Spurensuche 2.0 (Teil 59)

Sie sind weg. Häuser. Schilder. Menschen. Einfach so. Das ist ein bisschen viel weg auf einmal. Manches ist weg wie nie da gewesen. Anderes, auch wenn es nur wenige Quadratzentimeter sind, fällt auf und wirft Fragen auf: Wer, bitte, hat in Engelbostels Mitte den letzten Wegweiser gen Schulenburg-Nord geklaut? Und wer jenen draußen in der Feldmark? Reicht es nicht, dass binnen weniger Tage jetzt schon das zweite Haus dort verschwunden ist? Wer das Ende der Welt zwischen den Bahnen finden möchte, muss jetzt wissen, wo es ist. Oder besser: war?

Auch mein Bild gibt es nicht mehr. Das Bild, das diesen Blog behütet. Jenes von dem roten Klinkerbau zur Rechten und dem hochaufgeschossenen weißen Putzbau zur Linken. Donnerstag, Sonnabend, Montag. Und weg waren sie. Niedergelegt von einem einzigen tanzenden Bagger. Mehr braucht es nicht. Zwei Häuser: das sind drei Hausnummern oder auch sechs Wohnungen und Klingelschilder, sechs Namen. Sechsmal zuhause sein. Ein Haus mit zwei Namen fehlt noch: Nummer 39 muss noch ein wenig warten, bis die Bagger andernorts ausgetanzt haben.

Ein Bild, ein Wetter, viel zu fröhlich bunt, um an diesem Abrisstag wahr zu sein.

Ein Bild, ein Wetter, viel zu fröhlich bunt, um an diesem Abrisstag wahr zu sein.

Am Montagmorgen erreicht mich ein Anruf. Heute Früh, verkündet eine nette weibliche Stimme im Namen des Abbruchunternehmers, legten sie das KSG-Haus hin. Das mit der Doppelnummer. Mit den vier Wohnungen. Den Hellhörigen. Dieses Urteil ist nicht von mir. Das fällt Dieter Hermann, als ich ihn das erste Mal treffe. Vor gut zwei Jahren. Da steht er im Blaumann vor diesem Vier-Familien-Haus, einst gebaut für die Führungsriege der Ruhrgas AG über ihrem Europa-Premieren-Untertage-Kokereigas-Speicher gleich nebenan. Da steht er, dieser Bergmann von einst, und beklagt sich über Rosenknospen nagende Rehe im Garten seiner Frau und schätzt sich glücklich, dass er in diesem großen Haus inzwischen alleine mit seiner Erika wohnen darf. Und dass die lärmenden Nachbarn schon weg sind.

Jetzt ist seine Wohnung weg.

Läppische drei Stunden sind seit dem Anruf vergangen – und mit ihnen ist schon mal eine der beiden Hausnummern verschwunden. 37 steht noch da. Teilweise zumindest. 35 ist schon weg. Nur der Eingangsflur hat sich weggeduckt. Steht da wie ein einsamer Zahnstumpf in einem längst kapitulierenden Gebiss.

Und dazwischen? Da lacht Kai Riechers in seinem knallgelben Bagger. Die Sonne scheint. Alles viel zu schön, um hier jetzt wahr zu sein. Jetzt und hier, wenn tragende Wände ihrer Aufgabe enthoben werden. Ihre Steine staubend durch die Luft fliegen. Und als wäre das Farbenspiel vor blauem Himmel nicht schon unerträglich fröhlich genug, zeigen sich die längst verschwundenen Bewohner der oberen Wohnung in Nummer 37 als überaus mutige Innenarchitekten: Knallorange, quietschgelb, satter Mohn – diese Wände hatten was gegen diesige Septembertage. Auf der Straße gelingt im Feinen, was mittels Bagger im Groben geschieht: eine Schippe kratzt erdene Hinterlassenschaften von der Fahrbahn. Spuren verschwinden hier derzeit allerorten.

Wenn Kai Riechers lacht, dann steckt das an. Denn er lacht nicht über das Niederlegen der Häuser. Über den Verlust dieser Heimat. Er lacht, weil er ein von Grund auf fröhlicher Mensch ist. Mit kunstvoll gezwirbelten Schnurbartenden. Man mag sagen: Mit einem Sinn für das, was er tut. Sein Bagger ist ein wahrer Koloss. Doch wenn er rotiert auf seinem Schuttberg, mal hier vorsichtig schubst, mal dort ein wenig knabbert. Und nach zartem Kauen ein Stahlträger zwischen den eisernen Zähnen hängen bleibt, eine Plastikplane gleich einem widerspenstigen Rest eines Orangenfilets nicht fallen will. Dann wirkt das Schütteln dieser Beißklaue wie das vorsichtige Abputzen des Mundes. Wie ein zärtliches Abstreichen benetzter Finger. Ein Hölzchen auf diesen Haufen, ein Heizkörperchen auf jenen. Possierliches Pütschern – wenn man doch nur den Ton abdrehen könnte.

Kai Riechers lacht auch, weil er natürlich all das, was an diesem Morgen schon fehlt, nicht nur an diesem Morgen eingerissen hat. Das Kompliment könnte er sich mühelos gefallen lassen. Macht er aber nicht. Luft geholt hat er. So sagt er. Am Sonnabend schon. Nachdem sie das einst mit viel Arbeit und für viel Geld sorgsam eingepackte Haus wieder ausgepackt hatten. Ungezählte Dämmplatten abmontiert. Jene, die auf der Rückseite schon von einer etwas überdimensionierten Sprengladung eines trainingsfreudigen Sondereinsatzkommandos durch den Garten katapultiert worden sind. Ja, Luft geholt und schon mal Anlauf genommen haben sie. Riechers und seine Helfer. Weil sie eben doch Respekt haben vor diesem Haus. Vor seiner Größe allerdings wohl mehr als vor seinem nur noch ideellen Inhalt. Doch, doch, das ist schon was. Dieser Bruch. Und als der Schornstein gefallen ist, quietschend, knarrend zu Boden gerissen von einem gigantischen Stahlhaken am Bagger, da hält das Monstrum kurz inne. Der Motor verstummt. Eine Glastür geht auf. Eine höfliche Frage erreicht mich durch den Staub: Ja, ob er das Foto davon wohl auch haben könne?

Bilder aus diesen Tagen gibt es zuhauf. Nicht nur von mir. An meiner Seite steht – einmal mehr – Karl-Heinz Dahlke. Er reißt nicht ein. Er sammelt. Holz, von seinem alten Grundstück nebenan. Nummer 39. Bevor der Winter kommt. Und Riechers mit seinem Bagger.

Viel zu sammeln ist in und um Nummer 39 nicht mehr. Es liegt da, eingebettet in dichtem, wildem Grün, wie ein gerupftes Huhn. Die Ziegel bedecken jetzt ein anderes Haus. Mit in Not geratenen Bewohnern. Für die der Flughafen ein Herz hat. Und Riechers auch. Wer braucht schon diese alten, aber stabilen Ziegel. Riechers nicht. Und der Flughafen auch nicht. Schon gar nicht auf der Rechnung. Was nicht mehr weg muss, muss auch niemand mehr bezahlen.

Was aber noch so fehlt in dem Haus, freut wohl jetzt manchen Buntmetallhändler – auch ohne Herkunftsbeleg. Bis in die Abseiten des Dachgeschosses sind sie gekrochen auf der Suche nach Heizungsrohren. Haben Heizkörper abmontiert. In aufgeschreckter Flucht auf halbem Weg liegen- und die aufgebrochene Tür hinter sich offen stehen lassen. Ein Rundgang, ein Trauerspiel. Die Tapeten hängen triefend von der Decke. Pitschnasser Teppich. Dachbodenluken mit Blick in den – jetzt – blauen Himmel. Ein Dach ist doch schon ‚was Feines.

Im Rathaus sitzen sie im Trockenen. Das soll auch so sein. Solidarisch nasse Wände helfen niemandem. Hilfe anderer Art wäre vielleicht nützlicher. Hilfe bei der Frage, ob und wenn ja wie und wann wer welchen Gedanken an das verlorene Dorf da oben im Norden gestalten könnte. Doch all diesen Ws steht ein anders im Weg: Warum überhaupt? Wieviel wiegen eineinhalb Dutzend Häuser am Ende der Welt? Ist das viel? Sind die wichtig? Wer hat die Menschen aus ihnen verscheucht? Sind die nicht alle freiwillig gegangen? Wo hört freiwillig gehen auf und wo fängt bleiben bar jeder Vernunft an? Fragen über Fragen in ratlosen Gesichtern. Immerhin: Schulenburg bleibe ja bestehen. Ob das jetzt lustig gemeint ist oder doch nicht ganz frei von Zynismus, vermag ich nicht zu ermessen.

Dass der Gliem-Arbeitskreis längst weiter ist mit seinen Gedanken, dass Ganz-Langenhagen-Ist-Ein-Museum Schulenburg-Nord unbedingt mindestens in einer Tafel verewigt sehen möchte, hat sich offenkundig noch nicht bis in alle Zimmer des soliden Klinkerbaus in der fernen Kernstadt herumgesprochen. Von mir darüber eingeweiht zeichnet sich eine gewisse Erleichterung in den Gesichtern mir gegenüber ab. Gut. Da macht sich schon jemand Gedanken. Ach, die Kirche auch? Fein! Und der Flughafen überdies? Prima! Ende des Gesprächs.

Nachtrag: Ich habe gebeichtet. Beichten müssen. Dass ich es nicht geschafft habe, am vergangenen Donnerstag rechtzeitig nach Schulenburg-Süd zu gelangen. Dass Kai Riechers zu schnell war in seinem tanzenden Bagger. Zu schnell für mich, um Erna Sczesny abzuholen. Ihr samt ihrer Schwester Gerda Spill einen Abschied zu ermöglichen von ihrem Elternhaus, dem Münkel’schen Hof mit der Nummer 36. Nun ist es für einen schmerzlichen Moment still in der Telefonleitung. Und das Haus ist jetzt schon weg? Eine zagfhafte Frage dann, getragen von Hoffnung, das Gehörte möge ein Irrtum sein. Doch diesen Irrtum kann ich nur bitterlich verneinen. Ein Seufzer. Manchmal gehe eben nicht alles gut, sagt sie. Und lacht. Ein wenig. Wenn Nummer 39 fällt, will sie dabei sein.

Sie wird es. Fest versprochen.

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