Ein Schrecken ohne Ende (Teil 55)

Es hat etwas gedauert, in Schulenburg-Nord Nummer 6 anzukommen. Jedenfalls für mich. Die Gründe? Vielschichtig. Manche Wege benötigen eben mehr Zeit als andere. Überhaupt aber dauert es für Schulenburg-Nord Nummer 6 länger. Nicht nur etwas. Und das geht den Bewohnern gehörig auf die Nerven.

Erika und Wolfgang Pfeif sind es leid. Das Warten. Das Verhandeln. Das enttäuscht werden. Schluss! Aus! Ende! Wir bleiben hier!

Das wäre ‚was! Da bleiben. Das Rad zurückdrehen. Alle gedanklich schon gepackten Kisten wieder leeren. Gartenstühle raus und gut ist. Das geht natürlich nicht. Der Vertrag mit dem Flughafen ist geschlossen. Der mit dem Fertighaus-Unternehmen gar nicht weit weg auch. Wichtiger: Das Geld ist geflossen. Nichts geht mehr.

Eine Hütte hinter einer alten Villa. Sie sieht aus, als wäre sie am Ende. Für Erika, damals geborene Much, aber ist sie der Anfang einer einzigartigen Zeit. Rechts im Hintergrund lugt das Pferdekopfhaus hervor. Foto: privat

Eine Hütte hinter einer alten Villa. Sie sieht aus, als wäre sie am Ende. Für Erika, damals geborene Much, aber ist sie der Anfang einer einzigartigen Zeit. Rechts im Hintergrund lugt das Pferdekopfhaus hervor. Foto: privat

Es geht aber eben auch nichts voran. Das Fertighaus wird nicht fertig. Mehr mehr als einem Jahr geht das so. Gaube rein, Gaube raus. Fenster im Treppenhaus, die sich nicht öffnen lassen, weil dummerweise weder Erika noch Wolfgang Pfeif es auf dreimeterfünfzig lichtes Maß bringen. Fliesen, die krumm und schief an der Wand hängen. Türrahmen, die in der Luft schwebend viel Platz für Dreck unter sich lassen. Die Liste lässt sich mühelos fortsetzen. Da fühlen sich zwei, als hätte man sie auf das Zehn-Meter-Brett gedrängt, den Rückweg abgeschnitten und lässt sie nun nicht springen, weil noch kein Wasser im Becken ist. Das gruselt schon beim Zuhören.

Der Flughafen kennt die Geschichte. Alles nicht nett. Aber was soll man denn machen? Die Namen in den Verträgen sind eindeutig. Pfeifs bauen. Nicht der Flughafen. Der hat gezahlt. Das, was nach dem Verhandeln vereinbart worden ist.

Da steht dann am Ende langer Tage eine Summe auf dem Papier. Sie soll errungenes Hab und Gut sein – und hat doch eigentlich schon verloren. „Wir wollen das wieder haben, was wir hier zurücklassen.“ Prima Formel. Gilt für alle, die Schulenburg-Nord verlassen haben oder noch müssen. Und der Flughafen ist durchaus gewillt zu zahlen.

Nur lässt sich Erinnerung nicht im Katalog ankreuzen. Ist ein Gartenhaus ein Geräteschuppen oder eine Bretterbude? Wo ein Baumhaus wieder einbauen, wo es (noch) keine alten Bäume gibt? Gibt es Immobilien, die Drei-Generationen-Haus und Autowerkstatt in einem sind? Ein Zuhause kann man nicht bestellen. Das muss wachsen. Das braucht Geduld.

Kaum ein Vertrag gleicht in Schulenburg-Nord dem anderen. Familie Dahlke hat alles dem Flughafen überlassen – vom Grundstück bis zur Türklinke. Das befreit vom Baustellenstress, aber auch vom Akt der Gestaltung. Andere, wie Stünkels oder eben auch Pfeifs, haben sich auszahlen lassen. Der eine nimmt noch ein bisschen Hilfe an bei der Suche nach dem Grundstück, die anderen – in diesem Falle Pfeifs – finden IHRE Baulücke durch Zufall bei einer Radtour durch Engelbostel. Die Nachbarn rund herum sind alte Bekannte. Besser könnte doch ein Neubeginn ohne Eingewöhnungsschmerz nicht sein.

Oder?

Wenn denn schon die Ausgangssituation so günstig ist. Dann könnte es doch auch mit dem Bau flott voran gehen. Es soll also ein Fertighaus sein. Nicht eines aus Stein wie bei Dahlkes drüben. Das dauert doch so lange. Sagt Erika Pfeif an einem sonnigen Frühsommertag auf der Terrasse ihres Refugiums in Schulenburg-Nord. Sie lacht dabei. Ein wenig über sich selbst. Vor allem aber bitter. Sie wollten es schnell hinter sich bringen. Den Abschied. Von dem, was sie sich mit eigener Hände Arbeit 1986 geschaffen hat. Eine Butze im Hinterwald der legendären Villa. Umgebaut zu einem wahrlich schmucken Häuschen. Ein Heim. Ein Zuhause. Dicht eingewachsen zwischen alten Bäumen, dichten Büschen. Emsig gepflegt. Von ihr und ihrem Mann Wolfgang. Den lernt sie kennen, als sie schon zugange ist am Haus mit der Nummer 6. Und es fällt ihr nicht schwer, den erst Zukünftigen, dann Angetrauten zu begeistern mit diesem Zuhause.

Erika, geborene Much, wächst auf in Engelbostel. Der Lärm der Flieger, sagt sie in der Sonne sitzend vielleicht 100 Meter entfernt vom Startpunkt der Südbahn, ist in Engelbostel viel schlimmer als hier zwischen den Bahnen. Ihre Eltern, Ewald und Margret, sind befreundet mit Familie Piper, in jener Zeit Bewohner der Villa. Was einst Repräsentanz eines Ziegelei-Geschäftsführers war, wird in Pipers Tagen Umschlag- und Ausschlachtplatz für Autoteile. Sie haben sich ausgebreitet dort über einige Jahre.

Familie Much ist häufig oben in Schulenburg-Nord. Die Kinder dort oben gehen mit Tochter Erika gemeinsam zur Schule. Die Freiheit dort oben lockt. Groß wie klein. Klassenkameradschaft verbindet Erika mit dem Haus Damaske. Mutter Christine arbeitet in der Bordküche drüben am Flughafen. In ihrem Haus wohnt zur Untermiete deshalb auch Antonio.

Antonio. Mehr zählt nicht aus Kindersicht. Antonio von Teneriffa. Antonio ist nett. Antonio arbeitet auch drüben in der Küche. Beliefert die Flugzeuge mit Essen und Trinken. Wichtiger: Die Kinder dürfen mitfahren, wenn Antonio seine Fracht unter die Ladeluken der gigantischen Vögel bugsiert. Eine Ampel trennt in jenen Tagen das Vorfeld vom Rest der Welt. Ein fließender Übergang. Im Flughafenblick, dem Restaurant gleich hinter der Villa, finden Piloten und Flugpersonal Kost und Logis. Die Welt liegt den Kindern zu Füßen. Manchmal auch nur als Teich auf dem Flughafengelände, in den die Kinder ihre Zehen stecken. Aus dem NJK-Teich, der zu diesem Zeitpunkt diesen Namen noch gar nicht trägt, holen sie Fische und stecken sie zuhause in die Wanne. Das geht – bis sie Hühner-Meier davonjagt. Er bewohnt das Haus am Teich, der eigentlich eine Tonkuhle ist. Vollgeregnete Hinterlassenschaft des Tonabbaus. Ein paar Jahre später erst wird der Niedersächsische Jagdklub das Gelände pachten und der Kuhle bis in alle Ewigkeit und behördlichen Schreiben den Namen NJK-Teich verpassen.

Als Erika Much 27 Jahre alt ist, geht diese Welt zu Ende. Sie hat es in den Jahren dazwischen nie wirklich weit weg gespült. Godshorn. Wedemark. Immer irgendwie im Dunstkreis ist sie geblieben. Familie Piper jedoch will weg. Will verkaufen. Den Flughafenblick. Die Villa. Die Hütte hinten im Garten.

Und so greift Erika zu – Geld, Plan und Schaufel. Die Fotos aus jenen Tagen künden davon. Die ganze Familie ist am Werk. Der erste Rundgang mit der Kamera durch das erste eigene Zuhause – vor Beginn der Arbeiten – erzählt von mit Silikon angeklebten Holzplatten. Speicheröfen. Verwinkelt. Verbaut. Dunkel. Eng. Und von bemerkenswerter Nachbarschaft. Herbert, der Esel, wohnt in Pipers Garten. Mit Piefke, dem Pferd. Und Olga, dem Schaf. Vermutlich das einzige Schaf am Ende der Welt, das auf Zuruf kommt. Und er erzählt vom Stolz. Von der Freude über das Werden. Das Schönwerden.

So geht es weiter über die Jahre. Immer wenn Geld da ist, wird weitergemacht. Zuletzt kommt ein neues Bad. Eine neue Küche. Im Garten lässt eine Wasserfläche ahnen, dass sie mal ein akkurat gepflegter Teich war. Es ist viel liegen geblieben in den vergangenen Jahren. Vieles ist ausgefallen. Die Urlaube im Wohnmobil. Die Ausflüge. Die Reparaturen, die das Häuschen eigentlich verdient hätte. Dinge eben, die sich nicht mehr lohnen oder für die die Zeit fehlt. Weil man ja bald weg ist.

Bald kann unerträglich lang sein.

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