Kommt weg, aber später (Teil 10)

Die Feierlust der Nordler hat niemanden je gestört. Nur ihre Baulust. Und damit begann das ungute Gefühl.

Es ist August 2012 und ich sitze mit Karl-Heinz Dahlke vor seinem Haus mit der Nummer 39. Es ist ein Sommertag. Die gelbe Post ist gerade durchgerauscht und hat den Briefkasten für die übrig gebliebenen Noch-Dörfler geleert. Von der blauen Post, die auf einem Motorroller vorbeibrummt, gibt es dazu ein freundliches Wort und mit den Briefen noch eine Portion geröstete Erdnüsse auf die Hand.

Im Grunde, sagt Dahlke, begann das ungute Gefühl im Dorf mit den abgelehnten Bauanträgen. Es war ja eigentlich immer schwierig, in Schulenburg-Nord Größeres an den alten Häusern zu verändern. Der eine kämpfte um ein neues Treppenhaus, der nächste um einen Hallenbau. Dahlke wollte an sein Haus anbauen. So anbauen, dass seine Kinder später auch mit ihrer eigenen Familie darin Platz finden können. Aber der Bauantrag ging nicht durch. Und die Begründung Dahlke nicht in den Kopf. Vor Gericht bekam er schließlich Recht. Aber keine Gewissheit.

Es wird sein letzter Sommer sein in dem Garten vor dem Haus, das Karl-Heinz Dahlkes Eltern 1952 gebaut haben.

Gerüchte wogten von Grundstück zu Grundstück. Weshalb kauft der Flughafen Ackerland? Kauft er vielleicht auch Häuser im Dorf? Wozu? Schließlich hatte Dahlke die Faxen dicke und lud – gerade frisch in den Ortsrat Schulenburgs gewählt – Dörfler und Ratsmitglieder zu sich ein. Alle sollten einmal ihren persönlichen Wissensstand kundtun können. Ungefähr 1988 muss dies gewesen sein. So genau weiß Dahlke dies jetzt nicht mehr zu erinnern. Eine andere Zahl dagegen schon: Zehn Menschen erschienen. Dahlkes Schultern zucken. Nun ja.

Dennoch rissen die Spekulationen nicht ab. Das ungute Gefühl, wie er es nennt, wuchs. Doch Dahlke, nur Dank eines Kaiserschnitts gebürtiger Hannoveraner, ansonsten Nordler durch und durch, wollte sich sein Dorf und dessen Gemeinschaft nicht nehmen lassen. Er beruhigte, so und wo es ging. Denn parallel dazu diskutierte der Rat der Stadt Langenhagen über eine neue Kanalisation für diese Splittersiedlung, bislang nur mit hauseigenen Drei-Kammer-Klärgruben versehen. Wenn denn also eine Stadt für viel Geld lange, lange Rohrleitungen von der Kernstadt bis weit hinter den Flughafen verlegen und dann auch noch fünfstellige Mark-Beträge von den Anliegern kassieren will, kann es doch mit dem Dorf so bald nicht zu Ende sein.

Oder?

1990 schließlich lud der Ortsrat Schulenburg den damaligen Geschäftsführer der Flughafen-Gesellschaft, Professor Wilhelm Grebe, für den 7. November in die Gaststube des Niedersächsischen Jagdklubs ein. Diesmal kamen sie alle. Alle Hauseigentümer. Alle Mieter. Gut 50 Personen wollten von ihrem großen Nachbarn wissen, was er vorhat.

Denn inzwischen gab es mehr als Gerüchte. Tatsächlich gekauft worden war. Ein Haus, vielleicht zwei, die dann vom Flughafen sofort weitervermietet worden waren. In der Nordhannoverschen Zeitung, damals noch Landkreis-Zeitung Nord, bekennt damals erstmals Langenhagens Stadtdirektor Klaus Rosenzweig Farbe. „Wir sind der Meinung, dass es sinnvoll ist, wenn Schulenburg-Nord in den Flughafenbereich mit einbezogen wird.“ Des Flughafens Pressesprecherin Elke Neujahr bestätigt Grundstückskäufe und versichert, in diesem Jahrtausend aber werde nichts mehr passieren.

Es kommt der 7. November und mit ihm Gewissheit. Grebe wird mit folgenden Worten zitiert: „Es gibt keinerlei Planungen, weder großräumige noch betriebliche, die Schulenburg-Nord mit einschließen.“ Grebe schließt allerdings nicht aus, dass der Flughafen irgendwann, „vielleicht 2028“ auch Schulenburg-Nord mit Beschlag belegt. Aber: „Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Gleichwohl: Die Weichen sind gestellt.

Im Raumordnungsprogramm des Landes ist bereits festgeschrieben, dass sich der Flughafen nach Westen ausdehnen wird, auch wenn das Wohngebiet davon noch nicht berührt ist. Doch Grebe bestätigt, dass der Flughafen – im übrigen auf Anregung der Stadt – begonnen hat, im Westen Grundstücke zu kaufen. Wenn auch nicht gezielt und aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll: Der Flughafen sei vielmehr bereit, einen fairen Preis zu zahlen und sich an den in Langenhagen üblichen Grundstückspreisen zu orientieren.

Gekauft werde von jenen, die wollen. Von denen, die nicht wollen, dann eben nicht. Die Versammlung ist in ihrem Ergebnis ein merkwürdiger Drahtseilakt: Der Flughafen legt seine Karten, sein Interesse klar auf den Tisch. Rosenzweig zieht dafür seinen Einspruch gegen die vom Landkreis geforderte Kanalisation zurück. Solange die Zukunft dieses Ortsteils nicht geklärt war, hatte er sich dieser Millionen-Investition in den Weg gestellt. Geklärt heißt jetzt: Kommt weg, aber später erst.

Nach dem Treffen war erst einmal Ruhe. Die Kanalrohre wurden gelegt. Die Angst vor der Enteignung wich. Die Entspannung währte acht Jahre. Und ging soweit, dass noch nicht einmal der Verkauf des Hauses der Familie Wilke, Nummer 38 direkt gegenüber von Dahlkes, größere Nervosität hervorrief. 1998 war das Jahr des ersten Abrisses, und das Jahr der ersten Abschiedsfete.

Wenn sich Dahlke die Jahreszahl des ersten Bagger-Besuches ins Gedächtnis rufen möchte, muss er nur rechnen, wann eine seine Töchter 18 wurde. Denn diesen Geburtstag feierten sie allesamt gegenüber in den bereits geleerten Räumen. Dass dies der Auftakt für eine ganze Reihe von Abschiedsfesten werden sollte, ahnte damals wohl niemand. Vielleicht wollte es auch nur niemand wahrhaben.

Die Weltausstellung nahte. Der Flughafen baute. Ein neues Vorfeld. Einen dritten Terminal. Eine neue Feuerwehr. Eine neue Enteisungsanlage. Das alles kostete viel Geld und Aufmerksamkeit des Unternehmens. Um Schulenburg-Nord scherten sich nicht viele.

Dies währte fast ein ganzes Jahrzehnt. Doch dann kamen sie wieder. Die Gerüchte. Es habe Angebote gegeben. An wen? Durch wen? Wieviel Geld? Wer hat, wer hat noch keins? Wer verhandelt womöglich? Wer kriegt wieviel Geld? Wieder mühte sich Dahlke um Informationen. Wieder gab es ein Zusammentreffen. Doch diesmal auf dem Boden des Flughafens.

Und diesmal, so sagt es Dahlke heute mit einem Lachen, diesmal ging der Schuss für ihn nach hinten los.

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