Wenn nichts übrig ist, bleibt ein Rad (Teil 44)

Wie muss das wohl sein, wenn – Krieg ist? Wenn sich zunächst so gar nichts ändert an all den gewohnten alltäglichen Bahnen. Wenn zunächst nur Radio und Zeitungen voll sind von stolzgeschwelltem Brustton. Sich später Krankenhäuser füllen. Und schließlich Schuttberge wachsen. Wie hält man fest an seinem – Fahrradlenker? Mit einem Polo-Schläger in der Hand?

Erna und Gerda Münkel sind Schwestern. Jahrgang 1922 und 1925. Drei Jahre Altersunterschied. Die können die Hölle bedeuten. Oder ein perfektes Duo schmieden. Womit die zwei sich in hormonell turbulenten Zeiten gegenseitig das Leben schwer gemacht haben, verraten sie mir rund 75 Jahre später nicht. Warum auch. Es gibt Spannenderes zu erzählen. Und außerdem haben sie einen Onkel.

Wagemut brachte sie aufs Rad: Erna Sczesny, seinerzeit noch Münkel, kämpfte sich beim Kunstradfahren bis zur Niedersachsenmeisterin. Foto: privat

Wagemut brachte sie aufs Rad: Erna Sczesny, seinerzeit noch Münkel, kämpfte sich beim Kunstradfahren bis zur Niedersachsenmeisterin. Foto: privat

Mit einem außergewöhnlichen Hobby. Er fährt Rad. Nur eben nicht wie die meisten. Der Onkel fährt rückwärts. Oder steht drauf. Und das zu zweit. Er ist Kunstradfahrer und – soweit sich Erna erinnert – irgendwann vor dem Krieg damit sogar einer der besten seines Landes. Der Onkel wohnt zunächst in Schulenburg, später weiter südlich in Hainholz. Die Schwestern folgen ihm. Zumindest sonntagnachmittags.

Der Radfahr-Verein Orkan von 1901 ist das Ziel. In diesem Verein in Hainholz werden die zwei Mädchen bleiben, bis es ihnen – nun, sagen wir ruhig: untersagt wird. Der Krieg schafft es nicht, die zwei vom Rad zu holen. Es hat etwas mit Ehemännern zu tun, mit nackten Beinen in der Öffentlichkeit und mit einer wohl unverknüpfbaren Kombination von beidem. Nun denn.

Die Fotos aus jener Zeit jedenfalls sprechen von Wagemut. Von halsbrecherischen Posen im Einer, im Zweier. Beim Radpolo. Erna wird es bis zur Niedersächsischen Meisterin bringen. Wann genau, weiß sie nicht mehr. Vielleicht sogar im Krieg. Wer weiß.

Hängen geblieben sind andere Bilder. Von der Fahrt der zwei Schwestern an jedem Sonntagnachmittag in die Trainingshalle der Tellkampfschule in Hannover. Woche für Woche. Die Mädels, inzwischen fröhliche Backfische, haben ihren Spaß. Und Ehrgeiz.

Ehrgeiz genug, um nach den verheerenden Bombenangriffen auf Hannover Abend für Abend nach Feierabend den Schutt der zerstörten Turnhalle beiseite zu schaufeln. Der Boden ist doch noch gut! Wen stört es, dass die Wände nicht mehr stehen.

Was stört, ist dass bei einem Luftangriff die Räder unter den Trümmern durchglühen. Alles kaputt. Alles genommen? Nicht für sie. Was zu retten ist, wird geborgen. Sie finden das Rad, auf dem Erna trainiert hat. Und sie finden fünfe, aus denen sie ein zweites formen.

Krieg ist – wenn sich die Menschen nicht ihr Leben nehmen lassen wollen. Nicht nehmen lassen dürfen, wenn man nicht irre werden will in dieser Zeit. Wenn sich die Kunstradfahrfreunde mit Sack und Pack und Rad auf die Pritsche eines Lasters quetschen, um in Hamburg, Celle oder Göttingen sich mit Gleichgetriebenen zu messen. Die Männer schlafen in den Bunkern, die Mädels sind privat zahm und züchtig untergebracht. Das wird so weiter gehen, bis das Sterben rund um das Leben aufhört, und andere Dinge wieder wichtig werden. Nackte Beine in Sporthosen gehören nicht dazu.

An allen anderen Tagen der Woche muss jede Schwester alleine durch den Tag kommen. Erna ist in Hainholz „in Stellung“. Die jüngere Gerda lebt auf dem Hof der Eltern in Schulenburg-Nord. Vater Heinrich und Mutter Erna haben ihn mit den Maurerkollegen des Vaters 1928 gebaut. Was einst die Ländereien zweier Ziegeleien im Nordwesten Hannovers waren, hat sich bis Kriegsbeginn zu einer schmucken Siedlung gemausert. Im Hause Münkel hat es 1936 ein Ende mit den Petroleumlampen. Doch schon in jener Zeit erweist sich die Nachbarschaft als bedeutsam für das Dörflein. Was heute der Flughafen, ist damals ein Luftwaffenstützpunkt. In den Wiesen rund um die Häuser sind Flugabwehrkanonen postiert. Wer sie aus der Luft nicht trifft, trifft das Dorf.

Auch wenn die Keller in Schulenburg-Nord auf seinem tönernen Boden bei Regen zum ungewollten Fußbad werden: In jenen Jahren lernen die Dorfbewohner sie zu schätzen. Während Erna im familienfernen Hannover in den Bunker hetzt, hockt Gerda mit ihren Eltern im Keller. Draußen rummst es. Immer wieder. Und dann geht das Licht aus.

Warum? Erna und Gerda wissen es bis heute nicht. Sie sitzen in Schulenburg an Ernas Wohnzimmertisch und rätseln, wo denn bitte nun die Leitung habe liegen müssen, die es es bei jener Bombe zerrissen hat. Ein ungezählt wiederholter Wortwechsel. Sie werden es nie wissen. Aber es sich immer fragen. Nicht nur, weil der Strom seinen Weg ja man gerade erst wenige Jahre seinen Weg ins Elternhaus findet. Das, was folgt, verfolgt sie bis heute:

Zwei Stufen geht es hoch aus dem Keller in den Stall. Beim Öffnen der Tür sehen sie es – das Nachbarhaus in Flammen. Es ist der Hof Wilke. Der letzte in Richtung Norden. Heu und Stroh haben sie damals alle unter dem Dach liegen. Es ist Sommer. Das Vieh will etwas zu fressen haben im Winter. Jetzt aber fallen Brandbomben. Eine hat den Schornstein des Hauses getroffen. Zwei Zimmer in diesem Haus werden diese Nacht überstehen. Und ihre Bewohner.

Anna Wilke, die Tochter des Hauses, erlebt diesen Fliegeralarm im Kino in Engelbostel. Mit dem Rad jagt sie zurück, muss es im Dustern auf halbem Weg im Graben zurücklassen. Dass ihre schlafenden Eltern den Hof letztlich unversehrt an Leib, wenn auch nicht an Seele, verlassen können, verdanken sie den Soldaten. Ausgerechnet jenen Soldaten, die mit ihrer Flak das beschützen sollen, das den Angriff provoziert hat: den Nachbarn ein paar Steinwürfe weiter westlich. Doch die Soldaten lassen ihre Flak Flak sein und retten Annas Eltern. Ihre Nachbarn auf dem Hof Münkel bezeugen in stiller Erleichterung ob des verschonten eigenen Hofes die Rettung vor der Haustür. Anna wird später wochenlang mit Gerda das Bett teilen müssen. Bis zumindest die zwei Zimmer des Wilke’schen Hofes so hergerichtet sind, dass sich eine Familie darin mit ihrem Schicksal anfreunden kann. Gerda und Erna müssen sich auch anfreunden. Mit der nicht hochgegangenen Phosphorbombe, die jahrelang hinter dem Misthaufen des Münkelhofes liegen bleibt. Und mit den Stabbrandbomben. Sie liegen in der Wiese hinter dem Haus.

Der Angriff lässt die Männer nicht ruhen. Sie graben einen Erdbunker. Genau gegenüber von Wilkes Hof. Dort, wo später Schulenburgs heutiger Ortsbürgermeister Dietmar Grundey seinen Schafstall bauen wird. Einen Schafstall mit Räumen. Zum Feiern. Auch und vor allem immer wieder für die Nord-Dörfler. In jenen längst vergangenen Monaten finden die Nord-Dörfler an jener Stelle gemeinsamen Trost etwas anderer Art. Es hört nicht auf. Nicht das Bomben. Nicht das Brennen. Irgendwann erwischt es eine der Ziegeleien, längst tot, längst leer.

Auf dem Hof Münkel geht es selbst in den finstersten Tagen zuweilen humorvoll zu. Erna und Gerda erinnern ihren Vater Heinrich als einen Mann des Witzes. Nie um einen verlegen. Nie ohne Bedacht. Am Haus weht auch vor dem Mai ’45 keine Fahne. Eine Kombination, die die eigene Mieterin nicht gänzlich gutheißt. Die Frau hat sechs Kinder und erfährt durch sie vielleicht eine Wertschätzung von solcher Seite, die Vater Münkel vorsichtig werden lässt. Nur ein Wort! Dann holen sie Vater ab!

Vater schlachtet. Und damit kein Wort fällt, damit niemand den Vater holt, bekommt die Mieterin mit ihren sechs Kindern den ihr zustehenden Anteil am Fleisch. Das macht das Schlachten legal. Mitten im Krieg. Und mindert die Zuteilung von Lebensmittelmarken. Die Eltern Münkel verstehen sich aufs Wurstmachen, wissen wie und wo ein Schinken hängen muss, damit er die Familie satt macht. Irgendwann.

Irgendwann steigt Mutter Erna denn auch auf den Boden, um nach dem Rechten zu sehen. Sie sieht sie hängen. All die Jutesäcke, die sie schützen sollten. Die Würste und die Schinken. Doch die Säcke sind leer. Still und heimlich, Scheibe für Scheibe sind andere in diesem Haus satt geworden. Münkel heißen sie nicht. So still wie an diesem Schulenburger Wohnzimmertisch, gefangen in dem Entsetzen über ein bevorstehendes Jahr ohne Vorräte und ohne Lebensmittelmarken, so still wird es auf dem Hof Münkel nicht geblieben sein.

Denn Vater Heinrich weiß, wer anstelle seiner Kinder satt geworden ist. Er stellt einen der untermietenden Söhne eines Tages zur Rede. Es folgt ein Geständnis. Und jede Menge Ärger für den Beschuldigten. Durch dessen Mutter. Für das Geständnis. Nicht für die Tat.

Jahre später begegnet den Töchtern Münkel, inzwischen längst verheiratet und in befriedeten Zeiten unter eigenem Dach, dieser einstige Mitbewohner. Er ist inzwischen selbst umsorgender Vater. Aber nicht frei von Erinnerungen. Ob denn die Mutter wohl noch böse sei, fragt er die Schwestern. Die Antwort bleiben mir die zwei schuldig. Nicht aber ihr eigenes Urteil. Es ist salomonisch. Wenige Worte. Sie sagen alles.

Wie muss das wohl sein, wenn – Krieg ist?

So. Genau so.

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