Eine klappernde Bagage (Teil 42)

Kaufmann kommt! August Kaufmann mag ein ehrbarer Fuhrmann gewesen sein. Für die Pökse des Dorfes ist er der Schrecken in Person. Wenn Kaufmann kommt, heißt es rennen. Die Bagage weiß warum: Wo sie ist, darf sie dann so ganz und gar nicht sein. Doch ihre wichtigste Flucht haben zwei Schwestern da eigentlich schon hinter sich.

Ein Wohnzimmer in Schulenburg. Geborgenheit in schlichtem Plüsch. Nicht viel. Und doch alles, was noch wichtig ist. Ein paar Bilder. Liebgewonnenes Geschirr hinter sicherem Glas. Alles hat seinen Platz. Erna Sczesny den ihren mittendrin. Ihren 90. Geburtstag hat sie im November 2012 gefeiert. Sie wohnt hier – seit fünf Jahren allein. Zwei Treppen hoch über Schulenburgs dröhnender Hauptdurchgangsstraße. Das ist so schlimm nicht: Der Bus hält in der Nähe und ihren Draht ins Leben.

90 Jahre Leben sind mehr als genügend Abenteuer. Doch wenn Erna Sczesny an ihre Jahre als geborene Münkel denkt, kann sie ihren Schauer nicht verbergen. Wie primitiv sie mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Gerda und ihren Eltern Heinrich und Erna Münkel einst auf einem Bauernhof an Armslohweg in Schulenburg gelebt hat – das will so fassungslos verschwiegen wie empört berichtet werden.

Der Schornstein der Ziegelei Kohlmeier in Schulenburg-Nord ist gefallen. Für die Kinder ein abenteuerliches Fest, manch anderen lockt in schweren Zeiten der wertvolle Blitzableiter. Foto: privat

Rattenburg. Nie werden die Schwestern ihr Geburtshaus anders nennen. Die gehassten Kreaturen sind überall. Immer. Beim nächtlichen Gang mit der Petroleumlampe durch Diele und Hof auf dem Weg zum Klo. Gucken spöttisch überlegen von der Ladeluke der Scheune herab auf die zweibeinigen Bewohner.

Diele. Klingt in zu jungen Ohren nach pittoreskem Fachwerktraum für großes gemeinschaftliches Tafeln. Ist aber eigentlich: Stall. Kühe. Schweine. Alles eins. Alles offen. Heinrich Münkel ist Maurer und hat mit seiner Frau und den Kindern kargen Unterschlupf gefunden auf diesem Hof. Erna und Gerda sehen sie offenkundig vor sich: die lose im Sand liegenden Mauersteine im Schlafzimmer der Eltern. Die Ratte, die aus Vaters Bett springt. Jene, die über die Haare der Mutter rennt. Oder das Schlupfloch der Viecher aus dem Schweinestall hoch ins Obergeschoss – unter das Bett der Mädchen.

Sie sehen vor sich – den Alten des Hofes, zu dessen Kammer es durch die Stube geht. Jene Stube für alle. Das Leben dauert 80 Jahre. Er aber wolle 90 werden. Sagt er. Und sitzt auf der Ofenbank und rotzt. Düstere Bilder sitzen fest in Kinderseelenkerben. Eine trostlose Zeit. Worte von heute.

Heinrich Münkel heiratet seine Erna 1920, sie 22 Jahre alt, er 21. 1922 kommt Tochter Erna zur Welt, 1925 Gerda. Und 1928 haben sie alle miteinander genug von den unerwünschten Mitbewohnern, zwei- wie vierbeinig. Die Bilder, die die Töchter 85 Jahre später am Wohnzimmertisch heraufbeschwören, geben Qual und Mühsal preis. Vier Morgen Boden urbar machen. Ohne Gerät. Ohne Geld. Aber mit pflichtbewussten Kollegen, Freunden gar. Und so baut das Paar nicht allein. Am Wochenende sind Heinrichs Maurer dabei und packen mit an. Links und rechts gleichen sich die Bilder. Aus Gesichtern werden Namen: Wilke baut im Norden (Teile 19, 20 und 22), Dahlke (später Dörge, Teile 24 bis 28) und Fiene (Teile 29 bis 32) im Süden.

Im Winter 1928/29 zieht die Familie von Schulenburg nach Schulenburg. Den Anhang Nord gibt es noch nicht. Noch ist es ein Dorf, ein einziges unzerteiltes langes schmales, das sich von Hannover im Süden hoch in die Hasenheide schlängelt. Es ist ein kalter Winter. So kalt, dass selbst, wenn man eigentlich nichts hat, jeder der wenigen Wege zwischen den Dörfern zur Erinnerung wird. Die Schlittenfahrt des Vaters mit Erna im Schlepptau. Raus nach Engelbostel zum Stellmacher, den Deckel für den Waschzuber holen. Kaltgefroren wird das sechsjährige Mädchen. Im folgenden April kommt sie zur Schule. Der Weg dorthin, in diesen einzigen Raum für alle Kinder des Schulenburger Dorfes, ist viel länger als vor dem Umzug. Zu Fuß. Sowieso. Details, die hängen bleiben.

Heinrich Münkel baut, was sie alle bauen: Ein Haus für die eigene Familie und für eine fremde, Miete zahlende obendrein. Über Münkels wohnt eine Familie mit Kindern. In den Stall ziehen drei Kühe. Sie geben Milch. Sie ziehen den Pflug. Landwirt? Nein. Erna lacht. Man wohnt doch zwischen Bauern in all den Jahren. Da weiß man, wie das geht. Heinrich Münkel richtet Mauern auf bis zum Abendbrot. Und bestellt danach seinen Hof.

Die Töchter sind nun die Ratten los. Sie entdecken die anderen Kinder rund um ihr neues Zuhause. Nebenan. Und in der legendären Villa. Zwei Steinwürfe nebeneinander und doch könnte der Kontrast nicht größer sein. Dörthe und Thea, die Mädchen aus der Villa, laden eines Tages ein zum Geburtstag. Zu Spielen, wie sie Erna und Gerda ihr Lebtag nicht entzückt haben. Ein Schaukelpferd bekommt Dörthe, ein kleines Präsent gibt es am Ende für jeden Gast. Etwas zu schnökern. Ein Himmelreich auf Erden, auf der bislang Lutschstangen der Gipfel jeden Luxus‘ waren.

Doch bei einem Krankenbesuch am Bett der kleinen Dörthe erleben sie auch, dass die große Thea ihre draußen beim Spiel aus dem Blick leichthin entlassenen Handschuhe unerbittlich so lange suchen muss, bis sie eben wieder da sind. Erna und Gerda dürfen zwar mit den anderen Schülern noch so gerade in den Zoo. Andere Ausflüge bleiben ihnen mangels Geld und Zeit verwehrt. Aber was herrisch zu bedeuten vermag, das fällt den Schwestern nur beim verinnerlichten Blick in die Villa ein.

Die Familien da oben im neuen Norden richten sich ein mit dem Leben auf dem so nassen Boden. Auf Äckern, die sich dann manchmal eben doch nur mit Hilfe der echten Landwirte durchdringen lassen. Erna und Gerda lernen schnell, dass bis das Heu die Kuh satt, es vor allem die Arme schwer macht. Schwaden, wenden, häufen, ausbreiten. Und im Zweifel immer schneller sein als das nächste Sommergewitter. Mutter Erna sammelt Holz für die Bauern, damit sie das Münkel’sche Land pflügen. Man kennt sich, man hilft sich. Und man sieht, wie sich jene helfen, die mehr Zeit haben, als es ihnen lieb ist.

Was den radelnden, Freizeit genießenden Sommergästen aus Hannover das schmucke Freibad am Hotel Aquarium oben in der Hasenheide, ist den Arbeitslosen die Tonkuhle der toten Ziegelei Kohlmeier (heute der NJK-Teich). Sie kommen zu Fuß, vielleicht gar mit dem Rad. Wer sonst nichts hat, bleibt im Zelt gleich den ganzen Sommer. Erna und Gerda lernen schwimmen. Mit selbst genähten Nisselkissen. Weiß, viereckig. Je zwei verbunden mit einem starken Band. Ihr Geheimnis: Erst wenn sie nass sind, kann man sie aufpusten. Durch ein aberwinziges Löchlein in der Naht. Und es scheint eine wahre Kunst, beim Schwimmen nachzupusten. Am besten rechtzeitig. Die zwei Mädchen haben inzwischen auch die Nachbarstöchter kennengelernt: Anna und Grethe Wilke. Anna ist so alt wie Gerda, Grethe ein Jahr älter als Erna. Grethe wird den Krieg nicht überleben, Scharlach wird ihr Schicksal. Die drei anderen treffen sich bis heute jeden Montag bei der Schulenburger AWO zum Spielen. Davon ahnen die vier in jenen Tagen nichts. Sie ärgern sich. Weil Anna und Grethe nicht mitdürfen zum Schwimmen. Weil sie nicht mit hoch zur Hasenheide dürfen. Sondern auf dem Obsthof des Vaters besser lernen, wie man Rosen veredelt. Oder Strümpfe stopft.

Erna und Gerda lernen auch – Lieder zu singen. Sie lernen es nicht zuhause. Sie lernen es beim Schlittenfahren. Verbotenerweise. Der einzige Ort, an dem man in Schulenburg ordentlich Fahrt aufnehmen kann, sind die Ofenrohre der Ziegelei. Der verfallenden Ziegelei. Spielen darf da niemand. Will aber jeder. Nicht nur zugucken, als der Schornstein gesprengt wird, mit großem Hallo und Radau zu Boden fällt – und der endlose Blitzableiter sehnlichst erwartet wird. Buntmetall ist in allen Zeiten begehrt. Die Kinder des Nord-Dorfes haben sich diesen Abenteuerspielplatz schnell erobert. Fürchten müssen sie in dieser morbiden Kulisse eigentlich nur einen. Diesen einen, der den Auftrag hat, ein Auge auf das von Arbeitern längst verlassene Areal zu werfen. Er lässt die ganze Bagage aus dem alten Trockenraum der Ziegel über scheppernde Eisenplatten klappernd flüchten.

Kaufmann kommt!

Ein Kommentar

  1. Heidi Mroschel sagt:

    Schön, die alten Bilder zu sehen, da auf den Fotos Nr. 6 und 9 unsere Oma Emma Fiene und unsere Tante Elli in jungen Jahren zu sehen sind.

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