Wer durstig ist, muss laufen (Teil 30)

Februar 2013, ein Wohnzimmer in Engelbostel. Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr vergangen, seitdem Heidi Mroschel und Gundula Blöhm, beide geborene Fiene, ihr Elternhaus in Schulenburg-Nord haben verschwinden sehen. Längst hat sich Gras darüber breit gemacht. Und doch ist die Zeit der Entdeckungen nicht vorbei.

Worüber sich am fernen Ende des Grundstückes Jahrzehnte das Dickicht ausbreiten konnte, liegt jetzt frei:
Der Brunnen ist wieder da!
Welcher Brunnen?
Na, der mit dem gelben Wasser.
Ach so, der für die Tiere.
Die Schwestern verstehen sich.

Wasser ist in Schulenburg-Nord ein besonderes Thema. Meistens ist auf dem Lehmboden zuviel davon da. Vor allem dort, wo man es nicht braucht. Im Keller des Fiene’schen Haus zum Beispiel. Oder es gibt zu wenig. Zumindest für die Zweibeiner. Dann, wenn im Sommer der Trinkwasserbrunnen am Haus trocken fällt. Dann muss der Fiene-Nachwuchs laufen. Bis ganz nach vorne zur Kreuzung. Zur Spedition Schaperjahn. Die konnten tiefer bohren. Sie haben sogar eine Leitung ins Haus! Eine Schwengelpumpe! Die Kinder sind beeindruckt. Auch fast 70 Jahre später noch.

Doch die Geschichte Fiene in Schulenburg-Nord beginnt viel früher. Für mich beginnt sie mit einem Foto. Drei Personen darauf. Sie scheinen nicht besonders erbaut davon zu sein, dass sie jemand festhalten will. Und sei es auch nur auf Papier. Unbändig der Blick. Ungnädig. Unbeugsam. Eine Mutter, eine Tochter auf dem Arm. Der Sohn links daneben. Eine Scheunentür hinter ihnen.  Harte Zeiten. Wenig Geld. Noch weniger Raum für Schnörkel. Vorsicht! Bissiger Hund.

 

Keine Zeit für Schnörkel: Emma Fiene hält ihre Tochter Ellie auf dem Arm, ihr Sohn Heinrich steht ihr zur Seite. Ein Bild am Anfang des letzten Jahrhunderts. Foto: privat

Die Frau heißt Emma Fiene, geboren etwa 1890. So ganz genau wissen dies ihre Enkelinnen auf ihrer Couch in Engelbostel nicht zu sagen. Auf dem Arm dieser hager-großen Frau mit dem strengen Blick sitzt Ellie, Jahrgang 1920. Ungestümer Pony über ebensolchen Augen. Ihnen zur Seite wacht mit verschränkten Armen Heinrich, dies seit 1915. Seinen Mann möchte er wohl stehen. Lieber heute als morgen.

In welchem Jahr dieses Bild entstanden ist, mag man raten. Offenkundig wohnt die Familie noch an Schulenburgs Dorfstraße, ein gutes Stück weiter nördlich von jener Stelle, an der heute in schmucken Neubauten gleich eine Handvoll aus Schulenburg-Nord versprengter Familien ihr neues Heim gefunden haben (Teil 25). 1925 wird Emmas Ehemann, Heinrich Fiene, für seine Familie ein Grundstück kaufen ganz oben im Norden. Dort, wo doch jetzt die Ziegelei dicht gemacht hat. Dort, wohin auch die anderen gegangen sind. Heinrichs Sohn und Namensträger auf dem Foto mag seinen zehnten Geburtstag zum Zeitpunkt der Fotografie schon gefeiert haben. Es will wohl eines der letzten Bildnisse sein, das unten im Dorf gemacht wurde von den dreien.

Zurück lassen sie keinen Hof. In Zugehhäusern, so nennen es die Enkelinnen, hätten sie dort gewohnt, der Maurer Heinrich und seine Frau Emma mit ihren zwei Kindern. Und sie müssen ihr neues Eigen, diese zwei Morgen ehemaligen Ziegeleigrund erst mit eigener Hände Arbeit urbar machen. Mehr Land darf es nicht sein, sagen die Enkelinnen. Sonst, so ist es ihnen überliefert worden, müsste Fiene offiziell Landwirtschaft anmelden. Wurzelstuken längst verfeuerter Bäume durchsetzen das Land. Sie allesamt graben Heinrich, Emma und ihre Freunde einen nach dem anderen aus dem Lehmboden. Doch bis die erste Mauer gezogen werden kann, muss das Moor trocken gelegt werden. Fienes pflanzen Birken. Birken haben immer Durst. Wie Kinder. Nur müssen die nicht zum Brunnen laufen.

Heinrich Fiene will aber nicht irgendetwas bauen. Es soll etwas Besonderes werden. Ein Haus mit Keller. Diese Entscheidung trägt ihre Zukunft und damit das Ende schon in sich. Davon aber ahnt das arbeitsame Paar vor nunmehr fast neunzig Jahren wohl kaum etwas. Doch der Keller und das unliebsame Wasser darin bleiben in den Jahrzehnten genauso Thema wie die einst mit wundgescheuerten Händen erkämpften Stuken. Sie verschwanden weit vor den Geburtsjahren Heidis und Gundulas. Und doch gehören sie fest zu den Geschichten ihrer Kindheit.

Die Häuser in Schulenburg-Nord sind – abgesehen von der Villa und ihrer später zum Pferdekopfhaus umgebauten Remise – keine architektonischen Besonderheiten. Solide gemauert, zumeist sauber verstrichen, Satteldach, drinnen Platz genug auch für Mieter, ein Stall dahinter, dazu Land fürs Nötigste für Zwei- und Vierbeiner. Fließend Wasser haben nur die wenigsten. Auch auf dem Hof Fiene gibt es zwei Brunnen. Einer vorne am Haus für die Menschen, einen hinten am Acker fürs Vieh. Ja, der mit dem gelben Wasser.

Bis 1954 wird es dauern, bis Heinrich Junior, seit 1939 verheiratet mit seiner Grete und inzwischen selber Vater dreier Kinder, seiner Familie stolz den ersten Wasserhahn im Haus präsentieren kann. Doch bis es ein Ende hat mit dem Waschen hinter Handtüchern in der Großküche, bis es ein echtes Bad geben wird, mit Wanne und allem Gedöns, vergehen noch einmal zwanzig Jahre. Stolz errungen ist es – seinerzeit sogar schon gegen den anfänglichen Widerstand der Stadt. Seit 1952 ist der Flughafen in Betrieb. Seither soll es nicht weitergehen mit dieser Splittersiedlung da oben. Doch Bad und Wanne kommen.

40 Jahre später kommt der Abrissbagger. Und reißt sie wieder raus.

2 Kommentare

  1. Wir wohnten im Fienen-Haus mit den 2 Brunnen bis 1952. Für die große Wäsche gab es einen „Ersatzbrunnen“. Gleich hinter dem Haus von Paul Dahlke spitz zulaufendem Grundstück von Schaperjahn. Es durfte mit dem Handwagen im Einwecktopf, Kannen, Töpfen etc. Wasser für die Wäsche geholt werden. Damit nicht auf der Straße und dem Weg zuviel Wasser geopfert wurde, ging es gaaaanz langsam zurück.

  2. Wasser war tatsächlich ein kostbares Gut. Vor allen Dingen Trinkwasser. Wir hatten bei uns ja nur einen Brunnen. Waren nicht an das Trinkwassernetz angeschlossen. Brunnenwasser durfte nur abgekocht bzw. gar nicht getrunken werden. Im trockenen Sommer war selbst das Badewasser mehr als knapp.

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