Äpfel, Birnen und alte Schinken (Teil 34)

Was hat Apfelmus mit Kunst im öffentlichen Raum zu tun? Warum könnte es in Varieté-Garderoben zuweilen auch um einen buchstäblichen merkwürdigen Programmdirektor gehen? Und kann eine Brombeer-Ernte Vereinsziel sein?

„Schulenburg-Nord?“ Udo Püschel steht von seinem gastfreundlich großen Esstisch auf, geht ein paar Schritte hinüber ins Dunkle. „Sie sitzen dran und hier steht es.“

Aha.

Die Stabpuppen aus Indonesien hingen einst in Schulenburg-Nord. Mittelbar bescherten sie Udo Püschel einen Keller voll Apfelmus.

Sitzen dran. Dran, das bezieht sich auf eine Tafel, die ihren Namen verdient hat, auch als Überleitung zum dazugehörigen Verb. Sie steht in Püschels Haus im Langenhagener Ortsteil Krähenwinkel. Rund 15 Jahre sind vergangen seit dem Umzug der Tafel weg aus der Villa in Schulenburg-Nord.

Steht hier. Ist nicht ganz richtig. Die indonesichen Stabfiguren hängen wohl eher in den kunstvoll beleuchteten Vitrinen. Diese aber stehen in der Tat. Eingereiht in ein ganzes Ensemble vermutlich gediegenen Mahagonis. So ganz genau entlarvt es der erste Blick nicht. Ein wenig schummrig wirkt der Raum. Für ein gemütliches Niederlassen ist es zwar eindeutig zu früh am Tag. Doch der Blick durch das große Fenster in den weiten, dicht bewachsenen Garten könnte mit ein bisschen Phantasie auch in den Garten der Geschäftsführer-Villa der Stephanus-Ziegelei führen, deren Mieter Püschel sechs Jahre lang war.

Wer seinerzeit zu den Gästen des Kulturschaffenden Püschel gehörte, wird sich heute in seinem Krähenwinkeler Haus und auch in seinem Garten schnell heimisch fühlen. Denn nicht nur das Interieur mit den Reise-Erinnerungen aus dem fernen Asien, nicht nur der überaus gastliche Esstisch hat hier eine neue Heimat gefunden. Im Garten darf Wiedersehen gefeiert werden – mit einem Autowrack.

Es sind, bei Licht betrachtet, zwei Einkaufswagen. In einander verkeilt. Nicht, weil sich ihre Piloten über dem letzten Waschmittelpaket uneins wurden. Sie sind sinnstiftend verbunden. Und was früher Schmierseife und Dosenmilch bugsierte, wird plötzlich zu Motorhaube und Fahrgastzelle. Irritierend ist nur eins: Das Kennzeichen.

BS.

Geht nicht? Nicht hier? Geht doch.

Und eigentlich ganz einfach. Udo Püschel zieht 1993 von Godshorn nach Schulenburg-Nord. Seit rund zwei Jahren ist er verantwortlich für das Varieté-Programm des GOP in Hannover, seit Anfang der 80-er Jahre gestaltet er in Langenhagen die Mimuse. Nach inzwischen gut dreißig Jahren heute Norddeutschlands größtes Kleinkunstfestival. Püschel ist seinerzeit Vorsitzender der Klangbüchse, jenes Vereins, der der Mimuse organisatorisch den Rücken stärkt. Kurz um: Püschel kennt jede Menge Menschen, die zeitweise zwar Applaus, Ruhm und Ehre genießen dürfen. Aber allesamt kein Zuhause haben. Zumindest nicht, wenn sie in Langenhagen oder Hannover sind. Püschel hat ein Zuhause. Mit ziemlich vielen Zimmern. Auf einem Grundstück, das zwar einem Dschungel gleicht, als Püschel sein neues Domizil bezieht. Aber das so groß ist wie ein Fußballfeld und Platz bietet für gut zwei Dutzend Autos. Und das sind zwei Dutzend Parkplätze mehr, als es sie im weiten Umfeld der GOP-eigenen Künstlerwohnung in Hannovers List selbst mit Anstrengung und Ortskenntnis zu entdecken gibt.

Das alles hat mit dieser Stadt, die in Hannover nicht genannt werden darf, noch nicht viel zu tun. Dafür bedarf es noch einer Ehefrau, namentlich Renate Burkhardt, und deren Bruder, der seinerseits ebendort seine künstlerischen Studien vertieft. Kurz um: Das Netzwerk im Hause Püschel ist wahrlich umspannend. Und es treibt Blüten.

Püschel, einst als Stadtplaner nach Langenhagen gekommen, ist überdies seit langer Zeit verantwortlich für die Stadtfeste der Flughafenstadt. Für Feste dieser Art braucht es Verkaufsstände. Für Verkaufsstände braucht es Personal. Und so landet Püschels Schwager Franz aus BS samt Clique in Schulenburg-Nord. Offenbar hat die Crew sowohl am Ende der Welt im Nord-Dorf als auch beim Feste in der Kernstadt ihren Spaß. Der Dank ist abzulesen in allerlei Skulpturen in Püschels Garten. Sechs Jahre lang in Schulenburg-Nord. Heute in Krähenwinkel.

Was den Fußballern des SC vielleicht ihr Vereinsheim, ist die Nord-Noch-Dorf-Villa der Klangbüchse. In der Halle hinter dem Haus, einst eine Futtermittelfabrik, für den Kulturliebhaber Püschel eher eine dreischiffige Kirche, wird gefeiert. 40, 50 Gäste. Es wird Musik gemacht. Man stört ja niemanden. Nicht einmal die Bienen. Wenn diese des Schwärmens müde heimkehren und Myriaden von Apfelbäumen ihre Blüten verabschieden, so Püschel, dann schneit es rund um die Villa. Und wenn die Brombeeren draußen reif sind, dann schwärmen statt der Bienen die Vereinsmitglieder der Klangbüchse aus und ernten. Das ist klar. Auch wenn es auf keiner Tagesordnung je erwähnt werden mag. Manchmal ist es in der Halle vielleicht zu kalt oder das Ambiente passt nicht, dann werden im Haus einfach ein, zwei Flügeltüren geöffnet und die klassische Kammermusik findet ihren Raum mittendrin.

„Ganz großer Charme.“ „Manche Häuser haben mehr Charakter als ihre Bewohner.“ Wer mag Püschel da widersprechen.

Was ist an einem großen Esstisch möglich? Man kann essen. Klar. Parlieren. Auch gut. Endlose Diskussionen führen. Revolutionen planen. Oder den Wochenendeinkauf.

Und zaubern.

Auch wenn Udo Püschel selbst glücklicherweise eher selten auf Bühnen steht (wenn ein Programmdirektor die Bühne betritt, gibt es meistens schlechte Nachrichten), hat er ein Herz für die phasenweise Heimatlosen. Und so verfestigt sich in Püschels GOP-Zeiten schnell ein Ritual außergewöhnlicher Natur: Einmal im Monat wird das gesamte, gerade neu kunstvoll zusammengestellte Ensemble zu Kaffee und Kuchen in die Villa eingeladen. Das ganze Ensemble steht für so viele, dass beim Auszug aus dem Hause auch schon mal einer vergessen wird. Aber es gibt ja Fenster. Eine Vorstellung platzt während dieser Zeit deswegen nicht. In knapp sieben Jahren entstehen alle GOP-Programme („bis auf vier!“) in der Villa.

Unter den GOP-Künstlern bleiben Püschel und seine Villa aber nicht nur wegen der für Programmdirektoren eher ungewöhnlichen Gastfreundlichkeit in Erinnerung. Püschel wirft allmonatlich den Video-Rekorder an. Er hat Filme aufgetan. Alte Aufnahmen von Jongleuren, Zauberern. Von 1935. 1940. Schwarz-weiß. Knisternd. Faszinierende alte Schinken. Was davon bleibt, sind anschließende Tricks an der Tafel. Und Einladungen zu Künstler-Hochzeiten nach Italien. Und die Erkenntnis: All dies Private macht die Arbeit einfach.

In den Tiefen der villa-eigenen Wandschränke wird Püschels Gastfreundschaft auf eine – nun Probe gestellt. Corpus delicti ist eine Prinzenrolle. Eine unangetastete. Vermeindlich. Für zweibeinige Betrachter liegt sie friedlich im Schrank, ein in Plastikfolie geschweißtes Versprechen: Wer Süßes sucht, wird Süßes finden. Wird eben nicht. Eine hungrige – oder feinschmeckende – Mäusefamilie hat sich längst der Doppel-Keks-Schokoladen-Häufung bemächtigt, durch ein sorgsam außerhalb des menschlichen Blickfeldes genagtes, minimalinvasives Loch in der Packung. Dem Schock des Schokoladenverlustes folgt der Gang in den Baumarkt: Doch Püschels werden ihrem Ruf als perfekte Gastgeber gerecht. Erworben werden natürlich Lebendfallen. Sieben Mal, zählt der Villen-Herr von einst auf, gibt es einen kostenlosen Shuttle der Keksfreunde raus auf den Acker. Wieder hinein finden die Gäste wohl alleine.

Die Ecke hat was. Nur selten macht die Ecke aber auch nicht so viel Spaß. Zu Messe-Zeiten jedenfalls. Dann, wenn die kleinen Geschäftsmaschinen auf der Südbahn einen Steinwurf von der Villa warmlaufen.

Der skurrile Ort hinterlässt Spuren. Zum Beispiel bis heute auf Püschels Terrasse. Da hängt unter einem Vordach ein opulenter Leuchter. Man mag sich fragen, was der Feingeist in diesem Haus mit diesem eher indezenten Teil verbindet. Es ist die Erinnerung an einen Raum, in dem der Leuchter durchaus seine Berechtigung hatte. Dieses Bild vor dem inneren Auge lässt das Konstrukt für Püschel heute in einem anderen Licht erscheinen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu so etwas kommen würde.“ Die höfliche Umschreibung für „hätte ich im Leben nie gekauft“.

1998 endet Püschels Zeit in der Villa. Irgendetwas lässt bei dem Ehepaar den Gedanken an etwas Eigenes reifen. „Dummerweise genau vor der Expo.“ Preisgestaltend eher unpraktisch. Die Villa selbst scheidet aus. Schimmel im Keller. Eindeutig nicht essbare Pilze an den unterirdischen Wänden. Es hätte einer Drainage bedurft rund um das Haus. Eines starken Willens und viel Geld. Beides beim Eigentümer, der Flughafen-Gesellschaft, an diesem Ort zu jener Zeit nicht vorhanden. Da hilft es auch nichts, dass sich Ehefrau Renate inzwischen einen Trecker zugelegt hat.

Bis zu ihrem Auszug lassen Püschels die Villa nicht alleine. Wenn es das Ehepaar einmal mehr nach Indonesien lockt, um die heimische Sammlung an Stab- und Schattenpuppen sowie den eigenen Horizont zu erweitern, hüten die Mütter das Haus. Sie lassen keinen Apfel in diesem Ozean an Bäumen untergehen, keine Pflaume, keine Birne. Und wenn Udo Püschel und seine Frau Renate Burkhardt zurückkehren mit vollgepackten Taschen, finden sie einen Keller vor. Vollgepackt mit eingelegtem Obst, mit Apfelmus und Birmen-Kompott. Püschel mag ein Feingeist sein. Und er ist sicher auch kein Kostverächter. Aber auch er ist nicht frei von Sünde.

Denn Autowracks, trotz Braunschweiger Kennzeichen, haben es geschafft bis nach Krähenwinkel. Sogar Leuchter grenzwertiger Ästhetik. Doch die Weckgläser, „die haben wir bei unserem Auszug weggeschmissen – massenweise.“

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