Im Schutt zurück nach vorn (Teil 69)

Ok. Ich lag falsch. Der Sommer 2013 hat sich längst auf die andere Erdhalbkugel verzogen. Und ich liege, na, besser: stehe immer noch hier. In irgendeinem Acker mit verschlammten Schuhen und fotografiere Bruch. Das Dorf Schulenburg-Nord ist nicht, wie in der Blog-Einleitung einst prophezeit, verschwunden. Jedenfalls nicht ganz. Wenn in diesen Novemberschlusstagen auch die letzten Hausreste der Familie Pfeif aus dem Erdboden gepult worden sind, besteht das Nord-Dorf noch aus zwei Wohnhäusern an des Dorfes einziger Kreuzung, einem Pferdestall mit Begleitwohnung am Rande der Südbahn und einem Schneewittchen-Häuschen am NJK-Teich. Nur dieses Idyll in Grün hat Bestandschutz. Der Rest wird fallen. Nur noch eine Frage der Verträge. Mein Blog und ich legen bis dahin eine Pause ein. Zeit für einen Rückblick. Heute: Die Häuser.

Denn es sind die Häuser, über die ich eintauche in dieses Dorf. An einem heißen Juli-Tag 2011. Ein Ortsspaziergang, die Kopfgeburt einer Redaktionssitzung wider dem Sommerloch, wird mein Verhängnis. Ein Ortsspaziergang mit Karl-Heinz Dahlke oder, um im Bild zu bleiben, mit Haus Nummer 39. Es ist ein kleines Arbeiterhaus, oben in der Nähe der Nordbahn. Unzählbar an- und umgebaut. Bevölkert von drei Generationen. Zwei der jüngeren Fraktion begleiten uns, eine unüberhörbare Prozession. Vier Personen und ein Trettraktor.

Ein letztes Mal verschlammte Schuhe mit Blick auf Bruch: Für dieses Jahr haben die Abbruchbagger Pause im kümmerlichen Rest des Noch-Dorfes.

Ein letztes Mal verschlammte Schuhe mit Blick auf Bruch: Für dieses Jahr haben die Abbruchbagger Pause im kümmerlichen Rest des Noch-Dorfes.

Später werden es fünf Menschen sein. Der Lärm und die Kunde der fragenden Fremden im Dorf locken Dieter Hermann vor die Tür seines Doppelhauses: 35/37. Erbaut einst von der Kreissiedlungsgesellschaft für die Mitarbeiter der Ruhrgas AG. Die Ruhrgas ist weg. Hermanns sind geblieben. Allein in einem Haus für vier Familien.

In jenem Sommer sind dies die einzigen beiden Häuser, die ich mit ihren ursprünglichen Bewohnern erlebe. Die übrigen Gebäude entlang dieser Piste Asphalt begossenen Kopfsteinpflasters sind längst verlassen von den Familien ihrer Bauherren. Teile von ihnen sind vermietet. Vieles steht leer. Nur ganz vorne, an des Dorfes einziger Kreuzung, harren Nummer 22 und 26, mal eben um die Ecke Nummer 6 und Nummer 2, als wäre nie etwas gewesen, als würde nie etwas kommen. Bis ich zu ihnen vordringe, wird es noch Monate brauchen.

Der Sommer vergeht in saumseliger Gewissheit um ein noch in weiter, weiter Ferne schlummerndes Ende. Weit gefehlt.

3. Februar 2012, 9.58 Uhr, ein digital-genau festgehaltenes Dokument: das erste Bild meiner inzwischen gigabytegroßen Sammlung der Durchtrennung. In diesem Fall sind es Bäume. Entlang jener Straße, auf der bis zum Sommer 2012 alle fahren, die zum Tower hoch über den Landebahnen möchten. Sie weichen einem bewilligten Bebauungsplan, der Platz macht für einen Expressdienstleister und Kündigungsschreiben auf den Weg bringt. All jenen, die in den verbliebenen Häusern zur Miete wohnen. Bis September 2012 müssen sie weg, die Menschen. Weil dann kommt: der Lärm der Lastwagen.

3. Februar 2012, 10.15 Uhr. Es ist nicht weit von den gefällten Bäumen zum Haus der Familie Dörge. Ihr Haus mit der Nummer 30 steht schon länger leer. Doris und Günter Dörge haben vielleicht das Haus hinter sich gelassen auf ihrem Weg nach drüben, jenseits der Südbahn, nur einen Steinwurf entfernt von jener Dorfstraße, die von Süden kopfsteinpflastern sich einst hochschob nach Norden bis zur Hasenheide – bis die Bahnen sich quer in den Weg legten. Sie haben vielleicht das Haus hinter sich gelassen, nicht aber die Möbel und schon gar nicht die Bilder. Jene auf Papier und jene im Herzen. Die haben sie alle mitgenommen. Inzwischen ist auch ihre Enkelin ausgezogen. Das Haus steht bereit für die Bagger der Region.

17. Februar, 10.02 Uhr. Vor mir liegen dicke Balken. Der Wintergarten ist weg. Die Garage Geschichte. Wie sehr, erfahre ich allerdings erst ein gutes Jahr später. Als ich das erste Mal bei Doris und Günter Dörge am Esstisch in ihrem neuen, noch in so karger Neubaugebietspräsenz hervorstechenden Haus in Schulenburg sitze. Denn die Balken jener Hausteile hat Doris Dörge beim Einkaufen gefunden. Vor ihren Füßen. Beim Abriss des Café Kröpcke in Hannover. So viel kann sie dem Abbruchleiter abschwatzen, dass noch ein paar Kollegengaragen mehr des Günter Dörge von den stabilen Trägern profitieren werden. Der Schnack von der stets zweifachen Begegnung sitzt dabei allen im Hinterkopf, auch wenn es niemand ahnt. Als ich im Sommer 2013 den Baggerpiloten der Firma Döpke davon berichte, in einer geselligen Pause zwischen zwei abzutragenden Häusern oben an der Nordbahn. Da ernte ich ein freundlichen Lächeln. Ja, ja. Das Café Kröpcke. Das haben wir auch abgerissen.

8. März, 10.58 Uhr. Die Wiese zwischen Schulenburg-Nord und dem Tower ist Vergangenheit. Der Blick von selbigem lässt Bagger und Raupen ameisengleich im Erdreich wühlen. Kalk breitet sich aus wie aus einer gigantischen Mehltüte gekippt. Sie versuchen dem Wasser Herr zu werden zum Wohle des Expressdienstleisters, der zu den Towers Füßen seine Hallen errichten möchte. Bis Oktober soll alles in trockenen Tüchern, vor allem Bahnen laufen. Auf einer Fläche, in die alle verbliebenen Noch-Dorf-Häuser bequem hineinpassten.

April. Der Monat der Umzugswagen. Am 2. steht ganz scherzbefreit der Wagen bereit mit Decken und Kartons vor dem Haus der Familie Fiene. Fiene heißt darin schon lange niemand mehr. Zuletzt lebten Dirk und Steffi Stünkel darin. Enkelgeneration des Bauherrn. Jetzt räumen die letzten Mieter nach 40 Jahren das Feld. Exakt drei Wochen später das Ganze nochmal. Fast. Es ist die andere Straßenseite. Und es sind auch nur 39 Jahre, die Erika und Dieter Hermann im Ruhrgas-Haus gelebt haben. Es wird einsam auf dem Weg zur Nordbahn.

14. Juni. 9.46 Uhr. Ein eigentlich warmer Frühsommertag. Ich stehe im tiefen Gras, die Sonne hat sich für ein Vormittagsnickerchen hinter Wolken eingekuschelt. Mich schaudert’s. Zwischen mir und der Badewanne,  herausgerissen und zu Boden geschmettert, liegt nur schützend die Kamera in meiner Hand. Ändert aber nichts. Das geht trotzdem nahe. Vor fünf Wochen standen wir hier: Die drei Fiene-Kinder und ich. Siegfried, Gundula und Heidi. Ein gemeinsamer Abschied vom Elternhaus. Sie erzählen von den Kämpfen ihres Vaters um die Baugenehmigung für das Treppenhaus. Und für das erste Bad. Für den Sieg über die Handtuch-verhangene Waschstelle in der Küche. Vor aller Augen. Das ist keine 60 Jahre her. Die Badewanne ist Geschichte. Spätestens jetzt.

11. Juli. 12.41 Uhr. Drei Männer schippern übern Teich und geben ihr Bestes. Heißt: Sie halten stromführendes Gerät in ein einst idyllisches, aber mit Behördenblick wertloses Gewässer. NJK-Teich heißt er, benannt nach dem Niedersächsischen Jagdklub, ehemals Eigentümer der mit Regenwasser vollgelaufenen Tonkuhle. Das mit dem Strom ist gut gemeint, führt aber nicht weit. Besser: nicht tief genug. Die Fische, die damit höchst ökologisch wertvoll heraus- und hungrigen Zoomäulern zugeführt werden sollen, tauchen ab und sind nicht mehr gesehen. Also wird weiter Wasser abgepumpt, bis ein Jahr später die drei Hektar große Wasserfläche zum graugrünen Tümpel geschrumpft ist. Ein Anblick, den Wunsch prägend, an der Uhr drehen zu dürfen. Nach hinten. Es bleibt mir über die Jahre unbegreiflich, wie Horst Krause in seinem grünen Schneewittchenhäuschen am Ufer des Teiches diesen Anblick alltäglich verkraftet. Er freundet sich mit dem Raupenfahrer an, der die angefahrenen Erdladungen zur Verfüllung in Form bringt. Vielleicht auch ein Weg, mit dem neuen Bild Frieden zu schließen.

7. August, 19.06 Uhr. Dieser Sommer hat seine Schattenseiten. Er bringt es fertig, sich in einer ehemaligen Erdgas-Verdichter-Halle am Anblick von Heizpilzen zu erfreuen. Die Heizpilze laufen nicht. Sie sollen Bogenschützen des NJK vor sportabträglichen Erfrierungen schützen, wenn sie im Winter trainieren. Eine Vorstellung, die an diesem Augusttag nicht allzu weit entfernt scheint. Die Handtücher, die zum Schutz vor  kräftigen Regenattacken entlang der maroden Fenster der Industrieruine größere Pfützen verhindern sollen, legen sich in dieser Phantasie kräftig ins Zeug. Die Ruine der Ruhrgas AG, einst Europas erster Untertagespeicher für Kokereigas, war ein willkommenes Geschenk an einen Jagd- und Schützenverein und für den Flughafen, der das Areal gerne gekauft hätte, das größte Mysterium in der Geschichte gestrandeter Vertragsverhandlungen. Nun ist der Verein zwar froh über die Sportstätte, noch fröhlicher aber wären die Sportler, der Flughafen machte ihnen irgendwann doch nochmal ein Tauschangebot.

4. September. 10.02 Uhr. Sammler-Freaks machen das Dorf namenlos. Das letzte Ortsschild ist geklaut, der Rahmen liegt mühevoll abgesägt und dann doch lieblos zurückgelassen im Graben. Für mich eine kuriose Geschichte. Aber langsam rückt mir das Dorf zuleibe. Die Nachricht der Stadt, das Dorf gelte als abgesiedelt, ein neues Schild als unverhältnismäßige Ausgabe, kratzt mich mehr, als es die Profi-Berichter-Seele tun sollte.

23. Oktober. 9.35 Uhr. Einem Schafstall rücken die Bagger auf die Wolle. Einst gehörte er Schulenburgs Ortsbürgermeister Dietmar Grundey. Es ist das Haus der vielen Namen und hat doch so recht keinen. Schafstall wird die Gemengelage von Räumen der unterschiedlichsten Aufbewahrungsmöglichkeiten genannt. Das Nord-Dorf hat ihm die Hausnummer 41 verliehen. Weil es gleich neben der 39 steht. So weit, so logisch. Im Katasteramt aber hat dieser Bau im Außenbereich keine Hausnummer. Und ein Schafstall ist es auch nicht wirklich. Jedenfalls nicht in Gänze. Gefeiert wurde darin. Konfirmationen. Feierwürdiges aller Art. Für die Nord-Dörfler immer kostenlos. Gehalten wurden darin – auch Schafe. Volieren deuten auf Federvieh hin. Lichtschalterbetitelungen auf feierliche Reden. Wenige Wochen schon nach dem Abriss, Herbst hin oder her, wächst schon wieder Grünzeug über die Angelegenheit. Als wäre nie etwas gewesen.

21. Mai 2013. 12.38 Uhr. Es hat lange nicht gerumpelt im Dorf. Jetzt aber geht es in den Endspurt. Das mag man jetzt noch nicht so recht glauben. Dass nur ein halbes Jahr später gleich fünf Häuser werden verschwunden sein. Und damit im Grunde das, was ein Dorf ausmacht. Häuser dies- und jenseits einer Straße. Nachbarschaft. Ein Gegenüber. Das Zuhause der Gerda Pilz wird zu jener Scholle degradiert, die sie eigentlich nie lebend verlassen wollte. Musste sie dann doch. Eine Woche wird es dauern, bis nur noch ein gemauerter Brunnen unerschütterlich daran erinnert, dass hier einst mehr war als Grünzeug.

12. September. 10.50 Uhr. Später in der Redaktion erst werde ich sehen, welches Ungeheuer mir da gerade gegenüberstand. Ein monströses Maul, aus dem Nebel aufsteigend, an sich reißend, was ihm zwischen die Fänge kommt. Klingt zynisch: Aber es wird eindeutig einziehen in die Riege meiner Lieblingsbilder dieser Jahre. Der Nebel des Grauens, der sich um den Hof Münkel legt, den Klinkerbau mit der Nummer 36. Vor knapp einem Jahr habe ich ihn das erste Mal betreten. Anlässlich des 90. Geburtstages von Erna Sczesny. Das Haus, von ihrem Vater 1928 erbaut, war einst ihre Rettung aus der Rattenburg in Schulenburg. Das vom Viehzeug bevölkerte Hinterzimmer auf einem ärmlichen Hof an der Dorfstraße. Das Haus in Schulenburg-Nord war Rettung, Aufstieg, Obdach und Zuhause vor und nach dem Krieg. Und jetzt fällt es so schnell, dass ich mein Versprechen brechen muss, sie noch einmal zu ihrem Elternhaus zu fahren, bevor es verschwindet.

16. September. 11.56 Uhr. Und genauso schnell geht es weiter. Gegenüber. 35/37 – das Ruhrgas-Haus. Zwei, drei Tage bedarf es nur, bis viermal Zuhause verschwunden sind. Kurz zuvor hat es der Staat darin krachen lassen. Ein Sondereinsatzkommando übt den Zugang in verrammelte Häuser und sprengt zwei riesige Löcher in die Rückwand. Dort, wo nur wenige Wochen zuvor Kinder im Sommerferien-Zeltlager getobt und gemalt haben. Eine einsame Kinderkette hat es nicht mit zurück geschafft und lässt sich am Zaun hängend offenkundig vom rumsenden Geübe in Sichtweite nicht erschüttern. Der Abriss steht einmal mehr im krassen Gegensatz zur Umgebung. Bei klarem schönsten Sonnenschein, gebettet in ein unerträglich betörendes Himmelsblau krachen bunt bemalte Wände zu Boden. Fotografisch ein Hit. Schwer zu ertragen.

1. Oktober. 9.24 Uhr. Das Hochdruckgebiet kennt kein Erbarmen. Auch der Abriss von Nummer 39, das Zuhause der Familie Dahlke über vier Generationen, geschieht in ungetrübtem Licht. Viel brutaler als letztlich dieser dritte Abriss innerhalb weniger Tage vor inzwischen gewöhntem Auge wirkt die buchstäblich gründliche Arbeit der Gartenbauer. Denn binnen weniger Tage nach dem Abriss ist in diesem Areal oben an der Nordbahn aber auch jede bewachsene Grundstücksgrenze verschwunden. Kein Urwald, keine Hecken, kein auch nur annäherungsweise erkennbares Mein oder Dein. Alles eins. Ein einziger Acker, dessen alleinige kuriose Ernte am Rande keine Kartoffel- oder Rübenhäuflein sind, sondern verbliebene Fundamentbrocken. Ausgebuddelt und bereit zum letzten Transport.

21. November. 17.16 Uhr. Schluss – für dieses Jahr. Nummer 6. Das Haus der Familie Pfeif. Ist weg. Einst eine schäbige Betonbutze. Mit viel Liebe und innerfamiliärer Arbeit herausgeputzt zum sorgsam umgehegten Heim. Teich, Unmengen von Blumen, ein Idyll am Ende der Welt. Woche um Woche, Schicht um Schicht war es bereits herausgeschält worden aus seinem grünen Kokon. Bis es eisig umweht geradezu nackig auf dem Acker auf sein Ende wartete. Zwei Tage später ist es weg. Es hätte noch schneller gehen können, führte keine Stromleitung direkt übers Haus. Für den Baggerführer keine einfache Sache. Verletzt er das Kabel, verletzt dieses seine Männer am Boden.

Ein solches Ende will keiner.

Zuckersüßbitteres Finalidyll.

Zuckersüßbitteres Finalidyll.

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