Tagesziel: Plattmachen (Teil 58)

Ist das so, wenn Krieg ist? Man steht im Keller und über dem eigenen Kopf donnern Einschläge. So mächtig, dass die Wände zittern. Dass sich die Bilder im Kopf überschlagen: Wo, bitte, geht es hier wieder raus? Mein Horror hat ein schnelles Ende. Mein Timing war nur schlecht. Ich stehe im Keller des Münkel’schen Hofs. Von draußen begehrt eine Baggerschaufel Einlass in dieses mächtige Haus. Ich brauche eine Tür, um von drinnen nach draußen zu gelangen. Sie von draußen nach drinnen nicht.

Nun sind sie also da. Die drei Herren. Mit ihnen zwei Container, zwei Kipper, ein Bagger. Mehr braucht es nicht für das Tagesziel. Am Abend soll das Haus liegen. Dieser imposante Klinkerbau mit der Nummer 36, der seinen 100. Geburtstag eher knapp verfehlen wird. Der die Geburt dieser Splittersiedlung zwischen den Bahnen nach 1928 miterlebt hat und ihr Ende bis fast zum bitteren Ende mitverfolgen musste.

The Fog - der Nebel des Grauen ...? Nein, leider kein B-Movie. Es ist der Auftakt vom Ende.

The Fog – Nebel des Grauens …? Nein, leider kein B-Movie. Es ist der Auftakt vom Ende.

Es ist ein diesiger Septembertag. Wolkenverhangen. Sonnenarm. Einer von der Sorte, die eigentlich so recht zu keinen Abenteuern verführen. Im Haus mag der Bagger noch kolossal in Herz und Glieder dröhnen. Draußen wird er schon hinter des Dorfes einziger Kreuzung nicht mehr zu vernehmen sein. Und dennoch macht die Kunde von der endgültigen Ankunft des gelben Caterpillar schnell die Runde. Der Abriss von Nummer 36 wird der Auftakt sein. Innerhalb der nächsten Tage werden auch gegenüber das Doppelhaus Nummer 35/37 und Dahlkes Elternhaus mit der Nummer 39 fallen.

Ein ums andere Mal kommen Autos die alte Dorfstraße gen Norden gebraust, um angesichts der rumpelvollen Staubwolke auf Schneckentempo zu drosseln. Dann geht es hoch zum Wendehammer der Flugzeugspotter, eine flotte Kehrtwende und das Gleiche nochmal von der anderen Seite. Tatsächlich. Es geht voran. Es geht. Das Dorf. Endgültig.

Auch Karl-Heinz Dahlke rauscht heran. Eigentlich, so hat er tags zuvor verkündet, werde er ausgerechnet an jenem Morgen gar keine Zeit haben, um Augenzeuge dieses Abschiedes zu werden. Aber, diese zwei Minuten müssen sein. Dieses Foto will er selber machen. So wie er in den Jahren zuvor auch von jedem Abriss wenigstens ein Bild gemacht hat. Haus für Haus.

Sind es diese Bilder, die bleiben, wenn alles andere weg ist? Wahrscheinlich nicht. Zwanzig Jahre hatten die Menschen im und um den Flughafen herum, um sich an das Ende des Dorfes zu gewöhnen. Eine lange Zeit. Lang genug, um es sehr weit hinten in die Wiedervorlagemappe zu sortieren. Doch spätestens seit der Ankündigung dieses Drei-Häuser-Bruches im September ist Bewegung in die Gemüter gekommen.

Im Pfarrhaus in Engelbostel ist ein Plan als erstes fertig. Pfarrer Rainer Müller-Jödicke fühlt sich bislang eigentlich durch diesen Blog immer ganz gut informiert. Aber wenn jetzt doch gleich drei so prägnante Häuser fallen, dann dürfte dies doch nicht so ganz spurlos vorüberziehen. Nicht an der Gemeinde.

Was also tun? Eine Beerdigung inszenieren? Draußen auf dem Acker. Naja, vielleicht doch besser nicht. Müller-Jödicke, ein zugezogener Ostfriese mit einem wunderbar trockenen Humor, packt das Thema am Schlafittchen: ungewöhnliche Situation verdient ungewöhnlichen Ort. Und so feiert die Kirchengemeinde den Abschied von ihrem Noch-Nord-Dörflein im Schützenzelt, beim alljährlichen Festgottesdienst zum Auftakt des Grünrockfestes. Mit mir mittendrin, als kollektive Augenzeugin sozusagen. Was mir zunächst als kurioses Experiment erscheint, ist am Ende eine der dichtesten Begegnungen in dieser Zeit mit diesem Thema. Nicht nur gelingt Müller-Jödicke mit Predigt und Verknüpfung von Dorf-Ende und der Jahreslosung von der Stadt, die noch zu finden sei, eine geradezu geniale Allianz. Beim Blick durch das vollbesetzte Kirche-auf-Zeit-Zeit erscheinen mir die Dörfer Schulenburg und Engelbostel mit einem Mal durch und durch besiedelt mit Menschen, deren Wege einst in Schulenburg-Nord begannen. Nicht zuletzt ist der Kirchenvorsteher, der im Gottesdienst die ersten Worte spricht, Betriebsratsmitglied im Flughafen.

Rainer Müller-Jödicke möchte aber noch mehr. Er hofft auf einen Gedenkstein. Dort, wo das Dorf einst gewesen sein wird. Vollendete Zukunft. Der Flughafen findet diese Idee charmant. Nur den Zeitpunkt nicht. Solange doch noch Menschen dort wohnen, und seien es nur zwei Familien gleich vorne an der Kreuzung, solange dürfe man das Dorf doch nicht ganz abschreiben. In zwei, drei Jahren vielleicht. Dann, wenn aus dem NJK-Teich die gewünschten Kleinbiotope geworden sind, dann wäre es doch gut.

Form-vollendete Zukunft.

Ganz so lange wollen auch andere eigentlich nicht warten. Gliem. Klingt wie eine ziemlich gesunde Hautcreme aus dem Spezialhandel. Ist aber eine Abkürzung. Ganz Langenhagen Ist Ein Museum. Dahinter steht ein Arbeitskreis aus alteingesessenen Kernstadt- und Dorfbewohnern, die all den Zugezogenen ganz gerne zeigen wollen, dass Langenhagen mehr ist als Autobahnkreuz, City Center und Flughafen. Sie wollen nun eine Tafel aufhängen. Zunächst am liebsten an jenem Brunnen, der vom Pferdekopfhaus übrig geblieben ist. Mit der Grafik dieses Blogs darauf. Und vielleicht ein paar Abbruchfotos. Und ein paar Worten, was das denn alles hier mal war. Inzwischen gibt es einen neuen Plan: Vielleicht hinge die Tafel noch besser am Ortseingang. Dort, wo heute das Schild Privatstraße den Revierbeginn des großen Nachbarn markiert. Und man könnte den Hinweis auch ans südliche Ende der Dorfstraße hängen. Dort, wo die Flugzeug-Spotter auf die Südbahn schauen. Das Problem bei all diesen Ideen? Niemand weiß, wie das Gelände in zehn Jahren zugeschnitten sein wird. Wo sich welche große Halle breitmachen wird. Oder einfach nur Unkraut.

Und im Langenhagener Rathaus? Da beraten sie noch. Nein, nein. Man habe das Thema schon auf dem Zettel. Und man rede auch darüber. Also über das Ende. Und nicht nur über das Gerangel mit dem Flughafen um das, was da vielleicht irgendwann einmal neu gebaut werden darf. Ja, klar. Man werde mich informieren. Man rufe mich an. Ein paar Tage später ruft man mich an. Ohne Antwort. Ohne Plan. Jedenfalls noch nicht.

Unvollendete Zukunft.

Kai Riechers interessiert das alles nicht. Er sortiert mit der Eleganz eines Uhrmachers, nur mit einem unvergleichbar viel gigantischeren Werkzeug Holz von übrig gelassenem Stroh. Ziegel von Stein. Und schippt Schaufel für Schaufel ein Zuhause hinfort. In dieser einzigen Stunde seit meinen ersten Abbruchfotos, in der dieser Beitrag in meinem Auto entsteht, ist der Stall hinter dem Münkel’schen Hof bereits verschwunden. Vor zehn Monaten habe ich in diesem Haus jene Damen kennenlernen dürfen, deren Eltern den Hof erbaut haben. Erna Sczesny und ihre Schwester Gerda Spill, Jahrgang 1922 und 1925. Und während mir ihre Geschichten wie jene von der Brieftaubenzucht des Martin Spill noch im Ohr klingen, fliegt mit Leichtigkeit der Maschendrahtverhau eben jenes Federviehs vor meinen Augen durchs Bild.

In der kommenden Woche wird das Haus verschwunden sein. Anfang Oktober kommen die Gärtner, lassen Hecken und Sträucher verschwinden, werden den Boden fräsen, Wiese sähen und alles so herrichten, als hätte es das Dorf gar nicht gegeben.

Vollendete Vergangenheit.

Nachtrag. Acht Stunden sind vergangen. Das Haus liegt. Das am Morgen erklärte Tagesziel ist erreicht.

Ein Kommentar

  1. Als ob ich eine Vorahnung hatte: Kurz vor unserem Maltaurlaub Ende August war ich noch dort, und die angeschlagenen Häuser standen noch dort, wovon ich auch Fotos gemacht habe. Am Ende der Startbahn konnte man vor Jahren dort Kaffee trinken, die Bienen flogen.

    Jetzt flogen die Steine der Häuser nach und nach in den Container, alles für den Fortschritt. Wenn er denn mal kommt, bei dem Dauergejammer der Flughafengegner (ich wohne auch neben der Landebahn!!!) ist das ja fraglich.

    Nun ja, bald werden auch vorn die letzten Häuser fallen, es ist schließlich der Lauf der Welt. Zwischen Schulenburg und Engelbostel entstehen dafür neue Häuser, und nicht gerade wenige. Aber Altes gehen zu lassen ist immer wieder schwer, so auch hier.

    Liebe Grüße aus Malta

    Susanne und Frank Röttger

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