Ein Zuhause in drei Dutzend Haken (Teil 36)

Es sollte nie so kommen. Und, nein, dazu zwingen konnte ihn niemand. Doch jetzt ist es soweit: Karl-Heinz Dahlke und seine Familie packen in Haus Nummer 39 ihre Sachen. Anfang Mai ist Schluss mit Schulenburg-Nord für sie. Für den vierfachen Großvater Dahlke wird es der erste Umzug seines Lebens.

Er hatte gehofft, all das nicht mitansehen zu müssen. Davon geträumt, in den Winterurlaub zu fahren und später einfach ins neue Haus zurückzukehren. So war es eigentlich geplant. Doch kam es anders. Karl-Heinz Dahlkes Traum hat sich nicht erfüllt. An ihm gelegen hat es nicht. Geahnt hat er es. Aber das ist eine andere, spätere Geschichte.

Jetzt hofft er nur, dass das Holz für den Ofen reicht. Zwar hat Dahlke im Herbst reichlich Scheite eingenommen, hat bei den fallenden Häusern in der Nachbarschaft mit den Abbruchunternehmern um Dachsparren verhandelt, was geht. Doch der lange Frost hat genagt am Vorrat. Bei ihm, wie bei vielen anderen auch.

Wie oft ich auf dieser hellen Couch in Dahlkes lichtdurchflutetem Wohnzimmer mit dem Blick auf den endlosen, kunterbunten Garten gesessen habe, vermag ich nicht mehr zu sagen. Sicher ist jedoch, die künftigen Gelegenheiten sind gezählt. Zumindest an dieser Stelle. In wenigen Minuten wird sich der erste Umzugsunternehmer vorstellen. Dahlkes Enkel geben sich cool. Fröhlich, freudig, cool. Künftig können sie zu Fuß zur Schule in Engelbostel gehen. Mit den Klassenkameraden. Das ist neu. Und lockt. Und liegt näher als der Abschiedsschmerz der Älteren.

Für sentimentale Gedanken ist auf diesen Zetteln kein Platz.

Drei Angebotsüberbringer mit Stift und Block und durchdringendem Blick über Schränke und Betten werden es am Ende sein, denen Dahlke sein Hab und Gut zeigen, sein Zuhause bis in den letzten, sonst Gästen verborgenen Winkel offenbaren muss. Wer sich von einer Flughafengesellschaft alles bezahlen lassen möchte, muss sich Konzernpflichten unterwerfen: Wer ausschreibt, braucht drei Angebote. Gute zwei Wochen später scheint die einzige Dame in dem Trio das Rennen gemacht zu haben. Am 30. April kommen die Packer, am 2. Mai die Laster.

Es sind eher stille Minuten auf der Couch. Der Blick wandert auf dem Tisch über den Grundriss des alten Hauses, über den des neuen. Kleine Kästchen, Buchstaben, Ziffern verraten den Eingeweihten etwas über die vielen Gedanken, die Dahlke und seine Frau Christine Nettler beschäftigt haben müssen. Es ist die nüchterne Bilanz einer für sie so noch nie da gewesenen Zäsur: Was geht mit? Was bleibt da? Oder auch: Was ist ans Herz gewachsen – und darf mit? Was darf nicht? Und was wollte man schon immer aus seinem Leben schmeißen, hat sich nur nie überwinden können? Wer entrümpelt, räumt nicht nur äußerlich auf.

Als die Auseinumräumprofis schließlich da sind, in Begleitung zweier Herren vom Flughafen, haben diese Gedanken kein Gewicht mehr. Es geht um Kisten, um Volumen im Umzugswagen, ums Loslassen können: Wer packt was? Und was hat das für Folgen? Denn das mit dem sich den Umzug bezahlen lassen hat seine Tücken. Wer eine Kiste selber packt, muss auch für den zerdepperten Inhalt zahlen – selbst, wenn die Kiste ein Umzugsprofi hat fallen lassen. Hätte dieser gepackt, wäre darin ja vielleicht viel weniger zu Bruch gegangen. Hat was, die Logik. Und fordert Kraft – nichts zu tun.

Es ist eine berührende Prozession durchs Haus. Nicht ganz frei auch von Einblicken in Entscheidungsfindungsprozesse aus dem Lehrbuch einander vertrauter Ehepaare. Ach, die Lampen aus dem Flur kommen mit? Christine Nettler ist das offenkundig neu. Der Schrank im Kaminzimmer dagegen bleibt da. Ganz sicher – war das wohl nicht immer. Inzwischen wurden zwei, drei deutlich abgängige Schranktüren kurzerhand verheizt. Sicherheitshalber. Ein zufriedenes Lächeln huscht über Nettlers Gesicht.

Auch Christine Nettler hätte lieber bleiben wollen. Auf diesen 6000 Quadratmetern Natur. Wer in diesen endlosen Garten blickt, auf Kaninchenställe und frei herumlaufende Hühner, auf Bäume und Dickicht, das Kinder stundenlang gutgelaunt verschwinden lassen kann … Wer stört sich dann schon an einem Gewerbegebiet im Rücken? Wer sich aber an den baufälligen Ecken und Kanten des in die Jahre gekommenen Hauses reibt, auf die Solarkollektoren auf dem Dach der allerersten Generation blickt, der kann schon ins Grübeln kommen. Dahlke und Nettler wählten schließlich im Sinne ihrer Kinder und Enkel den Kompromiss. Es wird vom neuen Haus am Rande Engelbostels nur wenige Steinwürfe entfernt wieder einen endlosen Blick in die Natur geben und den neuesten Stand der Technik noch dazu. Dies um den Preis einer aufgegebenen Heimat. Nein, zwingen können zum Auszug hätte sie der Flughafen nie. Aber welchen Sinn hat der Kampf, wenn die Heimat sich schon ohne sie davon gestohlen hat. Das Nachbarhaus der Kreissiedlungsgesellschaft 35/37 steht seit einem Jahr leer. Auf der anderen Straßenseite fehlen seit Jahresfrist zwei Häuser, ihr Nachbar gegenüber in Nummer 36 hat den Zaun ums Haus schon abgebaut. Sein Umzug ist nur noch eine Frage ungeklärter Details. Wenn die Bewohner des Hauses 39 gehen, ist das Nordende der Straße endgültig verwaist.

Keine Stunde dauert die Bilanz eines Zuhauses an diesem Vormittag. Drei Zettel werden es sein, gefüllt mit einigen Haken, Kreuzchen und Ziffern. Der Auftrag ist klar: Einpacken, abmontieren, ins neue Haus bringen, auspacken – und für die Lampen aus dem Flur auf den Elektriker warten. Sicher ist sicher. Der Flughafen spendiert zwei Container: Metall und Restmüll. Es dürfen Zweifel angemeldet werden, ob es eine Rubrik für Federvieh gibt.

Doch bevor eingepackt wird, was ein Zuhause ausmacht, wird der Familie das übergeben, worin das Zuhause entstehen soll: Am 19. April ist feierliche Übergabe des neuen Hauses. Dann wird sich zeigen, ob alle Steckdosen dort sind, wo sie hin sollten. Ob die neue Heizung läuft. Die Fliesen die gewählte Farbe haben.

Einen Termin weit hinter dem Umzug hat Dahlke auch schon im Sinn. Im Herbst werden in Schulenburg-Nord wieder Häuser abgerissen. Unter anderem seines. Beim Aufräumen für den bevorstehenden Umzug hat Karl-Heinz Dahlke Fotos gefunden. Sie zeigen ein Richtfest. Und welch schöne Dachsparren seine Eltern einst unter ihrem Dach verbaut haben.

Für den Fall, dass es wieder Winter wird.

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