Mit großem Auto und ohne festen Wohnsitz (Teil 16)

Wenn Du denkst, Du bist vollkommen falsch, dann bist Du richtig. So beschrieb Till de Boer einst seiner Freundin Amelie den richtigen Weg nach Schulenburg-Nord. Das war, bevor sie zu zweit in der Villa wohnten. Bevor sie von dort auf Weltreise gingen. Bevor sie sozusagen flohen vor dem Anblick des Villen-Abrisses. Und bevor sie, so wie erneut in diesen Novembertagen 2012, im indischen Goa am Strand ihr Lager aufschlugen.

Als Amelie de Boer einst von Hamburg nach Schulenburg-Nord zog, tat sie dies in ihrem Bulli. Erworben 1994, befreit von jeglicher Lust, bei Musik-Festivals weiterhin zelten zu müssen. Doch als der Bulli schließlich ebenfalls die Lust verlor, buchstäblich also die Grätsche machte, lief Amelie und Till de Boer im Grömitz ein Frosch über den Weg: LA 911 B, grasgrün, Kurz- oder auch Rundhauber genannt. Einst ein Benz im Dienste des Bundesgrenzschutzes samt Funkkoffer am Heck, zwischenzeitlich jedoch mutiert zum Expeditionsmobil. Soviel Zeit muss sein. Das Wort Wohnmobil kommt in dieser Szene eher nicht so gut.

Dies war ihr Lager 2009. 2012 heißt es Captain Blaubär. Denn der Frosch ist verkauft. Diesmal ist es ein Mercedes Reisebus O303 Baujahr 1976, früher  Promotionfahrzeug der Luftwaffe, so schreibt Amelie de Boer in ihrem eigenen Reise-Tagebuch im Internet. Nun also Luxus auf 4 Rädern. Zwar kein Allrad-Fahrzeug – dafür sei der Motor hinten, schwärmt sie. Statt acht Quadratmetern im Frosch sind es jetzt unglaubliche zwanzig mit voll ausgestatteter Küche, Schlafzimmer, Badezimmer und Wohnzimmer-Lounge.

Der Frosch ist verkauft, nun wird Familie de Boer den Winter am Strand im indischen Goa in ihrem Captain Blaubär verbringen. Das Bild ist entstanden in Hamwiede wenige Tage vor ihrer Abfahrt Ende September 2012. Foto: privat

Wer am Ende der Welt wohnt, ist in der Regel mobil. Einst, da waren die Bewohner dieser Ziegelei-Villa und ihre Bediensteten unterwegs mit Pferdefuhrwerken. Für diese gab es einen großen Stall und eine Remise gleich nebenan. In den Tagen der de Boers waren davon nur noch die Außenmauern zu sehen: Längst war aus dem Stall das sogenannte Pferdekopfhaus geworden, umgebaut nach dem Ende der Ziegelei in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, um Wohnraum zu schaffen. Geblieben war dafür der große Garten rund um die Villa. Was will man mehr – als Frosch.

Der Frosch hatte seinen Platz, Amelie und Till mit der Sanierung der Villa alle Hände voll zu tun, ihr Dorf-bekannter Hund Ole fand viel kulinarische Gegenliebe bei den Nachbarn. Was sich jenseits der einzigen Kreuzung des Dorfes abspielte, also in Richtung der Nordbahn des Flughafens, bekamen die Villenbewohner nicht so richtig mit. Es gab einen Austausch mit den wechselnden Mietern des Pferdekopfhauses, mit Familie Pfeif in Haus Nr. 6 gleich nebenan und mit Gerda Pilz in Haus Nr. 2. Es ist das Haus, das Besucher des Dorfes als erstes zu sehen bekommen, wenn sie sich über Engelbostels Ortsgrenze hinaus getraut haben und über die Heidestraße ins Dorf rollen.

„Legendär“ nennen de Boers diese Dame des Hauses. Was sie genau damit meinen, werde ich nicht mehr in Erfahrung bringen können. Gerda Pilz wohnt nicht mehr in Schulenburg-Nord. Was aus ihr geworden ist, darüber rätseln nicht nur Amelie und Till. Und sie sind auch nicht die einzigen, die sie, die nie von „ihrer Scholle runter wollte“, heftig vermissen in Schulenburg-Nord. Doch die familiären Bande, die sie aus ihrem Dorf schließlich weggeführt haben, scheinen undurchdringlicher, als es all ihre langjährigen Weggefährten zu durchschauen vermögen. Eines Tages war sie einfach weg. Stand nicht mehr vor dem Haus und fütterte Vögel und Katzen, kam nicht mehr vorbei zum Essen, nahm keine mitgebrachten Einkäufe von ihren Nachbarn entgegen. Eine Nachricht, die wie ein Lauffeuer durchs Dorf ging. Vom Flughafen ist dazu nicht viel zu erfahren. Nur: Sie hätten auf einen Wegzug nie bestanden. Im Dorf bezweifelt dies niemand.

2008 hatte die Schufterei des Paares in der Villa ein Ende. Zur Belohnung tauschten sie ihre 300 Quadratmeter gegen die lauschigen acht des Frosches. Es ging in Richtung Baltikum. Drei Wochen zu dritt durch drei Staaten. Es hätte endlos so weiter gehen können. Doch als sie zurückkamen, war er da, der Brief – mit der Kündigung.

Ein Schock, ein Schreck. Nicht vollkommen überraschend. Aber deshalb nicht weniger betrüblich. Wenn Amelie davon erzählt, in diesen Oktobertagen 2012 kurz vor ihrer erneuten Abfahrt Richtung Indien, wählt sie deutliche Worte. Den Denkmalschutz bemühten sie, die Nordhannoversche Zeitung machten sie aufmerksam. Am Ende haben sie beim Flughafen schlicht gebettelt, doch noch länger bleiben zu können. Es wurde ein Jahr. Bis zum 30. September 2009 durften sie in der Villa wohnen. Für den Folgetag, den 1. Oktober 2009, war der Bagger bestellt.

Was tun? Wohin? Vor allem: Wohin – geprägt vom Leben in diesem schier endlosen Haus in diesem Dorf mit seinen Wiesen rundherum? Da möchte man eigentlich, so gerade eben angekommen von einer schönen Reise ohne jede einengende Alltagsroutine … Ja, warum eigentlich nicht einfach wieder einsteigen in den Frosch und wieder losfahren?

Und so wurde das letzte Jahr in der Villa ein Jahr des Träumens, des Planens, des Sparens, des Verkaufs aller Dinge, die man nicht wirklich braucht (wie beispielsweise ganz normale Autos für den Weg ins Büro). Es wurde ein Jahr, um sich und dann Freunde und Familie zu überzeugen, dass das alles eine gute Idee ist: ab nach Australien, allein schon des Wetters wegen. So weit auf dem Landweg wie irgend möglich, und dann weiter mit einem verschifften Frosch.

Der Familie erzählten sie, es würde ein Jahr in der Ferne. Dabei war dem Paar schon damals klar, dass sie zwar sicher zurückkommen würden. Aber ganz sicher nicht im Winter.  Als sie schließlich im indischen Goa feststellten, dass die Schiffspassage für den Frosch genauso teuer sein würde, als hätten sie ihn gleich in Hamburg auf einen Kahn gestellt, blieben sie einfach an Ort und Stelle. Letztlich reichte das Geld für zwei Jahre weg von Zuhause.

Den Abriss der Villa haben sie nicht gesehen. Wollten sie auch nicht. Sie hatten sich vorher verabschiedet von ihrem Zuhause. Gebührend. Zunächst einmal mit dem Ausbau von allem, was man vielleicht einmal wiedersehen wollte. Und so liegen heute die eine oder andere geschnitzte Heizungsverkleidung, der kunstvoll gedrechselte Pfosten eines Treppengeländers, in einer Garage von Amelies Vater. Eine Schiebetür, einst zwischen Wohnzimmer und Wintergarten, trennt heute das Schlafzimmer lieber Freunde des Paares vom Wohnungsrest. Viel zu wenig habe man retten können, seufzen sie heute. All die Kacheln! Die Dielen! Soviel Bauhistorie verloren für immer.

Und gefeiert wurde. Wochen, bevor mich die Mail aus Amelies Computer erreichte, hatte ich bei meinen Gesprächen mit den anderen Bewohnern des Dorfes von den legendären Festen in Villa erstmals gehört. Auch von der berüchtigten Abschiedsfeier „dieser Studenten“. Drei ganze Tage rund um die Uhr hätten die Bässe durchs Dorf gebebt. Amelie de Boer lacht bei dieser Schilderung. Drei Tage? Och nö. Länger als zwei hätten sie eigentlich nie durchgehalten.

Zwei Tage also wurde in der bei den Freunden längst berüchtigten VilleKulle gefeiert. 80 Gäste kamen. Für einen Kater am Morgen danach blieb dem Paar keine Zeit. Eine Woche, um die Möbel einzulagern, das Auto fertig zu machen, bis das Paar samt Ole, dem Entlebucher Sennhund, am 29. September 2009 in seinen Frosch stieg und „tierisch heulend“ vom Hof fuhr. Die Fotos, die die Freunde vom Abriss wohlmeinend den zweien hinterhermailten, die hätten sie mal eben schnell überflogen, dann aber nie wieder angesehen.

Einmal vom Hof gaben sie nur noch Gas. In der ersten Nacht hatte der Frosch zwar gleich einen Platten, doch den TÜV-Stempel tags drauf nahm er mit links. Danach sind sie gefahren „wie bescheuert“. Ein Tag Österreich, ein Tag Slowenien, zwei Nächte immerhin in Kroatien verbracht. Das fühlte sich an gleich wie eine ganze Woche. Anfang Dezember schließlich passierten sie die indische Grenze. Der Rest ist Geschichte.

Als sie zurückkamen, war die Villa fort. Dass es sie stattdessen ins kleine, abgelegene Hamwiede spülen würde, ist den kleinen, anfangs so unscheinbaren Details zu verdanken, die auf einmal eine Rolle spielen, wenn man von einer Weltreise zurückkommt: mit großem Auto und ohne festen Wohnsitz. „Welcher Vermieter traut einem da über den Weg?“ Nun, die Eigentümer des Hauses im Wald bei Hamwiede taten es, und Platz genug für den Frosch war dort auch. Nach 300 Quadratmetern Villa auf acht Quadratmetern Frosch auf nun 60 Quadratmetern Holzhaus – das war auf einmal wieder ein Palast. Eigentlich sollte es nun losgehen mit dem ernsten, sesshaften Leben. Sohn Theo soll schließlich mit festen Freunden aufwachsen. Sein nunmehr dazugekommener Bruder Hugo ebenso.

Doch wenn dann Freunde anrufen, einst gewonnen auf den verschlungenen Wegen zwischen Indien und Nepal. Anrufen und berichten, sie hätten sich als Reiseunternehmer für Abenteuer-Touren für Motorradfahrer selbständig gemacht. Und sie suchten nun ortskundige, reiseversierte und unerschütterliche Guides, die wüssten, wie man in sieben Wochen auf dem Landweg, dem sogenannten Hippie Trail, von Deutschland nach Indien … Das Ganze also nochmal, und diesmal sogar bezahlt …

Amelie und Till de Boer haben nicht wirklich lange überlegt. Bis zur Einschulung der Jungs ist noch ein bisschen Luft. Und ein Kinderarzt würde auch unter den Teilnehmern sein. Und diesmal würde es ein Bus sein, statt des Frosches nun Captain Blaubär mit Tischen, Bänken und Platz zum Rumlaufen im Gefährt und für Blumentöpfe auf dem luftgefederten Armaturenbrett. Till de Boer kündigte erneut seinen Job und nahm damit ein zweites Mal Abschied von Schulenburg-Nord.

Das Dorf lässt einen eben nicht los. Auch ohne Villa. Nicht nur fand Amelie de Boer bei ihrem einzigen mutigen Ausflug in die Vergangenheit ihren alten Briefkasten am verbliebenen Zauntor vor – „gefüllt von einem wohl ebenso trotzigen Zeitungsboten“. Till de Boer, im Vertrieb für Logistikunternehmen tätig, fand Arbeit im neu erbauten AirCargo Terminal – schräg gegenüber ihres verlassenen Grundstücks, ein, vielleicht zwei Steinwürfe entfernt mit Blick aus dem Bürofenster auf die Villa. Wenigstens im Kopf.

In diesen Novembertagen, so ist in ihrem Reiseblog zu lesen, sind sie in Goa angekommen. Amelie, Till, Theo, Hugo und Ole de Boer. Mit ihnen sieben Motorradfahrer und ein paar Begleiter, die die Familie im Bus bei der Betreuung der Reisenden unterstützt haben. Bis zum kommenden April werden sie dort bleiben, bis sie die gleiche Abenteuertour – dann mit neuen Motorradfahrern – den ganzen Weg wieder zurück nach Deutschland begleiten werden. Wohin es sie dann spülen wird? Sie wissen es nicht. Freunde haben im Großraum Hamburg ein Haus gekauft mit einer großen Wiese. Darauf werden sie erst einmal mit ihrem Captain Blaubär stranden können.

Nebenbei. Es sind noch Plätze frei. Je zwei im Bus und auf den Bikes. Nicht nur für Villen-Bewohner.

Ein Kommentar

  1. Reisender sagt:

    Coole Sache, auch die HP ist cool, kenne ich schon länger 🙂
    Ich bin selber auch mit nem großen Auto und ohne Wohnsitz unterwegs. Seit 2007. Hab es keine Minute bereut, ein geniales Lebenskonzept!

    Grüsse aus dem weit entfernten Bus
    Stefan

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