Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man schwimmen (Teil 7)

Der Flughafen hat ein Problem: Er hat einen Teich zuviel. Warum ihn diese mit Regen voll gelaufene Tonkuhle so stört, darüber gibt es verschiedene Theorien. Fakt ist aber: Wenn aus dem NJK-Teich eine Handvoll Feuchtbiotope werden soll, müssen vorher die Fische raus. Nur wie?

Auf den ersten Blick ist es ein Paradies. Drei Hektar groß, von Wald umschlossen, herrlich einsam. Auf dem Papier ist sie wertlos. Die in den vergangenen Jahrzehnten mit Regen gefüllte Tonkuhle hinter dem Gelände der Ruhrgas AG ist ein „naturfernes Gewässer“, noch nicht einmal der örtliche Naturschutzbund kann damit etwas Ernsthaftes anfangen. Er hat denn auch nicht so sehr viel einzuwenden, als der Flughafen im Herbst 2011 den Antrag stellt, aus dem großen Teich ganz viele kleine zu machen.

Offizielle Begründung der Flughafen-Gesellschaft: Das Gewässer zieht Groß-Vogel-Schwärme an, die dort landen oder von dort starten. Ganz ohne Landeentgelt. Vor allem aber, und das ohne Scherz, stellen derlei Vogel-Schwärme eine reale Gefahr für die Großvögel nebenan dar. Triebwerke halten vieles aus, aber keine Gänse in Formation.

Hans-Gerd Kusters versorgt die größeren Fische in ihrem Bassin mit Sauerstoff, bis der Angelsportverein Garbsen sie in seine Teiche bringen kann.

Ein Planfeststellungsverfahren wird angestrebt und auf Flughafen-Seite akribisch vorbereitet. Und es wird gezählt. Alles. Quadratmeter. Kubikmeter. Libellen. Frösche. Pflanzen. Zu erwartende Lastwagen-Fahrten. Damit verbundene Dezibel. Der Aufwand, den die Flughafen-Gesellschaft um die Verfüllung des NJK-Teichs treibt, kostet nicht nur viel Geld. Er beeindruckt sogar die beauftragten Fachfirmen. Viele andere Unternehmen, erzählt ein Biologe im Dienste des Flughafens, hätten die Kuhle einfach leer gepumpt und alles, was drin ist, erstmal sich selbst und den Rest Nahrung suchender Fauna überlassen.

Aber die Flughafen-Gesellschaft ist sich nicht nur der Symbolwirkung einer solchen Aktion bewusst. Sie erfährt auch ziemlich schnell, dass jedes behördliche Genehmigungsverfahren all jene auf den Plan ruft, die dem Flughafen mal so grundsätzlich ans Leder wollen. Feldhamster in Variation.

Großvögel gefährden Flieger. Das ist kein Geheimnis. Und auch andere Flughäfen beschäftigen wie Langenhagen hauptamtliche Vogel-Vergrämer. Nur: Geht von dem NJK-Teich wirklich eine solche Gefährdung aus? Oder geht es vielleicht doch um potentielle Ausgleichsflächen für künftige Gewerbegebiete? Immerhin ragt zwischen die Landebahnen, also dort, wo der Flughafen gerne noch mehr flugaffine Firmen sehen möchte, das Landschaftsschutzgebiet Ellernbruch. Nein, so sei das nicht. Sagt der Flughafen. Man könne gar keine Ausgleichsflächen schaffen im Vorgriff auf noch gar nicht laufende Bauleitverfahren. Naja. Sagen andere. Aber vielleicht Eindruck schinden mit einer Aufwertung von 0 auf Bestnote bei jenen, die etwas zu sagen haben werden in bald laufenden Bauleitverfahren.

Wie dem auch sei. Juristischen Gegenwind bekommt der Flughafen aus ganz anderer Richtung. Aus Garbsen. Dort sitzt Heinrich Nädler. Seines Zeichens Vorsitzender des Wasser- und Bodenverbandes Scheidegraben. Nädler ist Landwirt. Und Jurist. Und erntet allein wegen dieser doch etwas eigenwilligen Kombination beim Flughafen den Respekt des Immobilien-Prokuristen Michael Hesse. Seines Zeichens Jurist. Kein Landwirt.

Nädler ist aber noch etwas. Er ist Fluglärmgegner der ersten Stunde und bereits seit Jahrzehnten vor Gericht dem Flughafen und seinen Ausbauplänen jedwelcher Art juristisch verbunden. Auch gegen die Verlängerung der Nordbahn versuchte Nädler als Grabenunterhaltungsverbandschef zu klagen.
Nun ist jedoch die Flughafen-Gesellschaft als Anlieger des von Nädler zu unterhaltenen Grabenlandes ebenfalls zahlendes Mitglied dieses Verbundes. Und als solches durchaus interessiert daran, dass Mitgliedsbeiträge sinnvoll verwendet werden. Und nicht sinnlos verschwendet vor Gericht für aussichtslose Klagen. Im Falle der Nordbahn gelang es Hesse, Nädler zur Rücknahme der Klage zu zwingen.

Beim Wasserabpumpen am NJK-Teich ging die neuerliche Partie Hesse versus Nädler über ein paar Sätze mehr. Pumpe an, Pumpe aus. Eilentscheid für den Pumpenstop, Widerspruch dagegen. Im Kern ging es um die von Nädler geäußerte Befürchtung, das Wasser aus dem NJK-Teich werde die Gräben in Richtung Garbsen über Gebühr fluten. Unsinn, sagt Hesse. Alles geprüft, mit Nädler sogar an Ort und Stelle fußläufig abgeschritten. Am Ende gibt die Region Hannover dem Flughafen Recht. Wasser marsch.

Und die Fische? Für die hat sich der Flughafen wirklich viel ausgedacht. Eigentlich sollten sie allesamt abgefischt, an Ort und Stelle fachmännisch erledigt und sodann dem Zoo als Futter zur Verfügung gestellt werden. Eine Win-Win-Situation für Flughafen und Zoo. Nur für die Fische nicht. Dann aber mahnte der Zoo: Größer als 30 Zentimeter am Stück sei nicht drin. Nicht drin im Schlund der Tiere. So suchten die beauftragten Biologen eine Alternativ-Lösung und fanden sie in den Angelteichen der Umgegend. Sinnigerweise zunächst in Garbsen. Per Stromschlag sollten die Tiere betäubt, abgefischt, nach Größe sortiert und gegebenenfalls in den nächsten Teich umgesetzt werden. Win-Win-Win also, zumindest für die großen Fische.

Geplant, gedacht, getan – und abgebrochen. Weil zuviel Wasser im See, weil See zu tief, weil zu viele Pflanzen und weil der Strom so eben nicht an den Fisch kommt.

Sodann setzten sich die Schulenburger Angler ins Boot. Überhaupt, grummelte Schulenburgs Ortsbürgermeister Dietmar Grundey nach den ersten Berichten in der Nordhannoverschen Zeitung, Schulenburger Fische gehören in Schulenburger Teiche. Nur die Fische dachten das nicht, verkrochen sich in den Tiefen des Sees und waren fortan nicht mehr gesehen.

Es wird sich also noch hinziehen, das Entleeren des NJK-Teichs und seine Verfüllung. Der Umzug der Fische und der Einzug der Frösche. Fünf Jahre, so hat es sich der Flughafen vorgenommen, soll es dauern, bis aus dem Teich Tümpel geworden sind und Hesse an Gänse nur noch im November denken muss.

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