Vom Weggehen und Wiederkommen (Teil 46)

Was tut man, wenn der Frieden kommt? Wenn die Ehemänner zurück sind aus der Gefangenschaft? Wenn Hochzeit gefeiert und nach jahrelanger Suche eine eigene Bleibe gefunden? Man verirrt sich in drei Zimmern. Doch denken zwei Töchter an ihren lang verstorbenen Vater, dann scheint ihnen in neun Jahrzehnten nichts so schlimm wie das, was noch kommt.

Die erste Bettcouch kommt auf einem Handkarren. Aus Hannover. Für Erna, frisch verheiratete Sczesny, ist es Luxus. 1947. Der Krieg ist aus. Ihre Zeit hinter dem Tresen eines Lebensmittelladens in Hainholz auch. Georg hat sie beendet. Eines Tages stand der in Linden gestrandete Soldat vor ihr. Nun haben sie Hochzeit gefeiert. Oben. Oben in Schulenburg-Nord. Oben in ihrem Elternhaus, dem Hof Münkel. Ein Zimmer hat das Paar nun. Mit besagter Bettcouch. Mit einer Wasserbank. Und zwei Eimern an einem Haken an der Tür. Vielleicht das Wichtigste: Eine Tür, die man zumachen kann.

Man bringe Wellensittiche in eine Hundepension und - es kommt Rex. Foto: privat

Man bringe Wellensittiche in eine Hundepension und – es kommt Rex. Foto: privat

Zwei Jahre später tut es Gerda ihrer großen Schwester Erna gleich. Martin heißt er, aus der Gefangenschaft just zurückgekehrt. Spill lautet nun der neuen Familienname. Auch diese zwei bekommen ihr Zimmer. Sechs Quadratmeter im Obergeschoss des Hauses direkt über der Haustür. Ein Bett, ein kleiner Schrank. Gewohnt wird oben. Gegessen mit den Eltern unten. Die Haustür gibt es noch. Im Inneren des Hauses mit der Nummer 36 steht indes nicht mehr jede Wand an ihrer ursprünglichen Stelle. Aus Ernas und Georgs Reich wurde eine Küche. Sie wirkt hell und licht heute. Doch Erna Sczesny warnt. Das Zimmer sei kleiner gewesen zu ihrer Zeit. Ein Treppenhaus führte in den Keller. Diese Treppe verläuft heute an anderer Stelle. Warum? Erna Sczesny findet 48 Jahre nach ihrem Auszug so recht keine schlüssige Antwort. Neue Moden halt.

Das Glück jener Zeit sind Türen zum Verschließen. Sind örtliche Betriebe wie der Maurer Bode, der ungelernte Kriegsheimkehrer umschult. Was will man werden, wenn einen wie Martin Spill mit guten 17 Jahren der Arbeitsdienst erwischt. Und wenig später viel Schlimmeres. Dann sind Quadratmeter selbst im einstelligen Bereich und ein Ort, an dem man tagtäglich erwartet und allabendlich entlohnt wird, das Paradies.

Erna findet, 25-jährig, Arbeit bei Hannelektrik. Gerda, drei Jahre jünger, in einer Knopffabrik an der Vahrenwalder Straße. Heute Heimat mancher Baumärkte. Georg Sczesny arbeitet bei der Bahn. Tagsüber wird gearbeitet gegen Lohn. Am Abend fordert allesamt das Vieh des elterlichen Hofs. Muss ja weitergehen.

Auch für Heinrich Münkel. Jede Tochter soll ihr Haus haben, wenn er denn mal nicht mehr ist. So gequält hat er sich. Das sagen die Töchter über ihren arbeitsamen Vater im Winter 2012. In jenem Haus, das er ebenfalls gebaut hat. Es steht in Schulenburg. Gleich neben einer Tankstelle. Es ist die Frucht eines Tauschgeschäftes mit dem Landwirt Hackeroth. Zwei Bauplätze in Schulenburg gegen vier Morgen, die heute unter der Nordbahn begraben liegen. Bauen will Heinrich Münkel auf beiden Plätzen. Doch die Gemeinde, seinerzeit noch ein eigenständiges Schulenburg, untersagt es ihm. Die Straße, so mahnen die Offiziellen, die solle bitte nicht noch mehr belastet werden. Ortskundige mögen sich diesen Sachverhalt durch den Kopf gehen lassen, wenn sie sich heute an besagte Straße stellen. Wenn die Schwerlaster an einem vorbeidonnern auf ihrem Weg runter in den Süden, Richtung Nordhafen der Landeshauptstadt. Sie kommen von der Autobahn in Steinwurfnähe.

Münkel verkauft einen der Plätze an Familie Hennies. Auf einem Grundstück, so der Kompromiss, darf der Vater seiner Tochter ein Haus errichten. Es solle das Letzte sein an dieser Route.

Ein Jahr nach dem letzten Stein graben Bagger gleich nebenan die Kuhlen für die Sprittspeicher der Tankstelle. Manchmal dreht sich dieser Planet eben ein bisschen schneller als sonst.

1957 ziehen Heinrich und Erna Münkel von Schulenburg-Nord nach Schulenburg in ihr neues Haus. Der Vater ist fast 60, sein Herz hat ein Loch. Gerda übernimmt mit ihrem Mann und ihren inzwischen geborenen Söhnen Schulenburg-Nord. Kommt zurück aus ihrer Wohnung in Schulenburg. Erna ist mit ihrem Mann bereits seit ein paar Jahren in Langenhagen. Drei Zimmer unterm Dach am Gleisdreieck in ausgebombten Häusern. Ein primitives Klo im Treppenhaus. Kein Gas. Nur Kohle für den Ofen. Alles egal. Hauptsache raus aus diesem einen Zimmer. Und doch: Da steht man plötzlich in dieser leeren Wohnung und weiß nicht wohin mit sich darin. Hatten ja nix. Was soll man denn reinstellen in all diese Zimmer?

Es ist 1954 ein Neuanfang für Erna und ihren Georg, ihr zweiter. 1951 fing etwas anderes an – zu leben in Ernas Bauch. Im Januar 1952 soll es soweit sein. Der Taxiunternehmer Timmermann, beheimatet im Pferdekopfhaus vorne an der einzigen Kreuzung des Dorfes, soll Erna ins Vinzenzstift bringen nach Hannover. Seit Tagen hat sie schwache Wehen. Drei Wochen sind seit dem errechneten Termin verstrichen. Der Sonntag vergeht in der Klinik. Der Montag. Nichts passiert. Vom Professor kommt der Rat: sie solle doch den Flur bohnern. Das werde schon.

Das tut es, nur nicht wie geplant. Am Mittwoch, 9 Uhr, erkennt auch der Herr Professor: Das Leben des Kindes ist in Gefahr. Mehr noch. Es ist nicht zu retten. Eine Stunde wird es leben, das Mädchen.

Im Juni desselben Jahres kommt Gerdas erster Sohn zur Welt. Erna gibt ihren Wunsch nicht auf. Es werden schwere Jahre – mit einem unverhofft glücklichen Ende. Heute lebt ihre Tochter in der Wohnung unter ihr. Ein zweiter Sohn gesellt sich zur Familie Spill. Beide Söhne werden ihrem Vater viel zu früh folgen.

Als die Eltern Münkel sich 1957 entschließen, den Norden zu verlassen, die Kühe zu verkaufen und nur mit einem Schwein und ein paar Hühnern nach Schulenburg zu ziehen, da wohnen Gerda und ihre Familie schon wieder zwei Jahre oben im Norden. Die Mieter des Hauses waren verunglückt – und bevor die Wohnung unnütz leersteht …

Mit dem Wegzug der Eltern verändert sich der Hof. In den leeren Kuhstall zieht das Auto. Ein Gefährt, das Gerda niemals fahren wird. Und als Martin viele Jahre später stirbt, da ist es zu spät darüber nachzudenken, dass auch eine Ehefrau ganz gut einen Führerschein gebrauchen könnte. Könnte sie? Gerda Spill, Jahrgang 1925, hat ihn bis heute nicht gemacht, kennt die Busfahrpläne ihrer Heimat dagegen ganz gut. Ihrer Schwester geht es nur wenig anders. Zwar erwirbt sie 1965 die Fahrerlaubnis. Sie und ihr Mann wechseln sich ab mit dem Fahren, je nach Schichtlage. Doch irgendwann überlässt sie ihrem Mann das Steuer. Und als ihr Georg stirbt, will sie mit weit über 80 nicht noch einmal neu anfangen. Was hat denn die Alte noch auf der Straße zu suchen?! Ihre Worte.

Martin Spill lässt dem Hof zugute kommen, was ihn Maurer Bode gelehrt hat. Eine Drainage wird rund ums Haus gelegt. Wäre doch praktisch, wenn man nicht bei jedem Regenguss im Keller nasse Füße bekäme.

Die Jahre vergehen, und es scheint, als legten sich die Gespenster der Vergangenheit zur Ruhe. Die Nachbarn wachsen zu wahren Freunden. Dörge, Dahlke, Wilke, Fiene, Hermann, Riedel, Kaufmann, Schaperjahn – tiefe Verbundenheit hat viele Namen. Es sind ungezählte Faschingsfeiern, Geburtstage, Konfirmationen, Hochzeiten; und noch mehr Bilder fröhlicher Feste. Man hilft einander, egal bei was. Kalbende Kühe, eingefrorene Toiletten, gebrochene Rohre. Es gilt für jeden, der sich dem Dorf verbunden fühlt. Bernd Schuldt, Mieter des Hofes nach dem Auszug der verbliebenen Familie Spill, weiß wenn nicht wortgleiche, so doch Geschichten von gleicher Herzensbildung zu erzählen. 1967 bitten die Eltern Münkel Erna und ihren Mann zu ihnen nach Schulenburg zu ziehen. Die Mieter haben in Godshorn gebaut. Und so ganz alleine will man dann doch nicht bleiben. Tochter und Familie folgen der Bitte. Was für eine Frage.

Der Wohlstand lockt Flugzeuge. Und diese ihre Fans. Während sich heute die Plane-Spotter in Fachsimpelei über eine Sonderlackierung ergehen, fallen in einem Schulenburger Wohnzimmer Namen ganz anderer Güte: Ju 52, Concorde, der erste Jumbo, ein Zeppelin. Von der Nordbahn über den Krähenberg bis nach Engelbostel hinein stehen die Autos und Fahrräder der Schaulustigen. Erna und Gerda stehen im von Eltern Hand geschaffenen Garten am Zaun.

Aber es ist auch die Zeit, in der das Leben zwischen den Bahnen weit weniger nett ist als heute. Nachts verjagen Triebwerke in stundenlangem Probelauf auf dem Feld Fuchs, Hase und jeglichen Traum. Das Schlafzimmer der Spills liegt nach Westen, Lärmschutz ein Fremdwort. Schlaf bei offenem Fenster gerät zur Geduldsprobe. Eine Halle, in die sich die Triebwerke zum Probieren verziehen können, ja, die ist in der Diskussion. Mehr aber auch nicht.

Wenn Gerda heute über ihren Mann spricht, spricht sie eigentlich vor allem über seine Hobbys. Als da wären: Wellensittiche – bis alle in der Nachbarschaft versorgt sind. Dummerweise wollen alle nur Männchen. Die Wellensittiche werden abgegeben an die Besitzer der Hundepension, die in die Gebäude der verlassenen Ziegelei eingezogen ist. Zurück kommt Martin Spill mit einem Welpen. Rex, der Schäferhund.

Den Wellensittichen folgen die Brieftauben, also mittelbar. Tatsächlich folgen diese eigentlich längst ausgemusterten Botentiere nur ihrem Instinkt. Und der sagt: Ab nachhause. Der Stellboden des Münkel’schen Hofs bekommt also gefiederten Zuzug. Gerda schildert den allwochenendlichen Ablauf knapp und nicht ganz frei von liebevollem Amüsement. Sonnabend werden die Tauben weggebracht, beringt und irgendwann rausgelassen. Und Sonntag stehen die Männer dann zuhause auf dem Hof und gucken, wo ihre Tiere bleiben.

Ziel finden ist Standard, schnell sein Trumpf.

Ach ja. Und dann wären da noch die Kakteen. Viele Kakteen. Gewächshausweise viele Kakteen. Bunt. Selten. Blühend. Selten blühend. Als Martin Spill 1987 stirbt, trennt sich Gerda von vielem. Nicht aber von dem Haus.

Sie lebt dort mit ihren zwei herangewachsenen Söhnen. Ein Zauberer darunter, durchaus bühnenerfahren. Detlef Simon, besser bekannt als Desimo, gehört zu jenen, die ihn mit Namen zu nennen wissen. Sie gehen ihre ersten öffentlichen Schritte gemeinsam.

Es ist ein einsames Foto. Eigentlich recht unspektakulär. Und doch bedeutsam genug, dass es Gerda Spill für unser Gespräch herausgesucht hat. Es ist ein Holzbrett, fotobezogen ausgehängt im Flur des Langenhagener Rathauses. Es zeigt die Ausbaupläne des Flughafens und für die Witwe mit ihren Söhnen das Ende ihres Dorfes. Ungefähr in jene Zeit fallen erste öffentliche Aussagen der Langenhagener Stadtoberen: Es bleibe – auf Sicht – dem Flughafen doch nur eine Himmelsrichtung, um zu wachsen – nach Westen. Wie weit diese Sicht reichen mag, bleibt Anfang der 90-er Jahre zwar offen. Für Gerda Spill, frisch verwitwet, sind diese Worte deutlich genug. Warum sie diesen Eindruck bis zum Zeitpunkt des Auszuges nur mit den Söhnen, nicht aber mit ihren Freunden in der Nachbarschaft bespricht, kann sie bis heute nicht sagen. Sie weiß, dass sie die Nachbarn vor den Kopf geschlagen hat, mit ihrer Entscheidung zu verkaufen. Günter Dörge lässt mich im Frühjahr 2013 diesen einen Satz gleich mehrmals aufschreiben: Hätten wir gewusst, dass sie verkaufen will, hätten wir sie überzeugt, es nicht zu tun.

Doch 1991 ist es soweit. Mutter Spill bremst alle bereits erdachten Ausbaupläne der Söhne. Wozu denn? Wo doch ohnehin alle weg müssen.

Als sie weg sind, das Haus an den Flughafen verkauft, baut eben jener die Halle für die Triebwerke. Noch mehr als zwanzig Jahre wird der verlassene Hof stehen bleiben. Hätte man das gewusst …

Froh sind Erna und Gerda, einst geborene Münkel, heute vor allem über eines: Dass der Vater den Abriss im Herbst nicht wird sehen müssen. Bei allem, was war, das wäre wahrlich unerträglich. Ob sie es selbst mit ansehen werden? Diese Frage habe ich bis heute nicht gestellt. Vergessen? Verdrängt?

Wer weiß. Öffentliche Busse fahren nicht mehr bis Schulenburg-Nord. Doch wenn die zwei Mädels es wirklich wollen, wird ihnen auch dies gelingen.

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