Kein Leben ohne Nutella (Teil 39)

Wie fühlt es sich an, wenn man nach knapp sechzig Jahren Leben und zwanzig Jahren Kampf sein Zuhause zurücklässt? Karl-Heinz Dahlke hat keine schlichte Antwort. Vor allem aber keine Zeit zum Nachdenken. Denn wir stehen im Weg.

Es ist Ende April. Der Tag der Arbeit steht bevor. Für die Familie in dem verwinkelten Haus mit der Nummer 39 buchstäblich. Es ist ein Großkampfplatz. Alles muss raus. Nun ja. Erstmal muss alles rein. 230 Pappkartons. Eine gigantische Rolle Ploppfolie. Die heißt bei den drei blaubehosten Profis Luftpolsterfolie, kurz Lupo. Dahlke ist das egal. An diesem Dienstagmorgen ist er erst einmal froh, dass seine Enkel bereits in der Schule sind. Die Rolle wäre ihr Paradies.

230 Kartons und ein Paradies für Kinder: Ein Zuhause wird bruchsicher verpackt.

Wer Umzugsprofis auf den Fersen bleibt, lernt Erstaunliches:

1. Einwickelpapier zählt der Profi nicht in Bögen, sondern in Gewicht. 40 Kilogramm hat ihr Chef kalkuliert. Das ist eine Menge. Eine ganz schöne Menge.

2. Küchenschränke sind Schatztruhen und ihnen wohnt ein Vergessenszauber inne. Wer weiß schon, was da alles drin ist … Das kann verhängnisvoll sein. Denn wenn Hans-Jürgen Haase einmal etwas eingepackt hat, bleiben die Kartons zu. Dass das mal klar ist. Ilka Walter, Dahlkes Tochter, wird mit ihrer Familie aus Schulenburg-Nord ebenfalls ins neue Haus in Engelbostel ziehen. Sie steht neben dem Profi Haase in ihrer Küche und nickt ehrfürchtig. Eigentlich ist sie sich ziemlich sicher, dass in ihren Küchenschränken weder Medikamente versteckt sind, noch schlummern darin Personalausweise oder andere Schätze. So eindringlich, wie Haase seine erfahrungsbewährten Hinweise gibt, wäre an diesem Morgen aber niemand verwundert, wenn hinter Tassen und Tellern doch noch etwas Unvermutetes auftaucht. Allein, weil Haase es sagt.

Und 3. – Nutella wird nicht eingepackt. Niemals.

Das Prinzip Haase ist einfach. Man schaut gemeinsam in den Schrank. Was für die 48 Stunden zwischen dem Packen und dem Umziehen zum Überleben benötigt wird, ist herauszuholen. Sonst ist es weg. Ok. Schrank auf, Teller raus, Schrank zu. Schrank auf, Kaffee und Zucker raus, Schrank zu. So geht das Stück für Stück. Und der Haufen in der Überlebens-Ecke der Küche wächst. Ilka Walter geht bereits einen Schritt weiter, da zeigt Haase Dramen-Entdecker-Qualitäten. Ein Griff – und die Katastrophe ist abgewendet: „Die Nutella packe ich nicht ein. Hier leben Kinder im Haus.“

Gut, wenn Profis am Werk sind.

Christine Nettler, Dahkes Ehefrau, wird wenige Stunden später ihr eigenes Leid davon singen. Sie hatte sich am frühen Morgen auf einem Stuhl einen kleinen Haufen zurecht gelegt. Hose, Hemd, was man so braucht am morgigen Maifeiertag. Leider war der Stuhl mit keinem der Profis zuvor als Überlebens-Ecke definiert. Und deshalb ist am späten Nachmittag, als Nettler von der Arbeit kommt, der Stuhl weg. Mitsamt des Haufens. Nettlers Überlebensstrategie ist eine recht sportlich kurz vor dem Eintreffen der Packer aufgesetzte Waschmaschine. Was jetzt auf der Leine trocknet, rettet über den Tag.

Jahrelang hatten Dahlke und seine Familie Zeit, sich auf diesen Tag vorzubereiten. Nutzt aber alles nix. In dem wochenlangen Trubel des Planens, der Absprachen mit Architekten und für innen, außen und den Garten, mit Küchen-, Karton- und Dienstplanern geht das richtige Gefühl für das, was jetzt passiert, gnadenlos unter. Zwischen einer noch unberührt scheinenden Pin-Wand im Flur, drei ungefüllten und 15 vollgepackt gestapelten Kartons kommt dem vierfachen Großvater kurz vor dessen Lebensumzugspremiere ein schwedischer Werbeslogan in den Sinn. Noch wohnen oder schon leben? Tja. Da steht man in mitten des Wirrwarrs und fühlt sich doch zuhause. Drüben, knapp zwei Kilometer westwärts jenseits des Krähenbergs, da ist alles sauber und ordentlich. Da wartet das neue Haus. „Da werde ich wohl erstmal noch eine Weile nur wohnen.“

Aber vielleicht ist das mit dem Wirrwarr auch ganz gut so. Es lenkt ab. An den Nerven zerrt das Abbrechen und Aufbauen schon genug.

Die Kinder fliegen in diesen Tagen mit ihrem Kettcar samt Anhänger frohgemut zwischen den Dörfern hin und her. Ladung um Ladung buchsieren sie ihr buntes Leben von alt nach neu. Großvater Dahlke fühlt sich zwar nicht ganz so fröhlich. Dass die Kinder aber ihr Sein damit förmlich in die eigenen Hände und damit ein gerüttelt Maß an Verantwortung über-nehmen, gefällt ihm doch. Und ein Blick in den Garten rund um das Haus Nummer 39 verrät sofort: Der pädagogische Auftrag ist noch lange nicht erledigt. Der Tag des Umzugs indes hat es in sich. Ilkas Tochter vergießt bittere Tränen. Ihr ist die Vorstellung, dass von nun an kein Schulbus mehr kommt, um sie raus ans Ende der Welt zu bringen, nicht so ganz geheuer.

Derweil kämpfen gestandene Umzugsprofis mit den Tücken der Kinderwelt: Was tun, wenn sich ein Lustiges Taschenbuch zwischen zwei Tischplatten verkrochen hat, die für basteleifrige Jungenshände im Fluge zu überwinden sind, dem kräftigen Herrn aber gerade einmal zwei Knöchelbreit Platz lassen? Von Zauberhand liegt im Kinderzimmer ein Schirm parat. Vielleicht beflügelt das Werkeln in Kinderzimmern ja auch die Phantasie von Umzugsprofis. Zurück bleibt das Buch jedenfalls nicht.

Dahlke und Nettler fliegen unterdessen zwischen Haus und Auto und neuem Haus und Garten und wasweißichwo hin und her. Nettler packt aus lauter nicht wissen, wohin mit den Händen, einen Karton voll mit all ihren Näh- und Handarbeitssachen. Wolle bricht nicht. Wer will da schon über Haftungsfragen debattieren. Von den übrigen Dingen lassen die zwei die Finger, das hat ihnen der Flughafen wortreich erläutert: Wer selbst packt, muss bei Bruch selbst zahlen. Nur dem Wasserkocher, dem Kaffee und dem Zucker jagt Nettler hinterher: Ohne Kaffee? Nicht heute. Nicht so früh am Morgen. Nie.

Natürlich haben sie sortiert, all ihre Dinge – im Kopf. Es gibt einen Grundriss des neuen Hauses mit Kürzeln, die sich im Idealfall auf den Kartons wiederfinden lassen müssten. Der Grundriss liegt im Flur auf der Anrichte. Gegenüber landet gewichtig der nächste Karton. Dahlke stutzt. Auf dem Karton prangt ein Kreuz auf der Position Keller. „Ich habe keinen Keller.“ „Gut.“ Der Profi zückt den Stift. Geht er eben in die Küche. Wird schon stimmen.

Was stimmt, ist richtig. Aber ob auch alles, was sich stimmig anfühlt, richtig ist, wird sich noch zeigen. Oben in der Wohnung von Tochter Ilka stehen drei Möbelstücke, deren Zukunft offen ist. Sicher ist nur, sie ziehen nicht mit nach Engelbostel. Es sind Möbel von Dahlkes Mutter. Eine Nähmaschine, eine Anrichte und eine Standuhr. Die Tochter möchte sie nicht haben. Der Vater auch nicht. Natürlich hängt an den Stücken Geschichte. Unter anderem die eine von der umgefallenen Standuhr. Seitdem fehlt die Scheibe in der Tür. Aber in der Geschichte, die jetzt drüben in Engelbostel entstehen wird, da wollten die Stücke in den vergangenen Wochen so recht nicht ihren Platz finden. Sie passen zu nix. Sagt der Vater. Sagt die Tochter. Und irgendwann, sagt dann der Vater, irgendwann müsse auch mal Schluss sein. Ob er jetzt die kaputte Uhr meint. Oder das Haus. Oder das Dorf. Oder irgendwie alles zusammen. Das sagt er nicht. Muss er auch nicht.

Was sich in diesen Stunden in diesem Haus vollzieht, kann man getrost als kalten Entzug bezeichnen. Er bahnt sich ganz unspektakulär an. Aber wenn die Jungs erstmal gut dabei sind, wechselt das Bild rasant vom faszinierend schnell und fingergewandt eingewickelten Geschirr zur unsentimentalen Grobmotorik. Die Innereien abmontierter Küchenschränke haben absolut nichts Anheimelndes mehr. Ganz egal, wie nett man noch Tage zuvor in dieser Küche auf der Eckbank geplauscht haben mag. Im Bad ist Kuscheligkeit längst ein Fremdwort. Nicht nur, weil das Frottee längst in Kartons auf den Abtransport wartet. Auch das Waschbecken ist nicht spurlos verschwunden.

Nein, bleiben möchte man an dieser Stelle nicht länger als nötig. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so.

 

 

 

 

 

 

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