Eine Heimat, kein Ersatz (Teil 19)

„Nö. Diese Woche geht das gar nicht.“ Das Stimmchen am Telefon mag dünn klingen, es kennt kein Erbarmen. Sich mit Anna Kuss zu verabreden ist nicht so einfach. Anna Kuss hat Termine. Zum Kartenspielen. Für die regelmäßige Runde auf den Friedhof – und nach Schulenburg-Nord. Anna Kuss ist Jahrgang 1925, ihr Elternhaus war das erste, das im Noch-Dorf abgerissen wurde. 21 Jahre ist das jetzt her.

Ende Februar 2012 treffe ich sie das erste Mal. Es ist ähnlich eisig wie in diesen Dezembertagen jetzt. Und deshalb sitzen wir in ihrem Wohnzimmer in Schulenburg-Süd. Nach draußen will sie nicht. Darf sie nicht. Das Herz. Die kalte Luft. Keine gute Kombination.

Ich treffe sie, weil mein ursprünglicher – und wohl reichlich naiver – Plan, eine Geschichte nur über jene fünf Hauseigentümer zu machen, die Ende 2011 noch nicht an den Flughafen verkauft hatten, gescheitert ist. Stumpf gescheitert an der Menge der Geschichte(n).

Waren Sie schon …? Haben Sie schon …? Sie müssen unbedingt …! Reden, treffen, besuchen, sich erzählen lassen. Mit diesem oder jenem. Mit Eltern, Tante, Onkel. Jenen, die in Schulenburg-Nord geboren wurden und es kennen wie niemand sonst der heute dort noch Lebenden.

Und deshalb führt kein Weg vorbei an der Fahrt nach Schulenburg-Süd und dem Gang in ein eher nüchternes Mehrfamilienhaus, Jahrgang 1966. Ein Stichweg. Dichtes Wohnen zwischen Garagen.

Anna Kuss, Jahrgang 1925. Ihre Heimat kann keiner ersetzen, sagt sie. Deshalb lässt ihr Dorf sie nicht los.

Anna Kuss – oder besser die Anni, wie sie die übrigen Nordler kennen, – lebt dort alleine. Und dies schon recht lange. Ihr Mann Albert, mit dem sie in den 60-ern das Haus erbaute, – verstorben. Ihre Schwester, ihre Eltern ohnehin. Kinder hat sie keine. Ein Neffe wohnt mit Familie im Obergeschoss des Hauses. Er hat ein Auge auf sie. Auch und gerade, wenn das Herz nicht mitspielt.

Die Wohnung mag groß wirken für eine Person. Doch wer in Annis Welt Platz nimmt, sei es im Wohnzimmersessel oder auf der Kücheneckbank, entrückt etwaiger Leere im Nu. Denn Annis Welt ist voll von Erlebnissen, von Bildern. Doch die zumeist leider nur in ihrem Kopf.

Gefühlt sind es fünf Minuten. Fünf Minuten mit einer für sie doch wildfremden Frau, die Einlass begehrt in ihr Leben, bis klar wird, warum die Bilder der Vergangenheit erzählt werden müssen. 1973, Weihnachten. Das letzte Fest mit ihrem Vater wird es sein. Man sitzt zusammen, beschaut Fotos, erinnert sich an längst vergangene Zeiten. Ein schöner Abend. Ein langer Abend.

Am nächsten Morgen Zeit des Aufräumens. Seither sind sie weg. Die Bilder. Wer wann wohin – wird ein Rätsel bleiben, ein schmerzhaftes. Ein Karton, prall bepackt mit Leben. Vielleicht ging er den Weg des aufgerissenen Geschenkpapiers. Wer weiß. Eine Wunde, die bei Anni Kuss bis heute nicht recht zu heilen vermag.

Zwei Stunden erzählt sie aus ihrem Leben. Ihrer Kindheit, vom Krieg, der Hochzeit, von dem Leben zwischen den Bahnen. Wenn es wärmer wird, will sie mir ihre Wiesen zeigen. Jene, auf denen ihr Vater in den zwanziger Jahren einen Gemüse- und Fruchtgroßhandel aufgebaut hat. Nach seiner Zeit als Gärtner auf dem Grundstück der Ziegelei-Villa im Dienste des Geschäftsführers.

Unseren Ausflug machen wir erst Monate später. Naja, die Termine halt. Ausnahmsweise fahren wir nicht mit ihrem Wagen, einem Garage-behüteten Mercedes, 24 Jahre alt. In den wenigen Minuten zwischen Schulenburg-Nord und -Süd beratschlagen wir, ob der Benz wohl noch einen Rußpartikelfilter bekommen soll. Die Erben, so sagt sie, sollen doch noch etwas haben von dem Wagen. Ist doch sonst nix dran. Nun denn. Gedanken fließen. Praktisch wäre der Filter ja schon, ist ja sonst kein Reinkommen in die Stadt ohne diese Plakette.

Wenn es Wetter, Herz und Zeitplan erlauben, fährt Anni Kuss diese Strecke jede Woche. Erst zum Friedhof, dann in ihr zunächst verlassenes, inzwischen verschwundenes Zuhause. Alle haben sie alleine gelassen. Ein Satz, ein Vorwurf.

Es hat lange gedauert, bis sich Anna Kuss wieder nach Schulenburg-Nord getraut hat. Die Heimat ersetze niemand, sagt sie. Sie hatte sich von ihr ein wenig entfernt 1966 mit dem Umzug ins selbst gebaute Haus in Schulenburg-Süd. Mehr jedoch nicht. Ihr Albert und sie hatten den Betrieb des Vaters übernommen und waren allein deshalb mehr als regelmäßig im Norden des Ortes unterwegs. Als der Vater 1974 starb, bezog ein Neffe das Haus. Erst 1991 verkaufte die Familie an den Flughafen, der Abriss folgte umgehend.

Ihr Geburtshaus, das Pferdekopfhaus, und auch ihr späteres Zuhause am nördlichen Ende der einstigen Dorfstraße mögen längst verschwunden sein. Anna Kuss stört das nicht. Zumindest nicht beim Durchblättern ihres inneren Bilderbogens. Und wer mit ihr auf ihren Wiesen steht, kann sich diesem Kopfkino keinesfalls entziehen.

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