Freier Blick auf enge Straßen (Teil 63)

Nun ist er da, der Tag, an dem sich sogar Kai Riechers erschreckt. Weil er seinen Bagger sehen kann. Von weitem. Das sagt einer, der sonst eigentlich jener ist, verantwortlich für die unvermutet freien Blicke. Doch wenn die Gärtner anrücken, dann wird es selbst einem Abbruchunternehmer für ein paar Augenblicke mulmig.

Sie haben ganze Arbeit geleistet. Haben ein Dorf weggeputzt, wie es kein noch so schweres Gerät zuvor vermocht hatte. Keine Hecke, kein Strauch, kaum ein Baum erinnert an Zaunpläusche, an abkürzende Kletterpartien. An Dein. An mein. An hier oder dort. Für ein paar Stunden noch ragen zwei unwirkliche Steinhaufen aus der Ödnis. Die Kleinen ins Töpfchen, die Großen ins Kröpfchen. Reste von Mauern hier, ein grober Schlag Fundamentbrocken dort. Wie zum Trotz hat sich eine hölzerne Tür im Schuttberg versteckt. Das letzte bisschen Drinnen in diesem gerodeten Draußen.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Das Dorf ist weg. Nur ein Bagger ist zu entdecken, sehr zum Erstaunen seines Fahrers.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Das Dorf ist weg. Nur ein Bagger ist zu entdecken, sehr zum Erstaunen seines Fahrers.

Wieder weht ein kalter Wind über die Äcker zwischen den Bahnen. Und wieder treibt nicht nur er Schauder über den Rücken. Im Januar 2012 ist dies ähnlich. Sechs Monate sind seit meinem ersten Besuch in Schulenburg-Nord vergangen. Vom Drahtbesen, der durchs Dorf gejagt ist, werde ich schreiben. Der den Urwald aus dem Sommer 2011 auf den bereits brach liegenden Grundstücken von Villa und Pferdekopfhaus, vom Obsthof Wilke oder dem Haus des einstigen Ortsbürgermeisters Riedel ausgemerzt hat.

Nicht, was entsteht, erschreckt. Es ist die Spurlosigkeit dessen, was war. Grasende Pferde sind an jene Stelle getreten. Ein Bild, das durchaus in diese Gegend passt. Stimmig. Friedlich. Stören hier niemanden. Wer will dort schon ein Dorf vermissen?

Ein Drahtbesen wäre im Herbst 2013 ein Kompliment. Eine niedliche Untertreibung. Dahlkes Urwald hinter dem Haus, in dem der Vater und Großvater emsig auf den Fingern pfeifen üben muss, um überhaupt jemanden an den Essenstisch zu bekommen. Das Dickicht, in dem Kinder wahrscheinlich schneller klettern als laufen können. Das Ruhrgas-Haus daneben. Einst Heim für vier Familien. Zuletzt Dieter und Erika Hermann mit ihrem Rosengarten, mit zwei Kinderzeltlagern im weiten Grün dahinter. Wasserbombenschlacht und erstes aushäusiges Übernachten für kurzbeinige Abenteurer. Gegenüber der Hof Münkel. Vor einem knappen Jahr noch Schauplatz für einen rührigen 90. Geburtstag und Kindergarten für einen Hirschen namens Hasenfuß.

Weg. Einfach weg.

Dahlke selbst schickt Mails. Mit Fotos. Und Worten, die nach genommenem Atem klingen. Erschreckt habe er sich. Das erste Mal. Noch nie. Nicht ein einziges Mal in seinem Leben im Nord-Dorf habe einen derartig freien Blick gehabt. Vom einen Ende der Welt bis ans andere.

War der Weg einst von Engelbostel hinauf ins Noch-Dorf geprägt von Mut, sich über den Ortsausgang hinaus auf ein gerüttelt Stück Asphaltfeldweg zu wagen. So müssen Pfadfinder heute mehr denn je wissen, wohin sie wollen. Nicht nur hat die Stadt Langenhagen das Dorf bereits verschwinden lassen, obwohl noch Adressträger in ihm wohnen: Das Ortsausgangsschild von Engelbostel kündet nur noch vom Ende des Dorfes und nicht mehr vom erreichbaren Ziel. Auch der Dorfeingang selbst ist einzig an den Kipperkreiselspuren auf dem Asphalt zu erkennen. Links um geht’s zur Bodenannahmestelle am NJK-Teich. Eine auf Indizien gestützte Dorfannahmestelle.

Gegenüber ist vor einigen Monaten bereits das Haus der Gerda Pilz verschwunden. Nur ein umgrünt verschwunschener Brunnen lässt frühere Zeiten erahnen. Die direkten Nachbarn, Wolfgang und Erika Pfeif, sind nach schmerzhaft langem Streit um unfertige Fertighäuser letztlich doch umgezogen. Nun aber kauert ihr einst umkuscheltes Häuschen wie ein geschorenes Schaf in der Kälte. Macht sich klein auf unerbittlichem Präsentierteller. Alles, was in Jahrzehnten gewachsen – drinnen wie draußen -, klinischporentiefrein abgeräumt. Stuken um Stuken künden von harter Arbeit. Was die Nachbarn ein knappes Jahrhundert zuvor mit eigener Hände Arbeit sich mühevoll erkämpfen müssen, schafft jetzt schweres Gerät binnen weniger Tage. Aufräumen kann etwas Befreiendes haben. Ein Acker befreit sich eines Dorfes.

Und wofür?

Zunächst einmal für Streit. Ja, das ist zu kurz gesprochen. Aber der Gedanke ist erlaubt. Nach zwanzig Jahren gemächlichen Hineinschmeichelns des Flughafens liegen nun zwei Jahre Vollgas hinter Schulenburg-Nord. Offiziell, weil der neue Großnachbar, der Paketexpressdienstleister mit seinem rund um die Uhr rollenden Fuhrpark, unzumutbaren Lärm verursacht. So sagt es die Baugenehmigung. Von ihr haben die Dorfbewohner durchaus gehört. Von den Lastwagen – nun ja, eher weniger. Bis zum Schluss hat sie niemand vermisst, die ohne Kündigung und Umzug überlebenswichtig gewordene, kostenträchtige und nie gebaute Lärmschutzwand.

Von noch etwas haben sie dort oben gehört. Von der illegalen Müllentsorgung und den Autorennen auf der Straße zwischen Nord- und Südbahn. Gehört? Besser: gelesen. In der Begründung des Flughafens, weshalb die Straße nun, wo doch die letzten Häuser oben an der Nordbahn verschwunden sind, mit einer Schranke gesperrt werden soll. Nur noch jene sollen passieren dürfen, die dort oben wirklich Wichtiges zu tun haben: Landwirte. Pferdehalter. Flughafenmitarbeiter. Nicht aber: Flugzeugspotter. Die können doch am Straßenrand parken und zum Wendehammer an der Nordbahn laufen.

Klar, können – wahrscheinlich die meisten. Was nicht klar ist: Werden es all die Außenspiegel überleben, wenn – am Straßenrand geparkt – der eine oder andere Mähdrescher des Weges kommt? In den übergebliebenen Ortschaften wachsen Zweifel. An der Passform. Und an der Begründung für diese Barriere. Autorennen? Die liefern sich doch höchsten die Spotter, wenn ein ablichtungswürdiger Vogel mal wieder kurzfristig die Bahn wechselt.

Einerlei. Langweilig wird dort oben jedenfalls so schnell niemandem. Nicht der Politik, nicht der Verwaltung, keiner Geschäftsführung und keinem Dorfstammtisch. Sie werden tagen in Ausschüssen, die Öffentlichkeit beteiligen, etwaige Einsprüche sammeln und bewerten und schließlich – irgendwann in den Weiten des Jahres 2014 – befinden. Und wenn sie sich dann mal geeinigt haben über das mit der Schranke sein oder nicht sein, dann können sie sich ja wieder mit dem beschäftigen, worum es doch hier oben eigentlich einmal ging. Ein neues Gewerbegebiet. Genau, da war ja mal was.

Kai Riechers wird aller Wahrscheinlichkeit auch nicht langweilig. Wo auch immer. Demnächst entscheidet sich, wer Pfeifs Haus abreißt. Wenn möglich, mahnt der Flughafen, bitte doch noch im November.

Mit Vollgas ins Nichts.

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