Kriegskinder (Teil 52)

Kindheit in Schulenburg-Nord ist – unbeschwert, frei, laut und dreckig. Schön halt. Es sei denn, es herrscht Krieg. Karl Heinz Kemna ist heimgekommen in sein Dorf, 82 Jahre nach seiner Geburt, zwölf Jahre nach seinem Wegzug. Das Wiedersehen berührt. Auch ihn.

Es beginnt mit einer e-Mail. Karl-Heinz Dahlke hat sie mir geschickt. Er habe Post bekommen, berichtet er. Von einem Namensvetter. Ohne Bindestrich. Mehr noch: von einem Nachbarn, wenn auch ehemaligem. Kemna, Karl Heinz, wohnt heute im Harz. Mit ihm seine Frau Orla. Er Jahrgang ’31, sie ’29. Wichtiger: Wo Karl Heinz ohne Bindestrich geboren wurde, funkt heute Langenhagens neuer Tower weit sichtbar übers Land. Kemnas haben den Blog entdeckt, sich umgesehen und die eigenen alten Bilder daneben gelegt.

Was vom Vater bleibt: Ein Pferdewagen hat er dem Sohn Karl Heinz gebaut. Foto: privat

Was vom Vater bleibt: Einen Pferdewagen hat er dem Sohn Karl Heinz gebaut. Foto: privat

Aus einigen weiteren elektronisch versandten Briefen und Kommentaren im Blog wird ein Plan und schließlich ein Termin. Und dann fährt es vor, die große Leidenschaft der Paares. Zwölf Jahre nach ihrem Wegzug vom Ende der Welt wohnen die Kemnas dank ihres Mobils plötzlich doch wieder für eine Nacht in Schulenburg-Nord.

Karl Heinz Kemnas Geburtshaus ist schon weg. Schon länger. Findeisen heißt die Familie, die es einst erbaut hat. Ende der 70-er Jahre, erzählt der jüngste, selbst längst erwachsene Spross Michael Waldhelm als Kommentator dieses Blogs, sind sie fortgegangen. Lange wird Kemna dort nicht wohnen, bereits als Jährling zieht seine Familie mit ihm zur Miete auf den Hof des Heinrich Fiene. Später das Haus mit der Nummer 32.

Ein lebhaftes Haus. Das zumindest berichten die Enkel des Heinrich Fiene, des Hofgründers. Siegfried, ungefähr auf Augenhöhe des Karl Heinz, und seine beiden kleinen Schwestern Gundula und Heidi. In ihren Erinnerungen fahren sie Schlittschuh in den Gräben, schleichen betreten mit modderigen Klamotten nach Hause, wenn das Gummilaufen einmal schief gegangen ist. Wenn das Eis doch nachgegeben hat. Und wenn womöglich der Schlitten gleich mit eingebrochen ist.

Karl Heinz Kemna legt andere Bilder in diese Collage. Erinnerungen dieser Jahre gleichen sich selten. Schon gar nicht, wenn die Geburtsjahrgänge diese entscheidenden drei, vier Jahre auseinander liegen. Das ist heute nicht anders. Was 12-Jährige fasziniert, ist 16-Jährigen keinen Wimpernschlag wert. Übersetzt in damalige Zeit heißt das auch: Was 16-jährige gerade noch ertragen können, verdrängen 12-Jährige aus ihrem Geist.

Heinrich Fiene hat das Haus erbaut, in dem Karl Heinz aufwächst. Heinrich Fiene ist Maurer. Sein Bruder Otto versorgt die Menschen mit Milch. So auch an dem Tag, an dem der junge Karl Heinz Milch-Otto vor dem Haus trifft. Die alte Eichenallee entlang der Dorfstraße ist längst gefallen. Sie musste weichen, damit die Flugzeuge des benachbarten Militärflugplatzes in unsicheren Kriegstagen ins sichere Moor gebracht werden können. Wenn sich Frösche darin tarnen können, warum nicht auch Jagdbomber.

Die Betten hängen droben in den Fenstern. Zum Lüften. Alltag in Katastrophentagen. Was den Piloten des plötzlich auftauchenden britischen Jagdfliegers bewogen haben mag? Kemna schüttelt den Kopf. Manche Dinge will man nie verstehen. Am Küchentisch von Karl-Heinz-mit-Bindestrich-Dahlke gute 70 Jahre später schrumpft, was passiert, zur Anekdote. Ein Geschoss zerfetzt die Bettdecke. Fortan schmettern die Federn Berieselten ihre „Arie vom Geschoss im Unterbett“.

Der Krieg mag vorbei sein. Das Mädel irgendwo nebenan mag ihre Handgranatenstellung verlassen haben vor dem Haus ihres Vaters, dem Unteroffizier. Die Bilder, die folgen, verlieren nicht an ihrer Bedrohung für einen Jungen, nicht mehr Kind, noch nicht ganz Mann. Karl Heinz und sein Freund Siegfried finden sich eines Tages wieder vor dem Haus, an ihrer Seite Siegfrieds Großvater Heinrich Fiene. Inzwischen fliegen die britischen Jagdflugzeuge nicht mehr über die Köpfe. Inzwischen parken Panzer im Gras. Thommies patrouillieren durch das Dorf. Und stören sich an der Mütze, die Karl Heinz auf seinem Kopf spazieren trägt. Ohne Arg. Aber eben vielleicht genau die Spur zu respektlos. Die Soldaten halten an auf den Jungen. Bis der alte Fiene den jungen Spund die Mütze vom Kopf haut. Ruhe im Dorf.

Im Rückblick sind es wenige Tage. Bis ein Soldat kommt. Bis einer dieser Soldaten wiederkommt? Zeigen will, was Macht ist? Ein Mädchen wird vergewaltigt. Eines dieser Flüchtlingsmädchen, die im Fiene’schen Hof einquartiert sind. Oben im Elternzimmer.

Zeigen, was Recht ist, will dann aber wohl Offizier Fisher. Er spricht Deutsch. Mit Wiener Akzent. Und er sucht den Täter. In den eigenen Reihen. Zeugen werden vernommen. Das Mädchen darf sagen, was ihm widerfahren ist. Wer sich an ihm vergangen hat. Der Täter wird zunächst versetzt in eine andere Einheit. Einige Wochen später kommt Offizier Fisher wieder. Erneute Befragungen. Erneute Gegenüberstellung. Es geht nicht gut aus für den Soldaten. Immerhin.

Ein anderer Tag, ein anderes Bild. Hafengold!

Ein Dampfer liegt im Nordhafen. Unbewacht. Aber beladen. Tabak lockt. Auch Milch-Otto auf seinem Fuhrwerk. Karl Heinz darf mit. Regierungslose Zeit heißt es Rückblick. Alle halten sich an keine Regeln. Es gibt keine Regeln. Jedenfalls keine, die über das direkte Nebeneinander einander vertrauter Menschen hinaus gehen. Man holt es einfach raus. Das, was der Dampfer geladen hat. Ganz einfach. Irgendwo liegt was? Dann hin! Regierungslose Zeit? Grausame Zeit. Kemna legt darauf Wert. Was folgt, mit mehr Menschen als der Dampfer Tabak hat, mit gezückten Messern, mit einer Flucht auf rettenden Fuhrwerksrädern, die Versehrte zurücklassen, mit Soldaten, die zwar Täter in den eigenen Reihen suchen, sich um Opfer in den anderen aber nicht sonderlich kümmern … Was also folgt, verfolgt Kemna bis heute. Sie sind heil davon gekommen. Andere nicht. Was Kemna mehr schockiert – das Leid der einen oder das menschenverachtende Desinteresse der Soldaten -, bleibt dem Zuhörer am Ende verborgen. Spielt auch keine Rolle.

 

Wenn sich Karl Heinz Kemna heute zwischen Tower und TNT umsieht, gibt kaum einen Blick, der nicht einen inneren Film ablaufen lässt. Die Familie nähert sich dem Dorf von Norden. Der Großvater kommt von Berkhof über Celle nach Fuhrberg als Tischler. Kemnas Vater arbeitet als Maschinist in der Ziegelei und baggert in der Kuhle. Nach dem Ende der Ziegelei findet der Vater Arbeit im Nordhafen. Bis 1938.

1945 beginnt das Berufsleben des Sohnes. Mit dem Fahrrad geht es über Schuttberge über das, was heute wieder Vahrenwalder Straße heißt oder Engelbosteler Damm. Fritz Deiters aus dem Haus Nummer 2, dem Haus des einstigen Ziegelei-Meisters, hat ihm eine Anstellung verschafft. Maschinenbauer soll er werden. Wo dem Kind doch schon das Werkeln am Stabilbaukasten solche Freude bereitet hat. Scharlach-Erreger werden zwar von den Fiene-Kindern via Eimer an Seil, gefüllt mit Kirschen, am Fenster versüßt. Doch ihre Folgen variieren den Plan. Die Lehre muss abgebrochen werden. Maschinenbauer wird ein Dreher. In weiterhin kargen Zeiten. Beim Sammeln von trockenem Holz auf dem Weg zur Arbeit wird Kemna erwischt, gleich neben der Technischen Hochschule. Er habe Waffen in der Tasche, wird es heißen. Viel Ärger um nichts.

Den Gesellenbrief erhält der junge Mann, Anstellung nicht. Ein Zubrot gibt zeitweilig die Arbeit in der verbliebenen Tonkuhle, über die sich heute die Nordbahn ausstreckt.

Einen Steinwurf weiter nach Norden beginnt die Hasenheide, das was heute von Kananohe übrig geblieben ist. Dort ist Orla gestrandet. Mit ihrer Mutter. Auf dem Hof Haarmann. Orla, Jahrgang 1929, beginnt in Hannover eine Lehre zur Schneiderin. Die Arbeit ist schlecht. Man nimmt, was man kriegt. Als junge Gesellin geht sie in die Konfektion. 1950 lernt Orla ihren Karl Heinz in einer Schulenburger Wirtschaft kennen. 1952 wird geheiratet.

Ein Jahr zuvor baut Mutter Kemna in Kananohe ihr erstes eigenes Haus, ihren Mann hat der Krieg kurz vor Schluss nicht mehr hergegeben. Dass das Haus noch heute steht, als weiß leuchtender Punkt gut erkennbar vom Nordende der Dorfstraße durch beide Zäune der Landebahn hindurch, das ist eine eigene Geschichte. Das Gefühl, das der Bau der Nordbahn bei den Bewohnern hinterlassen hat, auch.

Das Tor war dann zu irgendwann. Sagt Kemna. „Da hatten sie uns entsorgt.“

5 Kommentare

  1. Herr Waldhelm hat in seinem Kommentar erst einen leisen Verdacht, dann ist er auf dem richtigen Weg.
    Dazu möchte ich sagen: Ich war mir immer sicher, es ist mein
    Geburtshaus. Doch wie der damalige Besitzer hieß, ob beim
    Knipsen der Hintergrund durch Zufall getroffen wurde oder mein Vater
    vom Fienen-Hof aus das Bild geziehlt so aufgenommen hat, war
    und ist mir auch heute nicht ganz klar. Den Namen habe ich erst jetzt durch die Kommentare erfahren.

  2. Kemna, Karl Heinz sagt:

    Der feste Weg zwischen Spedition Kaufmann und Dosdall geht durch bis Evershorst. Die Baumgruppe lag links, etwas weiter das Haus rechts. Weiter zum Flughafen zu im Wald wurde der Weg im letztem Kriegsjahr mit Bombenkratern etwas aufgelockert. Das Bild wurde aufgenomen vom Hof des Fiene-Hauses Nr.52. Würde mich über einen Kontakt mit Michael Waldhelm freuen.

  3. Michael Waldhelm sagt:

    Das Bild müsste aus der Perspektive Schulenburg-Nord aufgenommen worden sein. Die hohen Bäume waren am Weg von Schaperjahn zu den Häusern von Kruse, Euler und uns. Der Schornstein passt eigentlich auch. Ansonsten gab es auch keine weiteren Häuser in dieser Größe, die so einzeln standen. Ich denke doch, dass es sich um unser Gehöft handelt. Ansonsten hoffe ich ja immer noch auf eine „Abschiedsveranstaltung“ für unser Dorf.

  4. Michael Waldhelm sagt:

    Das Haus im Hintergrund des Pferdewagenbildes sieht unserem sehr ähnlich. Auch die Baumgruppen herum kommen mir irgendwie bekannt vor? Aber sicher bin ich mir nicht. Vielleicht gibt es nähere Informationen dazu?

    • Rebekka Neander sagt:

      In der Tat ist sich auch Herr Kemna nicht sicher. Er glaubt auch, im Hintergrund Ihr Haus und damit das seiner Geburt zu erkennen. Soll ich einen Kontakt zwischen Ihnen herstellen?

Kommentar hinterlassen