Bewegende Bilder (Teil 71)

Okay, einen haben wir noch … Die HAZ hat einen Film gedreht während der Abbrucharbeiten Ende September 2013 an der Nordbahn. Betroffen waren die Häuser Nummer 35/37 (das Vierparteienhaus der Ruhrgas AG), Nummer 36 (das Haus der Familie Münkel) und schließlich Nummer 39 (das Haus der Familie Dahlke). Mit Karl-Heinz Dahlke bin ich seinerzeit auf Anweisung der sehr einfühlsamen Kamerafrau Stefanie Plösser ein ums andere Mal durchs Bild marschiert, während Dahlke von seinem Leben in diesem Zuhause erzählt und von dem bevorstehenden Ende desselben. Vielmehr: Wie es sich anfühlt, sein Elternhaus fallen zu sehen. Kurz: Es sind bewegte und bewegende Bilder.

Geschenktes Leben (70)

Einmal so richtig Platz haben. Für Texte. Für Bilder! Und: Zeit haben. Als Nachrichten-Durchlauferhitzer einer Tageszeitung eine traumhafte Vorstellung. Ich hatte die Zeit. Zweieinhalb Jahre für die Recherche. Knapp eineinhalb kamen hinzu, in denen dieser Blog wuchs. In jeder Woche, Schicht um Schicht. Hier im Netz, wo viel Platz ist und wo jeder zusehen kann. Auch jene Nord-Dörfler, die schon lange nicht mehr in dort wohnen und dem Ort in seinem Untergang doch verbunden geblieben sind. Das Dorf ist im Dezember 2013 – Geschichte. Weitgehend. Zwei, drei Häuser werden noch fallen. Frühestens im kommenden Jahr. Bis dahin klappe ich dieses Internet-Tagebuch zu. Zeit für einen Rückblick. Heute: Die Menschen.

Es ist ein Haufen auf meinem Schreibtisch. Ein Haufen Papier. Durchwalkt förmlich. Im besten Sinne abgeliebt. Blöcke. Ringbücher. Zettel. Manches wartet mit dem vor die Füße Fallen eben nicht darauf, bis der Block im Anschlag ist. Ein papiernes Sammelbecken für viel Herzblut. Ausgeschüttet von Menschen, die mir – der völlig Orts- und Menschen-Fremden – ihr Leben in Hand und Stift gelegt haben. Ihre Trauer. Auch Wut. Vor allem aber immer wieder ihre Liebe zu ihrem Zuhause. So stark. Da kann wahrscheinlich kommen, wer will.

Ein Haufen im besten Sinne abgeliebtes, geschenktes Leben. Danke dafür!

Ein Haufen im besten Sinne abgeliebtes, geschenktes Leben. Danke dafür!

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Im Schutt zurück nach vorn (Teil 69)

Ok. Ich lag falsch. Der Sommer 2013 hat sich längst auf die andere Erdhalbkugel verzogen. Und ich liege, na, besser: stehe immer noch hier. In irgendeinem Acker mit verschlammten Schuhen und fotografiere Bruch. Das Dorf Schulenburg-Nord ist nicht, wie in der Blog-Einleitung einst prophezeit, verschwunden. Jedenfalls nicht ganz. Wenn in diesen Novemberschlusstagen auch die letzten Hausreste der Familie Pfeif aus dem Erdboden gepult worden sind, besteht das Nord-Dorf noch aus zwei Wohnhäusern an des Dorfes einziger Kreuzung, einem Pferdestall mit Begleitwohnung am Rande der Südbahn und einem Schneewittchen-Häuschen am NJK-Teich. Nur dieses Idyll in Grün hat Bestandschutz. Der Rest wird fallen. Nur noch eine Frage der Verträge. Mein Blog und ich legen bis dahin eine Pause ein. Zeit für einen Rückblick. Heute: Die Häuser.

Denn es sind die Häuser, über die ich eintauche in dieses Dorf. An einem heißen Juli-Tag 2011. Ein Ortsspaziergang, die Kopfgeburt einer Redaktionssitzung wider dem Sommerloch, wird mein Verhängnis. Ein Ortsspaziergang mit Karl-Heinz Dahlke oder, um im Bild zu bleiben, mit Haus Nummer 39. Es ist ein kleines Arbeiterhaus, oben in der Nähe der Nordbahn. Unzählbar an- und umgebaut. Bevölkert von drei Generationen. Zwei der jüngeren Fraktion begleiten uns, eine unüberhörbare Prozession. Vier Personen und ein Trettraktor.

Ein letztes Mal verschlammte Schuhe mit Blick auf Bruch: Für dieses Jahr haben die Abbruchbagger Pause im kümmerlichen Rest des Noch-Dorfes.

Ein letztes Mal verschlammte Schuhe mit Blick auf Bruch: Für dieses Jahr haben die Abbruchbagger Pause im kümmerlichen Rest des Noch-Dorfes.

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Auffangbecken (Teil 68)

Manchem Nachbar ist kein Entrinnen. Im Guten wie im Schlechten. Wer also am Ende der Welt wohnt, weil ihm zwei Landebahnen den Weg abschneiden, kann sich so oder so nicht frei machen vom Getöse nebenan. Doch was dort lärmt, macht Arbeit. Gibt Arbeit, wenn es andernorts nicht mehr so recht gehen will. Für Herbert Damaskes Vater gilt dies, für seine Mutter auch. Dass dieser Nachbar im grauen November 2013 verantwortlich zeichnet für das Ende am Ende der Welt, ist die zweite Seite derselben Medaille. Am Ende dreht sich aber doch nur alles ums Wegkommen. Oder hin?

Die Anziehungskraft dieses Dörfleins ist famos. Straßauf, straßab – es bleibt, das Phänomen: die Töchter heiraten, aber ziehen nicht weg. Vielmehr wächst Schulenburg-Nord um diverse Schwiegersöhne. Ob oben beim Gemüsebauern Wilke, ob auf dem Hof Münkel oder Fiene: Die soliden Häuser auf großen Grund bieten in den kargen Jahren nach dem Krieg Luxus jener Zeit. Platz und einen Teller voll Kraft zum Löffeln. Jeden Tag aufs Neue. Auch unten, an des Dorfes einziger Kreuzung, ist dies nicht anders.

Platz und Nahrung für einen Teller voll Kraft, jeden Tag aufs Neue. Schulenburg-Nord ist Auffangbecken, der Flughafen nebenan wird es später auch. Foto: privat

Platz und Nahrung für einen Teller voll Kraft, jeden Tag aufs Neue. Schulenburg-Nord ist Auffangbecken, der Flughafen nebenan wird es später auch. Foto: privat

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Nicht leiden können gibt’s nicht (Teil 67)

Haus Nummer 22. Das ist nicht nur die Geschichte einer Fuhrmannsfamilie über eine gute Handvoll an Generationen. Es ist auch die Geschichte besonderer Freundschaft. Es ist die Geschichte des gütlichen Wegsehens, des in Ruhe Lassens mit Herzensbildung – vielleicht aber auch nur die Geschichte eines eher gemütlichen Dorfpolizisten, der es leid war, mit dem Rad Mofa-Rowdies zu verfolgen. Kann auch sein, erzählt sich aber nicht so schön.

1958. Im Haus Nummer 22 kommt ein Junge zur Welt. Herbert soll er heißen. Im Herbst 2013 wird er selber Senior von drei Generationen in diesem selbigen Haus sein. Er wird das Haus hinter sich und seiner Familie lassen müssen. Davon ahnt das Balg in jenen jungen Jahren zum Glück noch nichts.

1958. Im Haus schräg gegenüber, der alten Ziegeleiremise, dem Pferdekopfhaus, kommt ein Junge zur Welt. Bernd soll er heißen. Im Herbst 2013 werden es schon einige Jahre sein, in denen er nicht mehr dort wohnt. Sein Geburtshaus steht schon lange nicht mehr. Doch nun wird er sein Zuhause zurücklassen müssen: Haus Nummer 22. Dass dieses einmal mehr sein würde als das Haus guter Freunde, davon ahnt das Balg in jenen jungen Jahren zum Glück noch nichts.

Was will man dazu sagen? Pökse, Schnee, Sonne. Einer davon heißt Herbert. Im Hintergrund der Hof der Familie Findeisen. Foto: privat

Was will man dazu sagen? Sonne, Schnee, Pökse. Eines davon heißt Herbert. Im Hintergrund der Hof der Familie Findeisen. Foto: privat

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Von denen, die nichts zurücklassen (Teil 66)

Herbst 2013. Draußen plattert Novemberregen im Dämmerungsgrau gegen die Scheiben. Immerhin einer, der unverdrossen wütet. Drinnen brüte ich über den Einstieg in den Ausstieg. Über die letzte Familiengeschichte dieses – meines? – Noch-Dorfes. Mein erzählerisches Finale spielt im Haus Nummer 1, möchte man von des Dorfes einziger Kreuzung an zu zählen beginnen. Es trägt heute die Nummer 22. Es steht seit vielen Jahrzehnten an des Dorfes einziger Kreuzung, und noch nie haben in ihm Menschen gewohnt, die nicht zur Familie Kaufmann gehören. Die sechste Generation hat gerade ihren zweiten Geburtstag gefeiert.

Es sind drei Generationen, die sich im Herbst 2013 darin ein wenig sorgen. Sorgen, dass es mit dem gerade, nach langer nicht schmerzfreier Suche gefundenen Grundstück drüben in Engelbostel vielleicht doch nichts werden könnte. Drüben in Engelbostel, in Schulenburg-Nords Zweitwohnsitz. Es geht um eine Fläche, friedlich eingebettet mitten im Dorf. Fast ein wenig wie da, von wo sie eigentlich schon seit dem Sommer weg sein müssten. Vertrag ist Vertrag. Aber nicht weg sein können. Weil eine Suche für eine Familie wie diese nicht so ganz einfach ist.

Inzwischen ist rund um das Haus mit der Nummer 22 fast alles verschwunden. Auch der munter blinkende Baustellenzaun.

Inzwischen ist rund um das Haus mit der Nummer 22 fast alles verschwunden. Auch der munter blinkende Baustellenzaun.

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Neumodischer Kram aus grauer Vorzeit (Teil 65)

Es sind nicht gerade sprudelnde Wirtschaftswunderzeiten, in denen sich Heinrich Schaperjahn entschließt, seinen Weg alleine zu wagen. Anfang der 30-er. Das sind die Jahre, aus denen die Kinder jener Tage im Nord-Dorf von Arbeitslosen erzählen, die des Sommers unweit der Tonkuhle ihr Zelt aufschlagen. Sie haben sonst nichts zu tun – und sonst nichts zum Wohnen. Aber wer sich umschaut, findet Beschäftigung. Schaperjahn schaut auf die Maulhardt’sche Futtermittelfabrik in der Halle hinter der alten Ziegelei-Villa. Wenn wer was verfüttern will, muss es jemanden geben, der all die Säcke aus der Villen-Halle zum Vieh fährt. Ein Anfang.

Offenbar kommen die Säcke heil an. Und so zieht ein Auftrag den nächsten nach sich. Fischmehl. Aus Hamburg in aller Früh geholt. Tapioka-Mehl. Hört sich exotisch an. Nie gehört. Vergessene Sitten vergangener Zeiten? Eher nicht. Exotisch stimmt: Tapioka-Mehl wird jene Stärke genannt, die aus den brasilianischen Maniokpflanzen gewonnen wird. Pfannkuchen auf südamerikanisch. Geliefert wird es übrigens gerne in Form kleiner Kügelchen. Ja, genau, jene Kügelchen, die sich das Jungvolk in allerjüngster Zeit gerne in klebrige Plörre aufgelöster Farbstoffe schmeißt. Bubble Tea. Soviel zum Thema neumodisches Dingenskirchen. Alles schon mal da gewesen.

Was am Ende der Welt begann, ist heute begehrt bis ins Sammler-Regal. Foto: privat

Was am Ende der Welt begann, ist heute begehrt bis ins Sammler-Regal. Foto: privat

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Bombenprinzessin (Teil 64)

Da stehe ich nun. Nach einem zweijährigen Rundgang durchs Dorf. Stehe an des Dorfes einziger Kreuzung mit des Dorfes zwei einzigen bewohnten Häusern. Der Rest in Sicht ist schweigsamer Acker. Nummer 26 und 22 stehen noch. Zwei Häuser, deren Geschichte dicht miteinander verwoben ist. Und deren Schicksal womöglich gänzlich unterschiedlich sein wird. Das eine, die Nummer 22 im schmucken Hartbrandziegel direkt an der Straßenecke, wird in Geröll und Staub versinken. Sobald es leer steht im kommenden Sommer. Das andere, Nummer 26 in verputztem Gelb, hüllt sich in einer Mischung aus Gerüchten und Schweigen.

Das gilt zumindest für jene, die heute befugt sind, über Verkauf oder Verbleib zu verhandeln. Man spricht miteinander, verrät der große Nachbar. Immerhin. Jene, die vor mehr als 40 Jahren schließlich im Flughafen gesprächsbereit sind, die das Haus erdacht, erbaut und verlassen haben, wohnen nicht weit entfernt. Wieder einmal geht es in Sculenburgs Süden. Dort lebt – zumindest, als wir uns das erste Mal treffen, – Edda Roggendorf. Eine geborene Schaperjahn. Ihre Familie hat Nummer 26 erbaut – als es der Tochter Lina Kaufmann als verheiratete Schaperjahn für die eigene, frisch gegründete Familie in Nummer 22 zu eng wird. Ihr Heinrich zieht aus dem Kohlengeschäft der Eltern in Engelbostel hinauf auf den schwiegerelterlichen Hof. Er lässt das Pferdefuhrwerk der Eltern hinter sich und die Schulenburger Familien, die die Eltern Kohlenwärme ins Haus bringen. Auch hier oben geht es um Schütt- und Stückgut. Gefahren allerdings in großer Ladung und Wagen.

Edda Roggendorf hüllt heute lieber beruflich andere Menschen in neue Roben als sich in Schweigen. Mein Glück.

Edda Schaperjahn, heute eine glücklich verheiratete Roggendorf, an der Seite ihres Hans-Hermann.

Edda Schaperjahn, heute eine glücklich verheiratete Roggendorf, an der Seite ihres Hans-Hermann.

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Freier Blick auf enge Straßen (Teil 63)

Nun ist er da, der Tag, an dem sich sogar Kai Riechers erschreckt. Weil er seinen Bagger sehen kann. Von weitem. Das sagt einer, der sonst eigentlich jener ist, verantwortlich für die unvermutet freien Blicke. Doch wenn die Gärtner anrücken, dann wird es selbst einem Abbruchunternehmer für ein paar Augenblicke mulmig.

Sie haben ganze Arbeit geleistet. Haben ein Dorf weggeputzt, wie es kein noch so schweres Gerät zuvor vermocht hatte. Keine Hecke, kein Strauch, kaum ein Baum erinnert an Zaunpläusche, an abkürzende Kletterpartien. An Dein. An mein. An hier oder dort. Für ein paar Stunden noch ragen zwei unwirkliche Steinhaufen aus der Ödnis. Die Kleinen ins Töpfchen, die Großen ins Kröpfchen. Reste von Mauern hier, ein grober Schlag Fundamentbrocken dort. Wie zum Trotz hat sich eine hölzerne Tür im Schuttberg versteckt. Das letzte bisschen Drinnen in diesem gerodeten Draußen.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Das Dorf ist weg. Nur ein Bagger ist zu entdecken, sehr zum Erstaunen seines Fahrers.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Das Dorf ist weg. Nur ein Bagger ist zu entdecken, sehr zum Erstaunen seines Fahrers.

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Zwischen Puppenstube und Rennacker (Teil 62)

Wer zwischen Kutschern aufwächst, muss auf der Hut sein. Oder besser: mit allem rechnen. Mit einer davon fahrenden Puppenstube vielleicht. Oder mit spendablen Talentschmieden, die aus einer unschuldigen Wiese einen Rennacker für Großvaters Enkel machen. Natürlich nur, wenn Opa im Urlaub ist.

In den 1960-er Jahren kommen auf dem Hof Findeisen vier Kinder zur Welt. Darunter 1962 Michael Waldhelm und 1967 seine Schwester Martina, inzwischen eine verheiratete Eickhoff. Zwischen der Kindheit ihrer als Findeisen geborenen Mutter Bärbel und jener der Kinder mögen ein paar Jahrzehnte liegen. Wirklich weniger abenteuerlustig aber wirkt sie nicht. Jedenfalls nicht an diesem Vormittag in einem Untertagebüro eines Braunschweiger Gewerbegebietes. Zwar müssen sich Michael und Martina nicht plagen mit Bildern von Flüchtlingen und Bombentrichtern. Auf der kindlichen Abenteuerskala zwischen nölig-tödlicher Langeweile und Brause-Blut reicht manchmal ja auch ein Spitz auf der Flucht oder eine Überlebensstrategie: Was tun, wenn man als einziger Junge auf weiter Flur bis zum Tag der Einschulung es einzig und allein und absolut nur mit Mädchen zu tun hat?

Kind sein in Schulenburg-Nord. Zu diesem Bild bedarf es keiner Worte. Foto: privat

Kind sein in Schulenburg-Nord: Turbulent, wagemutig, unscharf. Wie dieses Bild. Foto: privat

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