Von gut gehüteten Schätzen (Teil 43)

Verantwortung zu übernehmen – macht: stark und erwachsen. Es gibt einem das Gefühl, etwas leisten zu können. Ein solides, belastbares Fundament dieser Gesellschaft zu sein. Alles Quatsch: Manchmal ist Verantwortung Quell übelster Albträume, zerstört Selbstvertrauen in Millisekunden und macht einen einfach nur wahnsinnig.

Es geht um Fotos. Alte Fotos. Erna Sczesny hat sie gemacht. Da hieß sie noch Münkel. Da zählte die Menschheit erst einen Weltkrieg. Diese Fotos gibt es noch. Fein säuberlich stemmen sich die Ecken  widerstandsfähigen Kartons in aufgeklebte Zellophan-Dreiecke. Bild an Bild zeichnen sie durch eine Riege schwerer Alben das Werden nach – eines jungen Mädchens zur Frau. Akkurat beschriftet, nur zu Beginn fehlt es ein wenig an Jahreszahlen. Der Leichtsinn einer Jugendlichen: Wer mag glauben, dass Erinnerungen einmal verblassen mögen? Von wegen, die Jugend von heute.

Und jetzt? Jetzt liegen ein paar dieser Zeitzeugen auf meinem Schreibtisch zuhause. Digitalisieren heißt das Zauberwort, damit sie eins werden können mit diesem Blog. Doch schon das Herauslösen dieser Photographien aus ihrer Feste dieses Bilderbogen-Lebens fühlt sich, bei aller Vorsicht, an wie eine Operation am offenen Herzen. Diese Bildnisse haben einen, den dann zweiten Weltkrieg überstanden. Umzüge. Unbillen. Sie sind nicht verloren gegangen. Es hat sie niemand weggeworfen.

Allerdings hat sie jemand verliehen. Jetzt. Mir.

Sie haben einen Krieg überstanden. Jetzt müssen sie auf meinem Schreibtisch überleben: Erna - seinerzeit noch Münkel - hat diese Fotos gemacht und sie zur Digitalisierung verliehen.

Sie haben einen Krieg überstanden. Jetzt müssen sie auf meinem Schreibtisch überleben: Erna – seinerzeit noch Münkel – hat diese Fotos gemacht und sie zur Digitalisierung verliehen.

45 Jahre Lebenserfahrung nützen da – nichts. Nicht gegen die überfallartige Vision, die Fototasche könne schon beim Verlassen des Hauses in die nächstbeste Regenpfütze fallen. Ein Unfall auf der Autobahn. Ein gedankenverlorener Fehlgriff beim Bestücken der Altpapiertonne. Dieses fatale Glas Orangensaft, das sich in einem Anfall überraschender Grobmotorik über den Schreibtisch ergießt. Phantasie kann grausam sein.

Man kann besonders vorsichtig laufen. Fahren sowieso. Das Altpapier eine Woche länger aufheben. Lebensmittel und – bei aller Liebe – Kinder jeglicher Art aus dem Arbeitszimmer verbannen. Dennoch: Kein Geräusch ist erleichternder als das satte Plopp aus Erna Sczesnys Briefkasten, mit dem eine Woche später schließlich die zugetackerte Klarsichthülle mit allen wohlbehaltenen Fotos darin durch den Briefschlitz plumpst.

Doch eines noch: das fröhliche „Ja, habe ich gefunden“ tags drauf am Telefon.

So ergeht es mir seit Monaten. Im Grunde ist dieses gewählte Martyrium natürlich ein Geschenk: Vertrauen, die einmaligen Schätze jener Zeit unversehrt wiedersehen zu können. Dahlke, Fiene, Dörge, Wilke – bislang darf ich noch jeder Familie wieder unter die Augen treten. Die Fotos von Erna Sczesny jedoch gehören zu den ältesten, die in meine Hände gelegt werden.

Die Alben sind unersetzlich. Klar. Viele der Protagonisten leben nicht mehr. Orte sind unwiederbringlich verschwunden. Kein Gesicht von heute ist von Natur aus alt.

Doch das Blättern durch die Kartonage offenbart viel mehr: Wieviel Energie braucht ein junges Mädchen, um sich aufmachen zu dürfen auf seinen eigenen Weg? In jener Zeit.

Erna Münkel ist Jahrgang 1922. Mit zehn kann sie melken. Was heißt: kann. Sie muss. Der Vater schickt sie mit dem Eimer auf die Wiese. Gefragt wird da nicht viel. Jeder packt mit an. Und im Grunde versteht sich das auch von selbst. In jener Zeit.

Mit 14 Jahren ist die Schule vorbei für Mädchen wie Erna. Der weitere Lebensweg würde jetzt erst einmal Pause machen: auf dem Hof des Vaters. Helfen hieße die Devise. Bis von irgendwoher ein junger Mann kommt, der dann die nächsten Weichen stellen wird. So weit, so klar, so üblich. Und die eigenen Eltern und das, was sie zusammen geschaffen haben, wären ein so schlechtes Beispiel ja nun nicht.

Dennoch: Erna, zwar von je her von eher schmächtiger Natur, macht sich eines Tages auf den Weg. Gen Süden. Richtung Hannover. Sie müsste eigentlich helfen auf dem Hof. Statt dessen radelt sie Richtung Hainholz, die Schulenburger Landstraße entlang. An einem Laden bleibt sie kleben. Irgendwie buchstäblich. Irgendetwas hat es ihr angetan. Irgendwann hilft sie dort aus. Und irgendwann traut sie sich zu fragen, ob sie dort nicht „in Stellung“ bleiben kann.

„In Stellung“ – das steht für nichts und für alles. Die Chefin, einen Namen erhält sie in keinem unserer Gespräche, ist skeptisch. Hält Erna für zu zart, um richtig anzupacken. Durchzuhalten. Es mit den Kunden aus der Stadt aufzunehmen, als Mädchen vom Land. Doch Erna imponiert ihr wohl letztlich mit dieser ihr auch satte siebzig Jahre später noch nachspürbaren Beharrlichkeit. Wer eine Rattenburg hinter sich lassen kann, die schreckt so viel nicht. Erna übersteht ein Praktikum. Am 15. November 1936 beginnt sie dort zu arbeiten. Heißt: sie zieht dorthin. Es ist eine Kammer in der Wohnung der Mutter ihrer Chefin. Nicht zu beheizen. Im Winter gefriert das Wasser im Krug. Zehn Jahre wird sie dort bleiben.

Die Zweifel ihrer Chefin verfliegen. Erna kann anpacken. Mehr noch. Sie hält den Haushalt am Laufen. So emsig und eigenständig, dass sie auch in den Laden darf. Immer wieder. Immer öfter. Und irgendwann auch ganz alleine. Erna wird verlässliche Vertraute. Mit tiefen Wurzeln: an jedem Sonntag setzt sich das Mädchen auf ihr Rad und fährt nach Hause hoch in Richtung Hasenheide.

Der Krieg kommt. Der Laden bleibt. Und damit er das kann, braucht die Chefin ihre Erna. Der Einzug zum Arbeitsdienst bleibt Erna damit erspart. Die Chefin erwartet ein Kind. So oder so oder so ist dieser Lebensmittelladen in Hainholz Erna Münkels Schicksal. Schließlich steht Georg vor ihr. Aus Schlesien. Gestrandet bei einer Tante in Linden. Sczesny heißt seine Familie. 1946 verlässt Erna Münkel Laden und Hainholz und kehrt zurück nach Schulenburg-Nord. 1947 heiraten die zwei. Sieben Jahre werden sie auf zwölf Quadratmetern in Ernas Elternhaus wohnen bleiben.

Es gibt Bilder aus jener Zeit. Erna hat sie gemacht. Die Kamera hat ihr die Chefin geschenkt.

Es gibt diese Kamera noch. Und sie funktioniert.

Mein Glück, dass man dreidimensionale Dinge nicht scannen kann. In dieser Zeit.

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