Leben zwischen den Landebahnen (Teil 1)

Danny Damaske möchte hier niemals weg. Brigitte Dahlke ist einen Schritt weiter. Sie will hier nie wieder hin. Danny Damaske ist Jahrgang 1986. Er ist in diesem Dorf zwischen den Bahnen geboren. Er ist hier aufgewachsen, hat sich seine Zukunft aufgebaut.

Der Hof der Eltern, einst Fuhrunternehmen der Großeltern, bietet ihm genügend Platz, um aus Mauerblümchen-Autos flotte Schlitten zu machen. Er hat sein Auskommen mit dem Einkommen. Er stört hier niemanden. Ihn stört hier keiner. Nur eines: Seine Eltern wollen nun doch verkaufen. An den Flughafen. Darüber ist er sauer. Und das sagt er laut.

Schulenburg-Nord

Nur einen Steinwurf von dem Eckhaus der Familie Damaske mit der Nummer 22 lebte einst Brigitte Dahlke in Haus Nummer 28. Ihr Haus gibt es bereits seit ein paar Jahren nicht mehr. Von insgesamt acht Häusern an dieser Straßenseite stehen im Sommer 2012 noch drei.

Brigitte Dahlke war auch schon einmal so weit. Mit ihrem Mann Harry hatte sie ein Haus gebaut, mit der Nummer 28 nur einen Steinwurf neben der Nummer 22 von Damaskes. Hat, wie Danny, nur ein paar Jahrzehnte vorher, davon geträumt, in dieser scheinbar vergessenen Natur zwischen den Hightech-Landebahnen alt zu werden. Hier stört keiner. Hier stört man niemanden. Vor wenigen Jahren hat sie das Haus abreißen lassen – müssen.

Brigitte Dahlke, Jahrgang 1941, wohnt jetzt in Schulenburg. Das klingt so nah. Und es sind tatsächlich nur wenige Minuten mit dem Rad unter alten Bäumen hindurch, an Pferdeweiden vorbei. Doch für Brigitte Dahlke sind es Welten. Keinen Schritt mehr will sie auf den Grund von Schulenburg-Nord setzen. Es tut einfach zu weh.

Wer nach Schulenburg-Nord will, muss wissen, was er tut. Nicht nur der Seele wegen. Deshalb besser: muss wissen, wo es lang geht. Es gibt zwar genügend Hinweisschilder für jene, die es immerhin bis tief ins benachbarte Engelbostel geschafft haben. Doch es bedarf schon eines gewissen Wagemuts, darauf zu vertrauen, dass es weit hinter allen Ortsgrenzen noch so etwas geben soll wie Straßen samt Bushaltehäuschen, eine Kreuzung gar – und einen Briefkasten.

Im Juli 2011 führt es mich als Langenhagener Redaktions-Neuling zum ersten Mal nach Schulenburg-Nord. Es ist Ferienzeit. Die lässt Platz in der Zeitung für neue Erkundungen. Wir wollen über den Kalenderrand hinaus spähen. Wollen spazieren gehen, wo es uns sonst nicht so häufig hinführt. Hinunter gelunst hatte ich in das Dörfchen schon öfter. Bei Terminen auf dem benachbarten Tower des Flughafens. Auch hier und da gehört davon, dass dort jüngst Häuser abgerissen worden seien. Und dass es irgendwie zu Ende gehen soll mit dieser Enklave zwischen den Bahnen. Am Ende dieses Ortsspazierganges, so später der Titel in der Zeitung, werde ich schreiben: Was für ein Dorf?! Wobei mir das Ausrufezeichen deutlich näher geht.

Mein Spaziergang wird eine berührende Prozession. Eigentlich verabredet bin ich mit Karl-Heinz Dahlke, Cousin von Brigitte Dahlke und wohnhaft Schulenburg-Nord Nr. 39. Doch es dauert nicht lange, bis sich herumspricht, dass sich ein Fremdling für das interessiert, was längst vergangen scheint. Über urwaldähnliche Grundstücke klettert. Fotos macht und Fragen stellt. Dahlkes Enkel sind dabei. Sie beherrschen mit laut ratterndem Trettraktor die Straße und machen neugierig. Auch Dieter Hermann. Im Blaumann steht er vor seinem Haus mit der Nummer 35: vier Wohnungen, drei stehen leer. „Zum Glück!“ ruft er, der einstige Bergmann. Das Haus war sowieso immer viel zu hellhörig. Hermann ist im Ruhestand. Er hat Zeit und kommt mit. Der Frage nach Problemen im Dorf liefert er schnell eine Antwort. Immer diese Rehe! Die Rosen seiner Frau, die litten schon sehr. Es ist wahrlich eine eigene Welt, dieses Schulenburg-Nord.

Dahlke ist SPD-Ratsherr, AWO-Ortsvereinsvorsitzender und „letzter Mohikaner“. Den Titel hat er sich selbst gegeben. Er gilt drüben, in der Kernstadt mit ihrem offiziellen öffentlichen Leben, lange Zeit als jener, der partout nicht an den Flughafen verkaufen will. Das stimmt so nicht. Aus mehreren Gründen. Diese werden sich noch zeigen. Er war vor 15 Jahren der Erste, der sein Dorf zusammentrommelte, weil ihm Unheimliches schwante. Was geht dort vor, jenseits des Tores, das das Dorf vom Flughafen trennt? Im Sommer 2011 jedenfalls geht er fest davon aus, er werde jener sein, der in Schulenburg-Nord in ein paar Jahren das Licht ausmacht.
Es wird anders kommen.

Ein Kommentar

  1. Hallo, zufällig bin ich auf die Ausführungen über Schulenburg-Nord gestoßen. Wir haben dort bis 1977 gewohnt. Unser Grundstück hieß anfangs „Im Wohlde 1“ und später „Schulenburg-Nord Nr. 20“ Nach meinem Wissen gehörten wir ganz früher eigentlich zu Godshorn. Wir haben unser Anwesen 1989 an den Flughafen verkauft. Die Fläche wurde für die neue Feuerwehr und den neuen Tower benötigt. War Schulenburg-Nord an sich schon etwas abgelegen, war unser Gehöft schon fast als einsam zu bezeichnen. Am Haus von Kaufmann / Damaske vorbei (dahinter gab es dann noch die Spedition Schaperjahn) ging es noch etwa einen knappen Kilometer in Richtung Flughafen über einen Feldweg zu uns. Die Berichterstattung ist eine schöne Aktion und weckt Kindheitserinnerungen.

Kommentar hinterlassen