Löcher, ein Hirsch und seine Erdnussflips (Teil 37)

Der Schnee ist geschmolzen. Der Frost aus dem Boden gekrochen. Erstes Grün drängelt sich in den Sträuchern, so wie die Spotter-Herde wieder Frischluft und Motive suchend auf dem Parkplatz an der Nordbahn. Zeit für einen kleinen Rundgang durchs Noch-Dorf.

Nein, Abrissbagger hatten hier schon länger keinen Auftritt mehr. Dort, wo im Oktober 2012 zuletzt Dietmar Grundeys Schafstall seinen krachenden Abgang hatte, sprießt erstes zartes Grün. Ein Acker, so scheint es, wie viele andere auch. Keine Spur von Gemäuer und Gehege, von all den Feiern der Dorfbewohner in den Räumen des Schulenburger Ortsbürgermeisters (Teil 12).

Das Noch-Nord-Dorf hat sich verändert. An vielen Stellen, mehr oder weniger sichtbar. Es sind Veränderungen von jener Art, die nicht sofort auffällt. An denen man zwei-, vielleicht dreimal vorbei fahren muss, bis das Kratzen im Hinterkopf einen doch so lange innehalten lässt, dass klar wird, was da fehlt.

Der Frost hat der alten Dorfstraße eine ungeahnte Freiheit beschert und offenbart das historische Kopfsteinpflaster, das einst von Schulenburg in die Hasenheide führte. Inzwischen hat die Flughafengesellschaft alle Schlaglöcher wieder auffüllen lassen.

Es fehlen Bäume zum Beispiel. An des Dorfes einziger Kreuzung ragt nun ein schon immer dagewesenes Transformatorenhäuschen prägnant empor wie nie. Ein halbes Dutzend hoch gewachsener Bäume ist weg. Pünktlich vor Beginn der Brutzeit sind sie legal gefallen. Eine Kleinigkeit, mag sagen, wer sich an den Drahtbeseneinsatz vor einem guten Jahr erinnert. Im Winter 2011/2012 verschwand mit einem großen Brausen all jener Urwald, der sich in 15 Jahren auf den bereits geräumten Grundstücken breit gemacht hatte. Das galt entlang der Dorfstraße Richtung Nordbahn ebenso wie auf dem Areal der legendären Villa und ihrer Remise, dem späteren Pferdekopfhaus (Teil 2).

Ein großes Aufräumen? Eher ein großes Ausräumen.

Es fehlt an Geräuschen. Denn ein Mitbewohner ist verschwunden, über den sein Hüter mit gutem Grund stets wenig Aufhebens gemacht hat: Hasenfuß.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass Hasenfuß so ziemlich das genaue Gegenteil seines Namens ist. Wer nahe an den Zaun des Hauses Nummer 36 herantrat und ein wenig Zeit mitbrachte, dem stattete er ziemlich schnell einen Besuch ab – allerdings auf Augenhöhe. Auf imposanter Augenhöhe. Hasenfuß ist ein Hirsch, zuletzt ein kapitaler.

Sein Besitzer Bernd Schuldt wohnt seit gut 20 Jahren in Schulenburg-Nord. Seinem Auszug stehen nur noch ein paar bürokratische Hürden im Weg. Schuldt ist Jäger – und ein gastfreundlicher Mensch. Und als dem Jäger Schuldt vor knapp zwei Jahren ein elternloses, zurückgelassenes und damit unweigerlich dem Tode geweihtes Hirschkalb buchstäblich in die Hände fiel, kam eines zum anderen und Schulenburg-Nord zum wahrscheinlich kuriosesten Gast aller Zeiten.

Mit einem Pfau und einem Schaf und manch anderem Kleingetier (und dem Segen der Jägerschaft und des Naturschutzes, darauf legt Schuldt größten Wert) wuchs Hasenfuß im großen Garten zwischen den Bahnen auf. Wer Schuldt besuchte, durfte sich nicht an einer zunächst niedlichen, später Respekt einflößenden Umarmung des Heranwachsenden stören. Zuletzt jedoch ging man dem Mitbewohner besser aus dem Weg. Pubertät ist nicht jedermanns Sache. Das gilt für Zwei-, wie für Vierbeiner.

Vor kurzem ist Hasenfuß umgezogen. Im Nord-Dorf ist damit ein wenig Stille eingekehrt. Denn auch wenn Hasenfuß in seinem bisherigen Leben wenig Artgenossen kennenlernen durfte, so ahnte er unüberhörbar, dass es noch mehr geben muss von seinem Typ. Nun röhrt der Jung-Macho in Abbensen. Zu seinen Mitbewohnerinnen gehören dort zwei Schicksalsgenossinnen: Trude und Liesbeth. Die Damen sind ihres Zeichens allerdings Wildschweine, ihre Eltern blieben ebenfalls jagdbedingt auf der Strecke. Das Trio bereichert eine Jagdschule. Mit dem Inkognito-Dasein des Jung-Hirsches wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nun zu Ende sein. Trude und Liesbeth haben es bereits mehrfach ins Fernsehen geschafft und sind gern bestaunte Messe-Gäste.

Hasenfuß‘ Transport in die Wedemark verlief in einem Pferdehänger dem Vernehmen nach schon einmal problemlos. Nicht zuletzt dank eines kuriosen Tipps für den kuriosen Gast: Komm‘ Hasenfuß nie mit Gewalt. Für Erdnussflips dagegen tut er alles. Gut, dass dies die vorbeibrausenden Spotter nie erfahren haben.

Noch etwas fehlt: Wasser. In der Tonkuhle, namentlich bekannt als NJK-Teich, hat der Winter zwar deutliche Spuren hinterlassen, Schnee und Regen haben den im vergangenen Sommer mühsam abgepumpten Wasserspiegel wieder steigen lassen. Doch von dem einst drei Hektar großen Idyll im Wald ist nur noch ein Schatten verblieben: Ein Krater, garniert von pittoresk vertrockneten Gebilden, mit einer gigantischen Pfütze in seiner Mitte und einem imposanten Erdberg an seiner Seite. Der Übergang von dem einst wenig naturnahen Gewässer zum hochwertigen Feuchtbiotop, so der Plan des Flughafens zur Abwehr von Großvogelattacken auf die Turbinen der Touristenbomber, gestaltet sich ästhetisch anstrengend. Erdfuhre um Erdfuhre haben die Kipper ihre Fracht hinabrauschen lassen. Nach einem prüfenden Blick von der Container-Brücke aus hinein in die braune Masse, ob das, was da angekarrt ist, auch jenes ist, was die Genehmigung der Naturschutzbehörde vorschreibt. Mutterboden, so heißt es, ist beispielsweise nicht erlaubt.

Alltäglicher Augenzeuge dieser mal mehr, mal weniger zügig verlaufenden Prozession ist Horst Krause. Seit vielen Jahrzehnten bewohnt er das Schneewittchen-Häuschen am NJK-Teich. Einst als Hausmeister in Diensten des namengebenden Niedersächsischen Jagdklubs, nach dem Verkauf des Areals an den Flughafen als dessen Mieter. Krause darf dort wohnen bleiben, solange er möchte. Darin unterscheidet er sich von allen anderen Bewohnern des Dorfes. Im Gegenzug erlebt er jedoch hautnah die Verwandlung seines Gartenteichs. Doch es scheint ein gütliches Nebeneinander. Nachdem er den Fuhrwerkspiloten eindringlich nahegebracht hat, wie man einen Kipper auch geräuscharm leeren kann, ist die Zahl der freundlich gewechselten Worte deutlich gestiegen. Mit dem Fahrer der Raupe, der der angelandeten Fracht Form gibt, verbindet ihn inzwischen fast so etwas wie Freundschaft. Einer hat ein Auge auf das Hab und Gut des anderen. Und zur ganz offiziellen Sicherheit warnt schwarz auf gelb respekteinflößend ein Schild am Zaun: Betriebsgelände. Betreten verboten. Lebensgefahr! Dass an selbiger Stelle die Jagd- und Politik-Elite des Landes einst bei Speis und Trank ihre Ränke schmiedeten, scheint Lichtjahre entfernt (Teile 4, 5 und 18).

Es fehlt spürbar: Asphalt. Zumindest stellenweise. Der Frost hat der Straße sein Gesicht aufgezwungen und dem tief darunter liegenden historischen Kopfsteinpflaster lang vermisste Freiheit beschert. Wohl dem, der darauf ein Auge hat. Die Stoßdämpfer danken es. Es ist im Grunde Verkehrsberuhigung aller erster Güte. Und dazu noch ganz kostenlos. Für die Stadt sowieso: Ihr gehören die knapp 200 Meter Fahrbahn in Schulenburg-Nord seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Die neue Eigentümerin, die Flughafen-Gesellschaft, hat zwar vertraglich versprechen müssen, die Route für die (Noch-)Anwohner winterwetterfrei zu halten. Geflickt wird hier aber nichts mehr.

Die nächste Veränderung wird in den kommenden Wochen vor allem im Garten von Karl-Heinz Dahlke zu sehen sein. Er räumt das Haus seiner Eltern nach 59 Jahren (Teile 10 und 11). Am 2. Mai kommen die Packer. In dieser Woche waren die Herren des Gartenbauunternehmens da, die im Auftrag des Flughafens die noch karge Fläche rund um den Neubau in Engelbostel wenigstens annäherungsweise dem Grundstück Nummer 39 in Schulenburg-Nord angleichen sollen. Das klingt einfach – wenn es um Büsche und Beeren geht.

Doch wie rettet man ein Baumhaus – ohne Bäume?

Nachtrag: Von wegen, nix wird mehr geflickt. Keine zwölf Stunden, nachdem dieser Beitrag online gestellt wurde, hat die Flughafengesellschaft alle, aber auch wirklich alle Schlaglöcher aufgefüllt. Bis zum nächsten Einblick ins historische Innenleben der Dorfstraße braucht es also erst einmal wieder viel Zeit und kräftigen Frost.

Ein Kommentar

  1. Der Frost hat das alte Pflaster freigelegt, wo Horst Dahlke, der Sohn von Paul Dahlke, und ich mit den eisenbesclagenen Absätzen im Dunkeln Funken geschlagen haben. Manche Anwohner haben den Zeigefinger erhoben: „Wenn das der Feind oben sieht, schmeißt er Bomben!“
    Ja ja, so unvernünftig waren die Kinder damals.

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