Mamor, Stein und ein Auto-Wrack (Teil 33)

Was ist wichtig im Leben? Dass man etwas kann. Dass man versteht, was die Mitmenschen meinen, wenn sie reden – selbst wenn es Künstler sind. Und dass man im richtigen Moment einen Fallschirm zur Hand hat. Es könnten ja Eulen kommen.

Die Villa ist aus Schulenburg-Nord spurlos verschwunden. Erst wuchernde Natur, später resolute Fräsen haben ihren Standort und selbst ihre Abbruchstelle nur einen Steinwurf neben der Südbahn des Flughafens ausradiert. Doch die Geschichten, die sich um das einst so prächtige Geschäftsführer-Wohnhaus der Ziegelei Stephanus ranken, sind ungezählt. Vor allem aber offenbar unerzählt. Wer auch immer denkt, er wisse alles, wird beim Gespräch mit dem nächsten einer weiteren belehrt.

Studenten-WG ist der erste Begriff, der mir in Schulenburg-Nord begegnet. Es müssen doch Studenten sein, die kurz vor dem Abriss gleich ganze drei Tage durchfeiern. Die Mutmaßung der Nachbarn jenseits der einzigen Kreuzung des Dorfes stimmt nicht ganz: Es sind keine Studenten und sie feiern zum Abschied auch nur zwei Tage (Teile 14 und 15). Amelie und Till de Boer, 2008 die letzten Mieter der Villa und derzeit mal wieder in ihrem indischen Winterquartier, haben ihrerseits das Haus übernommen als „Künstler-Villa“. Auch das stimmt – ein bisschen.

Nein, dieses Wrack fanden Püschels nicht vor im Garten der Villa. Dieses Kunstwerk stellten ihnen Freunde hinters Haus. Foto: privat

Der Vormieter der de Boers heißt Udo Püschel. Wer in Langenhagen, vielleicht sogar im norddeutschen Raum, auch nur etwas Sinn für Kleinkunst hat, fürs Varieté vielleicht oder gar fürs Kabarett, kennt Püschel. Wenn nicht seinen Namen, dann wenigstens sein Können. Denn Püschel steht nicht auf der Bühne. Er steht dahinter. Buchstäblich wie ideell. Als Programmmacher. Als Produzent. Als Strippenzieher. Als der, der einen kennt, der einen kennt, der’s kann.

Udo Püschel ist in erster Linie Langenhagener. Gut, man könnte auch sagen: Er ist Stadtplaner, Veranstaltungs-Guru, Feste-Produzent. Er baut Umzugswagen für die Schützen. Er kreiert in den 80-er Jahren legendäre Stadtfeste im Flughafen – in heutigen Un-Sicherheits-Zeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Doch Püschel ist vor allem Erfinder und jahrelanger Vereins-Vorsitzender der Klangbüchse und damit der Mimuse, heute Norddeutschlands größtem Kleinkunstfestival unter anderem im legendären Daunstärs in Langenhagen. Viele derer, die im deutschen Kabarett und auch in dessen illegitimen Gör, der Comedy-Szene, Rang und Namen ihr Eigen nennen, haben sich ihre ersten Schrammen wie Streicheleinheiten im Daunstärs abgeholt. Seit gut dreißig Jahren läuft die Mimuse, inzwischen ohne Püschel.

Etwa zehn Mimuse-Spielzeiten braucht Püschel, um seinen Namen nicht nur hinter Langenhagener Bühnen bekannt zu machen. 1991 ist schließlich das Jahr, in dem Püschel auch das Programm für den Varieté-Palast GOP zu verantworten beginnt. Und nicht weit von diesem Startschuss entfernt begibt sich Püschel auf Wohnungssuche.

Schulenburg-Nord kennt Püschel nicht nur aus seiner Zeit als Stadtplaner der Verwaltung. Nein, Künstler ist Püschel wirklich nicht. Er versteht nur etwas davon und er weiß, was Künstler meinen, wenn sie reden. Eine Kunst für sich. Püschel kennt die Splittersiedlung da draußen im Nordosten der Stadt von Radtouren aus seinem Wohnort Engelbostel. Inzwischen wohnt er mit seiner Ehefrau in Godshorn. Wie genau Püschel in der Villa gelandet ist, benennt er heute schlicht als Zufall. Vielleicht Schicksal. Vielleicht eine glückliche Verkettung diverser Um- und Zustände.

Dokumentiert sind in jener Zeit bereits diverse Kontakte zum Flughafen. Denn seit Anfang der 80-er Jahre besteht zwischen der Stadt und dem Flughafen eine feucht-fröhliche Allianz: Alle zwei Jahre nutzt der Flughafen das von Püschel betreute Stadtfest als eigene Image-Werbung und stellt dafür einfach einmal einen ganzen Terminal zur Verfügung. Sechs mal geht das gut. Dann ändern sich die Zeiten und die Sicherheitsspezialisten schieben dem Treiben endgültig einen Riegel vor.

Die 80-er ziehen vorüber und die Mieter der Villa aus. Und auf Püschels Tisch landet ein Mietvertrag über sechs Jahre. Danach, so heißt es seinerzeit, reiße der Flughafen die Villa ab. Das Ehepaar Püschel besichtigt die Villa – und findet nach eigenen Worten eine Schredderbude vor. Feuchter Keller. Muffig. Der Garten ein Dickicht von Brombeerbüschen in einem Meer von Apfelblüten, und als Felsen in dieser Brandung: ins Erdreich versackte Autoteile. Was davon noch sichtbar ist, lässt auf einen untergegangenen Stern tippen.

Was genau die Vormieter so getan haben, vermag Püschel heute – rund 15 Jahre nach seinem Auszug – nicht mehr zu sagen. Aber es muss irgendetwas mit dem Handel mit Autoersatzteilen zu tun gehabt haben. Denn das neue Paar erbt nicht nur ein denkwürdiges Haus – unter anderem mit schwarzen Tapeten und vier Lagen Teppich übereinander. Es erbt auch die dreistellige Telefonnummer. Und damit ein paar Anfragen über diesen Draht, die sehr in diese Branche deuten.

Das Abenteuer, dieses Haus zu renovieren, scheuen weder Püschels noch das befreundete Paar, das mit ihnen einzieht und das Obergeschoss übernimmt. Schließlich sind die Aussichten paradiesisch: Der Garten allein beschert Platz für gleich zwei Dutzend Besucher-Fahrzeuge. Praktisch für alle, die mit Ensembles arbeiten dürfen. Püschels machen es sich gemütlich. Und weil, wer Sammler und Jäger unter Kunstschaffenden häufig auch ein Freund des Gastes ist, wird der Besuch da draußen in Püschels Villa rasch zum liebgewonnenen Ritual.

Die Halle, die hinter der Villa steht, einst eine Futtermittelfabrik und nach Püschels Worten zu urteilen aufgebaut wie eine dreischiffige Kirche, lässt das Künstler-Produzenten-Herz überlaufen. Das Mittelschiff wird zur Bühne. Und damit die Eule, die darüber haust, nicht alles vollkackt, so Püschel, wird schlicht ein Fallschirm darüber aufgespannt. Wie gesagt, man muss nur einen kennen, der einen kennt, der eine Idee hat. Oder eben einen Fallschirm sein Eigen nennt. Der große Garten gerät schließlich zur Inspiration so mancher Besucher. Und wer Udo Püschel heute in seinem Garten im Langenhagener Ortsteil Krähenwinkel besucht, kann noch so manches Kunst-Stück dort bestaunen, das den Umzug aus jenem Märchen-Garten in diesen überstanden hat.

So richtigen Kontakt zum übrigen Nord-Dorf entwickelt sich in den sechs Jahren nicht. Sicher, man besucht das Straßenfest. Was für eine Frage für jemanden wie Püschel. Kontakt, besser: Sichtkontakt aber besteht zum benachbarten Pferdekopfhaus, seit dem Kauf durch den Flughafen eine qua Spottmiete gern genutzte Unterkunft. Püschel könnte unter diesen Mietern, denen er allmorgendlich einen Gruß von Fenster zu Fenster hinüberwinkt, jetzt Namen nennen, die noch heute ins Langenhagener Rathaus führten. Der Kunstfreund reduziert jenes Verhältnis jedoch lieber auf eine Beschreibung anderer Art. Ja, auch sie können Feste feiern in jenen Jahren. Ja, auch sie können ihre Nachbarn damit in den Wahnsinn treiben. Nicht jedoch wegen übermäßiger Länge. Vielleicht eher aufgrund ihres beschränkten Repertoires. Ganze zwei Platten, davon ist Püschel heute noch fest überzeugt, scheinen dort drüben zu existieren. Eine hat er erfolgreich verdrängt.

Die zweite heißt „Mamor, Stein und Eisen bricht“.

Ausgerechnet.

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