Vom Ende eines Schafstalls (Teil 12)

Nun ist er weg. Der Schafstall. Dabei war er vielmehr. Stall, Party-Raum, Treffpunkt, Auffangbecken für Sammelstücke aller Art. Sein Bauherr Dietmar Grundey hat am Ende nicht nein sagen können. Zu gut sei das Angebot des Flughafens gewesen. Für seinen Nachbarn wird der seit dieser Woche unverstellte Blick aufs Feld nichts Neues sein. Der sei doch immer so gewesen – was zählen da schon die letzten zwanzig Jahre …

Knapp vier Jahre ist es inzwischen her, dass Grundey – Landwirt und Ortsbürgermeister Schulenburgs – erstmals vom Flughafen angesprochen wurde. Ihm gehörten zu jener Zeit eine Lagerhalle mit Wohn-, sagen wir besser Lagerräumen direkt neben Karl-Heinz Dahlkes Haus Nummer 39 sowie ein großes Flurstück mit Ackerland. Wer mit Dietmar Grundey über die Wiesen und durchs Dorf fährt, lernt schnell: Der Mann kennt jeden Zwei- und vermutlich viele Vierbeiner sowie die allermeisten Flurstücke und – noch wichtiger – wer es von wem gepachtet hat. Landwirt halt, und dabei wahrlich ein schlauer.

So viel mehr als nur ein Schafstall: Seit dieser Woche ist alles, was sich einst in den Räumen von Dietmar Grundey abspielte, Geschichte.

Der erste Kontakt mit den Flughafen-Managern muss denn auch eher eine Begegnung von Welten gewesen sein. Der Gutachter, so erzählt es Grundey noch heute durchaus amüsiert, bot ihm zunächst den Bodenrichtwert an. Wenn sich Grundey daran erinnert, fallen Ausdrücke, die der Kommunalpolitiker wahrscheinlich nicht in ganzen Sätzen anderen zum Lesen geben möchte. Aber Begriffe wie „bekloppt“ sind ihm dabei nicht fremd. Aber Grundey ist ein netter Mensch. Wer etwas nicht weiß, erhält eine Erklärung. Und deshalb weiß auch die Führungsetage der Flughafengesellschaft jetzt ziemlich genau, dass der Landwirt an sich grundsätzlich nur 1:5 tauscht, wenn das Ackerland anschließend bebaut werden solle. Aus einem Quadratmeter hin werden fünf zurück. Wahrscheinlich wusste man das beim Flughafen auch schon vorher. Aber man kann es ja mal probieren.

Nun denn. Schließlich bot der Flughafen Grundey nicht nur ein akzeptables Stück Land samt Haus und Stallungen an, sondern auch noch soviel Geld, dass Grundey nicht mehr nein sagen konnte. Am 1. März 2012 musste Grundey raus sein. Seitdem steht er leer, der Schafstall. Das ist natürlich nur ein formeller Oberbegriff – mit juristischen Folgen. Während der Rest der Splittersiedlung wegen der Nähe zum Flughafen im Grunde schon seit Jahrzehnten nichts mehr neu bauen durfte, gingen Grundeys Stallungen vor rund zwanzig Jahren als eben solche und damit als priviligiertes landwirtschaftliches Bauvorhaben glatt durch die Instanzen.

Im wirklichen Leben erlebten die Hallen jahrelang keineswegs vorrangig vierbeinigen Alltag. Gedacht waren sie als Stall sowie als Aufenthalts- und Lagerräume für den landwirtschaftlichen Betrieb. Dass aus einem Aufenthalt auch gerne einmal eine Feier wurde, will niemand bestreiten. Im Gegenteil: Die Noch-Dörfler schätzten dies sehr. Schulenburg-Nord Nummer 41 (so die Zahlenlehre der Dorfbewohner, das Katasteramt vergibt an Ställe keine Hausnummern) hat ungezählte Radtour-Gruppen beherbergt, Geburtstagsgesellschaften ein ungestörtes Obdach gewährt und Konfirmationen einen wahrscheinlich eher ungezwungenen Abschluss bereitet. Von all dem ist an jenem Frühlingsvormittag 2012, an dem mich Grundey durch diese Hallen führt, nicht mehr viel zu sehen. Ein paar rote Plastikrosen warten einem Korb auf den Abtransport. Ein blaslila Blümchen hat noch den besten Blick auf die Wiese hinter dem Stall.

Seit Tagen fährt Familie Grundey täglich zwei Gummiwagen voller Baustoffe in das neue Domizil jenseits der Nordbahn. Und das bedeutet nicht, dass der (Noch-)Hausherr den Stall abbaut. Aber Grundey ist nicht nur ein verhandlungssicherer Landwirt. Er ist Ökonom bis zur letzten Holzlatte. Und deshalb transportieren seine Gummiwagen alles, was Grundey in den vergangenen Jahren vor die Nase geraten ist – und sich noch irgendwie wiederverwerten lässt: Metallstangen („wird Weidetor“) genauso wie ausgemusterte Strommasten aus Holz („werden Weidepfosten“). Wer solche Chancen liegen lässt, für den Grundey jedes Verständnis.

Wann die Kugel genau kommen wird, interessiert den Landwirt im März 2012 eigentlich nicht so sehr. Wichtiger ist, dass ihm der Flughafen sein Ackerland zur Pacht angeboten hat. Gekauft hat er es einst von Anna Kuss. Sie ist die Tochter des Obstbauern Wilke. Wilke, ursprünglich Hausgärtner für den Geschäftsführer der Stephanus-Ziegelei in dessen Villa (Schulenburg-Nord Nummer 12), kaufte das Land nach dem Ende der Ziegelei 1928. Seinen Gemüse- und Fruchthandel übernahm die Tochter mit ihrem Ehemann Albert Kuss. Als das Elternhaus mit der Nummer 38 vor rund 16 Jahren als erstes im Dorf abgerissen werden musste, gab das Ehepaar Kuss die Anbauflächen auf und verkaufte das Land. Einen Teil davon an Grundey.

Vom Flughafen, so erzählt Grundey heute, sei er gut bezahlt worden, es sei alles gut gelaufen – Gutachter hin, Bodenrichtwert her. Ärgerlich ist er, dass der Neubau seiner Halle jenseits der Nordbahn auf dem Tausch-Areal nicht so recht voran kommt. Deshalb muss er im Frühjahr 2012 nicht nur 500 Euro Miete zahlen an den Flughafen für sein ehemals eigenes Haus. Er muss sich auch plagen mit allerlei Merkwürdigkeiten, wie er sagt. Nun brütet er über Gebäude-Eckpunkt-Koordinaten und die Frage, wieviel Löschwasser pro Minute seine Zisterne künftig vorhalten muss. Im Plan ist inzwischen alles korrekt verzeichnet. Und was das wirkliche Leben so bringen wird, entscheiden am Ende im Zweifel ohnehin die Gerichte. Manchmal jedenfalls. Grundey gibt gerne Auskunft. Eigentlich.

Aus Schulenburg-Nord sind laut Grundey Leute weggegangen für wenig Geld und welche für richtig viel Geld. Was das in Ziffern bedeutet und woher der Ortsbürgermeister diese Erkenntnis hat, belässt Grundey im Nebulösen eines Herbstmorgens auf seinen Wiesen. Er murmelt dann viel von Gutachtern und Gegengutachtern, von Hochkarätern unter den Grundstücken und solchen, die strategisch für den Erhalt des Dorfes oder für dessen Ende eher weniger wichtig sind. Wer am Ende am längeren Hebel saß – die Hauseigentümer oder der Flughafen – lässt sich wahrscheinlich nie eindeutig feststellen. Allerdings habe Hesse, so Grundey, durchaus hin und wieder durchblicken lassen, er werde sich nicht erpressen lassen, schon gar nicht von jenen, die besonders hart zu verhandeln suchten. Im Zweifel errichte der Flughafen eben einen Zaun rund um die Privatgrundstücke und erkläre den Rest zum Gewerbegebiet.

Das Recht dazu hätte der Flughafen, sobald die Stadt Langenhagen den Flächennutzungsplan entsprechend ändert und die weiteren Bebauungspläne entwickelt. Doch das wird noch Zeit brauchen. Der jüngst verabschiedente B-Plan, auf dem TNT in 2012 seine neue Hauptumschlagsbasis errichtet hat, brauchte letztlich satte drei Jahre.

In diesen Oktobertagen blickt Grundeys Nachbar Karl-Heinz Dahlke über die Schuttreste des abgerissenen Schafstalls wieder ungehindert über die Nordbahn. Ungewöhnlich sei dies nicht, erzählt er. So sei es doch eigentlich immer gewesen. Und so richtig glücklich, so scheint es, hat ihn der Neubau im Norden wohl nicht gemacht. Nun hat es Dahlke wieder so wie früher. Er kann diesen Blick noch drei Monate lang genießen. Dann zieht auch er weg.

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