Zwischen Puppenstube und Rennacker (Teil 62)

Wer zwischen Kutschern aufwächst, muss auf der Hut sein. Oder besser: mit allem rechnen. Mit einer davon fahrenden Puppenstube vielleicht. Oder mit spendablen Talentschmieden, die aus einer unschuldigen Wiese einen Rennacker für Großvaters Enkel machen. Natürlich nur, wenn Opa im Urlaub ist.

In den 1960-er Jahren kommen auf dem Hof Findeisen vier Kinder zur Welt. Darunter 1962 Michael Waldhelm und 1967 seine Schwester Martina, inzwischen eine verheiratete Eickhoff. Zwischen der Kindheit ihrer als Findeisen geborenen Mutter Bärbel und jener der Kinder mögen ein paar Jahrzehnte liegen. Wirklich weniger abenteuerlustig aber wirkt sie nicht. Jedenfalls nicht an diesem Vormittag in einem Untertagebüro eines Braunschweiger Gewerbegebietes. Zwar müssen sich Michael und Martina nicht plagen mit Bildern von Flüchtlingen und Bombentrichtern. Auf der kindlichen Abenteuerskala zwischen nölig-tödlicher Langeweile und Brause-Blut reicht manchmal ja auch ein Spitz auf der Flucht oder eine Überlebensstrategie: Was tun, wenn man als einziger Junge auf weiter Flur bis zum Tag der Einschulung es einzig und allein und absolut nur mit Mädchen zu tun hat?

Kind sein in Schulenburg-Nord. Zu diesem Bild bedarf es keiner Worte. Foto: privat

Kind sein in Schulenburg-Nord: Turbulent, wagemutig, unscharf. Wie dieses Bild. Foto: privat

Als Michael Waldhelm 1962 zur Welt kommt, besteht die Welt um ihn herum aus zwei Gruppen: Die eine, mit ihm mehr oder weniger auf Augenhöhe, ist durch die Bank weiblich. Den ersten Jungen zum Spielen trifft Michael erst in der Schule. Im Vorschulalter ist der Rest der Welt für ihn zu weit weg. Die andere Gruppe, auf Augenhöhe der Eltern, sind ausnahmslos Kutscher. 80 Prozent aller Menschen in Schulenburg-Nord sind Fernfahrer. Worte des 51-Jährigen mit verinnerlichtem Kinderblick.

Michaels Ende der Welt ist geprägt von Lastwagen, die stets offen und mit Schlüssel im Zündschloss vor der Tür stehen. Gestohlen wird hier nichts. Oder nur sehr selten. Eigentlich nur einmal. Bis der Großvater, Menne Findeisen, eines Nachts einen Einbrecher hört. Und mit seinem Gewehr in die Luft ballert. Erledigt, das Thema jedenfalls. Weitgehend. In einer anderen Nacht verschwindet ein Wagen. Wer weiß, mit wem und wofür. Am nächsten Morgen steht er wieder vor der Tür.

Ein Fernseher lockt die Kinder ins Pferdekopfhaus zur Familie Euler. Aber was zählt das in jenen Tagen. Es sind die Gärten und Hutzelhäuschen entlang des Weges von des Dorfes einziger Kreuzung hinab gen Osten zu Findeisens Hof, bewohnt und bewirtschaftet von Oma Pohl und Familie Kruse. Namen. Fragmente, stellvertretend für die Eckpfeiler einer Kinderwelt. Üppige Blumenwände, Gemüse und Obst, mehr als ein Kindermagen vertragen mag. Da verirrt sich die ängstliche Dogge von oben, aus der Maulhardt’schen Futterfabrik an der alten Ziegelei-Villa, hinunter ins Reich des Findeisen-Spitz‘. Der jagt sie mit lautem Hallo wieder hinauf, wo sie hingehört – um umgehend mit lautem Geheul vom Schäferhund der Kaufmänner an der Kreuzung wieder zurückgescheucht zu werden. Mit Pfoten abgestimmte Weltenordnung. Jeden Tags aufs Neue.

Michael wird eingeschult. Und trifft auf neue Welten. Jungs. Und Bürokratie. Jungs sind prima. Bürokratie ist unpraktisch. Denn Schulenburg-Nord gehört zu – genau: Schulenburg. Schulenburg-Nord liegt aber – genau: gleich neben Engelbostel. In der Grundschule gibt es zwei Klassen. Eine für die Kinder aus Schulenburg und eine für jene aus Engelbostel. Der Rest der Welt rückt für den Neuankömmling also nur bedingt näher. Wer von Schulenburg-Nord nach Schulenburg möchte, muss übern Krähenberg und Engelbostel. Auf der direkten Route gen Süden hat sich eine Landebahn in den Weg gelegt.

Dafür zeigt sich der Flughafen gnädig. Jedenfalls aus Sicht des Heranwachsenden. Denn nach Langenhagen zum Gymnasium können Michael und seine Altersgenossen eine gute Zeit lang mit dem Rad direkt über den Flughafen fahren. Das ist praktisch. Denn der Schulbus, der zum Glück der Kleinen nach Schulenburg-Nord kommt, findet in Engelbostel so recht keinen Anschluss. Keinen, der Schüler pünktlich weiter bringt als bis zur Mittelschule in Engelbostel. Wer höher hinaus will, muss früher raus oder aufs Rad. Als das Vorfeld des Flughafens wächst und – aus anderen Gründen – die Angst und – mit ihr – der Zaun, ist es vorbei mit der Abkürzung. Und Michaels Schulweg wächst mit einem Schlag auf das Doppelte.

Michaels Mutter Bärbel plagt eine andere Vereinbarkeit: Es fehlt den berufstätigen Eltern an Kindergartenplätzen. Und so gründet sie mit Schicksalsgenossinnen Engelbostels ersten Kinderladen. Da schert es niemanden, aus welchem Dorf die Pökse kommen. Es ist das Gemeinschaftsgefühl, was zählt. Nicht nur für die Eltern. Als Michaels kleiner Bruder Jörg eines Tages keine Lust mehr hat auf Grundschule, kehrt er kurzerhand auf kurzen Beinen Heim in seinen Kinderladen um die Ecke. Der Kinder- war mal Kaufmannsladen. Mit allem, was das Krämerherz begehrt. Alte Schubfächer, Ladenregale. Alles in blau. Einmal übergestrichen. Geht schon.

Aber wer will schon weg aus Schulenburg-Nord? Kinderladen, Schule, alles egal. Die wahre Pracht des Abenteuerspielplatzes direkt neben der Zahnbürste entdeckt Michael gut zehnjährig. Als er in einzig logischer Konsequenz sein erstes Auto fertig macht. Mit den Kumpels. Heinrich Schaperjahn. Horst Gerke. Namen jener Zeit. Lange nicht mehr gehört. Geschweige denn gesprochen. Oft vermisst. Sie basteln, toben herum und ernten Respekt. Bei den Kutschern, die ein- und ausgehen, hin- und herfahren. Und mitbringen, was die Kinder entzückt – und der Opa vielleicht nicht gleich sehen sollte. Sie bringen Teile, für den ersten Käfer. Dann Tipps. Ohne Kotflügel fährt es sich doch gleich viel besser. Und breitere Reifen. Naja, und natürlich dann und wann ’ne Kanne Spritt. Wenn Opa Menne im Urlaub ist, wird die Wiese gleich neben dem Haus zum Rennacker. Feldwege kann jeder.

Michaels Schwester Martina richtet sich ihr eigenes Reich ein. So wie alle Mädels zwischen den Fuhrwerken. So wie auch die Fiene- und Kaufmann-Enkelinnen Gundula und Edda oben an der Kreuzung oben auf den Anhängern verbotenerweise von fernen Paradiesen träumen und versehentlich gleich mit ihnen auf die Reise gehen (Teil 29 bis 32), so baut sich auch Martina ihre Welt. Eine Puppenstube richtet sie sich ein. In einem Kofferanhänger. Mit allem drum und dran. Auch sie geht auf die Reise. Nicht Martina. Die Puppenstube. Und deshalb hilft auch kein Holterdiepolterherabklettern vom fahrenden Hänger. Eines Tages ist der Koffer von dannen gefahren und mit ihm Martinas Puppenstube. Ein verwunderter Spediteur an irgendeinem anderen Ende der Welt ist der zurückgelassenen Innenarchitektin sicher. Mindestens.

Puppenstuben. An Autos basteln. Das gibt es andernorts auch. Es ist der Wagemut, zu wenig Zeit und Raum für komplizierte Gedanken, der die Kindheit da oben prägt. Wenn sich Martina als verheiratete Eickhoff und ihrerseits Mutter heute erinnert, wie sie auf der Luftmatratze auf dem wassergefüllten Bombentrichter umhergepaddelt ist, weiß sie nicht genau, ob sie dies ihren Kindern erlauben würde. Denn schwimmen kann die kleine Martina in jenen Tagen nicht.

Und wenn Michael heute beäugt wird von Kollegen vor dem nächtlichen Kontrollgang ums Betriebsgelände ohne Licht und Weg, ob er denn keine Angst dabei habe, dann ernten die Kollegen freundliches Unverständnis. Dunkelheit? Ach so, das war das, was es in Schulenburg-Nord gab. Oben am Maisacker vielleicht, wo sich die Jungs eine Bude gebaut haben. Mit Fundament und Holz-Ofen. Ja, da war es dunkel. Aber furchterregend? Wovor denn?

Kinder am Ende der Welt organisieren sich gemeinsam. Und wenn sie dann umziehen, hört das nicht auf. Auch nicht in Braunschweig. Dort ziehen Michael und seine ältere Schwester nach dem Umzug in diese ihnen vollkommen fremde Welt los, eine neue Schule zu suchen. Der Umzug hat es in sich. Von der Wildnis in ein Haus, zehn Fußwegminuten entfernt von der Innenstadt. Als wäre der Wechsel Hannover-Braunschweig nicht schon Tortur genug.

Viele geeignete Schulen gibt es nicht in dieser neuen Stadt für einen Jungen, der im Langenhagener Gymnasium Russisch als zweite Fremdsprache gelernt hat. Die Vorteile von einst – auf der obligatorischen Klassenfahrt nach Moskau die eigens dafür angeschafften Billigjeans an die dortigen Mitschüler zu verscheuern und damit das Konto zu sanieren – zählen jetzt nicht mehr. Es nervt, Langenhagen ausgerechnet dann hinter sich zu lassen, wenn so coole Typen wie der spätere Scorpions-Gitarrist Matthias Jabs gerade dort ihr Abitur gemacht haben. Jetzt hängt der da mit Jungs ab, mit denen er ’ne Band gründen will. Michael und seine Schwester jedenfalls finden eine Schule, sprechen dort vor, machen alles klar – und kriegen am Ende dann doch noch einen kleinen Tipp vom Rektor mit auf den Weg. Es wäre vielleicht doch nicht schlecht, wenn zur Schulanmeldung vielleicht doch irgendwann wenigstens ein Elternteil erschiene. Na gut.

Für Martina gerät der Abschied weniger einschneidend. Er fällt mit dem ohnehin anstehenden Schulwechsel zusammen. Und so feiert Martina mit ihrer Grundschuleklasse ihr Ende von Dorf und Schule ausgelassen auf dem Findeisen-Hof. Hier stört man niemanden. Hier stört auch keiner. Die Flugzeuge links und rechts sowieso nicht. Schon gar nicht ganz da hinten. Wenn Martina und ihre Freundin Ingrid oben bei Familie Bothe im Anbau der Spedition Schaperjahn aussuchen können, wieviel Lärm sie beim Fernsehprogramm ertragen wollten, fällt die Wahl nicht selten auf den Hof Findeisen.

Den Abriss des Hauses in Schulenburg-Nord sieht die Familie nicht. Ende der 1970-er Jahre verlässt die Familie das Dorf und folgt dem Beruf des Vaters nach Braunschweig. Aufgegeben wird der Hof allerdings nicht. Zumindest nicht gleich. Sie vermieten ihn. Der Flughafen ist in der Zwischenzeit noch ein wenig näher gerückt. Erst fallen die Gartenparzellen noch hinter dem Findeisen-Hof dem Bau eines Sprengbunkers zum Opfer. Erste Anbahnungen des großen Nachbarn, ob man denn das Land nicht einfach so haben könne, lässt Vater Waldhelm erst einmal versanden. Menne Findeisen stirbt 1980. Ein paar Jahre später werden Flughafen und Familie handelseinig.

Waldhelms verlassen ihr Zuhause im guten Glauben an treusorgende Hände. Ein Fehler. Als sie ihr Zuhause später wiedersehen, um es nach dem Verkauf an den Flughafen zu räumen, ist es eine Halde aufgehäuften Gerümpels.

Es bedarf vieler Fuhrwerke, um all das hinfort zu schaffen, was unliebsam dort gelandet ist. An Fuhrwerken fehlt es dieser Familie nicht. Immerhin.

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