Flirt an der Flak (Teil 45)

Wie muss das wohl sein, das Leben – nach dem Krieg? Es ist die Rückeroberung der Normalität mit all ihren kuriosen Details: Die Qual duftenden Kuchens auf dem Gepäckträger, die Pein schwappenden Wassers beim Durchklettern von Gräben und die heimliche Freude an einem heimlichen Liebespaar am Grammophon.

In einem Schulenburger Wohnzimmer gelingt manches wunderbar leicht. Der Sprung aus schlimmsten Kriegsnächten zur großen Wäsche. Wenn also Erna Sczesny und Gerda Spill, einst beide geborene Münkel, schaudernd erzählen von jener Nacht, in der Brandbomben die benachbarte Ziegelei in Flammen aufgehen ließen, dann kommt ihnen beim verinnerlichten Blick auf die Löschwasser holenden Männer unweigerlich ihr eigener schwerer Gang in den Sinn. Was tun, wenn heiße Sommertage ausgerechnet Berge dreckiger Wäsche beleuchten? Wenn also der Brunnen auf dem Hof mal wieder trocken gefallen ist?

Ein Mädchen, so weiß wie Schnee ... Die Damen belieben zu singen. Was sie sich dabei denken, scheint sie bis heute wahrlich zu amüsieren.

Ein Mädchen, so weiß wie Schnee … Die Damen belieben zu singen. Was sie sich dabei denken, scheint sie bis heute wahrlich zu amüsieren.

Dann geht es los mit zwei Tonnen auf dem Handwagen bis hoch zur Tonkuhle, über die sich heute die Nordbahn erstreckt. Mit Eimern wird durch die Gräben geklettert, den Hang hinunter. Immer wieder. Hin und her. Bis die Tonnen mit all ihrer schwappenden Fülle auf dem Handwagen wieder heimgeschleppt werden gen Süden zum Münkel’schen Hof. Natürlich gibt es einen anderen, sommersicher tiefen Brunnen im Dorf. Ihn hat Familie Schaperjahn gespült, jener Speditionsbetrieb ganz vorne an der Kreuzung. Es ist das älteste Haus in dieser Splittersiedlung, das nach der Villa und ihrer Remise gebaut worden ist. Mit der heutigen Hausnummer 22 trägt es bezeichnenderweise sein Baujahr am gemauerten Revers. Der Schaperjahn’sche Brunnen steht dem ganzen Dorf zur Verfügung. Den Schlüssel verwaltet Familie Fiene zwei Häuser weiter.

Aber! bitte! doch! nicht! zum Waschen!

Wer bei Schaperjahns Wasser holt, denkt nicht ans Waschen. Dann geht es um Durst – von Zweibeinern. Die meisten Brunnen der übrigen Grundstücke führen in den feuchteren Lagen Wasser von verdächtig gelber Trübung. An ihr stören sich die Kühe nicht.

Und so schleppen Erna und Gerda Wasser, bis sie selbst einen Hausstand gründen: Erna 1947, Gerda 1949. So viel, wie es Wäsche gibt in ihrer Familie. Die im Schulenburger Wohnzimmer präsente Mühsal skizziert eine Menge davon.

Ein anderer viel beschrittener Weg führt von Schulenburg-Nord über den offenbar allzu oft matschigen Krähenberg nach Engelbostel im Südwesten. Eine Mission von weitreichender Bedeutung. Hinzugs mit einer Schüssel Kuchenteig auf dem Gepäckträger. In einer der damals vier existierenden Bäckereien wird der Teig ausgerollt, belegt und gebacken. Rückzugs mit einer sündhaften Verführung: ein duftender Kuchen. Nur Vater Heinrich wagt es, vom frisch gebackenen Kuchen zu kosten. Allen anderen ist dies aufs Schärfste versagt. Eine liebgewonnene Gewohnheit mit festem Namen: Kuchen im Witt-Karton. Was den Versandfreudigen von heute Kartons kreischender Schuhlieferantenkunden, waren seinerzeit die vom Postbus gebrachten ersehnten Waren aus dem Hause Josef Witt.

Gerda wird diesen Weg auch später wagen. Als verheiratete Frau. Sie wird auf die Frage, ob sie es weit hat, dies wahrheitsgemäß verneinen. Zur Freude des zotenfreudigen Bäckereigehilfen. Auch Jahrzehnte später ist die noch hörbar entrüstete Frau Spill sich sehr sicher. Von hier war DER nicht.

Dabei sind die beiden Schwestern Zugezogenen durchaus wohlgetan. Ernas späterer Ehemann strandet aus Schlesien stammend nach kriegsbedingter Odyssee in Linden und vor dem Ladentresen in Ernas Laden in Hainholz. Gerda trifft ihren Martin Spill an der Flak hinterm heimatlichen Garten. In Frankreich war er, in Russland wurde er verwundet, nun gilt er mit einem Geschoss im Rücken als nicht mehr kriegsverwendungsfähig. Man vertraut ihm ein paar halbwüchsige Luftwaffenhelfer auf einer Wiese am Ende der Welt an. Sie alle hausen in Baracken gleich hinter den Fuhrbetrieben Schaperjahn und Kaufmann (heute Kötters in Nummer 26). Man trifft sich da ja eigentlich nicht. Gerda und Martin werden erwischt. Es folgt eine Strafversetzung des Soldaten ins ferne Godshorn. Der Liebe tut dies keinen Abbruch.

Der Abzug des jungen Mannes in den Oderbruch, die erneute Verwundung samt Lazaretaufenthalt in Berlin sowie die folgende polnische Gefangenschaft auch nicht. 1. Februar 1945 – Abschied aus Godshorn. Viereinhalb Jahre Bergwerk in Gefangenschaft. Erlaubt sind vorgefertigte Antwortkarten. Unauslöschliche Fakten quälenden Wartens in festem Glauben. Gerda und Martin heiraten 1949 unmittelbar nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft.

Lange vorher beobachten die Schwestern ein anderes Liebespaar. Es sind die Eltern ihres späteren Nachbarn Karl-Heinz Dahlke im Haus 39. Ob er, der in den vergangenen zwanzig Jahren an vorderster Front kämpfte um den Erhalt des Dorfes, das überhaupt wisse, da kommen den zwei noch immer deutlich belustigten Damen so ihre Zweifel. Ganz klar aber haben sie die zwei vor Augen, wie sie – Carl, Jahrgang 1903 und Arbeiter in der Ziegelei, und Elfriede, ein Mädchen aus Engelbostel mit Jahrgang 1911 – sich in einer der Wohnungen des Münkel’schen Hofs treffen. Fasziniert vom Grammophon, auf dem sich ein tanzendes Paar munter im Kreise dreht.

Zwei Damen sehen sich an. Kurze Pause. Und dann glockenklar: Es war ein Mädchen, so weiß wie Schnee. Ein fröhlicher Seufzer. Ja! Gesungen wurde eigentlich immer viel im Hause Münkel. Wer diesem Volkslied nachspürt, diesen Zeilen aus dem 18. Jahrhundert über ein Mädchen, spazierend am Bodensee, über den beherzten Griff des Jägers und über all das, was zwischen den Zeilen da alles passiert sein mag, für den gewinnt das fröhliche Grienen der Damen beim Singen eine ganz neue Bedeutung. Die Internetversion des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg bezieht sich bei ihrer Quellenangabe auf ein Taschenbuch aus dem seriösen Fischer-Verlag: Erotische Lieder aus 500 Jahren.

Die Geschichte Dahlke geht gut aus. 1932 wird Hochzeit gefeiert.

Es bleibt alles dicht beieinander. Ja, gesungen wurde viel. Und getanzt. Irgendwie jedenfalls. Mehr oder weniger begabt. Die Männer, die da ihren Weg zurück suchten ins normale Leben. Die hatten sich das Tanzen gegenseitig beigebracht. In Gefangenschaft. Martin Spill jedenfalls entlockt dabei seinen Beinen etwas, das ihm in der Nachbarschaft später als „Schmittchen Schleicher“ anhaftet. Es wird viel gefeiert mit den Nachbarn.

Zu den Nachbarn gehören Doris und Günter Dörge. Fragt man sie, deren Haus Nummer 30 im Frühjahr 2012 abgerissen wurde, nach dem Beginn ihres persönlichen Endes in ihrem Nord-Dorf. Dann benennen sie das Ende auf ihre eigene Art. Es begann mit dem Tode Martin Spills.

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