Hauptsache weg (Teil 8)

Die Ruhrgas AG hat Familie Hermann 1973 nach Schulenburg-Nord gelockt. 39 Jahre waren sie glücklich dort. Erst weniger, später mehr. Und jetzt – wollen sie nur noch weg. Das ist das erste, was ich höre an ihrem Küchentisch an einem März-Morgen 2012. Erika und Dieter Hermann, sie sind es leid. Das Abschiednehmen. Den Blick auf die Abrissbagger auf der gegenüber liegenden Straßenseite.

Hermanns wohnen seit Jahren schon alleine in diesem Vierparteienhaus, Nummer 35/37. Einst gebaut von der Kreissiedlungsgesellschaft im Auftrag der Ruhrgas AG, die Wohnraum brauchte für jene, die nebenan den ersten unterirdischen Gasspeicher gründen und betriebsbereit halten sollten. Aus dem Fenster ihrer Küche konnten sie früher nur den Flughafen sehen – mit Rehen davor oder freundlichen Nachbarn beim Zaun-Plausch. Jetzt fahren ihnen zu häufig Schwerlastfahrzeuge vor die Augen. Die künden das Sterben ihrer Heimat auf Raten. Irgendwie ein bisschen schon wieder. 39 Jahre haben sie an ihrer Dorfstraße gewohnt. Jetzt wissen sie, sie müssen raus bis September. Sie suchen eine neue Heimat mit ihrem in Laatzen lebenden Sohn. Wo – das entscheidet der Wohnungsmarkt und die Bank. Hoffentlich. Wer gibt ihnen denn schon noch Kredit? Ein Schulterzucken begleitet diese Frage. Sie ist Jahrgang 1941, er 1940. Kriegskinder.

Ein sonniger Märztag 2012 am Küchentisch von Erika und Dieter Hermann. Sie wissen, sie müssen ausziehen. Nach 39 Jahren. Inzwischen haben sie Schulenburg-Nord verlassen.

Dieter Hermann ist ein Grubenarbeiter. Durch und durch. Geboren in Gelsenkirchen, fährt er in die Zeche ein, sobald er laufen kann – und bis ihn ein schwerer Autounfall letztlich aus dem Korb reißt. Schweres Schädelhirntrauma. Schluss ist’s mit Untertage. Sein Arbeitgeber schickt ihn nach Oldenburg zur Umschulung. Von Bergmann auf Dreher in der Landesversehrtenberufsfachschule. Früher wurden dort Kriegsopfer beruflich wieder alltagstauglich gemacht. Nun die Bergleute.

Erika kommt aus Delmenhorst. Im Oldenburgischen laufen sie sich über den Weg. 1965 heiraten die zwei und ziehen zusammen zurück nach Gelsenkirchen. Acht Jahre leben sie dort. Dann beginnt das Sterben auf Raten für das Paar das erste Mal. Die Zechen machen zu. Eine nach der anderen. Der Sohn ist erkältet. Immer öfter. Und Erika hat Heimweh aufs flache Land. Als 1973 die Ruhrgas AG in Schulenburg ein Experiment wagen will, ist dies für Hermanns eine Fügung: Land, frische Luft und Arbeit. Dafür zieht man auch in ein Dorf ohne Zukunft.

Als Hermanns das Haus der Kreissiedlungsgesellschaft an der Dorfstraße sehen, will Erika eigentlich gleich wieder weg. Hier bleiben? Keine Schule. Kein Laden. Keine Außenwelt. Alle Wege nach überall scheinen endlos.

Dieter Hermann aber lebt die Ruhrgas. Schon Anfang der 50-er Jahre, referiert er heute stolz an seinem Küchentisch, begann die Ruhrgas (welches Unternehmen dies nun gerade sein Eigen nennt und wie der Konzern diese Tochter nun gerade zu nennen pflegt, ist ihm dabei herzlich egal) mit Versuchen, Kokereigas im Erdreich zu speichern. Im Winter damit Spitzen besser bedienen können, lautete das Ziel. Aus dem Ruhrgebiet, von Essen aus, hatten sie eine Fernwärmeleitung nach Hannover gelegt. Hannover war seinerzeit die erste Stadt, die mit Kokereiferngas versorgt wurde. Und Dieter Hermann erzählt dies mit warmem Stolz. Bohrungen in rund 200 Meter Tiefe hatten rund um Schulenburg eine wasserführende, poröse Sandsteinschicht aufgetan, die sich als Erdspeicher eignen würde. Bis Ende 1969/Anfang der 70-er Jahre, so recht kann sich Dieter nicht mit sich einigen, probierte man herum. Anfang der 70-er wurde es ernst. Und damit es die Dienstoberen zur Betriebsstätte nicht so weit hatten, ließ die Ruhrgas AG von der Kreissiedlungsgesellschaft an der Dorfstraße ein Vier-Parteien-Haus bauen. Weiß, schlicht, Spritzputz, eckig, praktisch, gut. Zwei weitere Häuser dieser Güte stehen heute noch in Engelbostel an der Wilhelm-Hirte-Straße.

Die Führungskräfte des Erdspeichers haben es bis Schulenburg-Nord geschafft, aber nicht bis in die Dorfstraße. Jedenfalls nicht in das eigens für sie gebaute Haus. So blieb Raum für Familien wie Hermanns.

Es muss ein holpriger Weg nach Schulenburg-Nord gewesen sein. So turbulent wie ein Gespräch mit diesem eingeschworenen Ehepaar, im stetig liebevollen Kampf um die Lufthoheit bei Tisch. So turbulent, wenn auch nicht so freundlich. Das nachbarschaftliche Miteinander im Haus ist zunächst – gewöhnungsbedürftig. Das nachbarschaftliche Miteinander am Zaun kommt später – einzigartig.

Gearbeitet wurde auf dem Ruhrgas-Gelände in zwei Abteilungen. Insgesamt hatte das Unternehmen etwa 40 Leute in Schulenburg-Nord am Start. Bis 2000 lief das so. Dann wurde als erstes das Bohrfeld geschlossen. 1998 ging Hermann in den Vorruhestand, kurz vorher war mit dem Abbau der Anlagen begonnen worden. Die Ruhrgas versuchte in Schulenburg-Nord das, was heute in Empelde in den Karvernen mit Erdgas vollzogen wird. Gas in Speichern für den Winter vorzuhalten. Doch das Experiment in diesem Nord-Dorf, oder besser Noch-Dorf, mit seinem Untertagespeicher zeigte sich nicht sehr rentabel.

Erika Hermann holt kurz nach ihrem Umzug nach Schulenburg-Nord ihre Mutter aus ihren Heimatdorf bei Ganderkersee in ihre neue Heimat und bringt sie schräg gegenüber unter im Haus Nr. 30. Es ist das Haus, das zum Zeitpunkt unseres Gesprächs im März 2012 als Letztes von der Bildfläche verschwunden ist. Keine vier Wochen ist das her.

Alle Freunde fragen sie, ob es denn nicht laut sei in diesem Dorf zwischen den Bahnen, mit den Fliegern zum Anfassen nah. Doch Hermanns pflegen zu sagen: Wir wohnen im Auge des Hurricans. Da ist es still.

Die Anfangszeit ist für Hermanns, zugezogen aus der Ferne, nicht leicht. Erika hat die Kinder zu versorgen und die Mutter und den Garten. Einen neuen Kanu-Verein für ihre Boote und ihr geliebtes Hobby, am Wochenende lange Fahrten mit Zelt zu unternehmen, finden sie trotz langer Suche nicht. Nirgends kann man ein Zelt am Ufer einfach stehen lassen. So werden sie letztlich verkauft, die Boote.

Doch dann entwickelt die Käseglocke, dieses skurrile eingesperrt sein zwischen den Bahnen, seinen ganzen Charme. Sie entdecken, wo andere Kollegen wohnen, die ihrerseits fest verankert sind im Dorf. Es gibt den Flughafenblick, die Schrebergärten Richtung Resse. Und letztlich wächst alles zusammen zu einer großen Familie.

1973 war der Mitteldamm Richtung Kananohe noch frei. Nach der Verlängerung der Nordbahn jedoch blieb nur die große Runde bis zur Resser Straße, um die Freunde jenseits der Hasenheide zu besuchen. Eine unbeschwerte Zeit – mit einem jähen Ende. Eine der engsten Freundinnen Erikas wurde eines Tages tot aufgefunden in einem Straßengraben in Kananohe. Keine sechs Wochen ist das her, als ich mit Hermanns am Küchentisch sitze. Eine Rückkehr in die Küche der Freundin kann sich Erika fortan nicht mehr vorstellen.

Dafür schwärmen sie von der Zeit vor dem Bau des dritten Flughafen-Terminals zur Weltausstellung. Als die Kinder noch spielen konnten in dem großen Bombenkrater auf der Wiese dort. Für Hermanns setzt die große Veränderung dieses Kleinods ein mit dem Ausbau des Vorfelds, mit dem Neubau der Feuerwache und des Terminals. Spazierwege wurden abgehängt, der Blick aus dem Fenster im ersten Stock mit dem unverbaubar scheinenden Blick gen Westen war fortan ein anderer.

Gerede über angebliche, vermeintliche, realistische oder garantierte Pläne des großen Nachbarn gab es immer. Diagonalbahn? Überlebt ihr Dorf? Gerede, Gerüchte – dann blanke Fakten: Der Flughafen kauft Ackerland in Heitlingen. Das kann nur Tauschmasse sein für die Schulenburger Landwirte.

Dreißig Jahre ist das jetzt her. Und wie ist ihr heute zumute?

Klare Frage an Erika und wie immer eine klare Antwort.

Beschissen.

Ein Kommentar

  1. Stephan sagt:

    Sehr schöne Beiträge!
    Danke dafür!

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