An den Enden der Welt (Teil 14)

Ein Abend Ende September 2012. Dieser Blog steht in seinen digitalen Startlöchern. Es gibt ihn. Ein, zwei Teile sind geschrieben, aber noch ist kein Wort darüber öffentlich gefallen. Gegen 23 Uhr läuft eine e-Mail ein: Guten Tag, haben den Blog gesehen. Wir sind die letzten Bewohner der Villa. Und ihr Abriss hat unser Leben verändert. Waren deshalb zwei Jahre auf Weltreise. Sind jetzt wieder da und in zwei Wochen wieder weg.

Meine Nacht war gelaufen. Wie, um alles in der Welt, haben die von diesem Blog gelesen? Wie, Weltreise? Und: Villa? Haben die womöglich Bilder? Denn auch wenn die Villa des einstigen Ziegelei-Bosses bis zu ihrem Abriss vor knapp vier Jahren sicherlich zu den bedeutendsten Häusern in Schulenburg-Nord gehörte: Niemand konnte mir bislang etwas über sie erzählen, geschweige denn Bilder von ihr zeigen. Die Gedanken jagen also im Kopf herum und die Ungeduld, Amelie und Till de Boer womöglich noch zu treffen, bevor sie wieder verschwinden, ist – gelinde gesagt – groß.

Am Ende der Welt lässt es sich schließlich auch prima Träumen vom nächsten Ende: Amelie und Till de Boer haben es gefunden und sind in diesen Tagen wieder auf dem Weg dorthin. Foto: privat

Drei bis fünf e-Mails später ist klar, es bleiben uns zwei Wochen, binnen derer wir einen Termin finden müssen. Sonst sind Amelie de Boer und ihr Mann wieder weg, und dies bis Mai kommenden Jahres. Aber wir finden einen Termin. Und so mache ich mich eines dienstagabends auf den Weg nach – Hamwiede. Wer bislang glaubte, Schulenburg-Nord liege am Ende der Welt, darf nun versichert sein: Hamwiede liegt noch weit dahinter.

Walsrode. Klar. Kennt man. Aber das Navi – Gott sei’s gepriesen – führt mich hinter der Autobahnausfahrt weg von der Stadt über Felder und durch Wälder auf Wegen gemacht für Trecker und Mähdrescher in ein Dorf – einmal mehr ohne Straßennamen und lediglich mit Hausnummern versehen. Das Schulenburg-Nord-Déjà-vu wird allerdings noch getoppt. Denn zu de Boers kleinem verwunschenen Holzhaus geht es noch einmal extra einsam durch den Wald. Und für den Bruchteil von Sekunden schießen allerlei Fragen durch den Kopf, wie um alles in der Welt man eigentlich auf die Idee kommen kann, abends im Dunkeln mitten im Wald alleine vollkommen wildfremde Menschen besuchen zu wollen …

Nun. Es wird ein schöner Abend.

Denn Amelie und Till de Boer sind nicht nur ein junges und außerordentlich aufgeschlossenes Paar mit zwei kleinen Kindern und Ole, einem Entlebucher Sennhund mit Hang zur Großfamilie – Besucher werden im Eilverfahren adoptiert. Die zwei sind darüber hinaus zweifelsohne ganz andere Abenteuer gewöhnt, als in der Dämmerung ein unbekanntes Holzhaus zu suchen.

Sechs Jahre haben sie in der Villa in Schulenburg-Nord gewohnt. Zunächst als Teil einer Wohngemeinschaft, die letzten Jahre allein auf satten 300 Quadratmetern. Als die Kündigung ins Haus flattert, kämpfen sie um ihr Domizil. Zuviel an Arbeit, vor allem aber an Liebe zu diesem einzigartigen Haus, haben sie hineingesteckt. Sie bemühen den Denkmalschutz, bitten die Nordhannoversche Zeitung ins Haus. Doch es hilft alles nichts. Die Region Hannover hat gegen den Abriss des Hauses nichts einzuwenden. Zu groß wäre der bauliche Aufwand, das rund einhundert Jahre alte Haus zu retten. Amelie und Till de Boer wissen das auch – im Grunde: Wie feucht der Keller des Hauses ist, darüber lasse sich keine Nase täuschen, erzählen die zwei.

Am Ende bleibt ihnen ein Jahr, bis sie raus müssen. Ein Jahr, um zu überlegen, wohin. Doch so recht findet sich kein Ziel in der Gegend. Kein Ziel jedenfalls, das es aufnehmen könnte mit der Einzigartigkeit dieses Ortes.

Und deshalb lassen die zwei (drei mit Ole) gleich alles hinter sich. Ein Jahr sparen sie. Verkaufen, was für den Plan nicht nötig ist. Kündigen ihre Jobs. Vertrösten Familie und Freunde. Sie wollen ans nächste Ende der Welt: nach Australien – auf dem Landweg.

Und das mit einem Frosch.

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