Mit Tempo in den Mist (Teil 22)

Wie schlachtet man ein Schwein – wenn es doch verboten ist? Und was tun, wenn das Auto im Mist und der Salat auf dem Boden landet? Man sucht einen Weg und findet eine Lösung. Das galt im Krieg und ist auch in den Jahren danach Anna Kuss‘ Maxime. Hauptsache, man hilft einander.

Manchmal aber, da hilft schlicht Glück. Glück, dass die Frau des auf dem Hof Wilke einquartierten Soldaten aus der Stadt kommt. Glück, dass sie nicht weiß, wie es riecht, wenn ein Schwein geschlachtet wird. Es ist Krieg. Die Menschen haben Hunger. Heißt: Auch wer ein Schwein hat, darf es nicht so einfach schlachten, um die eigene Familie zu ernähren. In Schulenburg-Nord, also abseits vieler Obrigkeiten, ist das eigentlich kein so großes Problem. Die Ehefrau des Soldaten kommt nur alle Nase lang aus einer fernen Stadt zu Besuch. Man ist unter sich.

Das Kissen ist auch auf den wenigen gebliebenen Fotos zu sehen: Anna Kuss hat es in jungen Ehejahren selbst bestickt.

Doch der Zufall will es, dass der Besuch eines Tages sehr kurzfristig vor der Tür steht. So kurzfristig, dass an ein Verlegen des Schlachttermins nicht zu denken ist. Es sind Situationen wie diese, die den Menschen Kompromisse abverlangen, die für die meisten Nachkriegsgeborenen schwer vorstellbar sind: Der Soldat warnt seine Gastfamilie und verspricht, mit Frau und Kind den Tag über irgendwie irgendwoanders zu verbringen. Man wisse ja nie, wer wo mit wem dann doch ins Reden kommt. Und was dann mit Familie Wilke passieren würde. Und damit wirklich nichts schief geht, versammeln sich die Menschen des Hofes schließlich mitten in der Nacht, um aus dem Stallgenossen Vorrat werden zu lassen.

Frau und Kind reisen am nächsten Tag ab. Der Geruch hat sie vertrieben, so sagen sie. Die Ursache bleibt ihnen verborgen.

Anna Kuss erzählt diese Geschichte an einem sonnigen Junitag. Sie steht unter einer mächtigen Eiche auf dem Grund ihres Geburtshauses: An das Pferdekopfhaus erinnert bestensfalls noch der helle Sand, mit dem die Abbruchunternehmer die Abrissstelle verfüllt haben. 87 Jahre sind seit ihrer Geburt vergangen. Sie erzählt und lacht und druckst kichernd herum. Die Geheimniskrämerei jener Nacht lacht aus ihren Augen. Dabei schnürt ihr die Not, ebenso wie das gleichzeitige Glück, für Momente Herz und Hals.

Schulenburg-Nord lebt schon in jenen Tagen von seiner Gemeinschaft, die mir auch die späteren Generationen in Block und Blog diktieren werden. Die erste Zeit nach dem Bomben-Brand lebt die Familie im Nachbarhof Münkel (heute Nummer 36). Steine für den Wiederaufbau gibt es nach Kriegsende in Hannover und am Flughafen. Vater Wilke will nicht nach Hannover. Dort haben zu viele andere Menschen zuviel eigenes Leid. Die Eltern beantragen Steine von den zerbombten Kasernen am Flughafen. Mit den Nachbarn Münkel und Fiene (Haus Nummer 32) spannen Wilkes die Pferde an. Und so geht es Fuhre um Fuhre hin und her. Der Mörtel wird im Dorf abgeklopft.

In Annas Leben gibt es seit 1946 Albert. Den gelernten Diamantsandschleifer, der in der Pfalz in der Reichsprogrommnacht seine Arbeit verliert. Die Schleiferei in jüdischem Besitz fällt ihr zum Opfer. Albert Kuss kommt zur Luftwaffe und landet im Osten. Und als der Krieg Zuende ist, hört er nicht auf zu laufen, bis er sich schließlich von den Briten gefangen nehmen lassen kann. Ein Weg, der ihn schließlich am Flughafen in Langenhagen stranden lässt. Bis ihn der Hof Wilke im Grunde adoptiert.

Dreimal in der Woche beliefert Vater Wilke nach dem Krieg den Klagesmarkt mit seiner Ware. Möhren sind es vorwiegend. Auf dem Hof helfen Frauen aus dem Dorf gegen Bezahlung. Drei bis vier Helferinnen sind täglich dabei. In Erntezeiten schon mal bis zu zwölfen, die vor allem den Erdbeeren geschuldet. Der Boden wird von Hand gehackt, die Möhren auf Knien verzogen. So wie Anna Kuss dies beschreibt, klingt es nach einem Hand in Hand. Tagaus, tagein. Albert Kuss scheint all dies inhaliert zu haben. 1952 legt er die Großhandelsprüfung ab. Mit Bravour! Ohne zu lernen! Stolz verjährt nicht. Anna Kuss lacht.

Der Krieg scheint vorbei – und holt sie doch ein. Unter den Flächen, die Vater Wilke für den Möhrenanbau pachtet, ist auch die Wiese, auf der in doch bitte zu vergessenen Tagen die Flak stand. Die Flak ist weg. Ihr Öl im Boden aber nicht. Zwei Morgen Möhren werden vom Blausäuregehalt verdorben. Nicht ein einziger Zentner wird verkauft. Niemand will sie. Nicht einmal die Zigeuner für ihre Pferde. Gedanken jener Zeit.

Dabei hat die Familie gerade investiert. Ein Tempo-Wagen ist beschafft: Ein Pritschenwagen mit Motor auf drei Rädern. Es scheint Pech. Und wird doch die Weichenstellung in Anna Kuss‘ Leben. Die Not zwingt das Ehepaar Kuss in den Einstieg in den Großhandel. Wer ein Auto hat und keine eigene Ware, muss Ware kaufen, um sie zu verkaufen. So fahren die zwei kurzerhand nach Hamburg auf den Großmarkt, beantragen ein Wandergewerbe und gründen ihr eigenes Unternehmen.

Der Tempo-Wagen weckt Annas Leidenschaft für Autos. So sehr, dass sie sich hinters Steuer setzt, sobald ihr Albert das Dorf verlassen hat. Sie sollte das eigentlich nicht. Aber wenn er doch vor der Tür steht. Nun – der Wagen landet samt Anna im hofeigenen Misthaufen. Ob es ihr Albert je erfahren hat, ist ihr viele Jahrezehnte später nicht so recht zu entlocken. Aus dem Mist hilft ihr der Vater. Mehr noch: Er wäscht den Modder vom neuen, teuren Stück. Dass Anna für den blitzeblanken Wagen am Abend ein Sonderlob ihres Ehegatten einheimst – dies ist ihr allerdings heute noch anzusehen.

Die Fahrten auf den Großmarkt werden ihr Leben. Daran ändert auch nichts, dass sie gleich am ersten Tag eine ganze Stiege mit Salatköpfen umschmeißt und die Ware – sie soll ja noch verkauft werden – kurzerhand wieder in die Kisten stopft und nur die oberste Schicht ordentlich garniert. Es bleibt am Ende des Tages nicht ein Salatkopf übrig. Die Kunden kaufen ihnen die Stiegen leer. Die eine oder andere Anmerkung am nächsten Tag unter gerunzelter Stirn, die Ware sei ja hervorragend, aber gepackt werden könne künftig ja wohl besser, hallen ihr zweifellos noch im Ohr. Die Erleichterung, dass ihr geliebter Albert auch von dieser Panne nichts mitbekommen hat, schwingt in ihrer Stimme.

Die zwei bleiben kinderlos. Fast. Nach dem Tode ihrer Schwester nehmen sie deren Sohn Arthur bei sich auf. Ihr Leben ist geprägt von der Arbeit, aber auch von vielen gemeinsamen, bis heute höchst unterhaltsamen Reisen – und dem Kartenspiel. Albert spielt gerne und lang, zuweilen nächtelang. Doch nie um großes Geld. Albert achtet auf das Auskommen mit dem Einkommen – und darauf, dass seine Anna bloß nicht auch das Skat-Spielen erlernt. Doch wie immer weiß sie sich zu helfen. Ihr Herz gehört heute dem Rommé und Canasta. Wie nahe die zwei einander stehen, kann man hören. Wenn die Bilder mit Anna Kuss durchgehen in ihrem Kopf und sie mit Herz und Temperament ihre Zuhörer mitnimmt, wähnt ihr Zungenschlag, sie sei ebenso wie ihr Albert in der Pfalz geboren.

Das Unternehmen gedeiht, bald haben sie auf dem Tönniesberg in Hannover ihren eigenen Handelsstand. Dem Tempo-Wagen folgen ein Hanomag (Zwei-Tonner) und ein Mercedes (Drei-Tonner! Ihre Augen leuchten). Eine kurze Handelspause nach dem viel zu frühen Schlaganfall Alberts 1971 halten die zwei nicht lange aus. Und als Kollegen fragen, ob sie in Hamburg auf dem Großmarkt nicht einspringen könnten, legen sie sich noch einmal bis 1983 ins Zeug. Als Anna Kuss eines Tages auf der Vahrenwalder Straße am Steuer ihres Lastwagens einschläft und einem wohl endgültigen Unfall nur knapp entgeht, zieht Albert buchstäblich die Notbremse.

Den Hof in Schulenburg-Nord haben sie nach dem Tode der Eltern – Mutter Anna ist schon seit 1964 nicht mehr bei ihnen, Vater Heinrich geht 1974 – langsam abgewickelt. Was auch immer kommen mag, hat Vater Heinrich Anna ins Stammbuch geschrieben, niemals verkaufe Grund und Boden. Doch was tun damit? Das Land gegenüber dem Elternhaus verkauft Ehepaar Kuss Anfang der 90-er Jahre an den Schulenburger Landwirt Dietmar Grundey. Er errichtet darauf eine Art – er nennt es Schafstall. Es ist eine Gemengelage aus Stall und Aufenthaltsräumen. Die Nord-Dörfler werden sie lieben lernen, weil sie darin feiern dürfen.

Anna Kuss sieht im Sommer 2012 während unseres Ausflugs mit gerunzelter Stirn hinüber auf die längst geräumten Stallungen. Ihr war dieses Areal, nun: zu unaufgeräumt. Man bleibt höflich.

Anna und Albert Kuss leben seit Mitte der 60-er Jahre in ihrem selbst gebauten Mehrfamilienhaus in Schulenburg-Süd. Ihr Zuhause aber bleibt ihr Dorf im Norden. Wenn sie abends vom Geschäft zurückkommen, geht es mit dem Rad zu Papa. Auch Albert nennt Heinrich Wilke so. Als letztes wird Neffe Arthur im Elternhaus wohnen, bis es 1991 an den Flughafen verkauft und bald darauf abgerissen wird.

Der Grund für den frühzeitigen Verkauf kann Anna Kuss heute nur noch wage rekonstruieren. Die Rede ist von Schutzzonen, in die der Wilkesche Grund hineingeragt hat. Vor allem nach der Verlängerung der Nordbahn in den 60-er Jahren. Und in der Tat ist in Schulenburgs Ortschronik ein Faksimile eines Schreibens abgedruckt. Unterschrieben hat es Albert Kuss. Er will nicht, dass der Hof seines Hauswirts (gemeint sind seine Schwiegereltern) nach dem zweiten Teilausbau der Nordbahn fortan in einer Baubegrenzungszone liegen wird. Kuss fürchtet, ein Teil müsse abgetragen werden, mindestens aber werde die Gesundheit der Bewohner beeinträchtigt und der Wert des Hauses gemindert. Die Flughafen-Gesellschaft habe ihn entsprechend zu entschädigen. Ob entschädigt wurde, kann Albert Kuss heute nicht mehr berichten. Abgetragen wurde jedenfalls nichts.

Zumindest nicht 1964.

2 Kommentare

  1. Karl-Heinz Dahlke sagt:

    Ja, das kann durchaus das Haus von „Menne Findeisen“ sein, dass dort ganz klein am Bildrand zu erkennen ist. Wissen Sie noch etwas über Heinz Berger?

  2. Schöne Bilder. Ganz rechts am Bildrand vom Gemüsebeet der Familie Kuss meine ich im Hintergrund unser ehemaliges Haus zu sehen?! Vom Haus der Familie Kuss kenne ich zumindest die obere Etage. Dort wohnte damals Heinz Berger, der in Schulenburg-Nord einen Fuhrbetrieb hatte.

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