Ein Ende unter Obstbäumen (Teil 32)

Womit beginnt das Ende? Mit einer Ampel unter einem Flugzeug? Mit einer zugeschütteten Tonkuhle und Wasser im Keller? Oder dem Enkel an der Axt – am Stamm des Obstbaumes?

Vielleicht ja auch mit einer vernünftigen Entscheidung? Wie man es auch drehen und wenden mag: Dirk und Steffi Stünkel haben 2008 Schulenburg-Nord Nummer 32 an den Flughafen verkauft. 82 Jahre nachdem Dirks Urgroßvater Heinrich Fiene es gebaut hat. Im März 2012 ziehen die letzten Mieter nach mehr als 40 Jahren aus. Kurz darauf lässt der Flughafen es abreißen.

Ein Abschied unter Obstbäumen. 87 Jahre, nachdem Heinrich Fiene seiner Familie ein neues Zuhause schuf, liegt Schulenburg-Nord Nummer 32 in Trümmern.

Heute wohnt das Paar an Schulenburgs Dorfstraße. Nicht weit entfernt von jenem Zugehhaus, aus dem sein Urgroßvater Heinrich mit Ehefrau Emma einst auszog, Land weiter oben in Norden urbar zu machen. In unmittelbarer Nachbarschaft benennen Namensschilder ehemalige Nachbarn aus Schulenburg-Nord: Dahlke, Riedel, Dörge. Sie alle eint: Wo sie einst wohnten, wächst heute Gras. Und: Wo sie heute leben, sollte es nie Häuser geben. Damals jedenfalls, als es noch um Pläne für eine Diagonal-Bahn für den Flughafen ging.

Heute gibt es keine Diagonal-Bahn. Heute gibt es eine Süd- und eine Nordbahn und Pläne für ein Gewerbegebiet. Und deshalb soll es in Schulenburg-Nord nun keine Häuser mehr geben. Keine Wohnhäuser zumindest.

Dirk und Steffi Stünkel haben sich den Verkauf nicht leicht gemacht. Zwar sind sie theoretisch bereits seit 1989 Eigentümer des Hauses in Schulenburg-Nord. Der Opa, einst selbst als Kind mit dem Vater von Schulenburg in den Norden gezogen, hat es dem Enkel überschrieben. Fortan leben sie zu viert dort oben: Der Enkel samt Ehefrau mit dem Großvater und dessen Frau Grete.

Dirks Mutter Gundula wohnt bereits seit ihrer Hochzeit Mitte der 60-er Jahre in Engelbostel. Ihr Bruder Siegfried mit Familie nunmehr in Schulenburg. Die Jüngste, ihre Schwester Heidi, bringt noch ihre beiden Kinder im Elternhaus zur Welt und zieht mit ihrer Familie 1971 nach Engelbostel.

Ihr Vater Heinrich hat seit seiner eigenen Hochzeit 1939 viel verändert an seinem Elternhaus. Das Plumpsklo vor dem Haus hat ausgedient. Auch der Stangen-Brunnen. Und nach zähem Ringen mit der Stadt darf er Mitte der 70-er Jahre auch endlich das Haus zur Gartenseite dachhoch um ein Treppenhaus erweitern. Dank dieses Anbaus ist die Zeit schamhafter Teenager hinter quergestellten Schränken vorbei: Statt einer Waschstelle in der großen Gemeinschaftsküche gibt es – Bäder.

Dabei ist im Grunde klar, dass es für Schulenburg-Nord keine Zukunft gibt. Gundula, heute verheiratete Blöhm, benennt für sich die Verlängerung der Südbahn und den damit verbundenen ersten Schnitt durch die Dorfstraße als Beginn des Endes. Für andere mögen es der Bau der Nordbahn Mitte der 60-er und ihre mehrfachen Verlängerungen bis in die 90-er gewesen sein und damit der Abriss des Hotels Aquarium und das Verfüllen der Tonkuhle dort oben. Wieder andere wollen beobachten, dass seither die Gräben sich aufstauen bei allzu starkem Regen.

Doch gegen jedes Ende steht die Ruhrgas AG. Vermeintlich unumstößlich mit ihrer riesigen Verdichterhalle. Arbeitgeber, europaweites Vorzeigeprojekt mit dem ersten Untertagespeicher für Kokereigas aus dem fernen Ruhrgebiet. Gegen diesen Nachbarn hat niemand etwas. Naja, nicht mehr. Anfangs, erzählen die beiden Fiene-Töchter, macht der Gasspeicher Angst. Wie funktioniert der? Was, wenn der hoch geht? Kann der überhaupt hoch gehen? Die Gasleitungen liegen zu Beginn offen in den Gräben – im Gegenzug erhalten die Nord-Dörfler als erste einen Gasanschluss. Ein genügsamer Handel für genügsame Menschen. Für die Alten zumindest. Die lassen sich noch nicht einmal von dieser einen Explosion erschüttern. Was ist passiert? Man weiß es nicht. Alle sind erschreckt. Und Heidi, heute verheiratete Mroschel, ist sich sehr sicher, außer den Nachbarn niemanden im Dorf gesehen zu haben. Wie dann das Foto mit den Flammen in die Zeitung gewandert sei … Rätsel über Rätsel. Welche Flammen überhaupt?

Im Grunde wird nach Krieg, Flucht, Vertreibung und dem mühsamen Wiederfinden von Heimat und Ruhe jetzt alles besser. Wer stört sich da schon an Landebahnen oder einer Verdichterhalle, was auch immer das sein mag? Ein gegen alles sein, ein Protestieren gar – nein, das gibt es nicht.

Im Hinterkopf der Dorfbewohner schlummert zudem die Gewissheit: Der Flughafen mag ja kleine Wohnhäuser kaufen. Aber einen großen Energiekonzern auszahlen?! Solange die Ruhrgas bleibt, bleibt Schulenburg-Nord.

1989 gibt die Ruhrgas AG auf. Ganz von allein. Ihr Gelände verschenkt sie (Teil 18).

Fast zeitgleich mit dem Ende des Gasspeichers übergibt Heinrich Fiene das Haus seinem Enkel Dirk. Und vielleicht ist für den Großvater damit das Maß der Veränderungen voll. Doch die Zeit geht weiter, und der neue Hausherr hat Pläne. Gut gemeinte Pläne. Ein richtiger Altenteiler für die Großeltern mit neuer Haustür könnte im längst umgebauten Stalltrakt entstehen. Die Obstbäume im Garten bedürfen mehr Pflege, als sie die Bewohner leisten können. Es fällt der erste, der nächste. Gundula sagt, ihr Vater wird darüber krank. Sie sagt es ohne Groll. Es ist, wie es ist. Und leben müssen alle. Auch miteinander. 1992 stirbt Heinrich Fiene. Oma Grete lebt noch eine Weile weiter mit ihrem Enkel und dessen Familie. Aber schließlich ist ein Miteinander an anderer Stelle mit Pflege rund um die Uhr die bessere Lösung.

Zehn Jahre noch, so lässt der Flughafen 1989 verlauten, werde Schulenburg-Nord noch Ruhe haben. Es ist der erste Informationsabend dieser Art in der Grillhütte des NJK (Teil 10). Aus zehn Jahren werden bekanntlich 20. Es sind Jahre, in denen das Wasser immer öfter sich seinen Weg in den Fiene’schen Keller sucht. Es müsste eine Drainage rund um das Haus gelegt werden. So wie es an anderen Häusern längst geschehen ist. Auch die Heizung müsste erneuert werden in den Wohnungen des Stalltraktes. Den Nachtspeicheröfen darin hat der Schornsteinfeger nur noch Bestandsschutz eingeräumt. Sobald an ihnen etwas nicht mehr will, will er auch nicht mehr. Dann muss eine neue Heizung her. Die Liste der Geldbeträge wächst. Dirk Stünkel nennt sie am Ende der Bilanz sechsstellig. Was tun?

Der Flughafen hätte da eine Idee.

Zwar hat der große Nachbar keine detailreichen Erkenntnisse über den Zustand des Hauses. Aber 2008 macht er den Dorfbewohnern erneut seine Avancen. Ein Zufall, der Stünkels rechnen lässt. Wie alle Entscheidungen rund um das geschichtsträchtige Haus berät der Nachwuchs auch diese mit allen, deren Herz an dem Gebäude hängt. Lange reden muss er jedoch nicht. Mutter, Tante und Onkel sind schnell auf seiner Seite. Die Bilanz ist erdrückend: Wozu eine Riesensumme investieren, wenn niemand weiß, ob nochmal irgendjemand dort, am Ende der Welt, womöglich inmitten eines wachsenden Gewerbegebietes, jemals eine der Wohnungen mieten möchte? Ob das Haus für Stünkels Nachwuchs noch einen Euro wert sein wird als Erbe? Urgroßvater Fiene wollte das Haus stets stärken als Hort für seine Kinder, sein Sohn Heinrich tat sein Möglichstes im gleichen Sinne. Könnte nun der Verkauf womöglich der einzige Weg sein, diesen Wert zu erhalten?

Heinrich Fienes Kinder sagen ja. Und sie nehmen dem Enkel den schlimmsten aller Wege ab. Gundula fährt ins Pflegeheim ihrer Mutter Grete und setzt sie in Kenntnis über die im Grunde längst getroffene Entscheidung. Sie weiß, welche Reaktion auf die Tochter wartet. Aber sie scheut sie nicht. „Jetzt habe ich keine Heimat mehr.“ Das Zitat der Grete Fiene hängt über Stünkels Küchentisch Jahre später ein paar Momente still in der Luft. Aber nein, leicht gemacht hat es sich damit keiner.

Stünkels lassen einen Gutachter kommen. Fünf Mieter wohnen zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie im Haus. Man kann ja mal ausprobieren, was bei einem Verkauf herauskommt. Nun, man wird sich einig. Verhältnismäßig schnell und auf Augenhöhe. Stünkels verkaufen. Und mit ihnen Familie Riedel (Nummer 34) und Sauerborn, ihnen gehört zu diesem Zeitpunkt das Pferdekopfhaus. Riedels Haus fällt als erstes, kurze Zeit später ist es um Villa und Pferdekopfhaus geschehen. Es folgt das Haus von Brigitte Dahlke (Nummer 28). Nur Stünkels Haus bleibt stehen bis zum Frühjahr 2012.

Einige wenige Wochen vor dem terminierten Abriss des Hauses heißt es Abschied nehmen. Gundula, Heidi und Siegfried sind erschienen samt Ehepartnern, dazu Dirks Ehefrau Steffi nebst Hund. Ein, zwei Stunden staksen wir in eisigem Frühlingswind durch knietiefes Gras, lassen vorbeiziehen, wo einst Misthaufen das Radfahren schulten, wo Eltern und Großeltern wohl welchen Acker gepachtet hatten. Mehr da, wo jetzt die Flughafenfeuerwehr ist? Oder doch gleich neben dem Tower?

Und immer wieder das Bad. Für die Kinder, aufgewachsen am Waschtisch in der Küche, offenkundig die entscheidende Errungenschaft. Vielleicht weil, vielleicht obwohl sie dessen Luxus eigentlich nie selbst dort haben erleben dürfen.

Als der Abrissbagger kommt, stehe ich wieder im kniehohen Gras. Es ist tröstend ein wenig wärmer. Und diesmal bin ich alleine. Heidi Mroschel, Gundula Blöhm und Siegfried Fiene verfolgen den Abriss zwar täglich, aber jeder auf eigenen Wegen. Mit dem Rad lassen sie sich allabendlich den Blick nicht nehmen auf das stückweise Verschlingen ihres Geburtshauses. Was sie sehen, sehe ich nicht. Was ich, sie nicht. Vielleicht ist es ganz gut so.

Als der Bagger mit groben Zähnen die Badewanne aus dem aufgebrochenen Gemäuer reißt, den Schutt energisch herausschüttelt und sie schließlich von Luxus zu Schrott werden lässt, bin ich mit meinem Schaudern lieber alleine.

Fienes sicher auch.

6 Kommentare

  1. Bettina Groth, geb. Bothe sagt:

    Bei all‘ der Traurigkeit über unser Dorf, freue ich mich, als „altes Nord-Kind“ Namen aus
    Kindertagen zu lesen.

  2. Bettina Groth, geb. Bothe sagt:

    Auch ich bin ein „altes Nordkind“ und freue mich, Namen aus Kindertagen, wie Michael W.
    und Christina H., zu hören.

  3. Die Anhäufung der Bäume auf dem Bild ganz rechts (neuer Tower) war einmal unsere alte Heimat.

  4. Sabine Gerberding sagt:

    Ein schöner Artikel und doch lese ich diesen mit sehr viel Wehmut. Das Haus meiner Oma und meines Opas, später meines Cousins Dirk in Schutt und Asche zu sehen, stimmt mich doch sehr traurig. Hier haben wir viele schöne Stunden meiner Kindheit verbracht. Nun ist es nicht mehr da! Gut, dass mein Opa Heini – gestorben bereits 1992 – das nicht mehr miterleben musste und meine Oma Grete das nicht mehr gesehen hat. Schade für Dirk und Steffi, die sich soviel Mühe mit dem Haus gegeben haben…

    • Rebekka Neander sagt:

      Liebe Frau Gerberding ,

      herzlichen Dank für Ihre Kommentare. Ich habe die falsche Jahreszahl korrigiert. Liebe Grüße auch an Ihre Familie!

      Ihre Rebekka Neander

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