Hier kommt kein Lärm von oben (Teil 3)

Ein Dorf muss also verschwinden, weil es nebenan zu laut wird für die Menschen. Ein Dorf, gelegen seit Jahrzehnten zwischen zwei Startbahnen? Das mag paradox klingen, stimmt aber. Um zu verstehen, was dort wirklich laut oder leise ist, braucht es einen Blick auf die Karte. 

Schulenburg Nord – Kartenansicht mit Hausnummern

Schulenburg Nord – Kartenansicht mit Hausnummern (Stand: 25.10.2012)

Schulenburg-Nord ist, wie eigentlich ganz Schulenburg, ein Straßendorf. Auch wenn in diesem nördlichen Dorfteil keine Straßennamen existieren, besteht die Siedlung präzise gesagt aus zwei Straßen und ihrer Kreuzung. Noch präziser: aus einer alten Straße und einer neuen. Die alte Straße – und die immer größer werdenden Schlaglöcher lassen erahnen, welch schönes Kopfsteinpflaster unter dem Asphalt liegt, – führte einst von Hannover im Süden in die Hasenheide im Norden. Bis zunächst die Südbahn gebaut und später die Nordbahn verlängert wurde. Seither ist Schulenburg-Nord nur noch über die nachträglich gebaute Heidestraße von Engelbostel aus erreichbar.

Die neue Straße schlägt von Engelbostel aus einen großen Bogen am Krähenberg vorbei nach Schulenburg-Nord. Die eigentliche Verbindung aus diesem Dörfchen hinüber nach Engelbostel ist heute nur noch ein asphaltierter Feldweg vorbei an Pferdeweiden und Äckern, die nachts von den Signallampen des Flughafens in ein gespenstisches Licht getaucht werden. Die Blaue Stunde, eigentlich ein Fachbegriff für Fotografen für die Stunde vor dem Sonnenuntergang, dieser Begriff erlangt rund um Schulenburg-Nord nachts eine ganz eigene Bedeutung.

Wenn es in Schulenburg-Nord laut wird (und keine Trettraktoren im Spiel sind), hat es eigentlich nur zwei Gründe. Ein Flugzeug startet beziehungsweise landet. Sollte dies unplanmäßig statt im Norden im Süden stattfinden oder umgekehrt, wird es nochmal laut: Denn dann heizen die Plane-Spotter durch das Dorf, um den Vogel doch noch vor die Linse zu bekommen. Was diese aus der Fremde anrauschenden Menschen in ihrem Inneren bewegt, dass sie um jeden Preis Flugzeuge vor den Fotoapparat bekommen müssen, das hat in Schulenburg-Nord noch nie so recht jemand verstanden. Beide Lärmquellen haben eines gemeinsam: Sie sind nur kurz laut. Wenige Momente, nachdem sie vorbei gerollt sind, ist der Lärm auch schon wieder vergessen. Was die Flieger betrifft, ist dies simple Physik: Je niedriger der Vogel ist, desto kleiner ist sein Lärmteppich. Und: Im Gegensatz zu den Dörfern unter den Ein- oder Abflugschneisen kommt in Schulenburg-Nord der Lärm nicht bedrohlich von oben, sondern von links oder rechts. Wie andernorts die Bahn. Nur: Güterzüge sind länger.

Im September 2012, also in den Starttagen dieses Blogs, hält die Zahl der abgerissenen und der noch erhaltenden Häuser noch so gerade die Waage. In wenigen Monaten wird dieses für die Bewohner schmerzlich entstandene Gleichgewicht vollends kippen. Mehrere  Gebäude stehen zum Abriss bereit. Entlang der alten Dorfstraße wird es dann von einst 16 nur noch drei Häuser geben: Nr. 39 auf der westlichen Straßenseite sowie Nr. 22 und 26 auf der östlichen. Hinzu kommen noch zwei Häuser etwas abseits in Richtung Engelbostel. Doch auch sie sind verkauft, ihr Ende besiegelt.

Sie aber sind nicht die einzigen, die Abschied nehmen. Nur einen Steinwurf entfernt etwas weiter westlich trägt Horst Krause sein ganz eigenes Paradies zu Grabe. Das ist falsch. Gutachtlich betrachtet wird aus etwas ökologisch Wertlosem etwas sehr Erstrebenswertes. Das mag in fünf Jahren auch stimmen. Doch im Sommer 2012 sieht es dort einfach nur grausam aus.

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