Neue Heimat, wieder zwischen Bahnen (Teil 35)

In diesen noch eisigen Frühlingstagen ist es knapp ein Jahr her, dass Dieter und Erika Hermann Schulenburg-Nord verlassen und mit ihrem Sohn in Dedensen all ihre Kisten und Kartons wieder ausgepackt haben. Der Mietvertrag ist datiert auf den 1. April. Das ist kein Scherz und wird auch nie einer werden. Gelacht werden darf an ihrem Esstisch trotzdem, damals wie heute.

39 Jahre hat das Ehepaar in dem Mehrfamilienhaus mit der Doppelnummer 35/37 gewohnt. Einst als Mieter von Dieters Arbeitgeber, der Ruhrgas AG, später zeichnete die neue Eigentümerin den Vertrag gegen: die Flughafen-Gesellschaft Langenhagen. 39 Jahre wohnten sie zwischen zwei Bahnen. Eine im Norden, eine im Süden. Wer zu ihnen gelangen wollte, musste eine verwinkelte Straße um allerlei Kurven bis fast zu ihrem Ende fahren.

Wer im Frühjahr 2013 Dieter und Erika Hermann besuchen möchte, folgt einer verwinkelten Straße um allerlei Kurven bis fast zu ihrem Ende. Das Haus liegt zwischen Bahnen. Eine im Norden, eine im Süden – und eine Diagonale im Westen. Hermanns haben keinen Zeitsprung gemacht und erleben Schulenburg-Nord und den Flughafen in vielleicht 50 Jahren. Sie leben in Dedensen: im Norden die Güter-, im Osten die Auto- und im Süden die Schiff-, na gut, keine Bahn, der Mittellandkanal. Und wieder offenbart der Lärm die Windrichtung: So wie auch zu Zeiten des Nord-Dorfes West- und Ost-Wind über Starts und Landungen rund um Hermanns Haus entschied, lässt der Westwind die Autos den Ton bestimmen. Andernfalls verraten die Achsen der Güterzüge etwas über die Epoche ihrer Herstellung. „Das ist schon eine Hausnummer.“ Da fällt die Einflugschneise, die jetzt tatsächlich über ihnen liegt (im Noch-Dorf waren es ja eher Vorbei-roll-schneisen), kaum noch ins Gewicht.

Wieder am Ende einer Straße und flankiert von Bahnen. Nur ganz anderer Art. Dieter und Erika Hermann haben in der Fremde wohl Vertrautes gefunden.

Das Haus trägt nunmehr die Nummer 14. Und auch die Wohnung unter ihnen steht – im Gegensatz zu ihrem früheren Domizil – nicht leer. Zum Glück. Waren Hermanns in Schulenburg-Nord in dem einst von der Kreissiedlungsgesellschaft im Auftrag der Ruhrgas AG gebauten Mietshaus stets von der übermäßigen Hellhörigkeit genervt und deshalb über den Leerstand in den übrigen drei Wohnungen durchaus erfreut, findet sich das Ehepaar jetzt in gewollter Gesellschaft. Unter ihnen wohnt der Sohn samt Familie. Gemeinsam nutzen sie den riesigen, lang gestreckten Garten. Vom Wohnzimmerfenster ist das Ende so recht nicht zu erkennen. Die Nachbarn drumherum sind recht freundlich. Und ein paar Wegeminuten entfernt findet das Ehepaar alles, was das Käufer-Herz begehrt. Die Wochenenden sind ruhig. Zumindest ruhiger als früher: Quer durchs Dorf rasen hier sicher keine Flugzeug-schau-lustigen Spotter.

Alles gut. Oder?

Nein.

Als ich Anfang März 2012 zum ersten Mal am Küchentisch der Hermanns sitze und mir die zwei erzählen, wie es sie zusammen- und schließlich vom Ruhrgebiet ans Ende einer Welt in der niedersächsischen Tiefebene geführt hat, da prägt Erika Hermann ein paar Sätze (Teile 8 und 9). Mehr bitter als traurig. „Ich will hier nur noch weg.“ Und im übrigen gehe es ihr „beschissen“. Das Wissen um den für September 2012 gekündigten Mietvertrag „rödele im Kopf“. Die vom Flughafen eingebauten Schallschutzfenster hielten zwar die Flugzeuge aus dem Schlaf raus, nicht aber die Gedanken aus dem Kopf.

Im März 2013 sitze ich wieder an einem Tisch mit Dieter und Erika Hermann. Dieses Mal ist auch ihr Sohn dabei. Der erste Jahrestag des Umzuges steht kurz bevor. Und offenkundig sind alle Kisten ausgepackt. Es müssen einige gewesen sein. Denn Erika Hermann hat eine Schwäche, beileibe keine heimliche: Sie hat wohl ihr Zuhause zwischen den Bahnen hinter sich lassen müssen. Doch niemals hätte sie sich von den Heerscharen all dieser Figürchen trennen können, die Regelmeter und Sofalehnen bevölkern. Einsam geht anders. Unverhohlener Trotz schwingt über den Tisch. „Ich brauch‘ halt meinen Nippes.“ Ohne fühlt sie sich nicht zuhause. „Nackt.“

Brauchen könnte sie noch mehr. Zum Beispiel den Blick auf grüne Felder, wenn sie beim Kochen aus dem Küchenfenster schaut. Doch in Dedensen endet der Blick dabei nicht an grauem Beton der Flughafenfeuerwehr, sondern an den Dachziegeln in Griffweite. Der Blick aus dem Schlafzimmerfenster ist schöner. Deswegen dort kochen? Kaum. Vom Schlafzimmerschrank ist dagegen unterm Dach keine Spur. Der passt nur in die Wohnung des Sohnes. Der Schrägen wegen. Was ziehe ich heute an – will gut überlegt sein. Die Beine danken es. Natürlich hätten sie auch auf all die neuen und alten Lärmquellen verzichten können. Hätten etwas mieten können in Laatzen oder Burgwedel. Aber zu welchem Preis? Nicht dem ihren.

Man möge sie nicht missverstehen: Das neue Haus ist schön. Der Garten ist schön. Der Pool darin. Der Fitness-Raum im Keller. Die Werkstatt. Der Kater fühlt sich wohl. Der Hund des Sohnes auch. Nur Hermanns nicht, wenn sie darüber nachdenken, wie sie sich haben abspeisen lassen.

Und da ist es wieder, dieses Phänomen. Der Flughafen kauft ein Dorf, will die Heimat eines guten Dutzend an Familien einem Gewerbegebiet anheim geben. So weit, so offen, so unabwendbar. Und so verhalten die Kritik der Dorfbewohner am übermächtigen Nachbar. Daran reiben sich Hermanns gar nicht. Aber sie fühlen sich als Vertriebene zweiter Klasse, weil sie eben nur Mieter einer Wohnung waren. Weil sie keinen kostbaren Grund und Boden haben, um den der Flughafen mit ihnen feilschen muss. Und deshalb müssen sie viele Ausgaben übernehmen, die jene, denen der Flughafen derzeit ein neues Haus baut oder die den monetären Gegenwert auf dem Konto bestaunen können, nicht oder nur sehr mittelbar zu spüren bekommen. Aber deswegen in den Clinch gehen mit Flughafen? – Was, bitte, brächte das denn? Und wer hätte die Nerven dafür?

Hermanns nicht.

Richtig. Den schieren Umzug bezahlen sie nicht. Sohn Holger, seit Jahren im Dienste eines Technologiekonzerns mehrfach in den Genuss bezahlter Umzüge gekommen, weiß, was das bedeuten – kann. Das fängt beim Packen des Porzellans an und hört bei den neuen Schulbüchern für die Kinder noch lange nicht auf. Wenn Hermanns heute überschlagen, was ihnen der Flughafen angeboten hat, dann erscheint ihnen das als Minimallösung. Das Packen. Der Laster. Und nach einigem Drängen auch den Makler.

Dass die Küche nicht passt. Dass es einen neuen Telefonanschluss braucht. Dass es neuer Badezimmerfliesen bedarf. Das alles offenbart sich erst viel später unter dem Rechnungsstrich.

Sicher. Man hätte auch anders verhandeln können. Hätte sich auch einen Rechtsanwalt an die Seite holen können. So wie die Herren der Gegenseite in Hermanns Erinnerung allzu oft einen Paragrafen-Studierten in ihrer Nähe zeigen. Wahrscheinlich ist es dafür aber irgendwann einfach zu spät. Denn zu Beginn klingt ja alles ganz entspannt. Auf die Idee, den Mietern die Kostenübernahme des Umzuges anzubieten, bringt den Flughafen Günter Dörge. Nach der ersten – gescheiterten – Verhandlungsrunde und dreijährigem Anschweigen werden seine Frau Doris und er handelseinig über den Verkauf ihres Hauses mit der Nummer 30 (Teile 24 bis 29).Und weil man sich gerade so gut (wieder) versteht, gibt Günter Dörge den Managern den Rat, jenen, die sich gegen die Kündigung des Mietvertrages nicht wehren können, den unfreiwilligen Auszug wenigstens zu versüßen. Nett, oder?

Nun. Günter Dörge hat sich inzwischen bei Hermanns gewissermaßen entschuldigt. Denn das Angebot klingt so nett, dass Hermanns über den ganzen Rattenschwanz, der an einem Neuanfang so vollkommen ganz woanders hängt, nach knapp 40 Jahren an ein- und demselben Fleckchen Erde nicht so recht nachdenken – wollen. Erika Hermanns will schließlich nur noch weg. Und das möglichst sofort. Wer will da noch Streit oder über Fliesenpreise streiten. Nein, Dieter und Erika Hermann nicht.

In Schulenburg sind Hermanns weiterhin regelmäßig. Sie treffen sich mit ihren Heimatverbundenen aus der alten Interessengemeinschaft Schulenburg-Nord zum Kegeln. Beim Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt, dem ihr einstiger Nachbar und bald-Engelbosteler Karl-Heinz Dahlke vorsteht. Nur in Schulenburg-Nord sieht man sie nicht.

Den Anblick kann Erika Hermann nun wirklich nicht brauchen. Nicht mehr.

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