Der große Franz und eine Finanzministerin (Teil 25)

„Ab heute bist Du, weil’s schön so klingt, für mich der große Franz.“ – Der hier so nett Besungene feiert in diesem Jahr seinen 14. Geburtstag. Und in etwa so alt sind auch diese Zeilen. Noch größer ist der schmucke Franz inzwischen nicht geworden. Er war es schon immer. Satte 74 Meter. Wie es sich für einen ordentlichen Tower gehört. Besungen hat ihn übrigens eine Finanzministerin.

Diese Finanzministerin hat besondere Attribute: sie brutzelt die wahrscheinlich besten Kartoffelpuffer Schulenburgs; sie entlockt schlaflosen Nachtstunden Einkaufstaschen aus Resten eines Duschvorhangs; und sie kennt den verdienten – nun, nennen wir es – Respekt eines Flughafenmanagers. Doris Dörge heißt sie und mit ihrem Mann Günter wohnt sie seit einem guten Jahr nur zwei, drei Autolängen neben Schulenburgs Dorfstraße. In Steinwurfnähe ihrer Haustür sind Namen zu entdecken: Stünkel, Dahlke, Riedel.

Viele gesprochene Worte brauchen Doris und Günter Dörge nicht, um sich zu verstehen. Weder bei Beutestücken noch bei Vertragsverhandlungen.

Das liest sich wie früher. Früher, als all diese Namen zu entdecken waren in Schulenburg-Nord. In Zeiten des fröhlichen Zusammenlebens. Als Gedichte entstanden zur feierlichen Eröffnung des neuen Towers gleich am Ende des Gartens. Sie alle wohnten im Grunde ebenfalls an eben jener Dorfstraße, die durch Schulenburg führt. Als diese noch nicht abgetrennt war durch die südliche Landebahn des Flughafens.

Es ist weniger ein Wink des Schicksals, dass es gleich vier Familien aus Schulenburg-Nord in diesen südlichen Winkel ihrer Ortschaft gespült hat. Es ist das neue Baugebiet, das dort entstanden ist und dem Flughafen bei der Suche nach Tauschgrundstücken für die verkaufswilligen Nordler in die Hände spielte.

Entlang der Luftlinie bemessen mag es vielleicht nur ein knapper Kilometer sein bis in die alte Heimat. Und doch scheinen Welten dazwischen zu liegen. Statt der einst stattlichen Grundstücke oben im Norden, teils bewaldet und stets mit dem weiten Blick ins unverbaute Grün, grenzt hier nun Zaun an Zaun. Geschickte Einfamilienhausarchitektur aus dem Bauträger-Katalog verhindert den prüfenden Blick auf das Frühstücksbrett des Nachbarn.

Auch den überschaubaren Garten von Doris und Günter Dörge umrahmt Metall. Wer genauer hinsieht, mag sich fragen, warum der eine oder andere Pfosten vielleicht nicht ganz so nigelnagelneu daherkommt wie der Rest dieses Neubaugebietes. Es sind Pfosten mit Geschichte. Günter Dörge hat sie mitgenommen – aus Schulenburg-Nord. Von seinem einstigen Grundstück mit der Nummer 30. Warum etwas dort belassen, wenn es noch taugt. Das ist keine Frage – nicht für Günter Dörge.

Und deshalb füllt nicht nur ein Auto die Garage. Vielleicht sollte man das Sammelsurium der überdies darin befindlichen Dinge als eine Art Beutestück verstehen. Von Günter Dörge immer mal wieder eingepackt. Nach dem Auszug aus dem alten Haus in Schulenburg-Nord – und vor dessen Abriss. Immer wieder zog es ihn dorthin. Und immer fiel ihm noch etwas ein, das einen Umzug nach Schulenburg verdient hätte. Immer in Absprache mit dem neuen Eigentümer, dem Flughafen. Immer wieder – bis Doris ein Machtwort sprach.

Wirklich sprechen muss sie dies eigentlich nicht. 65 Jahre werden in diesem März vergangen sein, seit Günter seine Doris das erste Mal nach dem wöchentlichen Tanz nachhause gebracht hat. Und so verstehen sich die zwei heute, so scheint es, ohne viele gesprochene Worte. Ein warmer Blick. Eine sanfte Hand auf dem Arm. Soviel Zeit darf sein.

So taten sie es auch, als sie das erste Mal am Tisch von Michael Hesse saßen, dem Verhandlungsverantwortlichen auf Seiten des Flughafen. Als ihnen nicht gefiel, was ihnen widerfuhr. Gewartet hatten sie alleine im Büro zu lang. Vernommen hatten sie ihrer Meinung nach nicht viel Nettes. Und so standen sie wortlos auf und ließen den Flughafenmanager Flughafenmanager sein.

Drei Jahre des Schweigens folgten. Bis zum Tag des Friedensangebotes, als Michael Hesse eine Finanzministerin kennenlernte.

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