Von Gänsehaut und Gummilaufen (Teil 29)

Es ist egal, wen man fragt. Ob Alt oder Jung. Kind zu sein war und ist in Schulenburg-Nord offenbar unvergleichbar. Unvergleichbar frei. Und nass. Und dreckig. Und laut. Schön halt.

Ich weiß nicht, wann sich Alissa Damaske und Gundula Blöhm zuletzt gesehen haben oder ob dies jemals stattgefunden hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass die zwei sich abgesprochen haben, tendiert jedenfalls gegen Null. Auch wenn das jeweilige Elternhaus auf derselben Seite der Dorfstraße in Schulenburg-Nord steht (in einem Fall eher stand), nur ein, zwei Steinwürfe voneinander entfernt.

Alissa Damaske wurde 1990 geboren und wohnt heute im Haus Nummer 22. Gundula Blöhm kam 1943 zur Welt. Im Haus mit der Nummer 32. Das Haus mit der Nummer 32 steht nicht mehr. Es wurde abgerissen im März 2012. Alissas Haus wird diesem Weg folgen. Ihre Eltern, ihr Bruder, sie selbst, ihr Freund und ihr Sohn müssen bis Sommer 2013 ausgezogen sein. So sieht es der Vertrag vor, den ihre Eltern im Frühjahr 2012 mit dem Flughafen unterzeichnet haben.

Dieses geteilte Schicksal mag traurig stimmen. Ihre geteilten Kindheitserinnerungen dagegen machen unsagbar neidisch. Sie sind geprägt von Freiheit. Vom unbeobachtet sein. Von diebischer Freude über gelungene Streiche. Vom mittags nach der Schule nach draußen verschwinden und irgendwann später – im besten Fall pünktlich zum Abendbrot – wieder auftauchen. Vermutlich nicht mehr ganz taufrisch. Und sehr wahrscheinlich mit einem hohen Bedarf an Seife. Also jedenfalls theoretisch.

Siegfried (von links), Heidi und Gundula Fiene haben in Schulenburg-Nord eine Kindheit verbracht, wie sie heute nur noch schwer vorstellbar ist. Foto: privat

Gundula Blöhm ist eine geborene Fiene. Sie ist die Mittlere von drei Geschwistern. Sie wohnt wie ihre Schwester Heidi und ihr Bruder Siegfried heute nicht wirklich weit weg vom Standort ihres Elternhauses. Und wer den beiden Schwestern lauschen darf …

… dem wird in diesen Wintertagen im Februar 2013 sehr schnell klar, dass der beste Weg, das Schlittschuhfahren zu erlernen, im Grunde eigentlich ein Graben ist. Buchstäblich. Wo sonst gereicht einem die Natur zur Linken wie zur Rechten eine Böschung, an der man sich exzellent entlang hangeln kann, wenn es noch nicht so recht klappen soll mit dem eleganten Gleiten.

Schlittschuhlaufen Anfang der 50-er Jahre gelingt in Schulenburg-Nord mit einer naturgegebenen Choreographie: Als erstes friert die Kuhle hinter der Spedition Kaufmann ein (Alissas Großeltern). Dann ereilt es den Bombentrichter auf der Wiese daneben (heute TNT). Es folgt der Meierteich (ein kleiner Teich neben dem Haus von Horst Krause in Nummer drei, benannt nach dem Hühner-Züchter Meier, der vor Krause das Haus bewohnte). Und schließlich, wenn es der Frost mit den Kindern in Schulenburg-Nord so richtig gut meint, ja dann kann man seine Runden drehen auf der Tonkuhle am Hotel Aquarium (seit einigen Jahren begraben unter der Nordbahn). Dass Ende Februar 2013 das mit dem Schlittschuhfahren in Schulenburg-Nord nicht so recht praktiziert wird, liegt nicht nur am fehlenden Frost. Es fehlt an Kindern. In Haus Nummer 39 fiebern die Enkel von Karl-Heinz Dahlke dem in den Endzügen befindlichen Neubau in Engelbostel entgegen, bevor auch ihr Haus vielleicht sogar noch in diesem Jahr abgerissen wird. Alissas Sohn ist noch keine zwei Jahre alt und arbeitet wahrscheinlich eher noch an seiner B-Note auf trockenem Boden. Alle übrigen Kindern sind weg.

Gundula und Heidi (ehemals) Fiene wissen nicht nur noch sehr genau, wann man wo am besten schliddern kann. Sie wissen auch genau, wo sie eines Tages vielleicht ein wenig zu früh dran gewesen sind damit. In die Kuhle hinter der Spedition Kaufmann, da brechen Gundula und ihre Freundin Edda Schaperjahn aus dem Haus 26 in frühen Kindertagen mit dem Schlitten ein. Muss wohl doch nur eine Gänsehaut draufgewesen sein, sprich: Das Eis ist zu dünn. Fast gelingt es Gundula, ungeschoren davonzukommen: Das „Mädchen“ im Speditions-Hause Schaperjahn gewährt den Mädels Asyl am Ofen. Aus dem Traum, die verunglückte Schlittenfahrt könnte zuhause unerkannt bleiben, wird für Gundula dennoch nichts. Zu schnell ertönt der entscheidende Pfiff über die Dorfstraße: Mehr als diesen einen gibt es von Mutter Fiene grundsätzlich nicht zu hören, wenn sie ihre Kinder pünktlich zum Abendbrot am Tisch haben will.

Ähnlich ergeht es ihrer Schwester Heidi – beim Gummilaufen. Das ist, wonach es sich anhört: Laufen über nachgebenden Grund. Im Klartext: Laufen über Eis, das schon brüchig ist. Naja, über der Kuhle hinter Spedition Kaufmann im Haus Nummer 22 war es offenbar zu brüchig. Und so bricht auch sie dort ein – und stinkt nach dem unfreiwilligen Bad im Brackwasser erbärmlich. Was für Eltern ausflugsfreudiger Kinder heute eher für eine nervige Zusatz-Maschinen-Ladung steht, ist damals ein Donnerwetter-Grund. Saubere Kleidung zum Wechseln. Wer hat das schon?

Das schönste Abenteuer jener Tage aber findet für Gundula und Edda im Sommer statt. Auf den Speditionsanhängern im Hause Schaperjahn. Nirgendwo können die zehnjährigen Damen besser träumen vom Strand, von fernen Reisen. Jedenfalls ferner als bis zur Tonkuhle am Aquarium. Die zwei betten sich in ihre Phantasiewelt – höchst verboten – mit diebischer Freude nach einer halsbrecherischen Kletterpartie in der großen Abstellhalle oben auf die Planen der Anhänger.

Das mit der Reise so in die Ferne, also die richtige Ferne, das wird eines Tages um ein Haar Wirklichkeit. An dem Tag, an dem unter den Damen plötzlich das Geräusch und Gerumpel deutlich zu vernehmen ist, das immer ertönt, wenn ein Anhänger an seine Zugmaschine gekoppelt wird. Noch ehe die zwei Mädchen an ihrem Balken in der Halle den geordneten Rückzug antreten können, wird der Anhänger aus der Halle gezogen.

Nun, das Schicksal ist auf ihrer Seite – und schlicht zu wenig Diesel im Tank. Das Gespann legt an der hauseigenen Zapfsäule den entscheidenden Halt ein. Zeit genug für die Ausreißerinnen wider Willen, sich an der Plane zumindest so weit hinunter hangeln zu können, dass sie erstmal im Inneren des Lastwagens untertauchen können. Einmal verschnaufen, kurz die Lage prüfen und raus aus dem Kasten.

56 Jahre später grinst Gundula, heute eine verheiratete Blöhm, breit über beide Wangen, während sie dies erzählt. Sie sitzt in Engelbostel auf der heimatlichen Wohnzimmercouch, hat ihrem Schicksal inzwischen noch mindestens zweimal in bangen Krankenhauswochen ein entscheidendes Schnippchen geschlagen – und freut sich ihres Lebens.

Nur eines bedauert sie aufrichtig:

„Dass die Kinder heute so gar nicht mehr unbeobachtet spielen können.“ Ein Seufzer, der Alissa Damaske beim Anblick ihres Sohnes irgendwann in neuer Heimat wahrscheinlich auch nicht fremd sein wird.

2 Kommentare

  1. Die Freizeitgestaltung in Schulenburg-Nord war etwas ganz Besonderes. Im zarten Alter von ca. 12 Jahren habe ich damals mit Heiner Schaperjahn auf dem Acker meines Opas in einem VW Käfer Runden gedreht. Opa war im Urlaub und es gab dann auch das entsprechende Donnerwetter. Aber der der Spaß war auf unserer Seite. Heutzutage unvorstellbar…?!!

  2. Sabine Gerberding (geb. Mroschel) sagt:

    Eine sehr schöne Rubrik zum Lesen und Schwelgen in Kindheitserinnerungen. Bei Geburtstagen meiner Oma Grete Fiene und meines Opas Heinrich Fiene hatten meine Schwester, meine 3 Cousinen und 2 Cousins immer sehr viel Spaß und konnten in Schulenburg-Nord auch viel Streiche aushecken. Schade, dass der ganze Ortsteil dem Erdboden gleich gemacht wird. Freue mich schon auf weitere Geschichten. Nur weiter so.

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