Ein letzter Tanz mit Schmidtchen Schleicher (Teil 28)

Eigentlich fehlen ja nur vier Buchstaben. Schulenburg ja. Nord nein. Doch Doris und Günter Dörge vermissen in ihrem neuen Refugium unweit der Schulenburger Dorfstraße Dinge, die lassen sich nur schwer buchstabieren. Seit nunmehr knapp zwei Jahren fehlt der weite Blick. Die Nähe der Nachbarn, auch wenn man ihnen nicht ins Fenster schauen kann. Und Schmidtchen Schleicher.

Beim Tanz haben sich die zwei gefunden. Beim Tanz in schwerer, noch kriegsgeprägter Zeit. Doris und Günter Dörge haben sich diese Flucht aus grauem Alltag bewahrt. Und sie finden in Schulenburg-Nord mehr als nur Gleichgesinnte.

Die Bilder aus jenen Tagen erzählen Geschichten von kunstvoll selbstgenähten Kostümen zur Karnevalszeit. Von Festivitäten stets in lang. Von einer verschworenen Runde mit den Nachbarn. Geburtstage. Festtage. Einfach so. Und dann stirbt Schmidtchen Schleicher. 1987. Und nichts ist mehr so, wie es war.

Gefeiert wurde im Hause Dörge nicht nur zur Faschingszeit viel und gerne – und immer in lang. Foto: privat

Schmidtchen Schleicher heißt mit bürgerlichem Namen Martin Spill. Er bewohnt mit seiner Frau Gerda, einer geborenen Münkel, das Haus mit der Nummer 36. So besonders gut tanzen, erzählt Gerde Spill, inzwischen 87-jährig, kann ihr Martin eigentlich nicht. Nur so gut halt, wie es sich die Männer in polnischer Kriegsgefangenschaft beizubringen vermochten. Aber ihr Martin kann in jenen Tagen, naja, halt so komische Dinge mit den Beinen. Schmidtchen Schleicher eben, e-las-ti-sche-bei-ne und so. Viel, viel Spaß haben sie alle miteinander. Sagt sie. Der Soundtrack jener Tage spricht Bände. Der Klinkerbau mit der Nummer 36 ist das Elternhaus seiner Frau. Es ist Anfang 2013 eines der wenigen Häuser, die noch stehen. Es ist 1991 eines der ersten, das an den Flughafen verkauft wird.

Die Reihe der Verstorbenen wächst. Heinrich Fiene, Haus Nummer 32. Werner Riedel im Haus Nummer 34. Sein Haus wird als erstes abgerissen. Nach dem Tode der Freunde bricht die Runde auseinander. Dass Gerda Spill nur wenige Jahre nach dem Tode ihres Mannes die Ausbaupläne ihrer zwei Söhne im Elternhaus stoppt und ihren Auszug plant, davon erfahren Doris und Günter nicht. Hätten sie es gewusst – sie hätten ihr gesagt: Bleib hier!

Ganz sicher! Oder? Die Abgeschiedenheit am Ende der Stadt, in fußunläufiger Entfernung zu Ärzten, Lebensmitteln, überhaupt anderen Vertrauten, ist – Günter Dörge gerät ins Grübeln – dann vielleicht doch kein Thema fürs Altwerden.

Doch eine neue Generation wächst heran. Aus zwei Kindern werden neun Enkel und inzwischen sogar zwei Urenkel. Und wenn Oma Doris ruft, kommen sie alle. Dies ist vor allem, wenn auch nicht gänzlich, sagenumwobenen Kartoffelpuffern geschuldet. Oma ist da, wenn die Kinder arbeiten und in den Ferien ein Domiziel für die Kurzen brauchen. In Schulenburg-Nord ist Platz genug dafür. In Schulenburg ohne Nord nicht mehr.

Selbst umzuziehen ist für Dörges kein Thema. Bis 2007 verschwenden sie daran keinen Gedanken. Im Gegenteil. In steter Emsigkeit wird das Haus saniert. Der neue Tower wird 1999 mit einem Gedicht besungen. Auch wenn man von ihm aus in Dörges Schlafzimmer schauen kann. Der Norddeutsche Rundfunk besucht sie anlässlich des neuen Nachbarn. Ein Rundflug wird dem Ehepaar beschert. Zeitungsartikel dokumentieren dies bis heute sorgsam behütet.

Irgendwann sind die Alten weg. Die Jungen suchen sich ihre eigenen Interessen. In den verkauften Häusern schotten sich neue Mieter ab. Den nächsten sichtbaren Einschnitt in dieses Leben erledigt die Natur. Eine Windhose fegt 2005 den gesamten Wald am Ostende des Grundstückes hinweg. Den nächsten präsentieren die Herren vom Katasteramt. 2007 gehen die Planungen für den Bebauungsplan 712 zwischen Dörges und dem Tower in eine entscheidende Runde. So entscheidend, dass klar wird, ohne einen Zipfel des Dörge’schen Landes geht es nicht. Eine simple Anfrage, ob man denn mal zum Vermessen durch den Garten marschieren kann, ist der Anfang vom Ende des Lebens in Schulenburg-Nord.

Und so nimmt das Ehepaar Dörge sein Herz in die Hand und Kontakt auf zu den Herren jenseits des Zauns. Es stehen Entscheidungen an. Die Heizung neu? Ein neuer Zaun? Wer will jetzt noch investieren? Ein Gutachten wird angefertigt. Ein Termin vereinbart.

Doris und Günter Dörge können sich an vieles in ihrem Leben erinnern. Und auch diesen ersten Termin mit Michael Hesse, den werden sie nicht vergessen. Hesse wahrscheinlich auch nicht. Seit diesem Tage trägt Doris Dörge bei ihm den Titel der Finanzministerin. Verpackt in hörbaren Respekt.

Nun gehören zu einer Geschichte immer mindestens zwei Blickwinkel. Und warum nun Hesses beachtenswerte Uhr auf dem Schreibtisch niedergelegt wird, warum er knapp eine Stunde später erscheint als das Ehepaar – dafür mag es Gründe geben. Auch dafür, dass Dörges Preisvorstellung von Hesses offenkundig deutlich abweicht. Doris und Günter Dörge müssen sich jedenfalls noch nicht einmal großartig absprechen. Sie müssen es gar nicht. Rund fünf Jahre nach diesem legendären Treffen liegt das Gutachterbuch wieder auf einem Tisch. Und wieder nimmt es Doris Dörge in ihre kleinen, arbeitsamen Hände. Und wieder knallt sie es mit spürbarer, innerlicher Freude zu und steht auf – nur diesmal verlässt sie mit ihrem Mann nicht wie fünf Jahre zuvor wortlos ein Büro und lässt einen einigermaßen verdutzten Flughafen-Manager zurück. Diesmal setzt sie sich wieder zu ihrem Besuch an ihren Esstisch und atmet tief durch. Ein verschmitztes Lachen huscht über ihr Gesicht.

Es folgen drei Jahre Funkstille. Die Heizung wird ein-, der Zaun aufgebaut.

2009 kommen die Herren vom Katasteramt wieder. So wie die Verkaufsverhandlungen zwischen der Familie Dörge und dem Flughafen stocken in jener Zeit auch die Beratungen um den Bebauungsplan nebenan. Hesse und Dörges sind sich in den drei Jahren schweigsam aus dem Weg gegangen. Bei einer Veranstaltung zum Thema Fluglärm im Dorfgemeinschaftshaus treffen sie wieder aufeinander. Da fasst sich Doris Dörge ein Herz und Hesses Hand. Frieden? Frieden. 2010 ist das Haus verkauft. Pünktlich und ohne Uhr.

Und nun? Es gab zum Auszug noch ein Gedicht. Das habe Hesse. Sie selbst aber haben abgeschlossen mit der Vergangenheit. Irgendwann sei es gelungen. Sagen sie jedenfalls. Als sie nicht mehr falsch abbogen mit dem Auto und sich plötzlich auf dem Weg nach Schulenburg-Nord wiederfanden. Als ihnen beim Blick aus dem Fenster die Häuser nebenan auf nunmehr nur noch einem Zehntel Grund nicht mehr so heftig ins Auge sprangen.

Ja, wären sie nur 15 Jahre jünger gewesen … Der Satz lässt Günter Dörge nicht los. Doch dann blicken sich die zwei in die Augen.

„Ach nein“, und ein warmes Lachen weht durch das Zimmer, „wir haben nichts versäumt im Leben.“

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