Freie Sicht auf den letzten Baum (Teil 21)

Vieles ist noch offen. Doch eines steht fest: Es ist das letzte Weihnachtsfest dieser Art in diesem Dorf. Binnen Jahresfrist wird in Schulenburg-Nord nicht mehr viel so sein wie Ende Dezember 2012. Deshalb gibt es in diesem Blog ausnahmsweise schon an einem Montag eine neue Folge. Mit Anna Kuss geht es im Januar weiter.

Eigentlich müssten sie das nicht machen. Sie müssten keinen Baum schlagen. Ihn nicht an einen Mast auf einer Palette zurren und ihn dann mit einem so halsbrecherischen wie amüsanten Manöver an ihre einzige Kreuzung bringen. Sie müssten es nicht, weil inzwischen genügend Häuser abgerissen worden sind in Schulenburg-Nord. So viele, so dass man auch viele fest verwurzelte Bäume auf dem Grundstück Nummer 22 von Engelbostel aus sehen kann. Auch an ihnen könnte bunter Lichterkranz künden, dass das Nord-Noch-Dorf Weihnachten feiert.

Eine große Portion Dorfleben: Bernd Dosdall (von links), Wiro Ebermann, Alissa Damaske, Thomas Keiner, Dagmar Damaske, Betty Dörge, Maik, Andy und Bernd Schuldt sowie Herbert Damaske vor dem Haus Nummer 22 und dem letzten Baum aller Bäume.

Sie tun es aber trotzdem: Dagmar Damaske hat am vierten Advent und damit am Tag vor dem Heiligen Abend in guter, alter Tradition vormittags Familie und Freunde auf ihren Hof zusammengetrommelt. Und nun steht er da, der Baum. Wetterfest geschmückt mit bunten Kugeln und wartet – auf einen Radlader und einen wagemutigen Hausherrn. In der Garage gleich daneben wärmt sich ein knappes Dutzend an Glühwein, Lebkuchen und Weihnachtsmusik, bis Nachbar Bernd Schuldt sich in seine Regenmontur wirft und draußen den Motor anlässt.

Das folgende Konstrukt mag für die Dörfler ein gewohnter Anblick sein. Für neugewonnene Besucher an diesem Tag ist es gewöhnungsbedürftig. Herbert Damaske stellt sich auf die Gabel des Radladers und ergreift, als Schuldt nah genug an den Baum herangefahren ist und die Gabel seines Gefährts in die Palette einscheren lässt, beherzt den Stamm. Wenige Augenblicke, einige Kurvereien und viel Gelächter später steht der Baum da, wo er in den vergangenen Jahren immer stand: an der einzigen Kreuzung des Dorfes.

Wer auch immer aus Engelbostel gen Norden fährt, wird den Baum früh erblicken. Dies tun an diesem Sonntagmorgen auch viele Flugzeugspotter. Eine polnische Fluggesellschaft schickt werbeträchtig den Dreamliner, die neueste Boeing-Konstruktion, nach Langenhagen. Es ist bis kurz vor der Landung offen, ob über die Nord- oder die Südbahn. Und deshalb herrscht reger Verkehr auf der Dorfstraße zwischen den Bahnen. Ob dies auch zum nächsten Weihnachtsfest so sein wird, wenn die Häuser weg sind und die Straße womöglich gesperrt, bezweifeln die Dörfler. Bei den Spottern ist diese Unwägbarkeit bislang eher Randthema.

Wo drei Generationen Damaske und Schuldt mit seinen zwei Söhnen im kommenden Jahr das Fest feiern werden, wissen sie ebensowenig. Sehr wahrscheinlich werden sie es nicht mehr in fußläufiger Nachbarschaft zueinander tun. Dass dies einem gemeinsamen Fest nicht unbedingt entgegensteht, zeigt der diesjährige Besuch. Thomas Keiner ist aus Liverpool angereist, man kennt sich seit zwanzig Jahren. Er ist Pate des jüngsten Damaske-Sprösslings. Ihm fällt auf, was die übrigen schon irgendwie – wenn auch nicht verdaut – so doch zumindest irgendwie verdrängt haben: Ist ganz schön viel weggekommen vom Dorf seit dem letzten Besuch.

Mit dabei in der Garage ist auch Bernd Dosdall. Sein Vater führte einst die gleichnamige Klause – im Grunde fast genau dort, wo jetzt der Baum im kalten Regen ausharrt. Auch er wohnt schon lange nicht mehr im Dorf und kehrt doch immer wieder dorthin zurück. Nach dem frühen Tod beider Eltern zog der 18-Jährige vom Pferdekopfhaus um ins Haus Damaske und damit unter die Fittiche von Christine Damaske, Herberts Mutter. Bande, die halten. Auch Betty Dörge ist am Baum dabei. Ihre Schwiegereltern wohnten einst einen Steinwurf die Straße hoch in Nummer 32.

Das übrige Dorf ist nicht vollends verwaist. Karl-Heinz Dahlke hat sein Haus Nummer 39 seinen Kindern überlassen. Sein Traum, der Umzug des inzwischen in Engelbostel fast bezugsfertigen Hauses könnte während seines Urlaubs über die Bühne gehen und er müsste gar nicht mehr zurückkehren nach Schulenburg-Nord, hat sich zerschlagen. Die Heizung, ein paar Fliesen – irgendwas läuft immer nicht so ganz nach Plan. Frühjahr soll es jetzt werden. Vielleicht klappt es dann ja mit dem Urlaubstraum. Es gibt ja noch die Osterferien.

 

Ein Kommentar

  1. ilse seidler, geb.hoppe sagt:

    Liebe Rebekka Neander,
    durch Zufall bin ich auf diese Seite gestoßen und glaube fast, dass es eine Fügung war?
    Ich finde es schön, dass Sie sich mit diesem Thema befassen, aber bin auch sehr traurig darüber, was ich da lesen muss!
    Erinnerungen werden wach an meine Kindheit, die ich in Schulenburg-Nord verbrachte!
    Jetzt bin ich 64 Jahre alt, habe 3 erwachsene Töchter, die mir Fragen stellen über meine Kindheit und natürlich auch über meine Heimat!
    Es macht mich wehmütig, wenn ich daran denke, dass die Natur dem Menschen so wenig bedeutet!
    Es gab ein Haus vor der Ruhrgas, in dem ich aufwuchs, welches ja schon abgerissen wurde, so wie mir mein Bruder, welcher in Langenhagen wohnt, mitteilte!
    Ich selbst wohne seit Jahrzehnten schon in Hannover und bin in regem Kontakt mit meinem Bruder. Als ich ihn bat, noch einmal den Ort aufzusuchen, meinte er: „Es tut nur weh.“
    Ich könnte Ihnen so viel erzählen und habe auch noch einige Fotos!
    Viele meiner damaligen Mitschüler und Freunde leben nicht mehr, aber Dosdall und Damaske … diese Familien sind mir ein Begriff, nur es sind ja Kinder und Kindeskinder meiner Freunde, die ich hier auf den Fotos sehe!
    Der Flughafen leistet Abfindung … hohe Abfindungen, wie ich hörte, doch gibt es für die Natur eine angemessene Abfindung??
    NEIN … Bäume werden einfach zerstört …
    Meine Kindheit, die Kindheitserinnerungen jedoch bleiben
    in schöner, aber jetzt trauriger Erinnerung!

    Liebe Grüße und danke für diesen Beitrag
    Ilse Seidler

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