Von Baggern und Campern (Teil 13)

So muss Dorfleben sein. Und vielleicht ist es ja auch ansteckend. Wenn es also etwas zu bereden gibt und man sich auf der Straße trifft. Dann beredet man und entscheidet und alles ist gut. Und dann kommen die Kinder nächsten Sommer wieder und die Bagger eben später.

Man könnte sich das ja auch ganz anders vorstellen: Organisation will etwas veranstalten auf dem Grund und Boden eines Großunternehmens. Heißt: Anträge stellen, Durchschläge (respektive Mails in Kopie) verteilen, hinterher telefonieren. Ansprechpartner verpassen, nochmal versuchen, verloren gegangene Briefe suchen, naja, so halt in der Art.

Aber in Schulenburg-Nord klappt das so nicht.

Sie dürfen wiederkommen: Weil der Flughafen den Abriss eines Hauses verschiebt, darf die Arbeiterwohlfahrt auch im kommenden Sommer in Schulenburg-Nord ihre Ferienaktion anbieten.

In Schulenburg-Nord, da trifft Karl-Heinz Dahlke vor seinem Haus auf Mario Honkomp. Dahlke, bis Ende des Jahres noch Bewohner des Hauses Nummer 39, und Honkomp, als Abteilungsleiter beim Flughafen verantwortlich für die Immobilien- und Flächenentwicklung. Zugegeben, die zwei treffen sich nicht zufällig, weil sie etwa Dorfbewohnern gleich den Müll vor die Tür bringen oder sie die Blumen gießen. Sie treffen sich, weil nebenan ein Haus, besser: ein ehemaliger Schafstall (Nummer 41), abgerissen werden soll. Honkomp will sich mit einem möglichen Abbruchunternehmer beratschlagen und Dahlke wissen, wann es wieder laut wird vor seinen Fenstern.

Aber nun ist Dahlke außerdem noch Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt in Schulenburg. Und Honkomp unter seinem Chef Michael Hesse als Mann fürs alltägliche Leben im Abbruch-Dorf offenbar zu haben für Entscheidungen mit gesundem Menschenverstand. Und wenn Dahlke dann fragt, wann denn sein auf der anderen Grundstücksseite seit dem Frühling leer stehendes Nachbarhaus 35/37 nun abgerissen wird, und von Honkomp als Antwort Sommer 2013 hört, dann kommt am Ende etwas Gutes dabei heraus: Dahlke muss sich entgegen bisheriger Befürchtungen nicht schon wieder ein neues Domizil suchen für das Sommercamp seiner AWO.

Dreimal hat die AWO Schulenburg bereits diese Ferienaktion angeboten: Eine Woche lang täglich für Grundschulkinder Spiele im Grünen und Ausflüge in die Umgebung sowie eine gemeinsame Übernachtung auf Strohballen im großen Zelt. Als Dahlke und sein Team diese Idee vor drei Jahren erstmals anboten, genossen sie dafür das idyllische Grün am NJK-Teich. Also dort, wohin einst Niedersachsens Jagd- und Schützenelite im eigenen Klub (NJK) zu legendären Festen einlud. Zweimal durften sie damit das, was der Wächter dieses Idylls, Horst Krause, sonst niemandem erlaubt. Und Krause (mit Segen des Flughafens) hätte ihnen das Tor zur Wiese sicherlich und sehr gerne noch viel öfter aufgeschoben, wenn er dies nicht seit diesem Sommer für Lastwagen tun müsste. Für Lastwagen, die Erde bringen, um aus dem NJK-Teich kleinere, großvögelfreie Feuchtbiotope zu machen. Seither gilt die Wiese als zu gefährlich. Zumindest für zeltende Kinder.

Klar war das bereits im Herbst 2011. Das ist wichtig zu wissen. Denn im Herbst 2011 war wahrscheinlich schon dem Flughafen, nicht aber den Dorfbewohnern klar, dass das Weihnachtsfest eine unzweifelhaft wichtige Neuigkeit bringen würde: die Kündigung für alle Mieter und die Ankündigung, dass es mit dem Zuzug von TNT nebenan noch sehr viel ungemütlicher werden würde im Dorf.

Im Herbst 2011 also weiß Karl-Heinz Dahlke, dass die Wiese nicht Wiese bleiben wird. Oder besser: Dass der Grasweg zwischen Wiese und dem Haus Krauses, in dem die Zeltlagerkinder die Toiletten und die Betreuer die Küche nutzen konnten, eine Pendelstrecke für Erdtransporter werden wird. Und deshalb fragt Dahlke in jenem Herbst seine Nachbarn, das Ehepaar Hermann, im Vierparteienhaus nebenan, ob die Kinder denn im Sommer 2012 nicht in seinem Garten zelten und im Haus Toiletten und Küche einer leer stehenden Wohnung nutzen dürften. Weder der Flughafen noch das Ehepaar Hermann haben etwas dagegen. Allerdings haben Hermanns da auch noch nicht ihre Kündigung in der Hand.

Die kommt kurz vor Weihnachten. Und sie bringt Hermanns, einst Bergleute im Dienste der Ruhrgas AG, zwischenzeitlich in arge Gewissensnöte. Bis September 2012, so sagt der Flughafen, sollen sie raus sein aus dem Haus. Das würde mit dem Zeltlager ja noch passen. Was aber, wenn sie früher etwas finden?!

Sie finden etwas, weit früher. Im März 2012 zieht das Ehepaar ins neue Haus des Sohnes in die Nähe von Peine. Der Flughafen, in den vergangenen Jahren eigentlich immer sehr daran interessiert, leer stehende Häuser schnell abreißen zu lassen, zeigt sich menschlich. Das Haus bleibt. Das Zeltlager kann kommen.

Es kommt mit Wasserschlacht im Garten, Mal-Orgien unter Bäumen und Übernachtung für die ganz Mutigen auf Strohballen im Gemeinschaftszelt. Alles geht gut. Die Betreuer sind geschafft, aber zufrieden. Und zu guter Letzt gelingt sogar der Zeltabbau am letzten Tag noch vor dem großen Spätsommergewitter.

Und jetzt? Der Erfahrung nach müssten bald die Gärtner kommen zum Roden, dann die Arbeiter, um Schadstoffe aus dem Haus zu bringen, und schließlich die Bagger, um es dem Erdboden gleich zu machen. Dahlke nimmt sich vor, gleich am nächsten Tag das Gespräch zu suchen mit dem Flughafen: Vielleicht gibt es ja doch noch eine Wiese mit benachbartem Haus, auf der die Kinder in 2013 ihren Spaß haben können, wenn die Schule zu ist und die Eltern keinen Urlaub haben. Der eine oder andere größere Garten in Schulenburg und Engelbostel ist Dahlke bereits angeboten worden. Doch dahin möchte er nur ungerne umziehen. Die Furcht, fröhlich lärmende Kinder könnten den Nachbarn weniger fröhlich aufstoßen, ist zu groß.

Für 2013 ist nun alles gut. Der Termin steht, der Ort auch und die ersten zehn Anmeldungen hat Dahlke bereits auf dem Tisch. Wie es dann weitergeht, ist offen. Aber sicher ist: Dahlke wird Honkomp noch öfter auf der Straße treffen.

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