Warten aufs Christkind (Teil 57)

Ist das jetzt ein gutes Zeichen? Wenn wer nicht kommt, weil er zuviel zu tun hat? Ein gutes Zeichen, dass die drei Häuser oben an der Nordbahn noch immer stehen, obwohl sie nach Flughafen-Auftrags-Zeitrechnung eigentlich zumindest schon sichtbar ver-, besser: zerkleinert sein müssten? Egal. Fühlen wir uns also Anfang September wie im Dezember – und warten aufs Christkind.

Das Christkind heißt Kai Riechers, seines Zeichens Abbruchunternehmer. Er ist ein alter Hase seiner Branche. Und er ist ein alter Bekannter des Noch-Dorfes. Er hat die Villa abgerissen. Das Pferdekopfhaus. Selbst an das Aquarium weit oben im Norden kann er sich erinnern. Er hat die Häuser gehen sehen im Noch-Dorf. Und er hat die Mitarbeiter des Flughafens gehen sehen. Die Abbruchgeschichte in Schulenburg-Nord ist eine lange. Und doch erobert er gerade Neuland: Jeden Tag muss er zwei Auftrage ablehnen, weil seine Bagger gar nicht wissen, wohin zuerst. Das gab’s noch nie. Freundliches, belustigtes, verblüfftes Raunzen am Telefon. Die Leute haben zuviel Geld. Falsch. Die Leute bekommen für ihr Geld bei den Banken zuwenig. Also stecken sie’s in die Häuser. Manchmal sind diese Häuser aber viel zu alt und müssen weichen für ‚was Neues. Offenbar hat es viele alte Häuser in der Gegend mit vielen zinsverdrossenen Erben. Jedenfalls steht Riechers Telefon nicht mehr still. Mal so richtig abräumen dürfen. Wer träumt davon nicht.

 

Erst campierten die Zeltlager-Kinder im Garten, dann ließ es der Staat krachen. Das Ruhrgas-Haus wartet auf sein Ende.

Erst campierten die Zeltlager-Kinder im Garten, dann ließ es der Staat krachen. Das Ruhrgas-Haus wartet auf sein Ende.

So weit würde Mario Honkomp seine Wünsche gar nicht strecken wollen. Ihm, der da drüben im Flughafen darüber wacht, wann was wo im Nord-Noch-Dorf weichen soll, würde ein einziger Anruf schon genügen. Der, der ihm verrät, wann es endlich losgeht mit dem Ballett der Bagger. Es sollen fallen die letzten drei Häuser ganz oben an der Nordbahn: 35/37, das Doppelhaus, einst gebaut für die Führungskräfte der Ruhrgas-Dependance. Nummer 39 gleich nebenan, das Zuhause von Karl-Heinz Dahlke. Und schließlich gegenüber Nummer 36, der Hof Münkel.

Es wird Zeit, dass Riechers‘ Leute anrücken. Denn es sieht nicht gut aus. Nicht gut, was engagierte Sondereinsatzkräfte am Ruhrgas-Haus weithin hörbar veranstaltet haben. Zwei rußumschwärzte Löcher klaffen auf der Rückseite des Gebäudes. Die Straßenseite blütenweiß. Schwarz auf signalgelb warnt ein Schild vor dem Betreten. Ein Blick von Nachbarsgarten offenbart, was noch vor Wochenfrist die wenigen verbliebenen Nachbarn hochgeschreckt hat. Dämmstein-Weitwurf im Staatsauftrag. Das Haus zu Nachbars Garten sieht auch nicht besser aus. Die Ziegel – verschwunden. Die Dämmwolle – zerpflückt. Die Obstbäume – gefällt. Ein marodes Skelett wartet auf seinen Abtransport. Bis zum 20. September, so will es das Stück Papier, das Honkomp dem netten Herrn Riechers geschickt hat, soll es damit ein Ende haben.

Und warum?

Weil, was weg ist, ist weg. Vielleicht ist das in diesen Tagen die einzig belastbare Formel. Denn so schnell wird es zwischen den Bahnen wohl keine neuen Mauern geben. Ob das Bauleitverfahren, das sich der Flughafen von der Stadt wünscht für einen Bebauungsplan auf dem Areal des Dorfes, kommt …? Und wann …? Und ob es vielleicht erstmal zu einem Leid-Verfahren wird …? Das weiß niemand.

Dem Flughafen könnte all das nicht schnell genug gehen. Schon der letzte Bebauungsplan, der legendäre B-712 für TNT gleich nebenan, hatte es in sich. Drei lange Jahre zogen sich die Verhandlungen hin mit Drohpotenzialen aller Art auf allen Seiten. Am Ende waren alle stolz. Dass es gelungen war. Auf den letzten Drücker. In einem sagenhaften Endspurt der Verwaltungs- und Flughafenbaujuristen. Wo das Problem lag? Da, wo es immer liegt, wenn eine verhältnismäßig kleine Stadt es mit einem verhältnismäßig großen Unternehmen zu tun hat. Wer ist hier Hund, wer Schwanz und wer wackelt wann mit wem wie doll?

Die Stadt Langenhagen jedenfalls hat es derzeit nicht eilig. Mit Bockigkeit will das im Rathaus niemand verwechselt wissen. Wenn denn der Flughafen, so der Bürgermeister Friedhelm Fischer als gütiger Stadtvater, mit einem Unternehmen an der Hand einen konkreten Plan vorstelle, könne es sofort losgehen mit der Planerei. Also vorausgesetzt, das Unternehmen passt. Und das, was es da vorhat. Und das, wie es da aussehen soll. Und so. Aber mal so eben auf Vorrat Gewerbegebiet entwickeln, nein, das gehe natürlich so einfach nicht. Also nicht vor 2020. Eine Stadt mit Haltung.

Und ohne auch nur noch eine eigene freie große Gewerbefläche, die man aus dem Handgelenk anbieten könnte, wenn denn ein Unternehmen käme. Oder eines bleiben wollte in der Stadt, nur auf eben etwas mehr Platz. Nun denn.

Und so belauern die zwei sich wie Hase und Igel. Wer da wer ist, überlasse ich der Phantasie des geneigten Publikums. Auch, wer am Ende gewinnt. Ist aber auch nicht auszuschließen, dass die Fabel eine neue Wendung erhält und die zwei aus ihren Startlöchern nie herauskommen, weil sie sich vor lauter strategischem Agieren am Ende gegenseitig blockieren.

In der Öffentlichkeit begegnen sich Stadt und Flughafen ausnehmend freundlich. Das ist nicht gelogen. Wenn also Mario Honkomp mit seinem Chef Michael Hesse Anfang September im Ortsrat Engelbostel auftritt – mit Karten, Akten und Gesetzestexten -, dann meinen die zwei das auch tatsächlich so nett, wie es scheint. Sie haben ja schließlich ein hehres Ziel: Aus dem ökologisch nutzlosen NJK-Teich sollen hochwertige kleine Feuchtbiotope werden. Aus Sicht des Flughafens heißt das: Aus der Landefläche für triebwerksblockierende Großvögel sollen Schwimmbecken für Flughafen-irrelevante Frösche werden.

In solchen Situationen ist Michael Hesse ein durchweg charmanter Herr. Ein Auftritt mit Klasse. Gespickt mit kleinen Nebensätzen, die es in sich haben. Denn wenn denn diese Umwandlung, diese mit allen möglichen Behörden abgestimmte und überwachte und protokollierte Umwandlung nach insgesamt fünf Jahren beendet ist … Wenn denn dann ein netter gepflasterter Weg ins Idyll meanderte … Dann könnte doch mitten zwischen diesen netten Teichlein auch ein Pavillon entstehen. Mit einer Erinnerungstafel an das nette Schulenburg-Nord. An all das, was da mal war. Aber all das, versteht sich, nur, wenn denn auch der Ortsrat und all die anderen, denen dazu etwas einfällt, auch gehört worden sind.

Natürlich sind Hesse und Honkomp nicht allein deswegen da. Schließlich ist die Idee ja schon ein gutes Jahr alt. Sie möchten, dass der Ortsrat seinen Segen gibt für die Verlängerung einer Ausnahmenutzungsvereinbarung. So heißt das, wenn die Stadt einen Dritten etwas aus ihrem Eigentum in einer Art nutzen lässt, die so eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Das Etwas ist ein asphaltierter Feldweg, der von der Resser Straße im Westen an Engelbostel vorbei direkt nach Schulenburg-Nord hineinführt. Diesen Weg durften die Baufahrzeuge drei Jahre lang befahren, während der Flughafen für Millionen einen Tunnel unter sein Vorfeld grub und dahinter ein AirCargo Terminal hochzog und den Boden bereitete für den Bau der Hauptumschlagbasis von TNT. B-712, genau.

Tunnel, TNT und Terminal sind fertig. Und die Region Hannover hat dem Flughafen in die Teich-Umwandlungs-Erlaubnis ziemlich genau hineingeschrieben, dass alle Lastwagen, die künftig mit Umwandlungs-Erde zum Teich fahren, bitte eben auch jenen neuen Tunnel zu nutzen haben. Seit dem 30. Juni 2013 hat es also mit der Ausnahmenutzungsvereinbarung ein Ende. Theoretisch. Praktisch wissen im Rathaus alle, dass der Flughafen den Weg ziemlich gerne weiter benutzen möchte. So ziemlich gerne, dass man eine ganze Weile Stillschweigen darüber bewahrt, dass der Teich-Erde-Pendelverkehr zuweilen weiter von Westen ins Nord-Dorf fährt. Weil das aber so natürlich nicht endlos weitergehen kann und weil die Menschen in und aus Engelbostel weder blind noch taub sind, sehen es Rathaus, Hesse und Honkomp Anfang September an der Zeit, sich im Ortsrat den Segen abzuholen.

Dieser wäre für den Flughafen, vielmehr für den Anlieferverkehr offenbar ziemlich praktisch. Ein Fünftel der Fahrten, rechnet Hesse vor, kämen von Westen und würden über diese Abkürzung nicht nur Kilometer und Sprit sparen, sondern damit natürlich auch jede Menge Kohlendioxid. Sperrte sich der Ortsrat, so die ungesagte Botschaft, wäre dies damit ziemlich wenig öko. Wer will das schon. Zwanzig Prozent. Woher stammt diese Zahl? Woher weiß der Flughafen, von wo – sagen wir in dreieinhalb Jahren – wie viele Laster mit wieviel Erde denn kommen mögen?

Nun, aus Erfahrung, lässt Honkomp wissen. Die Erfahrung hat nicht er gemacht. Sondern die Firma, die der Flughafen beauftragt hat. Die hat sondiert, wo welcher Boden so vorkommt, der für diese alte, mit Regen voll gelaufene Tonausbaggerkuhle in Frage kommen würde. Aber kann man aus Erfahrung wissen, wo wann wieviel davon ausgekoffert werden muss?

Horst Krause hat diese Erfahrung nicht. Noch nicht. Er kann nur rückblickend festhalten, wieviel Erde von wo gekommen ist. Rückblickend, wenn er sich auf seiner Terrasse gen Norden dreht und seinen Blick den wunderschönen Blüten über seinem Blumentopfmeer entzieht. Früher sah er nach dieser 180-Grad-Drehung durch das Fenster der Terrassenwand dann auf ein Idyll. Eine spiegelnde Wasserfläche mitten im Wald. Jetzt guckt er auf VW. Ok. Nicht ganz. Er guckt auf die Erde, die am Volkswagenwerk in Stöcken raus- und nun in seinen Teich reingebaggert worden ist.

Natürlich. Der Teich ist nicht seiner. Der Teich gehört dem Flughafen. Der Teich ist jetzt fast leer. Der Schulenburger Angelverein hat aufgegeben. Die letzten Fische lassen sich in der verbliebenen Pfütze kaum noch fangen. Silberreiher übernehmen zwischenzeitlich den Job der Zweibeiner. Bis der Flughafen das letzte Wasser abpumpen lässt, die Fische professionell von bezahlter Hand fangen, nach Größe sortieren und – wenn kleiner als 30 Zentimeter lang – an den Zoo verfüttern. Die größeren finden Asyl im nächsten Angelteich – mit mehr Wasser.

Wenn Horst Krause jetzt am Abgrund der angekarrten Erde steht und den Blick schweifen lässt über die entstandenden Steilufer, fällt ihm ins Auge, dass er das Schuttabladen an dieser Stelle nicht zum ersten Mal beobachten darf. Einst, als der Niedersächsische Jagdklub Eigentümer dieser Fläche war und der Tonkuhle ihren Namen verpasste, da schleppten sie schon einmal lasterweise Erdreich an. Um die absaufenden Wiesen zu befestigen. Jetzt sind Reste davon wieder sichtbar. Es sind die Reste der JVA an der Celler Straße. Ein Bruch der besonderen Güte.

Damals war Horst Krause Mieter des NJK. Heute gehört dieses Schneewittchen-Häuschen am Teichufer dem Flughafen. Horst Krause wohnt darin seit Jahrzehnten. Und er wird bleiben. Weil der Flughafen ganz froh ist, dass dort jemand über das Anwesen wacht, wenn die Bagger- und Raupenfahrer Feierabend machen. Und weil Horst Krause sein seit eh und je gepflegtes Refugium nicht aufgibt. Da können noch so viele Lastwagen anrollen und hinter seinem Haus Erde abkippen. Im Zweifel dreht sich Horst Krause eben wieder um und blickt auf seine Blumen.

Das Christkind kommt jetzt übrigens. Sagt es. Kommenden Montag. Ganz bestimmt.

Ein Kommentar

  1. Frank Röttger sagt:

    Moin,

    als ich vor über 15 Jahren nach Engelbostel zog, war Schulenburg-Nord noch da.

    Nach jedem Winter fehlten immer mehr Häuser, wenn man mal wieder zum Wendeplatz mit dem Motorrad, Fahrad oder Auto gefahren ist. Jetzt sind hinten die letzten Häuser dran,
    in Engelbostel hätte sich jeder über den Wohnraum gefreut. Nur verändert sich die Welt, neues kommt, altes Vertrautes geht, so auch nach und nach Schulenburg-Nord.

    Ich hoffe, dass der Wendeplatz bleibt, und frage mich, wie man denn die letzten Häuser vorn am Eingang wegbekommt. Auch wieder sehr schade, speziell das kleine Haus neben der Villa ist sehr hochwertig. Irgendwann kommt auch da der Bagger, alles für den Fortschritt.

    Nachdenkliche Grüße

    Frank Röttger

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