Rasante Kurven, wieder Mist (Teil 31)

Was schult das Leben zwischen zwei Landebahnen? Wir haben gelernt: In Gräben das Schlittschuhlaufen. Auf LKW-Planen das Träumen. Neu ist: Das richtige Kurvenverhalten auf Misthaufen, Verkehrsregeln unter herabfallenden Propellerteilen und Erste Hilfe in der Küche.

Der Blick auf die Karte ist wie jener ins richtige Leben: Schulenburg-Nord ist vor allem – eine Straße. Schnurgerade, ohne Kurven, ohne Hügel. Plattes Land. Das ist ideal für alle, die lernen, auf einem Fahrrad zu fahren. Treten, lenken, Gleichgewicht halten. Am besten alles gleichzeitig. Stürzen. Bremsen. Oder umgekehrt. Und nochmal. Einmal hoch zur Nordbahn. Einmal runter zur Südbahn. Klappt.

Und dann?

Einst stoppte nur eine Ampel den Schulweg der Kinder vom Nord-Dorf nach Schulenburg. Auf diese achtete, wer wollte … Dann kappte der Zaun die Straße. Und irgendwann wird die Straße verschwunden sein.

Dann? – braucht man Vieh im Stall. Wer Vieh hat, hat Mist. Und wer Mist, einen Haufen. Und wer Gundula Fiene heißt, der holt sich ein paar Bretter, legt sie sich auf dem Haufen zurecht – und probiert sich und das Rad im perfekten Kurvenverhalten auf dem Hof mit der Nummer 32. Wenn’s mal nicht so elegant klappt, sieht’s ja keiner. Keiner außer Schwester Heidi und Bruder Siegfried. Aber die machen’s ja selber. Und außer ein paar Mieter-Kindern vielleicht. Und dem Soldatenehepaar, das nach dem Krieg erstmal gestrandet ist auf dem Hof. Naja, keiner halt, von dem unternehmungslustige Kinder sich hätten ein Abenteuer klauen lassen.

Die drei Geschwister lernen viel in jener Zeit, was Kinder heute nicht einmal mehr kennen lernen müssen. Wie man mit einer Stange Wasser holt aus einem Brunnen. Dass Menschen, die eigentlich nicht zur Familie gehören, doch irgendwie eng vertraut sind. Zumindest den Eltern. So wie Otto und Maria Strunz. In Kriegstagen er an der Flak in der Wiese hinter dem Haus, sie aus der fernen Stadt immer einmal wieder zu Besuch.

Und als der Krieg vorbei ist, Siegfried ein kleiner Junge, Gundula gerade dem Krabbelalter entwachsen und Heidi vielleicht schon im elterlichen Sinn, da bleiben die zwei eben da. Holen sich Bretter von dem Lager aus Kriegstagen, das in Schulenburg nicht mehr benötigt wird, um sich im Fiene’schen Hof eine Hütte zu bauen. Groß genug ist das Grundstück ja.

Sie haben bei Fienes im Haus ein Zimmer. Nun schaffen sie sich im Garten ein wenig Privatsphäre, zwei Zimmer. Luxus jener Tage. Geschlafen aber wird im Haus. Besser ist das.

1952 eröffnet der Flughafen offiziell seine Bahnen der zivilen Welt – und stellt erst einmal eine Ampel auf. Es ist für die Kinder Fiene der erste spürbare Einschnitt in ihre Welt. Denn die Ampel steht an der Dorfstraße zwischen ihrer Siedlung und der Schule in Schulenburg. Dort, worüber die Flugzeuge über die Südbahn das Irdische unter sich lassen. Soweit die Romantik. Die Gefährdungsanalyse der Theoretiker besagt jedoch: Von startenden Flugzeugen können Teile ungeplant einen eigenen Weg einschlagen, der Schwerkraft geschuldet meist nach unten. Und damit niemand zwischen Schulenburg-Nord und Schulenburg von einem Propellerteil erschlagen wird, bestimmt fortan die Ampel den Alltag der Dörfler zumindest ein kleines bisschen mit.

Vorausgesetzt, die Dörfler schenken diesen Lichtern ein wenig Aufmerksamkeit. Wer Gundula und ihre Schwester Heidi heute darüber reden hört, den dünkt, der Blick der Kinder geht in jenen Tagen höchst fasziniert nach oben. Wer eine Maschine hört, sucht das Freie, um zu gucken. Vor allem in der Nacht, wenn die Maschinen beleuchtet fliegen. Es liegt nahe, dass die Menschen stehen bleiben. Deshalb.

Später wird die Südbahn wachsen und mit ihr ein Zaun drum herum. So weit wachsen, dass die Dorfstraße durchschnitten wird. Gucken könnte man jetzt immer noch. Doch dann wird die Zeit knapp. Denn zur Schule müssen die Kinder jetzt mit Rad über den Krähenberg und Engelbostel fahren. Ein Hügel, mehrere Kurven. Wohl dem, der auf dem Misthaufen üben konnte.

Die Kinder lernen, was ein Telefon ist. Oder besser: Dass ein Obst- und Fruchtgroßhandel ein solches braucht. Die Familie Wilke, das letzte Haus vor der später gebauten Nordbahn mit der Nummer 38, besitzt als erstes eines (Teil 19, 20 und 22). Und wer nett fragt, darf es auch einmal benutzen.

Der erste Fernseher des Dorfes zieht ins Café Dosdall ein, unten an der Kreuzung. Und mit ihm der Fußball. 1954! Bern! Wunder! Wunder gibt es aber nur für die Großen. Für die Kleinen gibt es Eis für’n Zehner. Und auf der Mattscheibe den Kölner Karnevalsumzug am Rosenmontag. Blaues Wunder.

Nicht alles, was die Kinder lernen, würden die Eltern so ins Lehrbuch schreiben. Kurze Röcke, zum Beispiel. Hohe Schuhe. Wimperntusche! Gegen Mutters strenge Blicke helfen keine Bretter auf Misthaufen, soviel ist auch Gundula und Heidi klar. Und als die ältere Schwester nach vollendeter Schule 1958 in Stellung geht, eine Lehrstelle zur Miederschneiderin erhält im fernen Hannover, da wird eben die Tasche gepackt.

Wer seinerzeit zu Dienstbeginn um 6.30 Uhr hinter dem Bahnhof in Hannover sein muss, der darf um halb fünf starten in Schulenburg-Nord. Mit dem Rad. Denn die Straßenbahn startet am Brinker Hafen in Vinnhorst. Ein paar Wochen nach dem Beginn von Gundulas Lehre beehrt plötzlich nun auch der Postbus auf seiner Route von Garbsen nach Hannover Schulenburg. Er kommt mit einem Anhänger und ist trotzdem knüppelvoll. Der Bus kommt für Gundulas Dienstbeginn eigentlich zu spät. Aber weil ihre Anreise andernfalls allzu beschwerlich wäre, darf sie ein paar Minuten zu spät kommen. Das junge Mädchen freut’s: Bald bildet sich im Bus eine feste Clique. Und unweit der Bushaltestelle findet sich eine Garage, in die das Mädchen ihr Rad abstellen darf. Garagen sind prima. Für Räder. Und für junge Frauen, die sich von Muttern unbeobachtet in den illegal mitgeführten Rock zwängen möchten, die hohen Schuhe anlegen und ein wenig Farbe ins Gesicht bringen. Nun, halt alles, was Mütter so verbieten. Damals?

Siegfried Fiene, der älteste der drei Geschwister, schult im Laufe der Jahre seinen Blick für den Kreislauf seiner Schwester Gundula. Da hat so eine Waschstelle in der großen, gemeinsamen Küche hinter dem quergestellten Schrank doch ihre Vorteile. Zwar leidet die Schwester spätestens mit dem Eintreten in die Pubertät höllische schamhafte Qualen, sich dort zu waschen. Doch wenn der Körper schneller in die Höhe schießt, als es dem Blutdruck lieb ist, wird es halt öfter duster vor Augen. Und weil der Siegfried nun mal einen Blick für die drohende Ohnmacht seiner Schwester gewinnt, verläuft auch diese Phase der heranwachsenden Nord-Dörfler ohne ernsthafte Zwischenfälle.

Die kommen später.

Ein Kommentar

  1. Dosdall kannte natürlich jeder! Auf einen Bild der Abzweig zum Krähenberg. Eine gute Abkürzung, wenn man von Engelbostel zu Fuß oder per Rad kam. Im Dunkeln zwischen den Maisfeldern aber auch ein bisschen gruselig…damals so mit 12 – 13 – 14 Jahren.

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