Das Ende vom Anfang (Teil 50)

Manche Dinge mögen dutzendfach durch die Ohren rauschen. Begriffen sind sie erst, wenn die eigenen Zehen nass sind. Deshalb merke: Keller in Schulenburg-Nord sind mit Vorsicht zu genießen. Das gilt in allen Häusern. Auch solchen, deren Ende kurz bevor steht.

Ja doch. Alle haben es erzählt: Wer Keller in dieses Erdreich gräbt, durch das der Regen über dem Ton nicht ablaufen kann, ist im Grunde selbst schuld. Wer achtlos in solche Keller trotzdem geht – natürlich auch. Da siegt aber stumpf die Neugier über die Vorsicht. Und wenn doch dieses Kellers Stunden angesichts des Abrissgeräts draußen vor der Tür gezählt sind, wird man doch mal gucken dürfen.

Gucken ja. Betreten besser nicht. Der Schuhe wegen.

Ein letzter Tropfen jenes Guts, das über Jahrzehnte die Bewohner dieses Hauses nicht nur glücklich gemacht hat.

Ein letzter Tropfen jenes Guts, das über Jahrzehnte die Bewohner dieses Hauses nicht nur glücklich gemacht hat.

Etwa dreißig Zentimeter hoch steht das Wasser an diesem Morgen in dem Haus von Gerda Pilz. Gerda Pilz ist nicht mehr da. Schon länger nicht. Verlassen müssen hat sie ihre Scholle mit der Hausnummer 2. Der Gesundheit wegen. Das Alter. Der Kopf. Und das alles zusammen. Manchmal hakt das.

Das Wasser steht hier, weil noch etwas fehlt: die Pumpe. Besser: die Pumpen, die hier jahrein, jahraus strom- und kostenintensiv wieder herausgesogen haben, was sich ungefragt Zugang verschafft hatte. Das Wasser steht hier wie immer, wenn der Strom ausfällt. Gerne natürlich, wenn niemand zuhause ist als merkwürdiger Willkommensgruß. Das Haus ist damit wieder dort, wo es einst begonnen hat: als stromloses Obdach, gebaut in Zeiten ohne isolierende Teerpappe. Gedacht einst für den Meister der Ziegelei Stephanus. Damit gehört es zu den Anfängen dieses Nord-Dorfes. Gut 100 Jahre ist dies her.

Die Ziegelei gibt es schon rund 90 Jahre nicht mehr. Und Wolfgang Freiherr hat auch eine Idee, warum. Gekommen ist sie ihm, dem jahrzehntelangen Freund der Familie Pilz, im Keller – wo sonst. Einem Raum, so erzählt er mir in einem Telefongespräch, mit Wänden wie Löschpapier. Mit Steinen, weich genug, um das Wasser einfach in sich aufzusaugen. Fünf Mal habe er deshalb allein in seinen Jahren in dem Noch-Dorf verschlissene Pumpen austauschen müssen. Eine Ziegelei, die solches anbietet, aus der könne doch nichts von Dauer werden.

Man mag darüber streiten. Nicht weit entfernt von der Scholle der Gerda Pilz steht das Haus mit der Nummer 22. Familie Damaske wohnt darin, umgeben von Steinen, so erzählen Herbert und Dagmar Damaske, so hart, dass kein Nagel hineinzutreiben sei. Wer ein Bild aufhängen wolle, müsse eine Fuge herausstemmen, sie durch einen Holzkeil ersetzen und danach gut zielen. Gut, entgegnet Freiherr, vielleicht haben sie für das Pilz’sche Haus noch geübt. Vielleicht war es auch eine andere Tonschicht. Vielleicht. Vielleicht.

Fakt ist: Die Ziegelei ist weg. Das Haus Nummer 2 auch. Und das Haus Nummer 22 wird es sein. Mehr oder weniger bald.

Es bleiben wenige Besuche, verteilt auf ein paar Tage, um dem Leben in dem Haus Nummer 2 nachzuspüren. Ein Blick in ein aberwitzig kleines Bad, das alles hat, was das Herz begehrt. Nur keinen Platz. In dem es dafür fast gelingen mag, vom Klositz aus sowohl den Wasserhahn des Waschbeckens als auch den der Badewanne zu bedienen. Alter Architektur aufgedrängter Luxus.

Der Blick auch durch den Sucher der Kamera forscht nach Kleinigkeiten. Tapetenschichten, die etwas verraten über den Geschmack vergangener Zeiten. Alte Zeitungen, im Sommer ausgelesen und vor dem Winter eingebaut. Recycling, bevor das Wort in Mode kam. Und doch entgeht mir etwas. Ein Geheimnis wird gelüftet. Direkt vor meiner Nase und ich bekomme es nicht mit. Weil ich nicht davon weiß. Nicht zu diesem Zeitpunkt jedenfalls.

Der Keller, ob nass oder trocken, ist nicht durchgängig. Mittendrin, erzählt Wolfgang Freiherr leider erst wenige Wochen nach dem Abriss, muss es einen ummauerten Raum geben. Lesern schlechter Krimis fällt dazu bestimmt sofort ein Menge ein. Geologen allerdings auch. Es wird wohl ein überdimensionierter Findling gewesen sein, der vor mehr als 100 Jahren den Bauherren im Weg lag. Unermessliche Schätze scheiden eher aus. Oder die Abrissarbeiter müssen ungeahnte schauspielerische Fähigkeiten haben.

Der Blick aus dem Fenster des ausgebauten Dachbodens reicht nicht weit. Eine Duftwolke legt sich jedem weiteren vernünftigen Gedanken den Weg. Eine Breitseite Flieder in betörender Blüte. Mit ein bisschen Mühe sind zwischen den Zweigen in Richtung Osten einige wenige Lichtmasten zu erkennen. Viel mehr ist von dem mächtigen Nachbarn nicht zu sehen in jener Richtung, in der einst die Villa stand. Heim des Ziegelei-Geschäftsführers. Zu hören ist der Flughafen jedoch zweifelsohne. Überhaupt ist es an diesem südlichen Ende des Dörfleins von je her viel lauter als oben an der Nordbahn. Die Häuser stehen dichter am Ende der kürzeren Südbahn und damit näher am Startpunkt, einem der lautesten Ecken, die Betriebe dieser Art im Angebot haben.

Der Blick aus den südlichen Fenstern des Hauses zeigt ein Bauwerk. Klein, aber bedeutend. Einen Brunnen. Er wird als einziges Ziegelei-Objekt stehen bleiben nach dem Abriss. Wie sein Genosse hundert Meter weiter westlich, direkt an der Kreuzung des Pferdekopfhauses. Warum nur sie stehen geblieben sind, auch dazu hat Wolfgang Freiherr seine Theorie. Und er stützt sie auf einen buchstäblich bemerkenswerten Vorgang. Ein Mal, ein einziges Mal, soweit er sich erinnern kann, sei der Brunnen trocken gefallen in den Jahrzehnten seiner Freundschaft zu Wilhelm und Gerda Pilz. In jenen Wochen, als der Flughafen für den Bau des Tunnels in Richtung Westen den Grundwasserspiegel absenkte. Und nun ist wahrscheinlich nicht nur für Wolfgang Freiherr der einzig wirkliche Sinn eines Brunnens etwas heraufzuholen. Wasser. Das einzige, wovon es in dieser Gegend wirklich zuviel gibt.

Vielleicht ja ganz praktisch, wenn zwischen den Bahnen einmal wieder etwas gebaut werden soll. Es heißt, es gäbe Pläne.

Kommentar hinterlassen