Gewerbegrundstücke, die letztlich mittelbar der Stadt, der Region und ihren Bürgern zu Gute kommen mit Arbeitsplätzen und vielleicht sogar Gewerbesteuer für Langenhagen. Was das bedeutet, weiß Dahlke sehr gut. Sitzt er doch seit Jahren für die SPD im Rat der Flughafenstadt. Seinerzeit aber wurde ihm schnell und schmerzlich klar, wie viele Unbekannte seine vorherige Rechnung ausmachten: Sanierungsbedürftige Häuser, in die Geld gesteckt werden muss, das die Eigner bei einem Verkauf in ferner Zukunft dort wohl nicht wiedersehen würden. Nachwachsende Generationen, die vielleicht in weiter Ferne einen Job annehmen möchten und deren Eltern nicht alleine im viel zu großen Haus mit weiten Wegen in die Städte rundherum zurückbleiben möchten. Und schlicht jene Immobilienbesitzer, die sich vom Deal mit dem Flughafen einen guten Schnitt versprachen.

Und genau das versteht Dahlke bis heute am wenigsten. Wer zu früh sich dem Flughafen andient, kann doch gar kein gutes Geschäft machen. Bei dem zweiten Treffen, das Dahlke initierte, traf man sich nicht mehr in den gemütlichen Räumen des Niedersächsischen Jagdklubs. Diesmal betraten die Dörfler den Boden des Flughafens. Allesamt wurden sie stilecht abgeholt am Tor zur Nordbahn. Dort, wo heute die Plane-Spotter Position beziehen. Ein Bus fuhr vor, alle Interessierten stiegen ein und los ging’s übers Vorfeld bis zum Hauptgebäude. Eine Route, bei der alle Sicherheitsverantwortlichen heutzutage mehr als Bauchschmerzen bekämen. Wer heute aufs Vorfeld will, braucht wenigstens eine hochoffizielle Anmeldung, eine Personalausweisnummer und ein schickes Bild dazu. Damals aber gab es eine Führung übers Gelände, ein nettes Essen in der betriebseigenen Kantine – und eine klare Ansage: Wer verkaufen möchte, solle es nur sagen.

Vorausgegangen waren bereits zwei Angebote an die Eigentümer der Nummern 22 und 26, die Familien Damaske und Kötter. Der Rest war Stille Post. Hast Du auch schon? Wieviel hat er Dir geboten? Hat der nicht schon verkauft? Wie hat der denn verhandelt?! Karl-Heinz Dahlke versprach sich von dem Treffen mit dem Flughafen-Chef ein eindeutiges Signal: Wir lassen uns nicht trennen. Zusammen sind wir stark.

Doch das mit dem Wir und dem Zusammen und dem Stark sahen nicht alle so wie Dahlke. Die letztlich guten Gründe eines jeden einzelnen waren dann wohl zu gut. Doch zu den Besonderheiten in Schulenburg-Nord gehören ein Phänomen. Vereint sind die Dörfler in ihrer Trauer um den Verlust eines einzigartigen Refugiums. Und dennoch verliert niemand ein böses Wort. Nicht über jene Nachbarn, die schließlich doch in Verhandlungen mit dem Flughafen einstiegen. Und noch nicht einmal über den Flughafen. Im Gegenteil.

Wenn Dahlke heute im schönsten Sommeridyll vor seinem Haus sitzt nach einem (angedeuteten) Rundgang durch den endlos wirkenden Garten, liegt eine Vorstellung nahe: Jeder, der in dieses Stück Natur einzudringen versucht, kann doch nur Zorn ernten. In diesem Garten können Kinder im schönsten Sinne verloren gehen. Dahlke nennt es anders: In diesem Garten lernt man, auf Fingern zu pfeifen, sonst könnte sich die Suche nach dem Nachwuchs zur Essenszeit sehr in die Länge ziehen. Und im Zweifel muss man mehr nach oben in die Bäume gucken als hinter jeden Busch. Klettern können die Enkel jedenfalls ohne Zweifel.

Doch Dahlke schimpft nicht. Auch nicht in diesem Garten und nicht unter jener Schaukel, in der Michael Hesse nicht lange nach dem Anwohnertreffen im Flughafen einen Plan aufhängt: eine Skizze, bis wohin der Flughafen ganz gerne wachsen würde. Ein Skizze, die zeigt, für Schulenburg-Nord gibt es keine Zukunft.

Trotzdem: Niemand schimpft über niemanden hier. Nun ja, Dahlke selber hätte im Zweifel den Flughafen im einen oder anderen Fall vielleicht etwas länger bitten lassen. Sein Ratskollege und im Nord-Dorf einst Nachbar auf dem Grund der Nummer 41, der Ortsbürgermeister Dietmar Grundey, wird an anderer Stelle lediglich gelinde Verwunderung äußern, warum nicht hier oder dort ein zweiter Gutachter bestellt worden sei bei der Wertbemessung des Hauses. Ärgeres aber fällt nicht. Einig sind sie sich alle: Auch der Verbindlichkeit Hesses ist es geschuldet, dass Schulenburg-Nord einen Abschied auf Raten erlebt, nicht ohne Widerstand und schon gar nicht ohne Trauer. Am Ende aber ohne Protest.

Karl-Heinz Dahlke hat sich lange schwer getan, in Hesses Hand einzuschlagen. Die angebotenen Tauschgrundstücke waren keine Alternative zu dem Idyll zwischen den Bahnen. Denn: Wer gut 6000 Quadratmeter Naturwald sein eigenen nennt, kann auf das Spielen der Kinder auf der Straße vor dem Haus vielleicht auch ganz gut verzichten. Zwingen kann ihn ja keiner, pflegte Dahlke zu sagen. Dennoch holte auch er sich einen Gutachter ins Haus. Schaden könne es ja nicht. Dahlke hat im Laufe seines Lebens im Dorf so oft an seinem Haus angebaut, dass er bis zuletzt nicht wusste, wieviele Quadratmeter Wohnfläche er hat.

Nun weiß er es. Brauchen wird er die Zahl nicht mehr.

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