Auffangbecken (Teil 68)

Manchem Nachbar ist kein Entrinnen. Im Guten wie im Schlechten. Wer also am Ende der Welt wohnt, weil ihm zwei Landebahnen den Weg abschneiden, kann sich so oder so nicht frei machen vom Getöse nebenan. Doch was dort lärmt, macht Arbeit. Gibt Arbeit, wenn es andernorts nicht mehr so recht gehen will. Für Herbert Damaskes Vater gilt dies, für seine Mutter auch. Dass dieser Nachbar im grauen November 2013 verantwortlich zeichnet für das Ende am Ende der Welt, ist die zweite Seite derselben Medaille. Am Ende dreht sich aber doch nur alles ums Wegkommen. Oder hin?

Die Anziehungskraft dieses Dörfleins ist famos. Straßauf, straßab – es bleibt, das Phänomen: die Töchter heiraten, aber ziehen nicht weg. Vielmehr wächst Schulenburg-Nord um diverse Schwiegersöhne. Ob oben beim Gemüsebauern Wilke, ob auf dem Hof Münkel oder Fiene: Die soliden Häuser auf großen Grund bieten in den kargen Jahren nach dem Krieg Luxus jener Zeit. Platz und einen Teller voll Kraft zum Löffeln. Jeden Tag aufs Neue. Auch unten, an des Dorfes einziger Kreuzung, ist dies nicht anders.

Platz und Nahrung für einen Teller voll Kraft, jeden Tag aufs Neue. Schulenburg-Nord ist Auffangbecken, der Flughafen nebenan wird es später auch. Foto: privat

Platz und Nahrung für einen Teller voll Kraft, jeden Tag aufs Neue. Schulenburg-Nord ist Auffangbecken, der Flughafen nebenan wird es später auch. Foto: privat

August Kaufmann, Jahrgang 1875, errichtet Anfang der 1920-er Jahre das Haus, das heute die Nummer 22 trägt. Es ist das erste Privathaus, das nach dem Ende der Ziegelei Stephanus entsteht. Aus eben ihren Steinen. 60-er Mauerwerk. Hartbrenner. Herbert Damaske, Jahrgang 1958, Urenkel des Bauherrn, freut sich schon auf den Abriss. Einfach wird er wohl nicht. Ein kleines inneres Hoch am Ende. Darf sein.

August Kaufmann. Fuhrmann. Und Aufpasser in der Ziegeleiruine schräg gegenüber seines Hauses. Schrecken einer rumpelnden Baggage, die allzugerne dort spielt, wo sie nicht sein darf. „Kaufmann kommt!“ Ein Schreckensruf mit Flucht über scheppernde Bleche, wo einst Ziegel trocknen sollten. Dabei ist er selbst Vater dreier Kinder.

Zwei davon, Karl und Heinrich, sind jene Söhne, die dem ersten eingetragenen Fuhrunternehmen seinen Namen geben. August Kaufmann und Söhne. Gemalt in schwungvoller Schrift auf schmucken Karossen. August ist da schon nicht mehr dabei. Dafür aber Heinrich Schaperjahn – zugezogener Ehemann von Augusts Tochter Lina. Sie zieht nicht weg. Sie zieht ihren Mann ins familiäre Boot. So wie ihre Tochter Edda später ihren Mann Hans-Hermann Roggendorf. Oder wie Heinrichs Tochter Christa: Herbert Damaske sen. tritt ins Unternehmen, besser: fürs Unternehmen aufs Gaspedal. Wollte man im Langenhagen von heute einen Kern suchen für die Konzentration der Logistikbranche, die sich in dutzendfachen Punkten im Stadtgebiet ausmachen lässt: Zwischen des Flughafens Bahnen wäre einer zu finden – gewesen.

Sie fahren. Alle. Heinrich Kaufmann, solange es seine Gesundheit zulässt. Sein Bruder Karl, der später mit der Spedition über Schulenburg-Süd bis nach Wunstorf ziehen wird. Die nächste Generation, keine Frage. Egal, ob eingeboren oder eingeheiratet. Es existiert eine Konzession. Wer will die schon in jenen Zeiten ungenutzt im Schrank liegen lassen. Wenn Herbert Damaske jun. heute am Großfamilien-geselligen Esstisch versucht aufzuzählen, wer alles zur Kutscherriege auf dem Kaufmann’schen Hof gehört haben mag, reichen nicht Finger, nicht die eigenen Erinnerungen. Bernd Dosdall, Freund, Fast-Bruder, Fahrerkumpane, hilft am Telefon. Herberts Vater: Gleicher Vorname, gleiche Profession. Sein Onkel Dieter Bothe, der Mann seiner Tante. Genau, noch so ein Zugezogener.

Die eigenen Erinnerungen reichen nicht. Können auch nicht. Anfang der 1960-er Jahre fährt ein Fahrzeug vor, das keiner disponiert hat. Es wird gerufen. Notgedrungen. Ein Infarkt holt Herbert Damaske sen. vom Fahrersitz. Herbert jun. erlebt dies am Esstisch in grell-blitzenden Bildern. Eben noch in der Sandkiste auf dem Hof. Jetzt Krankenwagen. Blaulicht. Danach? Danach geht alles den Bach runter. Seine Worte.

Mit der Fernfahrerei hat es für Herbert Damaske sen. ein Ende. Die Lastzüge werden verkauft. Die Konzession zieht mit der Familie gen Süden. Zwischen den Bahnen richtet sich der Blick nun gen Osten. Vielleicht ist die Kurzstrecke die Rettung.

Herbert Damaske sen. findet Arbeit. Beim technischen Dienst des Flughafens. Mit seinem Schwager Dieter Bothe. Zwischen Winterdienst und Klimatechnik ist alles dabei. Auch Christa Damaske zieht um. Aus der Küche der Hasenheide oben im Norden, aus der Hotelküche des Aquariums hinunter in die erste Kantine des Flughafens. Es ist eine Holzbaracke. Irgendwo zwischen der heutigen Flughafendirektion und der Ringeltaube, jenem Geschäft, in dem das Flugpersonal günstig einkaufen kann. Die Nordbahn hat den Weg zur Hasenheide abgeschnitten, das Aquarium unter sich begraben. Wenn sich Türen schließen, öffnen sie sich andernorts. Nachbarschaftshilfe nach dem Verursacherprinzip.

Sie sind nicht unglücklich damit. Darauf legt Herbert jun. heute großen Wert. Sein Vater kann einen Neffen, der nach dem Krieg im Nord-Dorf strandet, ebenfalls am Flughafen unterbringen. Es ist ein fröhliches Kommen und Gehen zwischen den Bahnen. Man verschwindet in die Ferne, warum und womit als Ladung auch immer. Man kehrt fröhlich heim. Pilotenvolk, ja auch irgendwie Fern-Kutscher auf ihre Weise, mischt sich unters Landleben. Flughafenblick, Dosdall-Klause, Niedersächsischer Jagdklub. Es gibt viel zu feiern rund um den Flughafen. Und manchmal wirkt es in diesen Geschichten, als machte die ständige Präsenz des Weg-Seins – ob durch den Flughafen oder die Lastwagen – das Nachhausekommen umso wertvoller.

Als Großvater Heinrich Kaufmann 1979 stirbt, ist das hofeigene Geschäft längst Geschichte. Die Benzinblutleidenschaft der Familie würgt dies nicht ab. Oma Christa hat die Halle auf dem Hof vermietet. Solange müssen Herbert jun. und sein Kumpel Bernd eben drüben im Pferdekopfhaus schrauben, woran es eben irgendetwas zu schrauben gibt. Aus der einst in der Feldmark mit dem Kumpel Werner Jaschke gebauten Holzhütte ist eine kleine Werkstatt zwischen soliden Ziegeln geworden. Als auch die Großmutter den Hof auf immer verlässt, ziehen die Jungs um zurück auf den eigenen Hof. Der Gesellenbrief als Kfz-Mechaniker, wie es seinerzeit noch heißt, reiht sich in den Lebenslauf der beiden.

Von der Schrauberbutze, vom Mofa ohne Führerschein und Zulassung, satteln die zwei um. Fahren zunächst beide für Schenker, noch so ein großer Nachbar im nahen Osten. Oberflächlich betrachtet, trennen sich dann die Wege. Bernd Dosdall fährt heute Stahl quer durch die Republik. Herbert Damaske kommt allabendlich nach Hause. Er ist im Nahversorgungsverkehr unterwegs. Reinigungsutensilien. Das, was Menschen täglich brauchen. Überall. Wer die zwei treffen möchte, zugleich, am selben Tisch, der muss sich mit Termin- und Waren-Dispositionen herumschlagen. Am Ende wird es immer irgendein Sonnabend. Das ist kompliziert zuweilen – für mich. Für die zwei und die dranhängende Sippschaft ist das ganz einfach: Alles, was draußen passiert, geschieht für Bernd Dosdall in Schulenburg-Nord. Seinem Zuhause. Dem Eigentlichen. Wen interessiert da schon eine Postadresse.

Herbert Damaske jun. mag ja zuweilen Nachhilfe benötigen – wenn es um die Zahl der einst auf dem ihm verbliebenen Hof wohnhaften Kutscher geht. Einen ersten leisen Zweifel, ob sich mein Block noch wirklich füllen mag, fegen dann mit Schwung ein, zwei Ordner weg. Und noch ein Warte mal! Ich hol‘ mal ‚was …

Und dann liegen Fotos vor mir. Ein Déjà-vu. Denn es sich nur wenige. Zu wenige. Nicht für mich. Für Herbert und seine Familie. Denn es gab doch so viel mehr. Sie sind verschwunden. So wie die Fotos der Familie Dosdall. Oder die der Anna Kuss oben im Hof Wilke. Die Bilder der Familie Kaufmann sind verschwunden beim Umzug der Spedition von Schulenburg-Süd nach Wunstorf. Das ärgert Herbert Damaske jun. Und wer einen Blick auf die Schätze werfen darf, die an diesem Abend Album um Album auf dem Tisch stranden, versteht dies sofort. Denn die Familie hat gesammelt. Todesanzeigen. Eingeklebt sind sie feinstsäuberlich in ein mattschwarzes Heftlein aus schicksalsschwerem Tonkarton. Alle tauchen wieder auf. August Kaufmann. Sein Sohn Heinrich. Noch ein zweiter August. Den es bereits 32-jährig zerreißt. In seiner Zugmaschine. Zermalmt von einer zweiten, auf Gleisen fahrenden. Lose daneben, sorgsam zusammengefaltet: Der Beileidsbrief der Firma Vorwerk. An die Familie in Schulenburg. Mag er wohl auf dem Weg zu ihr gewesen sein, als Last- und Triebwagen unheilvoll einander von der Bahn sprengten. Das Zeitungsbild dazu. Keine Frage. Liegt bei, wie gestern dazugelegt. Nicht jedes Gesicht erhält einen Namen, wie es durch die Hände an diesem Esstisch wandert. Wohl aber jedes Fenster. Jeder Bauzuwachs des urgroßelterlichen Hofes. Wann wo was. Die Sammelleidenschaft hat sich vererbt wie die Liebe zu den Pferdestärken. Jeder Zeitungsausschnitt, der das Ende seines Dorfes am Ende der Welt dokumentiert, liegt vor. In Zeichen seiner Zeit. An die Stelle schweren Tonkartons ist der Laminierofen getreten. Bunte Zeitungsseiten, mir allzu bekannt, landen kunststoffstarr vor meinen Augen. Das ehrt. Und doch wünschte ich, ich hätte sie nicht zu schreiben brauchen.

Manches Detail findet sich in dieser Sammlung nicht. Wohl aber in den Erzählungen, als versöhnliche Garnitur drumherum. So wie Herbert Damaske angesichts des unumstößlichen Mauerwerks seines Hauses dem Abriss mit einer gewissen neckischen Freude begegnet, so hat sich eine Familie in Engelbostel bereits am Abriss des Pferdekopfhauses erfreut. Mag der Bagger seinerzeit noch so gewütet haben, die Ziegel focht das nicht an. Sie geben heute einem Auto ein sicheres Obdach, sorgsam Ummörteltes im Reichsformat. Die können ‚was ab. Hartbrenner eben. Selten war ein Name so verdient.

Vielleicht schaffen es ja auch ein paar alte Ziegel ins neue Haus nach Engelbostel. Und seien es nur ein oder zwei als besänftigendes Relikt fürs Sammlerherz. Die Familie geht. Schweren Herzens. Das Drumherum ihres Dorfes ist – weg. Umgepflügt. Grasüberwachsen. In diesen Tagen wird vor ihren Augen ein letztes Mal in diesem Jahr ein Abrissbagger rumpeln. Wie so oft, seit dem ich das erste Mal hier war. Der erste Satz meines Blogs ist eindeutig: Danny Damaske will hier nicht weg.

Verändert hat sich daran nichts.

Kommentar hinterlassen