Auf Spurensuche (Teil 48)

Ein Haus fehlt. Verschwunden ist es im Mai 2013. Zugeguckt haben diesmal nur die wenigen verbliebenen Nachbarn. Von jenen, die es einst bewohnt haben, ist schon länger nichts mehr zu sehen in dem Noch-Dorf zwischen den Bahnen. Der Versuch einer Spurensuche.

Der Dorfeingang hat es schwer. Wer von Engelbostel über die Heidestraße am Krähenberg vorbei über die Wiesen gen Schulenburg-Nord fährt, dessen Blick wird schnell gefangen. Von den respektheischenden Signallampen, die unvermutet aus dem Getreide auftauchen. Vom Tower als blinkendem optischen Fluchtpunkt. Und überhaupt von all den bunten Lichtern dieses übergroßen Nachbarn da hinter den Feldern.

Schulenburg Nord – Kartenansicht mit Hausnummern (Stand: Mai 2013)

Die Luftaufnahme einer allsehenden Suchmaschine zeigt auch im Sommer 2013 auch alle Häuser, die auf dieser Karte bereits in schwarz verschwunden sind. (Stand: Mai 2013)

Da gerät der eigentliche Anfang von Schulenburg-Nord schnell ins Hintertreffen. Das Ortsschild gibt es ja schon länger nicht mehr. Geklaut wurde es im Sommer 2012. Ersetzt nicht mehr. Die Splittersiedlung gilt als abgesiedelt, noch bevor es vorbei ist mit den Siedlern. Vorauseilender Behördengehorsam.

So richtig ins Auge fallen nur drei kryptische Zeichen linker Hand. Ein übergroßes N, ein J, ein K. Dahinter eine Industrieruine. Wer mehr wissen möchte über das Bild, das sich Besuchern einst an dieser Stelle bot, der kann sich einen lustigen Anachronismus anschauen: Im modernen Internet bietet eine allwissende Suchmaschine mit seinem allsehenden Bilderdienst eine Luftaufnahme des Dorfes. Mit all den vielen Häusern drauf, die es längst nicht mehr gibt. Die Villa, das Pferdekopfhaus und jenen Gebäuden in Richtung Nordbahn, an deren Stelle sich im Sommer 2013 längst eintöniges Grasgrün breitmacht.

Zu sehen sind auf diesem Bild (noch) auch ein paar Dächer entlang der Heidestraße. Stellen wir uns also mit ein bisschen Phantasie an den Ortseingang und blicken nach Norden. Heute eine Brachfläche, umringt von einem Maschendrahtzaun weit hinter seinen besten Tagen, mittendrin eine provisorische Zufahrt für Erdtransporter. Bodenannahme FHG – ein Schild weist den Weg zum alten Teich des namengebenden Niedersächsischen Jagd-Klubs. Die Flughafengesellschaft verwandelt dort eine Tonkuhle in kleine Feuchtbiotope. Die Luftaufnahme zeigt auf jener Piste, auf der sich heute Lastwagen aus dem Weg fahren können, ein lang gestrecktes Haus. Einst ein Hof mit einem Heuboden – und einem Feuer mit einem fatalen, weil tödlichen Ende. Später Unterkunft für die Flüchtlinge der Neuzeit auf der Suche nach Asyl. Dann leer. Dann weg.

Wer mit dem Auge ein wenig weiter nach Osten fährt in Richtung Kreuzung, dessen Blick fällt auf ein winkliges Haus (Nummer 7). Heute beackertes Feld mit einem Transformatorenhäuschen. Ungefähr dort – genauer kann es Karl-Heinz Dahlke heute nicht mehr beschreiben und deutet mit zwei Armen auf den Acker – also ungefähr dort gab es einen kleinen Lebensmittelladen.

Eingekauft haben mögen dort auch die Bewohner jenes Hauses, das im Mai 2013 abgerissen wird. Ich habe sie nie getroffen. Als ich im Sommer 2011 mit meinen Recherchen beginne, begegnen mir vor allem jene Menschen, die entlang der alten Dorfstraße zwischen Nord- und Südbahn wohnen. Die beiden Häuser an der Heidestraße gleich am Ortsrand, Nummer 2 und 6, sind zwar noch bewohnt. Doch so recht findet sich kein Anknüpfungspunkt. Und es spiegelt sich darin kurioserweise genau jener Graben wider, von dem auch Karl-Heinz Dahlke erzählt – aus seinen Kindertagen. Da gab es – aus Kindercliquenaugensicht- diesseits der Kreuzung. Und jenseits. Gemeinsam ging selten.

Der erste Hinweis auf das Haus Nummer 2 ist eine Überraschung. Weniger des Inhalts wegen. Der Überbringer der Nachricht lässt die Digital-Fachleute staunen: Wilhelm Moorhof ist der erste Kommentator dieses Blogs und geboren im Jahre 1921. Sein Onkel Heinrich Deiters, so schreibt er mir ins Netz, habe einst im Hause Nummer 2 gewohnt. Viel wichtiger: Er habe in der alten Remise der Villa, dort wo einst die Fuhrwerke der Ziegelei Stephanus ihr Zuhause hatten, aus Ställen Wohnräume gemacht. Aus der Remise wird das Pferdekopfhaus, Obdach für viele, die es nach Schulenburg-Nord verschlägt.

Die letzten 30 Jahre aber wohnt in diesem weißen Bau, wohl einem der ersten Wohnhäuser am Rande des Krähenberges, die Familie Pilz. Erst Gerda und Wilhelm. Später nur noch Gerda. Sie scheint eine freundliche Nachbarin zu sein.Viele erzählen von ihr. Familie Damaske in Haus Nummer 22, Familie de Boer, die letzten Mieter der Villa, Bernd Schuldt, der letzte Mieter des Münkel’schen Hof mit der Nummer 36 kurz vor der Nordbahn. Sie alle finden warme Worte von Freundschaft, von überaus freundlichen Begegnungen, vom Vogelfüttern, von den Katzen, von ihrem inniglich geäußerten Wunsch, diese ihre Scholle nur in der Waagerechten zu verlassen.

Warum dieser Wunsch, den auch der Flughafen hätte erfüllen wollen, nicht Wirklichkeit geworden ist, diese Antwort liegt verschüttet irgendwo zwischen schwer durchschaubaren Familienbanden in Richtung Norden, dem Alter, notwendiger Pflege und der Frage, was geht wie lange ganz allein in einem Haus am Ende der Welt.

Jene, die sie heute noch an die Strippe bekommen, wie Familie Pfeif als ihre einzigen direkten Nachbarn im Haus Nummer 6, sagen, es gehe ihr gut. Das ist, was zählt.

Ihre Scholle jedoch gibt es nicht mehr. Nur noch ein alter Brunnen, ziegelbewehrt, verrät die lebhafte Vergangenheit dieser Brachfläche. Sauber abgeräumt. Nichts mehr ist zu sehen von den verbliebenen Habseligkeiten, die mir einen kümmerlichen Rest des Lebens in diesem Haus verraten, als ich nur wenige Stunden vor Beginn des Abrisses durch die Räume gehen darf. Lockenwickler im Korb, ein Bad auf engstem Raum, ein bis in den letzten Winkel ausgebautes Haus. Buntes Glas in Blei. Alte Zeitungen mit dem Fernsehprogramm von 1967.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, durch diese verlassenen Räume zu streifen. Immer. Es hilft nicht, dass um mich herum Arbeiter gnadenlos hinforttragen, was später nicht im Bauschuttcontainer landen darf. Dass sie abmontieren, herausreißen. Ihren Job erledigen. Ich habe dort nichts zu suchen. Es ist nicht mein Zuhause. Es ist das tiefste Privatreich eines anderen. So fühlt es sich an. Ich habe nur eine Entschuldigung. Wenn nicht ich jetzt hingucke, wird das letzte bisschen Leben dieses Hauses verschwunden sein von der Bildfläche. Spurlos.

2 Kommentare

  1. Melanie Hessel-Wennemann sagt:

    Ich habe Anfang der 80′ Jahre im Haus Nummer 1 gewohnt.
    Es hat mich erschreckt, dass Schulenburg Nord nicht mehr existiert.
    All meine Kindheitserinnerungen abgerissen und vernichtet.

  2. Michael Waldhelm sagt:

    Den Einkaufsladen an der Kreuzung habe ich auch noch in Erinnerung. Das Gebäude (Asylbewerber) gehörte nach meiner Erinnerung eine Weile der Familie Rennemann (Möbelspedition?). Es gab zu dem Haus auch einen Pferdestall. Dieser ist irgendwann abgebrannt. Dabei kam damals die Tochter der Familie Wartenberg (Flughafenblick) ums Leben.

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