Ein Abschied mit Kind und Kegel (Teil 47)

Was braucht man, um schwerem Gerät Einhalt zu gebieten? So schwerem Gerät, welches mit der Drehung eines Handgelenks tragende Wände zum Einsturz bringen könnte? Man braucht Timing, ein paar Zeltplanen und ein wildes Rudel Kinder, das sich nichts anderes wünscht.

In dieser Spät-Juni-Woche 2013 beginnt der Grund, weshalb am nördlichen Ende der Dorfstraße zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Häuser stehen. Es ist ein Zeltlager der Schulenburger Arbeiterwohlfahrt, eine Ferienaktion, für die sich viele der Kinder bereits im vergangenen Sommer angemeldet haben. Zu einem Zeitpunkt, als der Vater dieser Aktion – der jetzt Nicht-mehr-Nord-Dörfler Karl-Heinz Dahlke – noch keinen Schimmer hatte, wo er die Zelte seines Ortsvereins aufschlagen sollte.

Ein unverhofftes Wiedersehen: Karl-Heinz Dahlke (links) trifft in seinem ehemaligen Dorf seinen ehemaligen Nachbarn Dieter Hermann.

Ein unverhofftes Wiedersehen: Karl-Heinz Dahlke (links) trifft in seinem ehemaligen Dorf seinen ehemaligen Nachbarn Dieter Hermann.

Dieses Zeltlager hat seine ganz eigene Geschichte. Seine Geburt erlebt es mit gerade einmal 20 Kindern auf einer Wiese am NJK-Teich. Dort, wo vor Jahrzehnten noch die niedersächsische Prominenz aus Landtag und Jägerschaft rauschende Feste feierte und so manches Geschäft geschmeidig in Form gegossen wurde, verbringen Grundschul-Pökse ein paar Sommerferientage. Morgens vorfreudig hin, spätnachmittags ordentlich ablongiert und definitiv nicht mehr porentief rein zurück. Das geht so lange lustig gut, bis der Flughafen auf die Idee kommt, Großvogelgeschwader vom Großgewässer verbannen zu müssen. Seither rollen schwere Lastwagen Erde heran aus den Baustellen der Umgegend und machen aus dem naturfernen Nass ökologisch hochwertige Feuchtbiotope. Das sieht in ein paar Jahren sicher ganz nett aus. Bis dahin aber ist die Wiese nix für Kinder.

Im vergangenen Jahr beweist Dahlke, seinerzeit noch Nord-Dörfler im Haus mit der Nummer 39, ein gutes Timing. Beim Gang vor die Haustür, um einen Blick auf den gerade im Abriss befindlichen Schafstall von Dietmar Grundey gleich nebenan zu werfen, trifft er Mario Honkomp. Was sich auch immer in Schulenburg-Nord optisch verändert, Honkomp hat es in seinem Büro drüben am Flughafen zuvor geprüft und genehmigt. Das waren früher Mietverträge, jetzt sind es Kaufpreisverhandlungen und Abrissverfügungen. Und während Honkomp und Dahlke andächtig dem Baggerballett mitten in Grundeys Schafstall folgen, entsteht jene Idee, die zumindest dem Nachbarhaus auf der anderen Seite des Dahlke-Hauses eine gewisse Galgenfrist beschert. Bereits im Sommer 2012, so eine frühere Verabredung Dahlkes mit Honkomp, zeltet die AWO im Garten dieses einst von der Kreissiedlungsgesellschaft für Mitarbeiter der Ruhrgas AG gebauten Vier-Parteien-Hauses. Dies, so Dahlkes vorsichtiges Herantasten vor Baggerballett, könne doch auch noch ein zweites Mal geschehen … Einfache Frage, einfache Antwort. Könnte nicht. Kann. Der Abriss wird verschoben. Und mit dem Ende des Vierparteienhauses 35/37 erhalten auch Dahlkes altes Haus und der schmucke Klinkerbau gegenüber mit der Nummer 36 ebenfalls Aufschub.

Nun ist es soweit: Etwas mehr als eine Woche lang werden die Balgen durch den endlosen Garten hinter dem Haus toben und dürfen in dieser Zeit die Badezimmer der unteren Wohnungen nutzen. Viel weiter würde sie Dahlke auch nicht wandern lassen. Jedenfalls nicht in dem Haus. Im Obergeschoss, so Dahlke, sind wohl über den Winter die Heizungsrohre geplatzt; die dunklen Wasserflecken erzählen ihre Geschichte. Ende August, so Honkomp, werden dann wieder die Bagger tanzen.

Doch Ende Juni 2013 ist davon noch nichts zu sehen. Zwar haben sich ein paar Gefährte vor dem Haus versammelt, doch sie sind allesamt eher nicht zum Wändeverrücken geeignet: Ein Mercedes, Jahrgang 1954. Ein Oldtimer, für den Dahlke noch immer nach einer neuen Garage sucht. Ein Trecker, dazu bestimmt, einer Familie nunmehr drüben am neuen Haus in Engelbostel ausreichend Kaminholz zu beschaffen.

Und ein Ape. Das hat drei Räder. Und ist ein Roller mit Dach und Pritsche. Er gehört der AWO – und hat einen entscheidenden Vorteil. Es ist das einzige motorisierte Gefährt, mit dem man an diesem Haus bis in den Garten fahren kann – ohne dabei Mauern einreißen zu müssen. Das will Dahlke definitiv nicht. Ihm reicht es, die Bänke für das Zeltlager nicht allesamt einzeln hinters Haus tragen zu müssen. Das Mauerneinreißen überlässt Dahlke den anderen.

An diesem Morgen jedoch gesellt sich zu den Bänken, den bereits aufgestellten Zelten, den drei Gefährten, Dahlke und mir noch jemand. Dieter Hermann steht plötzlich im Garten. Man müsste sagen, in seinem Garten. Dieter und Erika Hermann waren die letzten Mieter dieses Hauses. Im März 2012 sind sie ausgezogen. Nach 39 Jahren. Jetzt leben sie in einem Dorf bei Seelze. Wieder zwischen Bahnen: der Eisenbahn, der Autobahn, dem Mittellandkanal und unter der Einflugschneise ihres Flughafens. Dieter Hermann hatte in Hannover zu tun und nutzt nun die Gunst der Stunde. Die Gunst, seine alte Heimat zu besuchen. Mit seiner Frau geht das nicht. Besser: Seine Frau geht keinen Schritt mehr ins alte Dorf. In ihr altes Dorf. Es tut zu weh. Beide zusammen werden sie kommende Woche wie in alten Zeiten den AWO-Treff besuchen. Erika wird – wie in alten Zeiten – die Küche übernehmen. Vertretungsweise. Mehr Nähe lässt der Bauch nicht zu.

 

Dieter Hermann sagt nicht viel beim Blick auf sein Haus. Dabei gäbe es viel zu sagen. Über vieles, das nicht mehr da ist. All die Blumen, die die zwei einst gepflanzt haben. Die in voller Pracht standen, als es mich vor nunmehr fast zwei Jahren das erste Mal in dieses Dorf führte. Nun empfängt den einstigen Bergmann aus Gelsenkirchen dichtes Grün. Immerhin.

Nein, über das Haus reden die zwei Freunde nicht. Sie planen den nächsten Ausflug der gemeinsamen Kegelgruppe. Nordlichter – Kegelgemeinschaft Schulenburg-Nord. So heißt die Truppe immer noch. Nur sind Dahlke und Hermann inzwischen die einzigen übergebliebenen Nordlichter – sagen sie an diesem Vormittag. Die übrigen seien von auswärts. Dass die zwei beiden inzwischen selbst in diesem auswärts wohnen, ist ihrem Großhirn offenbar noch immer sehr fremd. Gut, sie meinen so richtig von woanders. Ohne jemals im Nord-Dorf gelebt zu haben. Denn das legt niemand ab.

Wenn Dahlke in diesen Tagen in diesem Garten herumfuhrwerkt, dann ist er seiner alten Heimat sehr nah. Sein Haus, also sein altes Haus, von seinen Eltern 1952 erbaut, steht gleich nebenan. Eigentlich müsste er derzeit den Garten dort drüben aus- und nicht den hier einräumen.

Macht er aber nicht. Nicht, weil er nicht will. Weil er nicht kann.

Denn das neue Grundstück keine drei, vier Fahrradminuten westwärts drüben in Engelbostel ist ja schön. Und groß. Und inzwischen fast bewachsen.

Nur leider zu tief.

Der Starkregen Anfang Juni 2012 hat das eindrucksvoll bewiesen. Wo sonst die Sandkiste der Kinder, lockt zeitweilig ein Ententeich. Nu‘ kommt der ganze Mutterboden mit der gerade entfalteten Graspracht wieder raus und Sand drunter. Dahlke hätte da eine Idee. Eine Drainage würde er legen. Die Herren Architekten sind anderer Meinung. Dahlke hatte schon einmal eine Idee. Da ging es ums Bohren in die Tiefe für die Erdwärme. Dahlke warnte. Erntete eine andere Meinung. Gebohrt wurde dann trotzdem nicht mehr.

Mal sehen, was der nächste Starkregen mit der neuen Sandfuhre macht.

Das alles ist Zukunftsmusik. An diesem Vormittag in Hermanns Garten beschäftigt Dahlke dann doch eher die Vergangenheit. Ganz froh sei er, sagt Dahlke, nachdem Dieter Hermann von dannen gefahren ist. Ganz froh, dass sein Freund das Grundstück erst jetzt gesehen hat.

Jetzt, wo es gemäht ist. Vielleicht hätte Dieter Hermann sonst doch etwas gesagt. Zu seinem Haus.

Noch weiter in die Zukunft muss Dahlke indessen gar nicht schauen. Wenn in zwei Wochen der Abbau der Zelte ansteht, werden ihn wieder knapp vier Dutzend Kinder mit großen Augen anschauen: Wo kann man sich anmelden fürs nächste Mal? Diese Frage wird Dahlke ihnen beantworten können. Wo sie die Zelte dann finden, jedoch nicht. Fest steht, diese drei Häuser kurz vor der Nordbahn wird es im Sommer 2014 nicht mehr geben. Und wahrscheinlich wird Dahlke dann auch Mario Honkomp nicht mehr auf der Straße treffen.

Macht aber nix.

Die zwei haben schon miteinander gesprochen. Auf der Straße – in Engelbostel. Vor Dahlkes neuem Haus. Das Zeltlager wird seine Geschichte behalten. Wo, meint Honkomp, das werde sich finden.

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