16. Mai 2013 –
Rebekka Neander
Manche Dinge gehen gar nicht: Kniestrümpfe? Das ist doch nur etwas für Jungs! Manche Dinge gehen öfter: Osterfeuer? Zu Pfingsten, klar! Und für mancherlei ist stets Zeit: Gerda Spill und Erna Sczesny können singen. Immerzu.
Ein Novembertag 2012. Es ist bitterkalt. Doch die Sonne scheint. Und der 180er Benz, Baujahr 1954, strahlt mit seinem gleichaltrigen Besitzer Karl-Heinz Dahlke um die Wette. Dabei sind die zwei geradezu als Jungspunde unterwegs. Gemeinsam haben sie zwei Schwestern eingeladen – buchstäblich. Die eine der zwei Damen, beide geborene Münkel, hat am Vortag Geburtstag gefeiert. Ihren 90. Heute nun will Dahlke den beiden ein wahrlich einmaliges Geschenk machen: die Besichtigung ihres Elternhauses. Wenn Erna Sczesny ihren 91. Geburtstag feiern wird, gibt es das von ihrem Vater Heinrich 1928 erbaute Haus nicht mehr.

Es wird der letzte Besuch in ihrem Elternhaus sein. Erna Szcesny lässt sich ihre gute Geburtstagslaune dennoch nicht verderben. Mit ihrem Chauffeur Karl-Heinz Dahlke studiert sie den Artikel über das Ende ihres Dorfes in der HAZ.
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9. Mai 2013 –
Rebekka Neander
Das Leben in Engelbostel ist langsamer als in Schulenburg-Nord. Und es ist von tiefem Vertrauen geprägt. Weil man das, was man braucht, erst suchen muss. Und weil man getrost davon ausgehen kann, dass es da ist. Hier. Irgendwo. Jedenfalls ganz bestimmt in einem dieser unendlich vielen Kartons. Die sind angekommen. Familie Dahlke tut sich damit noch ein wenig schwerer.
Karl-Heinz Dahlke hat an diesem Morgen eigentlich so recht keine Zeit. Er muss Kaninchen füttern. In Schulenburg-Nord. Die Nager müssen auf ihren Umzug noch ein bisschen warten. Ihr Stall ist zwar schon da. Das erkennt aber nur das geübte Auge. Für den unbedachten Besucher ist es ein Haufen Kaminholz. Stopp. Nein. Moment. Es ist ein Haufen bereits auf den Zentimeter genau zugeschnittenen Holzes. Nix Kamin. Ganz klar Stall.

Nix Kamin. Ganz klar Stall. Auch wenn es nicht so scheint: Diese Bretter werden bald ihren ganz eigenen Platz finden.
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2. Mai 2013 –
Rebekka Neander
Wie fühlt es sich an, wenn man nach knapp sechzig Jahren Leben und zwanzig Jahren Kampf sein Zuhause zurücklässt? Karl-Heinz Dahlke hat keine schlichte Antwort. Vor allem aber keine Zeit zum Nachdenken. Denn wir stehen im Weg.
Es ist Ende April. Der Tag der Arbeit steht bevor. Für die Familie in dem verwinkelten Haus mit der Nummer 39 buchstäblich. Es ist ein Großkampfplatz. Alles muss raus. Nun ja. Erstmal muss alles rein. 230 Pappkartons. Eine gigantische Rolle Ploppfolie. Die heißt bei den drei blaubehosten Profis Luftpolsterfolie, kurz Lupo. Dahlke ist das egal. An diesem Dienstagmorgen ist er erst einmal froh, dass seine Enkel bereits in der Schule sind. Die Rolle wäre ihr Paradies.

230 Kartons und ein Paradies für Kinder: Ein Zuhause wird bruchsicher verpackt.
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25. April 2013 –
Rebekka Neander
Wer ein Haus baut, muss mit Überraschungen rechnen. Wer ein Haus bauen lässt, mit wenig Platz fürs Bügelbrett, einer unvermuteten Tür und mit vielleicht kalten Füßen für den Rasen. Wer ein Haus für andere baut, sollte auf Haselnüsse achten.
Es ist ein Moment, da ist der still gefluchte Wunsch, jemand möge einmal zurückspulen, man möchte bitte ganz dringend noch einmal neu reinkommen, unüberhörbar. Zwei nette junge Herren stehen im Garten von Karl-Heinz Dahlke. Sie sind unterwegs im Auftrag eines Gartenbauunternehmens. Man könnte juristisch etwas frei interpretiert damit auch sagen: im Auftrag des Flughafens. Das neue Haus der Dahlkes ist fertig. Das Umzugsunternehmen ist bestellt für den 2. Mai. Jetzt geht es um den Feinschliff. Die Bäume, Büsche und Beeren liegen in Engelbostel bereits bereit. Bleiben die Spielgeräte der Kinder. Welches, bitte schön, soll denn mit und dann wohin?
Die Rutsche. Kein Problem. Die Schaukel. Ok, könnte derzeit noch ein wenig feucht sein im Boden fürs Fundament, aber wird schon. Die Wippe. Klar. Das Baumhaus.
Das Baumhaus.

Ein handgeschnitztes Baumhaus, gewachsen in einer alten imposanten Haselnuss ist selbst für Gartenbauprofis eine Herausforderung.
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18. April 2013 –
Rebekka Neander
Der Schnee ist geschmolzen. Der Frost aus dem Boden gekrochen. Erstes Grün drängelt sich in den Sträuchern, so wie die Spotter-Herde wieder Frischluft und Motive suchend auf dem Parkplatz an der Nordbahn. Zeit für einen kleinen Rundgang durchs Noch-Dorf.
Nein, Abrissbagger hatten hier schon länger keinen Auftritt mehr. Dort, wo im Oktober 2012 zuletzt Dietmar Grundeys Schafstall seinen krachenden Abgang hatte, sprießt erstes zartes Grün. Ein Acker, so scheint es, wie viele andere auch. Keine Spur von Gemäuer und Gehege, von all den Feiern der Dorfbewohner in den Räumen des Schulenburger Ortsbürgermeisters (Teil 12).
Das Noch-Nord-Dorf hat sich verändert. An vielen Stellen, mehr oder weniger sichtbar. Es sind Veränderungen von jener Art, die nicht sofort auffällt. An denen man zwei-, vielleicht dreimal vorbei fahren muss, bis das Kratzen im Hinterkopf einen doch so lange innehalten lässt, dass klar wird, was da fehlt.

Der Frost hat der alten Dorfstraße eine ungeahnte Freiheit beschert und offenbart das historische Kopfsteinpflaster, das einst von Schulenburg in die Hasenheide führte. Inzwischen hat die Flughafengesellschaft alle Schlaglöcher wieder auffüllen lassen.
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11. April 2013 –
Rebekka Neander
Es sollte nie so kommen. Und, nein, dazu zwingen konnte ihn niemand. Doch jetzt ist es soweit: Karl-Heinz Dahlke und seine Familie packen in Haus Nummer 39 ihre Sachen. Anfang Mai ist Schluss mit Schulenburg-Nord für sie. Für den vierfachen Großvater Dahlke wird es der erste Umzug seines Lebens.
Er hatte gehofft, all das nicht mitansehen zu müssen. Davon geträumt, in den Winterurlaub zu fahren und später einfach ins neue Haus zurückzukehren. So war es eigentlich geplant. Doch kam es anders. Karl-Heinz Dahlkes Traum hat sich nicht erfüllt. An ihm gelegen hat es nicht. Geahnt hat er es. Aber das ist eine andere, spätere Geschichte.
Jetzt hofft er nur, dass das Holz für den Ofen reicht. Zwar hat Dahlke im Herbst reichlich Scheite eingenommen, hat bei den fallenden Häusern in der Nachbarschaft mit den Abbruchunternehmern um Dachsparren verhandelt, was geht. Doch der lange Frost hat genagt am Vorrat. Bei ihm, wie bei vielen anderen auch.
Wie oft ich auf dieser hellen Couch in Dahlkes lichtdurchflutetem Wohnzimmer mit dem Blick auf den endlosen, kunterbunten Garten gesessen habe, vermag ich nicht mehr zu sagen. Sicher ist jedoch, die künftigen Gelegenheiten sind gezählt. Zumindest an dieser Stelle. In wenigen Minuten wird sich der erste Umzugsunternehmer vorstellen. Dahlkes Enkel geben sich cool. Fröhlich, freudig, cool. Künftig können sie zu Fuß zur Schule in Engelbostel gehen. Mit den Klassenkameraden. Das ist neu. Und lockt. Und liegt näher als der Abschiedsschmerz der Älteren.

Für sentimentale Gedanken ist auf diesen Zetteln kein Platz.
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4. April 2013 –
Rebekka Neander
In diesen noch eisigen Frühlingstagen ist es knapp ein Jahr her, dass Dieter und Erika Hermann Schulenburg-Nord verlassen und mit ihrem Sohn in Dedensen all ihre Kisten und Kartons wieder ausgepackt haben. Der Mietvertrag ist datiert auf den 1. April. Das ist kein Scherz und wird auch nie einer werden. Gelacht werden darf an ihrem Esstisch trotzdem, damals wie heute.
39 Jahre hat das Ehepaar in dem Mehrfamilienhaus mit der Doppelnummer 35/37 gewohnt. Einst als Mieter von Dieters Arbeitgeber, der Ruhrgas AG, später zeichnete die neue Eigentümerin den Vertrag gegen: die Flughafen-Gesellschaft Langenhagen. 39 Jahre wohnten sie zwischen zwei Bahnen. Eine im Norden, eine im Süden. Wer zu ihnen gelangen wollte, musste eine verwinkelte Straße um allerlei Kurven bis fast zu ihrem Ende fahren.
Wer im Frühjahr 2013 Dieter und Erika Hermann besuchen möchte, folgt einer verwinkelten Straße um allerlei Kurven bis fast zu ihrem Ende. Das Haus liegt zwischen Bahnen. Eine im Norden, eine im Süden – und eine Diagonale im Westen. Hermanns haben keinen Zeitsprung gemacht und erleben Schulenburg-Nord und den Flughafen in vielleicht 50 Jahren. Sie leben in Dedensen: im Norden die Güter-, im Osten die Auto- und im Süden die Schiff-, na gut, keine Bahn, der Mittellandkanal. Und wieder offenbart der Lärm die Windrichtung: So wie auch zu Zeiten des Nord-Dorfes West- und Ost-Wind über Starts und Landungen rund um Hermanns Haus entschied, lässt der Westwind die Autos den Ton bestimmen. Andernfalls verraten die Achsen der Güterzüge etwas über die Epoche ihrer Herstellung. “Das ist schon eine Hausnummer.” Da fällt die Einflugschneise, die jetzt tatsächlich über ihnen liegt (im Noch-Dorf waren es ja eher Vorbei-roll-schneisen), kaum noch ins Gewicht.

Wieder am Ende einer Straße und flankiert von Bahnen. Nur ganz anderer Art. Dieter und Erika Hermann haben in der Fremde wohl Vertrautes gefunden.
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28. März 2013 –
Rebekka Neander
Was hat Apfelmus mit Kunst im öffentlichen Raum zu tun? Warum könnte es in Varieté-Garderoben zuweilen auch um einen buchstäblichen merkwürdigen Programmdirektor gehen? Und kann eine Brombeer-Ernte Vereinsziel sein?
“Schulenburg-Nord?” Udo Püschel steht von seinem gastfreundlich großen Esstisch auf, geht ein paar Schritte hinüber ins Dunkle. “Sie sitzen dran und hier steht es.”
Aha.

Die Stabpuppen aus Indonesien hingen einst in Schulenburg-Nord. Mittelbar bescherten sie Udo Püschel einen Keller voll Apfelmus.
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21. März 2013 –
Rebekka Neander
Was ist wichtig im Leben? Dass man etwas kann. Dass man versteht, was die Mitmenschen meinen, wenn sie reden – selbst wenn es Künstler sind. Und dass man im richtigen Moment einen Fallschirm zur Hand hat. Es könnten ja Eulen kommen.
Die Villa ist aus Schulenburg-Nord spurlos verschwunden. Erst wuchernde Natur, später resolute Fräsen haben ihren Standort und selbst ihre Abbruchstelle nur einen Steinwurf neben der Südbahn des Flughafens ausradiert. Doch die Geschichten, die sich um das einst so prächtige Geschäftsführer-Wohnhaus der Ziegelei Stephanus ranken, sind ungezählt. Vor allem aber offenbar unerzählt. Wer auch immer denkt, er wisse alles, wird beim Gespräch mit dem nächsten einer weiteren belehrt.
Studenten-WG ist der erste Begriff, der mir in Schulenburg-Nord begegnet. Es müssen doch Studenten sein, die kurz vor dem Abriss gleich ganze drei Tage durchfeiern. Die Mutmaßung der Nachbarn jenseits der einzigen Kreuzung des Dorfes stimmt nicht ganz: Es sind keine Studenten und sie feiern zum Abschied auch nur zwei Tage (Teile 14 und 15). Amelie und Till de Boer, 2008 die letzten Mieter der Villa und derzeit mal wieder in ihrem indischen Winterquartier, haben ihrerseits das Haus übernommen als “Künstler-Villa”. Auch das stimmt – ein bisschen.

Nein, dieses Wrack fanden Püschels nicht vor im Garten der Villa. Dieses Kunstwerk stellten ihnen Freunde hinters Haus. Foto: privat
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14. März 2013 –
Rebekka Neander
Womit beginnt das Ende? Mit einer Ampel unter einem Flugzeug? Mit einer zugeschütteten Tonkuhle und Wasser im Keller? Oder dem Enkel an der Axt – am Stamm des Obstbaumes?
Vielleicht ja auch mit einer vernünftigen Entscheidung? Wie man es auch drehen und wenden mag: Dirk und Steffi Stünkel haben 2008 Schulenburg-Nord Nummer 32 an den Flughafen verkauft. 82 Jahre nachdem Dirks Urgroßvater Heinrich Fiene es gebaut hat. Im März 2012 ziehen die letzten Mieter nach mehr als 40 Jahren aus. Kurz darauf lässt der Flughafen es abreißen.

Ein Abschied unter Obstbäumen. 87 Jahre, nachdem Heinrich Fiene seiner Familie ein neues Zuhause schuf, liegt Schulenburg-Nord Nummer 32 in Trümmern.
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