Nestbau, leichtgemacht für Fremde (Teil 38)

Wer ein Haus baut, muss mit Überraschungen rechnen. Wer ein Haus bauen lässt, mit wenig Platz fürs Bügelbrett, einer unvermuteten Tür und mit vielleicht kalten Füßen für den Rasen. Wer ein Haus für andere baut, sollte auf Haselnüsse achten.

Es ist ein Moment, da ist der still gefluchte Wunsch, jemand möge einmal zurückspulen, man möchte bitte ganz dringend noch einmal neu reinkommen, unüberhörbar. Zwei nette junge Herren stehen im Garten von Karl-Heinz Dahlke. Sie sind unterwegs im Auftrag eines Gartenbauunternehmens. Man könnte juristisch etwas frei interpretiert damit auch sagen: im Auftrag des Flughafens. Das neue Haus der Dahlkes ist fertig. Das Umzugsunternehmen ist bestellt für den 2. Mai. Jetzt geht es um den Feinschliff. Die Bäume, Büsche und Beeren liegen in Engelbostel bereits bereit. Bleiben die Spielgeräte der Kinder. Welches, bitte schön, soll denn mit und dann wohin?

Die Rutsche. Kein Problem. Die Schaukel. Ok, könnte derzeit noch ein wenig feucht sein im Boden fürs Fundament, aber wird schon. Die Wippe. Klar.

Das Baumhaus.

Das Baumhaus?

Ein handgeschnitztes Baumhaus, gewachsen in einer alten imposanten Haselnuss ist selbst für Gartenbauprofis eine Herausforderung.

Das Baumhaus ist keines von der Stange. Es steht nur inmitten welcher. Schöner starker über Jahrzehnte gediehener Haselnussstrauchäste. Da steht es mitten drin. Dahlkes Enkel haben die Bretter dafür zurechtgesägt, haben mit Opas Hilfe sie zusammengehämmert, immer schön passend in die Freiräume des imposanten Strauches.

Und das soll mit?
Ja.
Hm. Geht nicht.

Muss aber. Also das Haus. Dahlke umziehen, wie einhunderttausendmal in den letzten zwanzig Jahren gesagt, ja eigentlich nicht. Aber wenn man schon Schulenburg-Nord verlässt, dann nur, wenn der Flughafen alles organisiert. Alles. Auch ein handgeschnitztes Baumhaus. Wie? Das ist Dahlke egal. Er hat fast ein wenig Mitleid mit den beiden wahrlich bemühten Herren. Auch wenn ihm ein ganz kleines bisschen diebische Freude durchaus anzusehen ist. Jeder hat hier seinen Job.

Es ist ja nicht so, als hätten die fremden Herren kein Herz für Baumhäuser. Schon gar nicht für solche. Aber das ist ihre Privatmeinung. Geschäftlich sieht es anders aus. Wenn sie etwas machen, müssen sie dafür anschließend eine Garantie übernehmen. Dass das hält. Dass da niemand einfach so rausfällt. Und wenn, dann sich nicht den Hals bricht. Jedenfalls nicht sofort. Wenn Opas Baumhäuser bauen, wollen Opas das auch. Sie müssen es aber nicht unterschreiben. Womöglich hat Dahlke sogar eine Idee, wie man das Rätsel lösen kann: Baumhaus bauen ohne Bäume auf neuem Grundstück. Zu hören ist sie nicht. Nicht jetzt.

Dahlke hatte schon einmal eine Idee. Als der Architekt des Flughafens die Idee mit der Erdwärme konzipierte. Da mahnte der Nord-Dörfler mit Hinweis auf den alten Gasspeicher der Ruhrgas AG unter dem Noch-Dorf, wer in die Tiefe bohren wolle, müsse womöglich das Bergrecht ins Auge fassen. So richtig weit weg von der alten Heimat geht es schließlich ja gar nicht. Dahlkes Idee fand keinen Widerhall.

Dafür bekommt jetzt Dahlkes neuer Rasen in Engelbostel womöglich kalte Füße.
Es hat nicht geklappt mit der Tiefenbohrung. Dafür liegen jetzt die Schlaufen der Heizung schön ausgebreitet unter der Rasenfläche. Macht auch einen warmen Hintern. Lässt aber weniger Platz im Garten für – ach ja: Bäume. Und füllt im Internet klagende Foren mit dem Phänomen, dass auf solchen Wärmeschlaufen Rasensaat zuweilen nicht angehen möchte. Einer der netten Herren wird später im neuen Garten darauf angesprochen sagen: kein Problem. Wahrscheinlich ist es dies im direkten Vergleich zum Baumhaus wirklich keines. Alles relativ.

Man möge hier niemanden missverstehen. Das neue, vom Flughafen gebaute und bezahlte Haus ist schön. Liegt am unverbaubaren Ortsrand Engelbostels, wieder mit Blick auf den Flughafen. Nun gut, ein wenig weiter weg von der Vorbei-roll- und ein bisschen dichter dran in der Einflugschneise.

Nur hat es eine Tür zuviel.

In der Küche. Dort, wo eigentlich nur ein Fenster hin sollte. Damit man durch selbiges auf die Terrasse hinausreichen kann, was auf dem sommerlichen Frühstückstisch noch fehlen könnte. Aus dem Fenster zauberte der Architekt flugs eine Tür zum Herausgehen statt -reichen. Dahlke und seine Ehefrau Christine Nettler haben sicher nichts gegen jugendliche Mithilfe im Haushalt.

Aber dafür einen Stellplatz weniger für die Küchenschränke. Ach ja, und die Heizung. Die hat auf dem Grundriss einen schmucken Raum. Einen großen Raum. Christine Nettler befand ihn für bügelbretttauglich groß. Das ist er noch. Nur passt nun niemand sonst mehr rein. Nein, das ist gemein. Natürlich kann man in diesem Raum noch bügeln. Wenn man sich nicht allzu sehr bewegt dabei. Und die Ellenbogen Windschleusen optimiert anlegt. Moderne Technik nimmt eben nicht nur im Bewusstsein einen immer größeren Raum ein.

Eine Woche vor der Ankunft der Möbelpacker finde ich Karl-Heinz Dahlke am Küchentisch. Er knobelt. Verwirft. Knobelt neu. Stellt die von eigener Hand gebastelten Papiersäulen noch einmal neu auf. Dahlkes Experimentierwut gilt seinen Kaninchen. Denn wie man es drehen und wenden mag: Einen derart perfekten Platz für den Außenstall wie in Schulenburg-Nord gibt es in Engelbostel nicht. Entweder steht die Sonne falsch, es bleibt zu wenig Platz fürs Kaminholz oder der Ostwind pfeift ungemütlich durchs Gehege. Deshalb ist Dahlke unter die Stallarchitekten gegangen. Eine Klappkonstruktion soll es nun werden. Mit beweglichen Wänden. Verschließbar je nach Windrichtung. Modernste Technik eben auch für Vierbeiner.

Zwei Zweibeiner dagegen müssen an diesem Morgen einen ganz unsentimentalen Abschied feiern: die Hühner werden nicht mit umziehen ins neue Haus. Sie ziehen in ein anderes. Denn das mit dem so einfach auf dem Grundstück frei rumlaufen wie im Noch-Dorf will Dahlke seinen neuen Nachbarn nicht zumuten. 25 Jahre hat Dahlke Hühner gehalten, das erste Trio – zwei Damen, ein Hahn – erstand der Vater mit seiner Tochter seinerzeit auf dem Fischmarkt in Hamburg. In den Zeiten des selbst betriebenen Gartencafés im Hause Dahlke gehörte das Federvieh zum Produktions-Inventar. Diese Zeiten sind lang vergangen. Übrig geblieben sind zwei Damen, das letzte Ei ist 48 Stunden her. Ich kenne mich nicht aus mit Hühner, aber fröhlich klingen sie beim Verlassen des Stalls nicht wirklich.

Der Blick über das bunte Leben auf der Flur-Pinn-Wand vor der Haustür, der Blick über den endlosen, trotz aller guten Worte nie aufgegebenen Kinderfuhrpark im Garten – nichts deutet auf ein Ende dieses Seins hin. Beim Abschied vor der Tür erntet mein „Bis nächste Woche“ ein Stutzen. Ungläubiges Staunen. Ein Schlucken.

Doch. Nächste Woche. Dann ist Schluss.

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