Rauchzeichen (Teil 61)

Es muss eine Welt gegeben haben, in der waren Autos wichtig. Also ernsthaft wichtig. Für wirklich wichtige Dinge. Nicht damit kleine Benjamins und Lisa-Maries pünktlich zum Frühchinesisch kommen. Sondern Möhren auf den Markt oder Kekse nach Königsberg.

Im Wirtschafts-Neu-Sprech von heute heißt das: Flugaffine Unternehmen der Logistikbranche siedeln sich mit Roadhub oder Vertriebskreuz bevorzugt im Umfeld des Flughafens an, um den Benefit von Infrastruktur und Networking für eine bestmögliche Performance mitzunehmen. Klar.

Menne Findeisen interessiert der Flughafen wahrscheinlich nicht die Bohne.

Nichts für den Transport zum Frühchinesisch: Diese Spezialaufbauten der Lastwagen auf dem Schaperjahn'schen Hof dienten einzig einem Zweck: dass aus Keksen ja kein Bruch werde. Foto: privat

Nichts für den Transport zum Frühchinesisch: Diese Spezialaufbauten der Lastwagen auf dem Schaperjahn’schen Hof dienten einzig einem Zweck: dass aus Keksen ja kein Bruch werde. Foto: privat

Vielleicht muss man sich einfach mal umdrehen. Und nach Westen schauen. Auf diese Straße, die vom südlichen Schulenburg hoch nach Norden führt. Oder – ein wenig weiter gedacht – vom südlichen Hannover ins nördliche Garbsen, in die Heide. Hamburg gar? An dieser Straße passiert viel. Auf ihnen kutschieren in frühen verblassten Jahren die Ziegeleien ihre Produkte runter in den Nordhafen Hannovers. Gemüse- und Frucht-Bauer Wilke ganz oben in Nummer 38 klappert allmorgendlich mit seiner Ernte auf Hannovers Markt. Dafür kommt vom Hafen dort unten solches an Futter hoch hinaus in die Ländereien, welches die Bauern nicht von eigener Hand und Acker gedeihen lassen können.

Wenn auf dieser Straße also viel von hier nach dort und zurück gefahren wird, dann wäre es doch vielleicht ganz praktisch, dafür auch Fahrzeuge bereitzustellen. Menne Findeisen jedenfalls ist Fernfahrer. Die Familie Kaufmann vorne an der Kreuzung in Nummer 22 hat gleich ein ganzes Fuhrunternehmen. Die Familie wächst. Man heiratet. Und so gibt es wenige Jahre später gleich nebenan in Nummer 26 die Spedition Schaperjahn. Wer sich heute in Nummer 22 mit Familie Damaske verabreden möchte, Kaufmänner in fünfter Generation, muss sich mit Fernfahrertourplänen arrangieren. Eine Welt voller Kutscher. Michael Waldhelm, Menne Findeisens Enkel, weiß ein Lied von ihnen zu singen.

Dieses Lied ist nicht so ganz jugendfrei. Und schon gar nicht ordnungspolitisch korrekt. Ein Kutscher, der nicht säuft, dessen Motor auch nicht läuft. Dieses Credo des Großvaters ist, bei Licht betrachtet, untragbar. Auch für den Enkel Waldhelm an diesem Vormittag im Kellerbüro mit Oberlichtblick auf all die Kutscher, die auf seinem Firmengelände in Braunschweig Metalle aller Art auf- und abladen. Aber die Geschichten sind solche der Wärme, einer unvergleichbaren Kindheit. Herb und grob zuweilen, sicherlich. Aber eben auch und vor allem in Gemeinschaft. In herzlichem Lachen. Miteinander. Selten übereinander.

Nüchterne Fakten: Von 1967 bis 1969 fährt Menne Findeisen im Dienste der Schaperjahns. Was es so im Nahverkehr zu bugsieren gilt, ist seins. Eigene Fahrzeuge gehören dazu. Gleich fünfe davon hat Waldhelm auf einem alten Foto entdeckt, das Schaperjahn-Tochter Edda Roggendorf für die Chronik der Ortschaft Schulenburg zur Verfügung gestellt hat. Wer Autos hat, braucht Fahrer. Die kommen und fahren weg. Sie kommen wieder und verbringen Zeit mit der Familie. Im Ort. In den Kneipen des Dorfes. Zwischen 1967 und 1973 übernimmt Findeisen den Winterdienst für den Flughafen. Mit allerlei Gerät wird das Vorfeld abgeschoben. Waldhelm hat das Bild vor Augen. Ein knielanger Ledermantel umhüllt den Opa. Wie einer vom Geheimdienst. Helden der Kindheit.

Eine sehr eigene Welt. Niemand landet da aus Versehen. Naja. Manchmal vielleicht. Wenn allzu dichter Nebel herrscht. Wenn nur ein persönliches, fußläufiges Geleit neben dem Auto eine sichere Passage der Felder garantiert auf den unbeleuchteten, nicht immer oder gerade mal so eben asphaltierten Feldwegen. Dann, so erinnert sich Michael Waldhelm, dann folgen dem hilfsbereiten Fußgänger Autos auch schon mal bis Schulenburg-Nord. Versehentlich.

Andere kommen absichtlich. Und ernten vergleichsweise ähnliches Unverständnis wie die Nebelirrläufer. Sie kommen, weil seltene Vögel landen. Flugzeugspotter. Die schwarmartig in das Dorf einfallen. Bis nach Engelbostel alles voll parken, weil der erste Jumbo landet. Niemand hat das verstanden, sagt Michael Waldhelm. Und schickt gleichsam seine Faszination hinterher, als vor dem inneren Auge seine erste selbsterlebte ILA auftaucht. Internationale Luftfahrtausstellung. Mit tieffliegenden Jagdflugzeugen, die den ohnehin maroden Schornsteinkopf bedrohlich schwingen lassen. Da parken sie erstrecht alles zu. Eher unpraktisch für einen Fuhrunternehmer. Niemand kommt rauf auf den Hof und niemand herunter.

Seine Mutter hat so ihre eigenen Erinnerungen an die Flugzeuge. Wer es nicht im Kopf hat, hat es in den Beinen? Eher im Zuber. Wer nachts die Wäsche draußen hängen lässt, darf sich am nächsten Morgen nicht über schwarze Hemden und Hosen wundern. Vor allem, wenn der Wind ungünstig steht. Es sind die Zeiten ohne eigene Halle für die Triebwerke. Es sind die Zeiten, in denen die Maschinen stundenlang auf dem Vorfeld stehen oder am Ende der Südbahn und laufen gelassen werden. Zeiten der alten Frachtmaschinen, alter Triebwerke und alten Denkens in Unternehmeretagen. Was schert uns der Dreck, der in alle Winde verweht wird.

Und es sind jene, in denen moderne Zeiten offenbaren, wie alt das Haus ist. Immerhin hat es inzwischen ein Fernseher ins Haus geschafft. Niemand mehr muss hinauf zur Familie Euler ins Pferdekopfhaus pilgern, um bunten bewegten Bildern zu folgen. Dafür muss man darauf achten, ob die Waschmaschine läuft. Oder ob es in der Werkstatt etwas zu reparieren gibt. Denn wer wäscht oder bohrt, macht dunkel: den Fernseher. Und damit: Streit. Mit dem Vater oder dem Opa. Im Zweifel mit beiden.

Es sind herbe Geschichten, aber ohne Harm, ohne Groll, garniert mit allerlei Sahnetupfern: Wenn Familie Schaperjahn, im Dienste Bahlens zwischen Hannover und Königsberg unterwegs, das Dorf regelmäßig mit Keksen versorgt. Wenn Fritz Harenberg, erster Gastronom am Flughafen und Hotelier oben im Aquarium, sich im Nord-Dorf so manchen Kutscher für die Bordverpflegung schnappt. Dann ernten die Kinder Geschichten bei Tisch. Von der kleinen Delle, die einer der Kutscher beim Rangieren unterm Vogel ins Flugzeug fährt – und die eine Ladung Passagiere umgehend umsteigen lassen muss. Dass es eben jener Kutscher auch einmal versucht, mit frostsicherem Blutalkoholgehalt und seinem Lieblings-Benz (und ohne sich zuvor einen Parkplatz zu suchen) seinen Lieblingsplatz im Café Dosdall zu erreichen. Dies allerdings vergebens. Am Tresen muss niemand umsteigen. Das Schicksal des Benz‘ ist nur unscharf überliefert.

Der Flughafen wächst. Und mit ihm seine Bahnen. Und wenn Michael Waldhelm in der Geschichte der Familie Kemna liest von Anweisungen des Landkreises Hannover (Teile 52 und 53), wie sich die Kutscher der Baufahrzeuge doch bitte zu benehmen haben, dann hat er ganz eigene Bilder vor Augen. Von einem umgepflügten Feldweg, der zu seinem Haus führt. Umgepflügt von Baufahrzeugen und ihrem steten hin und her. Bei Dosdall vorne an der Kreuzung müssen Findeisens ihre Fuhrwerke parken. Ein sicheres Hin- oder vielleicht sogar wieder Wegkommen mag niemand mehr garantieren.

Dass noch ein Stückchen hinter dem Ende der Welt nicht mehr alle tun und alles können, was und wann sie wollen, rückt noch lange nicht ins Bewusstsein. Opa Findeisen, so hat es sich in des Enkels Hirn gefräst, ist ein Mensch, der sich begeistern kann für alles, was brennt und kracht. Um ihn herum, so scheint es Menne Findeisen, ist Wildnis. Wildes Land, auf dem man doch auch einmal prüfen kann, wie weit es her ist mit den eigenen Schießkünsten. Und so steht Minne mit seinen Kameraden auf der Wiese und peilt die eigens in die Bäume am Ackersrand aufgehängten Zielscheiben. Nicht jeder Schuss ein Treffer. Die Bürger Kananohes etwas weiter hinter den Schießscheiben treffen dagegen sofort – jede Ziffer auf dem Telefon. Die Polizei dankt, spricht mahnend vor und fährt wieder ihrer Wege.

Überhaupt kennen viele den Weg nach Schulenburg-Nord mit der Nummer 20. Nicht nur von Westen. Auch von Osten. Denn wenn Menne Findeisen meint, es ist genug Geäst übers Jahr vom Baum gefallen, dann fackelt er es ab. Das muss sich lohnen. Tut es auch. Für die Flugsicherung im Tower etwas weiter östlich lohnt es sich zweifelsohne, angesichts der Qualmwolke den Flugbetrieb für Langenhagen dann doch einzustellen. Zumindest bis der lohnenswerte Besuch der Flughafenfeuerwehr beendet ist, Menne Findeisen beim Löschen zu helfen. Hm. Ja. Ach so. Michael Waldhelm denkt nicht nur an die eigene Familie. Es gibt ja auch Nachbarn. Gar nicht so weit weg. Für die lohnt sich Menne Findeisens Gartenarbeit zuweilen auch.

Möbel stellt man nicht alle Tage – sicherheitshalber vor die Haustür.

Kommentar hinterlassen