Bombenprinzessin (Teil 64)

Da stehe ich nun. Nach einem zweijährigen Rundgang durchs Dorf. Stehe an des Dorfes einziger Kreuzung mit des Dorfes zwei einzigen bewohnten Häusern. Der Rest in Sicht ist schweigsamer Acker. Nummer 26 und 22 stehen noch. Zwei Häuser, deren Geschichte dicht miteinander verwoben ist. Und deren Schicksal womöglich gänzlich unterschiedlich sein wird. Das eine, die Nummer 22 im schmucken Hartbrandziegel direkt an der Straßenecke, wird in Geröll und Staub versinken. Sobald es leer steht im kommenden Sommer. Das andere, Nummer 26 in verputztem Gelb, hüllt sich in einer Mischung aus Gerüchten und Schweigen.

Das gilt zumindest für jene, die heute befugt sind, über Verkauf oder Verbleib zu verhandeln. Man spricht miteinander, verrät der große Nachbar. Immerhin. Jene, die vor mehr als 40 Jahren schließlich im Flughafen gesprächsbereit sind, die das Haus erdacht, erbaut und verlassen haben, wohnen nicht weit entfernt. Wieder einmal geht es in Sculenburgs Süden. Dort lebt – zumindest, als wir uns das erste Mal treffen, – Edda Roggendorf. Eine geborene Schaperjahn. Ihre Familie hat Nummer 26 erbaut – als es der Tochter Lina Kaufmann als verheiratete Schaperjahn für die eigene, frisch gegründete Familie in Nummer 22 zu eng wird. Ihr Heinrich zieht aus dem Kohlengeschäft der Eltern in Engelbostel hinauf auf den schwiegerelterlichen Hof. Er lässt das Pferdefuhrwerk der Eltern hinter sich und die Schulenburger Familien, die die Eltern Kohlenwärme ins Haus bringen. Auch hier oben geht es um Schütt- und Stückgut. Gefahren allerdings in großer Ladung und Wagen.

Edda Roggendorf hüllt heute lieber beruflich andere Menschen in neue Roben als sich in Schweigen. Mein Glück.

Edda Schaperjahn, heute eine glücklich verheiratete Roggendorf, an der Seite ihres Hans-Hermann.

Edda Schaperjahn, heute eine glücklich verheiratete Roggendorf, an der Seite ihres Hans-Hermann.

Vielleicht ist es auch nur ein bisschen von ihrem Glück, das auf mich abstrahlt. Denn Edda Schaperjahn erblickt 1943 eigentlich ein wahrlich schlimmes Licht der Welt. Ihre Mutter Lina ist eiligst mit ihrer Familie auf dem Weg in den Bunker vor dem Haus. Rundbunker nennen sie das, was die Nord-Dörfler nach den ersten Luftangriffen auf Hannover in die Gräben vor den Häusern gebuddelt haben. Nachdem der Wilke-Hof ganz oben im Norden schon sein Dach verloren hat und die Familie bei den Nachbarn unterschlupfen musste. Die Sirenen heulen in jener Nacht wieder. Geburtswehen interessiert das nicht. Oder vielleicht gerade. Lina und ihr Mann Heinrich laufen also zurück ins Haus. Vom Nordhafen in Hannover findet ein mutiger Doktor Rasch seinen berufenen Weg ans Ende der Welt. Die Nacht endet innen im Petroleum-Schein eines abgefackelten Lampenschirms. Außen im Flackern eines brennenden Daches. Vor allem aber im Strahlen glücklicher Eltern, im Arm eine Bombenprinzessin. Glückskindernamen eines Kriegstagevaters.

Bis Klein-Edda groß genug ist, sich ihre Welt auf eigenen zwei Füßen zu ergründen, ist der Krieg vorbei. Es eröffnet sich ihr ein Spielplatz besonderer Güte. Es ist die große Welt, bereit zur Abfahrt, inmitten von Feld und Wald. Vater Heinrich, einst einer von dreien derer „August Kaufmann & Söhne“, macht sich 1933 selbständig. Was genau die drei auseinander getrieben hat, was den Schaperjahn von den Söhnen Karl und Heinrich des August Kaufmann getrennt hat, das kann sich Edda Roggendorf heute nicht mehr in Gänze zusammenreimen. Aber Spediteur will der Vater wohl sein. Und so reiht er auf dem Hof direkt neben dem Geburtshaus seiner Frau im Laufe der Jahre Fuhrwerk an Fuhrwerk. Tankfahrzeuge oder solche, die eigens dafür entwickelt werden, die Kekse aus dem Hause Bahlsen heil bis nach Königsberg zu bringen. Eben alles, was ein Kutscherherz begehrt.

Eddas Spielplatz ist die Fahrzeughalle der Fernfahrer, deren Gefährte ihre Wiese zum Träumen. Bis sie eines Tages mit ihrer Freundin Gundula Fiene auf dem Dach eines Anhängers versehentlich fast wirklich das Weite sucht. Eine beherzte Kletterpartie erspart den beiden Mädels eine schmerzhafte Landung – auf dem Hintern wie vor dem Familienoberhaupt.

Das Haus, das heute die Nummer 26 trägt, haben die Eltern mit dem Baugeschäft Bode errichtet. Ein Schulenburger Name, der mir im Nord-Dorf immer wieder begegnet. Irgendwie. Ob als Bauherr oder rettender, umschulend-auffangender Lehrherr für die seelenberaubten Rückkehrer aus Schlacht und Feld. Aufbauen statt zerstören als Wiederbelebungstherapie.

Edda bleibt Glückskind. Denn die Eltern haben ein Auto. Und das fährt die Tochter samt Freundin Gundula dann doch immer mal wieder zur weit entfernten Schule. Ein DKW oder auch ein Opel Kapitän. Ein großer, schwarzer Wagen. Höchstwahrscheinlich auch eleganter als die frühen Holzkocher fürs grobe Gut, jene Lastwagen, die noch mit Holz befeuert werden müssen. Lieblingskleider von Lieblingspuppen mögen sich doch all die anderen Kinder merken.

Da mag das wahrlich kleine Dorf wahrlich abseits liegen. Und was man heute als gewinnbringende Infrastruktur beschreiben wollte, ist eine theoretisch magere Bilanz: ein kleiner Kaufmannsladen, die Dosdall-Klause, der Flughafenblick. Der Blick dahinter aber klingt propper. Turbulent. Nach prall gefülltem Leben. Zwei Tonkuhlen direkt vor der Haustür versprechen Badespaß. Die zugefrorenen Teiche im Winter fröhlich-blaue Flecken. Schwimmen und Schlittschuhfahren kann im Nord-Dorf wahrscheinlich jeder. Der Hof – ein Hort voller Autos. Voller Menschen. Voller Leben. Die Reihenfolge stammt nicht von mir. Das Hotel Aquarium entsteht an der Hasenheide. Am Wochenende spielt man dort zur Musik auf und lockt zum Tanztee.

 

Die Abgeschiedenheit mag dem Teenager zum Graus werden. Unbestritten aber bleibt, dass die Notwendigkeit, einen Bewerber um eine Stelle in der väterlichen Firma mit dem Auto an der Straßenbahnhaltestelle abholen zu müssen, durchaus seine Vorteile hat. Tochter Edda jedenfalls lernt inzwischen im Betrieb des Vaters. Und hat, ganz im Sinne der Firma, versteht sich, ein naturgegebenes Interesse am Personalzuwachs des Unternehmens. Sie begleitet den Vater im Auto bis vor die Füße des Bewerbers. Blickkontakt. Und danach eine Überzeugung: Das ist er, der erwählte Mann fürs Leben. Hans-Hermann Roggendorf nennt sich der junge Mann. Er wird später nicht widersprechen.

Fünf Jahre lebt das Paar im elterlichen Haus. Der Polterabend wird im Flughafenblick gefeiert, seinerzeit bewirtet von Familie Hesse. 1963 schließlich wird geheiratet. Ein rauschendes Fest oben im Aquarium. Zwei Töchter werden geboren. Die Familie bleibt beieinander. Auch als ein neues Haus entsteht. Für drei Generationen. In Schulenburgs Fichtenstraße. Denn im Nord-Dorf wird es zu eng. Für das Unternehmen. Zwei Landebahnen schneiden den Lastwagen den Weg ab. Leerkilometer fahren nennen das die Fachleuchte. Kurz: Teuer und sinnlos. Die Klage des Unternehmers findet beim Flughafen Gehör und Verständnis. Die Lösung ist einfach – aus damaliger Sicht.

Mit Blick von heute entwickelt sie ein gewaltiges Echo. Ein stirnberunzeltes Schmunzeln hier, ein wenig Bauchschmerzen dort. Es geht ums Kaufen und Verkaufen.

Aber das ist eine andere, spätere Geschichte.

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