Besuch netter alter Damen (Teil 41)

Manche Dinge gehen gar nicht: Kniestrümpfe? Das ist doch nur etwas für Jungs! Manche Dinge gehen öfter: Osterfeuer? Zu Pfingsten, klar! Und für mancherlei ist stets Zeit: Gerda Spill und Erna Sczesny können singen. Immerzu.

Ein Novembertag 2012. Es ist bitterkalt. Doch die Sonne scheint. Und der 180er Benz, Baujahr 1954, strahlt mit seinem gleichaltrigen Besitzer Karl-Heinz Dahlke um die Wette. Dabei sind die zwei geradezu als Jungspunde unterwegs. Gemeinsam haben sie zwei Schwestern eingeladen – buchstäblich. Die eine der zwei Damen, beide geborene Münkel, hat am Vortag Geburtstag gefeiert. Ihren 90. Heute nun will Dahlke den beiden ein wahrlich einmaliges Geschenk machen: die Besichtigung ihres Elternhauses. Wenn Erna Sczesny ihren 91. Geburtstag feiern wird, gibt es das von ihrem Vater Heinrich 1928 erbaute Haus nicht mehr.

Es wird der letzte Besuch in ihrem Elternhaus sein. Erna Szcesny lässt sich ihre gute Geburtstagslaune dennoch nicht verderben. Mit ihrem Chauffeur Karl-Heinz Dahlke studiert sie den Artikel über das Ende ihres Dorfes in der HAZ.

Das Haus ist, wie alle hier über den Resten noch nicht abgebauten Tons, von solidem Klinker und schlichter Eleganz. Er trägt die Nummer 36 und steht in Schulenburg-Nord gleich gegenüber Dahlkes Zuhause mit der 39. Inzwischen, ein knappes halbes Jahr nach diesem Ehrentag, muss man sagen: Dahlkes ehemaligem Zuhause. Er hat mit seiner Familie weit mehr als sieben Sachen gepackt und das vom Flughafen erbaute Haus in Engelbostel bezogen. Im Herbst, so der Plan, sollen die letzten drei Gebäude am Nordende der Dorfstraße fallen.

Gerda Spill hat auch gepackt. Allerdings vor gut zwanzig Jahren. Gerda ist Ernas kleine Schwester, drei Jahre jünger, in vielen Kleinigkeiten Seelenverwandte. Die zwei haben nicht mehr viele der ihren. Sie haben einander. Gerda Spill hat als letzte der Familie das Haus verlassen und es vier Jahre nach dem Tod des Ehemannes 1991 an den Flughafen verkauft. Ein Entschluss der Vernunft, sagt sie heute. Hieß es doch, es müssen alle weg. Aber keineswegs ein Entschluss, der glücklich gemacht hat. Nicht die Nachbarn, die seinerzeit überrumpelt und enttäuscht den Besuch des Wertgutachters zur Kenntnis nehmen mussten. Nicht sie. 21 Jahre wohnt sie nun in ihrem Reihenhäuschen in Godshorn. Nach der Heimat verlor sie kurze Zeit später beide Söhne. Angekommen ist sie nicht.

Seit dieser Zeit wohnt Bernd Schuldt mit seinen zwei Söhnen in dem Gebäude mit Blick auf Nordbahn, Tower und Flughafenfeuerwehr. Bis vor kurzem auch mit Blick auf einen Hirschen im Garten, ein Schaf, einen Pfau. Die Vierbeiner sind inzwischen schon länger weg. Schuldt weiß an diesem Novembertag noch nicht: In dieser Mai-Woche 2013 schläft er zum ersten Mal in seinem neuen Haus wenige Kilometer weiter Richtung Heide. Das Nordende der Dorfstraße ist endgültig verwaist.

An jenem Novembertag gilt der Ausflug aller Anwesenden der Vergangenheit. Es mögen längst nicht mehr alle Wände in dem Haus an jenen Stellen stehen, an denen Gerdas und Ernas Vater sie 1928 erbaut hat. Doch diese zwei so ehrwürdig munter gealterten Damen lassen im Fluge Bilder auferstehen, die moderne Tapeten und Mobiliar verblassen lassen.

Hinweg also mit Schuldts Glastisch, den vier Stühlen nebst moderner Küchenzeile. Ist es doch jener Raum, in dem Erna, 1922 geborene Münkel, nach 1947 frisch verheiratete Sczesny sieben Jahre mit ihrem Mann lebte. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, Bad – alles eins. Ein Ofen an jener Ecke, der Haken für den Wassereimer an der anderen. Ein Bett, ein Tisch, vielleicht zwei Stühle, ein Schrank. Sieben Jahre. Wohnungen? Gab’s nicht. Damals nicht. Heute? Anderes Thema.

Die zwei wandern umher. Zuhause und verloren zugleich. Retten sich in Geschichten vom Blitzeinschlag. Ein Schlag, ein Treffer, innen alles schwarz. Von der mühevoll verlegten Drainage rund ums Haus, um das Wasser aus dem Keller zu halten. Vom Osterfeuer im unendlichen Garten – zuweilen auch schon mal zu Pfingsten. Wen störte es schon. Und dann stehen sie plötzlich da, schauen sich an – und singen. Glockenklar, vergnügt, in Kindertage versetzt. Die Gäste in ihrem Haus verstummen gebannt, auch wenn sie nicht so recht Gast sein können in ihren Köpfen.

Die Kindertage beginnen für die zwei Töchter eines Maurers in Schulenburg. In der Rattenburg. Einem Hof an jener Dorfstraße, die vor Süd- und Nordbahn Hannover mit der Hasenheide verband. Ein Hof mit viel Getier. Nicht nur Nutzvollem. Der Name ist Programm. Der Vater möchte da weg. Und jetzt, wo die Ziegeleien oben im Norden aufgegeben haben, gibt es Land. Das erst urbar gemacht werden will. Wurzelstuken entfernen. Durstige Birken pflanzen, um das Moor zu trocknen. Zwei Häuser gibt es bereits auf dieser Seite der Dorfstraße zwischen der ehrwürdigen Villa des Ziegelei-Geschäftsführers und der Hasenheide weit oben in Norden. Gleich schräg gegenüber der Villa, jenseits der einzigen Kreuzung steht schon seit 1922 das Haus der Spediteure Kaufmann, heute in fünfter Generation bewohnt von Familie Damaske. Kurze Zeit später baut Heinrich Fiene sein Haus. Die heutigen Nummern 22 (Damaske) und 32 (Fiene) sind Erfindungen der Neuzeit. Münkels Haus wird später die Nummer 36 tragen. Direkt nebenan erbaut der Gärtner Heinrich Wilke nur kurze Zeit später seinen Klinkerbau. Seine Tochter Anna, verheiratete Kuss, wird Anfang der 80-er Jahre die erste sein, die verkauft.

Von der Villa sind diese Häuser nur einige Steinwürfe entfernt. Deren Bewohner vom Leben in der Villa dagegen Welten. Der Geschäftsführer der Ziegelei Stephanus hat 1929 die Villa längst verlassen, in diesem überaus kalten Winter des Umzuges der Münkels vom südlichen Schulenburg ins nördliche. Die neuen Bewohner faszinieren die Mädchen des Neu-Dorfes ungemein. Staatsschauspieler Theodor Becker! Sang Opern! Im Garten!

Die Villa erscheint den gerade ihrer Rattenburg entkommenen Mädchen einem Märchenschloss gleich. Die Spiegel! Ein eigenes Spielzimmer für die zwei Töchter! Welche Eleganz! Welch Luxus, vom Staatsschauspieler zuweilen morgens zur Schule gefahren zu werden! In! einem! Hanomag!

Dörthe, die jüngere Tochter, wird mit Gerda und der gleichaltrigen Anna aus dem Nachbarhaus Wilke gemeinsam zur Schule gehen. Sie ist die Tochter der zweiten Ehefrau. Es gab eine erste. Maria. Auch Sängerin. Und eine Scheidung. Ende der zwanziger Jahre. Verdächtig? Vielleicht. Vermutlich. Maria gelingt die Ausreise nach Amerika. Rechtzeitig.

Und es gibt die große Schwester. Aus eben jener erstern Ehe. Thea. In den Erzählungen rund 80 Jahre später an einem Wohnzimmertisch in Schulenburg erscheint diese Thea ohne Gesicht und Haare. Sie besteht nur auf einer einzigen Beobachtung: Kniestrümpfe! Als Mädchen.

Also bitte. Es geht vieles in jener Zeit, was heute kaum noch vorstellbar ist. Aber das?  Das geht doch gar nicht.

Kommentar hinterlassen