Ein Drahtbesen im Dorf (Teil 2)

Der erste Besuch in Schulenburg-Nord ist die Entdeckung eines Dörfchens, eingekuschelt in dichtes Grün. An den fünf Stellen, wo in den vergangenen 15 Jahren bereits Häuser abgerissen worden sind, hat die Natur das Kommando übernommen. Die Gärten der bewohnten Häuser sind adrett bepflanzt.

Es blüht. Überall. Es ist kaum erkennbar, wo welches Grundstück endet. Und nur beherztes Klettern durch dickes Unterholz mit Karl-Heinz Dahlke, zwei seiner Enkel und Dieter Hermann hinterdrein offenbart Reste von Maschendrahtzäunen oder eröffnet gar einen Blick auf den zuweilen dröhnenden Nachbarn mit seinen umarmenden Bahnen.

Schulenburg-Nord

Auf dem Grundstück Nummer 38, auf dem 1998 das erste Haus abgerissen wurde, hat im Sommer 2011 die Natur das Kommando.

Als nächstes, so malt sich Dahlke aus, werde wohl Dörges Haus fallen. Es ist das Haus Nummer 30, schräg gegenüber von Dahlkes Haus mit der Nummer 39. Die Bewohner von Nummer 30, Günther und Doris Dörge sowie ihre Enkeltochter samt Familie, haben allesamt inzwischen neu gebaut. Das Haus ist leer. Nun kann der Bagger kommen. Und der Bagger kommt schnell in Schulenburg-Nord. Was leer steht, wird abgerissen. Metalldiebe will der Flughafen hier nicht sehen. Hausbesetzer auch nicht.

Als ich im Januar 2012 wiederkomme, ist es ein Schock. Wo im Sommer noch Urwald war, herrscht Kahlschlag. Raureif überzogene, eisige Leere. Aus dem zusammen gekuschelten Ensemble sind einzeln ausharrende Gebäude geworden.

Wiedergekommen bin ich, weil bis in die Kernstadt ein Gerücht vorgedrungen ist: Dahlke will verkaufen. Man sei fündig geworden. Es gebe ein Tauschgrundstück. Und noch etwas ist passiert: Der Flughafen hat gekündigt. Allen. Bis September 2012 sollen alle Mieter ausgezogen sein. Neben Dahlke haben im Januar gerade einmal vier andere Nordler noch nicht verkauft. Nach Jahren des geruhsamen Miteinanders kommt Hektik auf. Was ist geschehen?

Der Rat der Stadt hat seine Hand gehoben. Das ist geschehen. Die Hand gehoben für das Ende des ersten Bauleitverfahrens westlich des Flughafens. Bebauungsplan 712 lautet das behördliche Synonym für das Ultimatum. Das Ende von Schulenburg-Nord ist in klaren Worten in diesem Bebauungsplan nicht nachzulesen. Tatsächlich bebaut würde das Dorf erst mit dem Segen für 713, 714 und fortfolgende. Doch das jetzige Ende steht zwischen den Zeilen. Auf der fraglichen Fläche wird TNT, ein Expressdienstleister, bauen. Groß. Und wichtig. Wichtig für Langenhagen. Für Arbeitsplätze und Gewerbesteuer und damit für Krippenplätze und sanierte Schulen.

Bauen wird das Unternehmen auf der Wiese zwischen dem Flughafen und Schulenburg-Nord. Auf der Wiese, auf der im Sommer noch Rehe spielten. Das allein ist erst einmal unproblematisch. Nur macht der Expressdienstleister in Steinwurf-Entfernung Lärm. Soviel Lärm, dass er Menschen in Wohnhäusern nicht zuzumuten ist. Und deshalb müssen die Menschen ausziehen – oder der Flughafen muss sie vor dem Lärm schützen. Mit Hilfe einer 15 Meter hohen Wand. Die ist nicht schön anzusehen. Und sie kostet Geld.

Am 4. Oktober 2012 soll die Hauptumschlagbasis (neudeutsch Road-HUB, weil mit Lastwagen versorgt und nicht mit Frachtfliegern) im Probebetrieb eröffnen, am 22. Oktober soll es richtig losgehen. Und vom selben Tag an müssen die Menschen vor dem Lärm geschützt sein – sagt die Stadt Langenhagen. Oder die Menschen müssen weg. Sagt der Flughafen. Das ist nicht böse gemeint. Doch die Rechnung ist einfach. Bleiben alle Bewohner da, muss die Lärmschutzwand 220 Meter lang werden. Verkauft Dahlke und ziehen alle Mieter aus, schrumpft sie auf 80 Meter. Und verkaufen die Familien Kötters und Damaske in den Hausnummern 22 und 26 auch, braucht es keine Wand. 22 und 26 werden ein hartes Brett.

Schulenburg-Nord wirkt im Januar 2012, als wäre ein grober Drahtbesen durchs Dorf gerauscht. Denn nicht nur die Urwald-Parzellen zwischen des Dörfleins einziger Kreuzung und der Nordbahn sind akkurat gerodet und sogleich mit Grassaat für die nächste Weidesaison präpariert. Auch das große Eckgrundstück direkt an der Kreuzung gleicht einer Ödnis. Im Sommer zuvor war es noch Wildnis. Mit Eichen, die eine, wahrscheinlich eher zwei Jahrhundertwenden haben erleben können. Sträucher, Büsche, überwucherte und mehr oder weniger verfallene Gartenlauben, zugewachsene Hinweisschilder: Betreten verboten. Privateigentum. Das Schild war im Sommer 2011 noch überflüssig. In zweierlei Hinsicht. Man konnte es inmitten der Büsche nicht sehen. Und ein Betreten war inmitten der Büsche sowieso unmöglich. Und mittendrin in diesem Dickicht hauste der fliegende Beweis, dass der Flughafen so viel Dreck nun doch nicht produziert: ein Bienenvolk hatte dort sein kastenförmiges Zuhause. Sein Honig dient als werbeträchtiger Schadstoffe-eben-nicht-da-Nachweis. Biomonitoring nennt man das. Die Büsche sind weg. Und die Bienen. Und das Schild sowieso.

Die Wildnis dort hatte allerdings Narben. Narben in Form zweier rechteckiger Sandflächen. Drei Jahre ist es im Frühjahr 2012 her, dass dort die wohl zwei wichtigsten Häuser des Dorfes abgerissen wurden: die Villa und das Pferdekopf-Haus. Die Villa war einst Wohnhaus des Geschäftsführers der Ziegelei Stephanus und damit Keimzelle dieser Splittersiedlung. Und im Pferdekopf-Haus lebte zunächst ein Teil des Villa-Personals. Später wurden die insgesamt fünf Wohnungen oft und gerne vermietet. Idyllischer Wohnraum für wenig Geld mit einem akkuraten Vermieter. Ich persönlich habe das Pferdekopf-Haus nicht mehr erlebt. Aber es wird in den kommenden Monaten für mich zu den meist genannten Häusern des Dorfes werden.

Ein Kommentar

  1. Moorhoff,Wilhelm sagt:

    Das Pferdekopfhaus könnte früher ein Pferdestall gewesen sein. Die Steine wurden damals mit Pferdefuhrwerken nach Hannover transportirt.
    Mein Onkel Heinrich Deiters,Schulenburg, hat etwa 1934 in dem Gebäude für seine Familie ein Wohnung ausgebaut.

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